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Welches Label passt zu mir?

Das Label „Feministische The*login“ habe ich mir bewusst angelegt, obwohl ich mich damit Vorurteilen aussetze, denn noch immer gilt Feministische Theologie einigen als unwissenschaftlich und „etwas nur für Frauen“.

Labels helfen. Labels, also Selbstbezeichnungen oder Gruppenzuordnungen helfen bei der eigenen Orientierung, aber auch – und vielleicht vor allem –, damit andere eine*n einordnen können.

Ob das, wie andere eine*n einordnen, dann auch wirklich zutrifft, sei mal dahingestellt. Aber in der selbstgewählten Zuordnung zu einer Gruppe kann bereits Empowerment derjenigen Person liegen, die für sich eine Zugehörigkeit gefunden hat.

Labels können ganz unterschiedlich sein. Sie drücken möglicherweise sexuelle Identität, z. B. trans oder cis, oder sexuelle Orientierung aus, also z. B. Homo- oder Bisexualität. Oder politische Orientierung. Oder the*logische Position. Zwischen letzteren beiden gibt es begrifflich einige Überschneidungen: liberal, konservativ, grün. Aber natürlich gibt es auch hier viele weitere Kategorien, innerhalb derer sich Menschen verorten.

Und dennoch erheben mindestens innerhalb der The*logie – aber sicherlich auch in den anderen genannten Bereichen – Personen, die sich einem Label zuordnen, Deutungshoheit über die anderen. Oder den Anspruch, besser über andere Bescheid zu wissen, als jene selbst. Besser zu wissen, wo ihre möglicherweise theoretischen Schwachpunkte liegen. Besser zu wissen, dass sie The*logie nicht angemessen betreiben.

Feministische The*logie ist einer der Bereiche, der von Theolog*innen immer noch als Nische betrachtet wird: Sie habe vor allem im universitären Kontext keine Daseinsberechtigung, sie sei doch „nur ewas für Frauen“ oder „ideologisch aufgeladen“. Diese Personen nutzen das Label „feministisch the*logisch“ abwertend.

Es sind aber sicherlich nicht alle Personen, die sich nicht als „feministisch the*logisch“ labeln würden, automatisch so anti. Es gibt auch viele indifferente Theolog*innen. Doch heute geht es mir um diejenigen, die Feministische The*logie ablehnen.

Erster Vorwurf: „Nur für Frauen“

Wie viel kann an einem Satz eigentlich falsch sein?! Mit dem „nur“ geht es ja schon los. Es geht ja „nur“ um Frauen. Dass Frauen als marginalisierte Gruppe wahrgenommen werden oder sich selbst als solche verstehen, ist ein Reflex auf gesellschaftliche Umstände.

Spätestens ab dem 19. Jahrhundert erfolgte einerseits eine Verknöcherung der Geschlechterbilder in deutlichen Dichotomien, wobei sich andererseits genau dagegen Frauen und einige Männer immer wehrten. Und abgelesen von der Sozialstruktur finden sich ja tatsächlich verschiedene Marginalisierungen, also verschiedene Formen des An-den-Rand-gedrängt-Werdens.

Der Gender Pay Gap, der in den Renten Gap mündet; Ehegattensplitting, das in diese Situation hinein dazu anregt, dass die geringer verdienende Person wiederum weniger arbeitet bzw. steuerlich benachteiligt wird. Und dabei handelt es sich in der Mehrheit der heterosexuellen Ehen um die Frau. De facto geht es aber um die vielbeschworene Hälfte der Menschheit. Von „nur“ kann hier also kaum die Rede sein.

Und das „nur“ läuft zweitens Gefahr, dass das, was heutzutage Feministische The*logie ausmacht, überhaupt nicht mitbetrachtet wird. Feministische The*logie ging imer auf die Suche nach Geschlechterbilder und -rollen – angefangen bei der Bibel – und deckte beschränkende Perspektiven gleichermaßen auf wie die Gegenbeispiele, die auch schon immer vorhanden waren. Im Aufdecken solcher Mechanismen liegt aber für Menschen aller Geschlechter das Potenzial, mehr über Geschlechter(re)konstruktionen zu erfahren, die jede Gesellschaft mitprägen und durch Biologisierungen teilweise als „objektive Wahrheiten“ abgestempelt wurden und werden.

