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Was ist eigentlich eine Synode?

Was verstehen evangelische, katholische und orthodoxe Christen unter einer Synode? Und was ist eigentlich der Synodale Weg, dessen Synodalversammlung heute in Frankfurt zum zweiten Mal zusammentritt?

Heute startet in Frankfurt die 2. Synodalversammlung des Synodalen Weges, die Teilnehmer:innen werden bis Samstag gemeinsam beraten. Nicht zu verwechseln ist das Unternehmen mit der als „Synodalem Prozess“ betitelten Vorbereitung der Bischofssynode zum Thema Synodalität, die bis zum Herbst 2023 in der römisch-katholischen Kirche auf dem ganzen Erdball läuft – und mit den Synoden der evangelischen Kirchen.

Synodalität ist eines der liebsten Anliegen von Papst Franziskus – und nun soll die ganze Weltkirche also zwei Jahre lang auf synodalen Pfaden wandeln. Ziel des Weges ist eine Bischofssynode in Rom. Einer Synode von Bischöfen, die über die synodale Gestalt der Kirche beraten soll, wird also ein Prozess vorgeschaltet, der von den Bischöfen synodal gestaltet werden soll. Damit ist auch klar, welche Art von Synodalität Form, Inhalt und Ziel des „synodalen Prozesses“ bestimmt: Es geht um die Installation einer Beratungs-Synodalität.

Doch von diesem Vorhaben unterscheidet sich sowohl der bereits begonnene und fortgeschrittene Synodale Weg der römisch-katholischen Kirche in Deutschland sowie natürlich die Synodalitätsverständnisse in den evangelischen und orthodoxen Kirchen. Pünktlich zur 2. Synodalversammlung des Synodalen Weges fragen wir also: Was ist eigentlich eine Synode?

Evangelische Kirche

Rund um die Wahl von Anna-Nicole Heinrich zur neuen Präses der Synode der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) im Frühjahr 2021 wurde deutlich, dass nicht allein höchst unterschiedliche konfessionell geprägte Verständnisse von Synodalität bestehen, sondern ganz generell und bei der Kirche weniger hoch-verbundenen Menschen Unkenntnis über Pflichten, Arbeit und Verfahrensweisen von Synoden herrscht.

Daran sind auch die evangelischen Kirchen, in deren Kirchenverfassungen Synoden herausragende Bedeutung zukommt, nicht unschuldig, wenn sie der „besseren“ Verständlichkeit wegen in der Öffentlichkeit von „Kirchenparlamenten“ sprechen.

Das Synodale Prinzip

Was macht eine Synode in den evangelischen Kirchen? Sie berät über und beschließt Kirchengesetze sowie den Haushalt. Sie schafft und besetzt Ämter. Im Konzert mit weiteren zumeist von ihr gewählten Ämtern nimmt sie die Aufgabe der Kirchenleitung wahr. Evangelische Synoden setzen sich aus ordinierten und nicht-ordinierten Mitgliedern zusammen, den sogenannten Synodalen. In eine Synode wird man berufen oder gewählt.

Die evangelischen Landeskirchen sind durch ein Synodales Prinzip strukturiert. Die einzelne Gemeinde hat einen Kirchenvorstand, Gemeindekirchenrat oder ein Presbyterium, von dort werden Mitglieder in die Kirchenkreissynode entsandt und von dort wiederum in die Landessynode. Begrifflichkeiten und Verfahren können in den 20 Gliedkirchen der EKD abweichen, aber im Grunde verhält es sich so:

Die Mehrheit der Synodalen stammt aus Kirchgemeinden und fühlt sich qua ehrenamtlichen Engagements der eigenen Scholle (Kirchgemeinde oder Kirchenkreis) verbunden. Für das Verhältnis von ordinierten und nicht-ordinierten Mitgliedern gibt es unterschiedliche Quoren in den EKD-Gliedkirchen, die sicherstellen sollen, dass die Synoden nicht von Pfarrer:innen dominiert werden. Auf dem Weg der Berufung werden vom Kirchenvorstand bis in die Landessynoden und auch in die EKD-Synode Menschen hinzugezogen, auf deren Expertise man nicht verzichten will.

