Neues Evangelisches Gesangbuch

Zwischen den Zeiten verirrt

Das neue Evangelische Gesangbuch versucht sich an einer Neuordnung von Liedern und Texten, die evangelischen Christ*innen wichtig sein sollen. Dabei gerät das neue Konzept an seine Grenzen. Ist es Zeit umzusteuern?

Eine Neuerung des neuen Evangelischen Gesangbuchs (EG), dessen Erprobungsphase gerade zu Ende gegangen ist und das 2028 erscheinen soll, wird auch Menschen, die das alte eher sporadisch in der Hand hatten, spätestens auf den zweiten Blick auffallen: Der Aufbau hat sich verändert: Unter der Nummer 1 findet sich nicht mehr „Macht hoch die Tür“, das neue Evangelische Gesangbuch beginnt statt mit dem Kirchenjahr mit den Tageszeiten.

Mit dieser Neustrukturierung setzt sich das neue EG nicht nur vom bisherigen Evangelischen Gesangbuch und dessen Vorläufer, dem Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG) von 1953, sondern auch von den bestehenden EG-Ergänzungsbänden und dem „Durch Hohes und Tiefes“ (HuT) ab, dem Gesangbuch der evangelischen Studierendengemeinden. Vom ersten Aufschlagen an wird deutlich, dass es sich hier um ein neues Produkt handelt.

Das kann es erleichtern, sich auf das neue Gesangbuch als eigenständiges Werk einzulassen, bei dessen Durchblätter Gesangbuchkenner*innen nicht jede Liedstreichung durch verschobene Nummern sofort schmerzlich bewusst wird. Gleichzeitig ermöglicht die Neukonzeption, neue Schwerpunkte und Akzente zu setzen, auf Lücken aufmerksam zu werden und Platz für neue Themen zu schaffen. So enthält das neue Gesangbuch zum Beispiel mehrere Kategorien, die sich mit Glaubenszweifel und Glaubensveränderung beschäftigen.

„Neue Zugänge für Herz, Sinn und Verstand“

Doch wie soll das neue Gesangbuch nun aufgebaut sein und worin unterscheidet es sich von seinem Vorgänger? Das alte EG war zunächst in vier Kapitel eingeteilt: Lieder, Gottesdienst (die liturgischen Grundformen und Psalmen), Texte (vorformulierte Gebete und Bekenntnisse) und einen großen Anhang mit liturgischem Kalender, der Liederkunde und Verzeichnissen.

Die Lieder waren in die vier Kategorien „Kirchenjahr“, „Gottesdienst“, „biblischen Gesänge“ und „Glaube – Liebe – Hoffnung“ eingeteilt, wobei die letzte Kategorie ungefähr nach diesen drei theologischen Tugenden geordnet von „Mittag“ über „Erhaltung der Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit“ und „Rechtfertigung und Zuversicht“ bis zu „Sterben und ewiges Leben“ so ziemlich alles Wichtige enthielt, das nicht in die ersten Kategorien passte. Zu diesem „Stammteil“ traten in vielen Ausgaben noch die „Regionalteile“ einzelner Landeskirchen hinzu und in den letzten Jahren auch immer mehr Zusatzbände mit neuerem Liedgut.

Innerhalb der Unterkapitel des alten EG wurden die Lieder nach ihrem Alter geordnet, beginnend beim ältesten, was regelmäßigen Nutzer*innen zum einen über die Zeit ein Gefühl dafür vermittelt hat, wie sich das Liedgut durch die Epochen verändert hat, zum anderen bei der Orientierung half: Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl für den Vibe der Lieder bestimmter Epochen und kann so abschätzen, was einen erwartet und wo ein Lied wohl ungefähr zu finden ist.

Im neuen EG hingegen werden Text- und Liedteil inklusive Bekenntnisse und Liturgie miteinander verschränkt, um „neue Zugänge für Herz, Sinn und Verstand“ zu eröffnen. Der Liederkundeteil und die umfangreichen Verzeichnisse werden wohl ausschließlich in der zum neuen Gesangbuch gehörenden Online-Plattform verfügbar sein, auf der auch weitere Lieder abrufbar sein werden. Ob auf diese Weise eine Verknüpfung von digitalem und analogen Evangelischen Gesangbuch, das auch ein eigenständiges Produkt bleiben soll, gelingen wird?

Neue Grundstruktur: Unsre Zeit in Gottes Händen?

Die Neustrukturierung des Gesangbuchs geht mit einem neuen Konzept für den Aufbau einher: Den sechs Kategorien sollen „unterschiedliche Erfahrungen von Zeit“ als roter Faden dienen. Das wird mit der recht banalen Erkenntnis begründet, „dass der christliche Glaube ‚in der Zeit‘ stattfindet“. Immer zwei Kategorien gehören näher zusammen, was an der Farbcodierung erkennbar wird (erste Kategorie vollfarbig, zweite abgeschwächt).

Cover des neuen Evangelischen Gesangbuchs (Bild: EKD)

So beginnt das neue Gesangbuch mit „Tageszeit“ und „Jahreszeit“, was „die zyklisch-wiederkehrenden Rhythmen“ des Lebens aufgreifen soll. Darauf folgen „Feierzeit“ (Gottesdienst) und „Allezeit“ (Psalmen singen und beten), die den „Kairos des gefeierten Gottesdienstes im Hier und Jetzt“ abbilden sollen. Abschließend drehen sich die beiden Kategorien „Lebenszeit“ („wachsen, reifen, weitergehen“) und „Weltzeit“ („glauben, lieben, hoffen“) um die linear ablaufende Zeit.