Außerdem hat sich der Horizont Feministischer The*logie erweitert. Während verschiedene sexuelle Orientierungen vornehmlich von cis-Frauen bereits frühzeitig mit in die Fragestellungen eingeschlossen waren, ist sexuelle Identität ein jüngeres Forschungsfeld. Und mehr oder weniger aus der Feministischen The*logie haben sich die Critical Men’s oder Masculinity Studies auch in der The*logie herausgebildet. Frage- und Zielrichtung Feministischer The*logie sind also deutlich weiter gefasst und bemühen sich zudem intersektionale Interdependenzen miteinzubeziehen.

Kommen wir zum „für“: Mindestens von der Entwicklung der Feministischen The*logie her wäre zunächst das „für“ auch in ein „von“, The*logie von Frauen, zu verändern oder zu ergänzen. Dass Frauen sich in männlich-dominierte und männlich-kultivierte Bereiche wie Theologie vorwagten und durch eigene Fragen aber auch Kommunikationsformen einen eigenen Raum schufen, ist Ausdruck großen Muts. Dabei darf natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass die eigenen Räume nicht lediglich universitäre waren oder sind, sondern auch vor allem das, was in Gemeindearbeit passiert(e) mitentscheidend ist. Und die Träger*innen Feministischer The*logie sind auch diverser, als dass sie sich auf „Frauen“ beschränken ließen.

Denn „Frauen“ – und damit sind wir beim dritten Wort –  ist ein Label, das möglicherweise auf viele Träger*innen Feministischer The*logie zutrifft, aber eben nicht auf alle.

Zweiter Vorwurf: „Ideologisch aufgeladen“ oder einfach: „Der Klassiker“

Die klassische Formulierung dieses Vorwurfs lautet, Feministische The*logie hätte zu viele vorgefertigte Perspektiven und könne sich nicht „wirklich wissenschaftlich“ an Texte und Geschichte heranbegeben. Dieser Ideologievorwurf trifft Feministische The*logie genauso wie feministische Perspektiven in jeder anderen Disziplin.

Das Problem: Diejenigen, die diesen Vorwurf formulieren, sind tendenziell diejenigen, die ihre eigenen Vorannahmen wenig oder gar nicht wahrnehmen! Es gibt sicherlich verschiedene „Güte“ von Wissenschaftlichkeit im geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Kontext. Diese muss sich aber auch im Reflexionsvermögen der eigenen Position widerspiegeln. Davon auszugehen, dass die eigene Position das unanfechtbare Non plus ultra gegenüber lauter ideologisch aufgeladenen anderen Perspektiven sei, bricht mit Wissenschaft und dem Ideal des wissenschaftlichen Diskurses.

Gerade gegenüber Feministischer The*logie wurden und werden Vorwürfe der Unwissenschaftlichkeit erhoben. Dieser Vorwurf setzt ein Wissenschaftsverständnis voraus, das vom Label „ich weiß, wie es geht“ bestimmt ist. Sich selbst so absolut zu setzen – zumal in der The*logie – sollte auf jeden Fall hinterfragt werden.

Am schlimmsten wird es, wenn Gender Studies komplett die Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird, oft verbunden mit der veralteten biologisierten Dichotomisierung zweier Geschlechter. 2019 veröffentlichten verschiedene Wissenschaftler*innen – ich spreche ihnen dieses Label nicht ab, obwohl oder gerade weil sie es andersherum vermutlich mit mir täten – in dem Sammelband „Gender Studies – Wissenschaft oder Ideologie?“ Gender Studies kritische Beiträge aus verschiedenen Disziplinen, aber ohne Theolog*in (Inhaltsverzeichnis).