Für ihre Arbeit geben sich die evangelischen Synoden eine eigene Geschäftsordnung. Ihre Pflichten und Rechte sind ihnen durch die Kirchenverfassungen zugewiesen, die abzuändern wiederum in ihrer Macht steht. Eine Synoden-Präses oder Präsident:in spricht in der Öffentlichkeit für die ganze Synode und organisiert gemeinsam mit ihrem Präsidium die Beratungen. In den evangelischen Landeskirchen gibt es üblicherweise drei Personen in herausgehobenen Leitungsämtern: Der/die Landesbischöf:in oder Kirchenpräsident:in, die Chef:in des Landeskirchenamts und die/der Präsident:in oder Präses der Synode. Auch hier weichen die Begrifflichkeiten in fröhlicher evangelischer Vielfalt ab, aber im Grunde verhält es sich so:

Das Amt der/des Landesbischöf:in, Kirchenpräsident:in oder Präses (wie in Westfalen) ist das höchste geistliche Leitungsamt, weshalb verallgemeindernd auch von leitenden Geistlichen die Rede ist. Das Landeskirchenamt ist mit der Ausführung der Kirchengesetze betraut (also ungefähr entsprechend der Exekutive im modernen Verfassungsstaat), hier bündelt sich die Verwaltungsmacht und der/die Chef:in des Landeskirchenamts ist üblicherweise ein:e Jurist:in. Die Synode der Landeskirche (häufig: Landessynode) ist ungefähr mit der Legislative im Staate vergleichbar und wird von einer/m Präses oder Präsident:in repräsentiert und geleitet, die dieses Leitungsamt im Ehrenamt und üblicherweise als nicht-ordinierte Person wahrnimmt.

Die Synode als kirchenleitendes Organ

Die Synode wählt außerdem Synodale in eine Art Exekutivausschuss, die Kirchenleitung, in der diese Synodalen gemeinsam mit Mitarbeiter:innen des Landeskirchenramts und der/dem leitenden Geistlichen die Geschicke der Landeskirche auf Grundlage der Kirchengesetze lenken. Auch hier sind üblicherweise ebenso viele nicht-ordinierte wie ordinierte Personen vertreten. Und natürlich weichen die einzelnen Bezeichnungen und Befugnisse sowie Rechte von EKD-Gliedkirche zu EKD-Gliedkirche ab.

Das alles ist fürchterlich kompliziert und von der mittleren Leitungsebene aus Superintendent:innen und Dekan:innen, die normalerweise die geistliche und personalrechtliche Leitung in einem Kirchenkreis innehaben, sowie Kreiskirchenämtern und ihren Leitungen, die verwaltungsrechtliche Verantwortung tragen, und den Generalsuperintendent:innen, Regionalbischöf:innen und Pröpst:innen, die als Vertreter:innen des geistlichen Leitungsamts fungieren und sonst noch Dinge machen, ist da noch gar nicht die Rede gewesen!

Ebenso wenig von der Diakonie und ihren Aufsichtsgremien, in die ebenfalls Personen aus den Synoden einer Landeskirche entsandt werden und die wiederum häufig durch Berufung in den Synoden vertreten sind; der kirchlichen Gerichtsbarkeit, deren Akteur:innen auch in anderen Positionen engagiert oder in kirchenamtlichen Stellen beschäftigt sind; sowie den allgemein üblichen und zahlreichen Doppelungen und Personalunionen, die sich in allen evangelischen Kirchen durch Mehrfachbeauftragungen ergeben.

VELKD, UEK und EKD

Die Landessynoden wiederum wählen Synodale in die Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) oder/und in die Vollkonferenz der Union Evangelischer Kirchen (UEK). Erstere ist der Zusammenschluss der sieben lutherischen Landeskirchen innerhalb der EKD und als solche Kirche, letztere ist der Zusammenschluss der restlichen evangelischen Landeskirchen. Die UEK weiß nicht mehr so recht, was sie ist: Sie hat zwar Körperschaftsstatus und will den auch beibehalten, aber würde doch gerne irgendwie ganz in der EKD aufgehen. Die EKD-Synode jedenfalls setzt sich aus den UEK- und VELKD-Synodalen zusammen, alle drei tagen im sogenannten Verbindungsmodell.

Herrje, es ist also alles – wie gesagt – fürchterlich unübersichtlich und einer außenstehenden Person kaum noch erklärlich. Deshalb steht am Beginn jeder Tätigkeit als Syndale:r auch eine Schulung. Das ganze Synodale System ist historisch gewachsen und von regionalen und konfessionellen Prägungen bestimmt. Wenn man es heute und am Reißbrett entwürfe, würde man es natürlich vereinfachen und vereinheitlichen.

In Kürze:

Aufmerksame Eule-Leser:innen zum Beispiel aus dem Rheinland, Württemberg und der Nordkirche werden zu Bezeichnungen und Funktionen noch wichtige Ergänzungen oder Richtigstellungen zu diesem Überblick beizutragen haben, aber es ergibt sich trotz aller Unterschiedlichkeit doch ex negativo ein Bild davon, was Synodalität in evangelischen Landeskirchen bedeutet:

Synoden sind kein Instrument der „Laienbeteiligung“, sondern nehmen kirchenleitende Aufgaben wahr: Und zwar durch Gesetzgebung, Budgetrecht und die Wahl von Leitungsämtern, auch von Bischöf:innen. In ihnen sind exekutive, legislative und jurisdikative Aufgaben innerhalb der Kirchen repräsentiert und auf vielfältige Weise miteinander verschränkt. In den Synoden verwirklicht sich Kirchenleitung als Aufgabe der Kirchenmitglieder.

Synoden sind keine Parlamente, insofern sie – zumeist – nicht direkt gewählt werden, sondern aufeinander aufbauen, es keine Regierungs- bzw. Oppositionsfraktionen gibt und in den evangelischen Kirchen eben nicht „alle Macht vom Volke ausgeht“. Mit dem ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden und Theologie-Professor Wolfgang Huber gesprochen: In der Synode drückt sich keine „Volksherrschaft“ aus, sondern „konziliare Gemeinschaft“. Ziel der Beratungen ist in jedem Fall die Herstellung größtmöglichen Einverständnisses und nicht ein Mehrheitsentscheid (Konsensprinzip), wenngleich natürlich zur Entscheidungsfindung auch abgestimmt wird.

Orthodoxe Kirche

Die Orthodoxie ist streng von „unten“ nach „oben“ gebaut und wehrt sich gegen universalistische oder zentralistische Bestrebungen, wie z.B. die Einführung eines Papstes. Auch der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel hat keine Verfügungsgewalt über die einzelnen Ortskirchen (Autokephalie). Die Gemeinschaft der Ortskirchen vollzieht sich ausschließlich synodal. Die Kirche definiert sich als „Versammlung und Gemeinschaft aller ihrer Glieder“. Wenn Papst Franziskus also davon spricht, dass Synodalität und Kirche Synonyme sind, hat er sich vielleicht von seinen orthodoxen Glaubensgeschwistern inspirieren lassen.

Eine Ortskirche, heutzutage häufig nach den viel später entstandenen Nationalstaaten sortiert, hat eine Synode, ebenso eine Strukturebene darunter jede Eparchie (vgl. Bistum) und ganz an der Basis jede Gemeinde (sog. Eparchial- bzw. Pfarrversammlungen). Das oberste Entscheidungsgremium der Orthodoxie ist die Ökumenische Synode, die allerdings, nun ja, recht unregelmäßig tagt. Die letzte fand im Jahr 787 statt – überall in der Christenheit ist sie als das Zweite Konzil von Nicäa bekannt, das letzte der sieben Ökumenischen Konzilien der Alten Kirche, die im wesentlichen Bischofsversammlungen waren.

Seit 1961 finden panorthodoxe Konferenzen statt, auf denen Pan-Orthodoxe Konzile vorbereitet werden sollen. Und einig sind sich die orthodoxen Kirchen leider auch überhaupt nicht: Das Pan-Orthodoxe Konzil von 2016 wurde von vier der vierzehn autokephalen Orthodoxen Kirchen „boykottiert“. Alles in allem geht es auf den großen Synoden der Orthodoxie vor allem um Fragen der richtigen Lehre der Kirche. Mit Klimaschutzgesetzen, wie in den Landessynoden der evangelischen Kirchen, ist als Ergebnis der dortigen Beratungen nicht zu rechnen.

An den orthodoxen Synoden nehmen Geistliche und Bischöfe bis hin zu den Patriarchen teil. Sonderlich divers sind sie also nicht. Aber sie werden konsequent von „unten“ nach „oben“ gewählt und besetzt. Ein Vorbild für die römisch-katholische Kirche?

Der Synodale Weg

Der Synodale Weg ist keine Synode, seine Teilnehmer:innen folglich auch keine Synodalen. Zwar kennt das katholische Kirchenrecht auch Partikularkonzile von Bischöfen eines Landes (Plenarkonzil) bzw. einer Kirchenprovinz (Provinzialkonzil), sie sind aber heute in der Praxis bedeutungslos. An die Stelle nationaler Konzile sind die Bischofskonferenzen getreten.