Denn so wie es feministisch-the*logische Netzwerke gibt, klassischerweise ist hier die ESWTR zu nennen, gibt es natürlich auch antifeministische Netzwerke. Auffällig an den Personen, die im genannten Sammelband veröffentlicht haben, ist aber, dass diese sich als Mahner*innen für und wahrscheinlich auch Retter*innen der Wissenschaftsfreiheit (ganz explizit Alexander Ulfig, Heike Diefenbach und Adorján Kovács) verstehen. Ulfig verbindet das dann auch mit einem antimuslimischen „Es wird doch wohl noch gesagt werden dürfen“. Ein weiteres gemeinsames Projekt mit seinem Mitherausgeber Harald Schulze-Eisentraut wehrt sich gegen Frauenquoten.

Wie alle Netzwerke haben auch diese ihre eigenen Publikationsformen. Im Falle der Autor*innen des genannten Bandes besteht mit The European, Novo und Die Achse des Guten sowie weiteren, sich selbst als Debattenkultur-Retter labelnde Online-Zeitschriften bzw. Blogs eine Öffentlichtkeit, die z.B. auch eine ordentliche Portion Klimawandelskepsis verbreitet.

Doch nicht immer sind solche Netzwerke oder ihre Publikationsforen mehr oder weniger offensichtlich. Diesen Dienstag teilte Lady Bitch Ray (@LadyBitchRay1) auf Twitter die ersten Seiten aus einem Gemeindebrief der evangelischen Kirchengemeinde in Nordstemmen (Hannoversche Landeskirche):

Hier kommt Wissenschaftsfeindlichkeit gegenüber Geschlechterfragen, aber auch zu the*logischen Diskursen über sie zum Ausdruck – inklusive Trans- und Homophobie, gemischt mit der Sorge vor dem Untergang der Familie sowie psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Corona wird als Strafe G*ttes verstanden, die uns wieder zur „Vernunft“ bringen soll: In der Wahrnehmung des Autors also zum binären Geschlechterbild und einem Ende der Ehe für alle.

Dabei werden wir von Pastor Marcus Piehl an seinem Schreibtisch angelächelt, der uns auch ganz herzlich grüßt. Sehr „nett“ auch der Verweis, dass „Kirche mindestens in den letzten hundert Jahren sehr schlechte Erfahrungen damit gemacht [habe], Bewegungen zu unterstützen, die gerade populär waren.“ Hier will er uns, wie auch einige der Autor*innen des oben erwähnten Sammelbandes, an die Jahre 1933 bis 1945 denken lassen, wenn es um Gender-Themen und eine vermeintliche „Gender-Diktatur“ geht. Was für eine unerhörte, geschichtsvergessene Anspielung! Die Landeskirche Hannovers widersprach dieser Darstellung zum Glück direkt auf Twitter.

Sorge vor dem Abziehbild „Feministische The*login“

Ich bemühe mich, meiner the*logischen Sicht der Dinge und/oder meiner Glaubenserfahrung widersprechende Positionen nicht per se entweder die Wissenschaftlichkeit oder die Angemessenheit abzusprechen. Das wird aber auf jeden Fall leichter, wenn eine andere Person meine Perspektive auch nicht von vornherein für unhaltbar hält, sondern sich auf die Diskussion einlässt.

Ich war mir lange Zeit nicht sicher, ob ich mich als feministische The*login labeln will. Ich hatte Sorge, dass Menschen mit mir dann ein verengtes, veraltetes Bild oder einfach ein schlechtes Abziehbild von Feminismus verbinden würden. Ich bin froh, dass so viele aktuell – z. B. unter #feministischglauben – zeigen, dass Offenheit und Solidarität dazugehören.

Und so übernehme ich das Label, und stoße damit bestimmt Leuten vor den Kopf, die meinen, ich hätte meinen verloren. Aber ich fühle mich gern als Glied dieser digitalen und analogen Gruppe. Darin fühle ich mich meilenweit entfernt von jenem Pastor, der nur 25 km Luftlinie von mir entfernt wohnt und „sein“ Gemeindeblatt schreibt. Und ich bin unendlich dankbar für die von mir aus 15 km – übrigens grob in die gleiche geographische Richtung – nah wohnenden Pastorinnen Ellen und Steffi Radtke von @andersamen. Sie erreichen mit einem anderen Bild von Kirche und The*logie übrigens auch eine weitaus größere Öffentlichkeit als der Gemeindebrief-Autor.

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