Die Würzburger Synode (Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland), eines der ersten Dialogformate von katholischen Laien und Klerikern in Deutschland, fand von 1971 bis 1975 statt. Stimmberechtigte TeilnehmerInnen waren nicht nur Bischöfe, sondern auch einfache Kleriker und Laien aus allen deutschen Bistümern. Einberufen wurde die Würzburger Synode von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), zeitgleich fand eine Pastoralsynode der Katholischen Kirche in der DDR statt. Entsandt wurden die Mitglieder von der DBK, vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sowie den Orden. Mehr als die Hälfte der Synodalen wurde von den durch das 2. Vatikanische Konzil ermöglichten Diözesanräten gewählt.

Der Synodale Weg allerdings soll bewusst keine Pastoral-, Partikular- oder Nationalsynode sein, sondern etwas anderes. Seiner Synodalversammlung gehören die Mitglieder der DBK, 69 Vertreter:innen des ZdK und Menschen aus anderen geistlichen Diensten und kirchlichen Ämtern sowie junge Menschen und Einzelpersonen an. Insgesamt umfasst die Synodalversammlung 230 Teilnehmer:innen.

Inzwischen sind auch die vier Synodalforen der kirchlichen Öffentlichkeit einigermaßen bekannt, die sich mit (1) Macht und Gewaltenteilung, (2) der Priesterlichen Existenz heute, (3) Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche und (4) Sexualität und Partnerschaft beschäftigen. Dort wurden in den vergangenen Monaten Vorlagen erarbeitet, die ab heute zur 1. Lesung in die Synodalversammlung eingebracht werden. Außerdem sind auch weitere Texte entstanden, die nicht Grundlage der Beratungen sind, sondern von ihren VerfasserInnen separat veröffentlicht wurden (s. #LaTdH vom 12. September).

Der Synodale Weg funktioniert (vereinfacht) so:

Der Synodale Weg unterscheidet sich von den evangelischen Synoden dadurch, dass er keiner Ortskirche zugeordnet ist, kein Haushaltsrecht hat, keine kirchlichen Ämter wählt und unter keinen Umständen an der Kirchenleitung teilnimmt.

Der Synodale Weg ist allerdings auch keine gesetzgebende Versammlung, sondern legt seine Beschlüsse in die Hände des Klerus: Beschlüsse von weltkirchlicher Relevanz werden nach Rom gesandt, in der vagen Hoffnung, dort möge irgendwer dazu Stellung nehmen. Beschlüsse, die „nur“ für die (Erz-)Bistümer in Deutschland relevant sind, können von der DBK umgesetzt werden. Die DBK-Beschlüsse können dann wiederum von den Ortsbischöfen für ihre (Erz-)Bistümer rechtlich verbindlich gesetzt werden.

Welche Fragen überhaupt „nur“ für die Kirche in Deutschland von Bedeutung sind, ist ebenfalls ungeklärt. Der Vatikan jedenfalls hat sich in den vergangenen beiden Jahren bemüht, zu allen Fragen, die in den Synodalforen diskutiert werden, schon vorab Papiere zu veröffentlichen, die zentralen Reformanliegen einen Riegel vorschieben (s. alle Eule-Beiträge zum Thema Synodaler Weg).

Die vatikanischen Interventionen und der Streit zwischen reaktionären und konservativen TeilnehmerInnen und Bischöfen auf der einen Seite und reformerischen Teilnehmer:innen (und Bischöfen, naja, so ein bisschen) auf der anderen stellen die Arbeit der Synodalforen 2-4 massiv in Frage. Beobachter:innen gehen davon aus, dass vor allem aus dem Synodalforum 1 zu Macht und Gewaltenteilung noch eine konsensfähige Vorlage geliefert wird, die wenigstens darauf hoffen kann, die Ochsentour der Synodalversammlung hinter sich zu bringen und schlussendlich zumindest von einer Mehrheit der deutschen Bischöfe umgesetzt zu werden.

In den letzten Monaten ist die Kritik am Synodalen Weg sowohl aus Richtung reaktionärer und konservativer Kräfte als auch aus dem Reformlager so heftig geworden, dass manche schon davon sprechen, ein krachendes Scheitern des Synodalen Weges wäre eigentlich der größte noch zu erzielende Erfolg.


Wie der von Papst Franziskus angestoßene weltweite Synodale Prozess funktionieren soll und sich mit den nationalen Synodalen Wegen in Deutschland und anderswo verschränkt, hat Benedikt Heider hier erklärt.

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