Positiv ist anzumerken, dass so die Tageszeiten als Extrakategorie einen gut auffindbaren Platz einnehmen, anstatt – wie bisher – in der „Glauben, Lieben, Hoffen“- Kategorie unterzugehen. Überhaupt ist die Idee, die Überkategorien des Gesangbuches thematisch stärker untereinander zu verbinden, zunächst sehr sympathisch.

Die Umsetzung leidet aber unter den Komposita, die dem Ganzen eine gezwungene und gimmickige Aura verleihen. Dieser Eindruck wird auch dadurch verstärkt, dass die Kategorien allesamt in kurzen Phrasen erläutert werden müssen. Insgesamt wirkt die neue Überstruktur konzeptuell überladen. Deutlich wird das, wenn man sich einmal die konkrete grafische Umsetzung anschaut:

Das neue Gesangbuch-Logo, das die Kategorien gegen den Uhrzeigersinn anordnet, soll auf „einen anderen, größeren Zeitbegriff […], der die menschliche, messbare Zeit überschreitet und diese gleichzeitig umfasst“, hindeuten. Dass sich das Logo mit dem jeweiligen Kreisabschnitt im Buch bei jeder Nummer findet, wirkt wie eine Überstilisierung. Der Orientierung ist dadurch jedenfalls nicht mehr gedient als durch die Fußzeile, in der die jeweilige Kategorie ebenfalls angegeben wird. Ähnliches gilt für die Icons, mit denen die Texte unterschiedlichen Kategorien zugeordnet werden. Rätselhaft bleibt insbesondere das Icon „Zitat“, denn schließlich wurde jeder Text im Gesangbuch zitiert.

Das Gesangbuch als Lebensbegleiter?

Im Gegensatz zu dieser viel bedachten Überstruktur wurde über die Anordnung der Lieder innerhalb der einzelnen Unterkapitel nichts verlautet. Sie wirkt in Teilen relativ willkürlich. Das liegt aber auch in der Natur der Sache: Sobald man Lieder nicht nach formalen Kriterien ordnet, hängt gerade bei langen Chorälen, aber auch bei kurzen, viel interpretierbaren Gesängen eine thematische Anordnung immer davon ab, auf welchen Aspekt die ordnenden Personen ihren Fokus legen.

Gerade durch die gewollte Verknüpfung von Texten und Liedern in den einzelnen Kategorien wäre ein stringenter Aufbau der einzelnen Unterkapitel aber wichtig, um Orientierung zu schaffen und die gewollte „Symbiose von Texten und Liedern“ übersichtlich zu gestalten.

Dabei sind Texte im Liedteil des Gesangbuchs an sich nichts Neues. Die Neuerung besteht vielmehr darin, auch die Gebets- und Bekenntnistexte aus dem ehemaligen Textteil in den Liedteil zu integrieren. Inwieweit hier eine tatsächlich gelungene Verknüpfung geschaffen wird, bei der Bekenntnistexte wie die „Confessio Augustana“ leicht auffindbar bleiben, ist noch nicht absehbar: Der Erprobungsband umfasste nur wenige Gesangbuchteile, in denen relativ selten Texte abgedruckt waren.

Tatsächlich neu sind allerdings die Bewegungsvorschläge zu einigen Liedern und mit dem Icon „Kreatives“ gekennzeichnete Bereiche. Gerade letzteres ist im Hinblick auf die Verknüpfung von Lied und Text und den Anspruch des Gesangbuches als Lebensbegleiter wenig gelungen. So findet sich in der Rubrik „Abend“ der Vorschlag, auf die Seite drei Dinge zu schreiben, für die man heute dankbar ist (S. 43). Die drei leeren Zahlen haben nur einen Zweck, wenn dann auch tatsächlich in das Gesangbuch hineingeschrieben wird. Ganz im Stile eines evangelikalen Bibelstudienandachtsheftes kann man das Gesangbuch jedoch nur einmal ausfüllen.

Die Leerzeilen sind zwischen dem Kanon „Ruhet von des Tages Müh“ und dem Lied „Abide with me“ eingefügt, zwei Liedern die Sorge thematisieren bzw. Gott um Beistand in einer vergänglichen Welt bitten. Die Aufforderung Dinge aufzuschreiben, für die man heute dankbar sein kann, findet sich so ausgerechnet an einer Stelle im neuen Gesangbuch, die gerade auch in schwierigen Situationen und nach harten Tagen aufgeschlagen werden könnte, an denen diese Aufforderung fehl am Platz ist.

Psalmen und Bibellieder: Ein Durcheinander

Eine große Stärke der Aufnahme der Texte in den Liedteil ist hingegen die nun als „Allezeit“ benannte Psalmrubrik. Den Gemeinden wird durch die vorgeschlagenen Kehrverse erleichtert, die Psalmen tatsächlich zu singen. So wird deren Nähe zum Lied deutlicher. Auch können die Psalmlieder direkt mit den Psalmen, die sie inspiriert haben, gelesen werden. Dieser Vorteil wird allerdings dadurch gemindert, dass – jedenfalls im Erprobungsband – häufig Psalmen, die als Lied abgedruckt sind, nicht auch als Lesetext abgedruckt sind, so zum Beispiel Psalm 130.

Auch sind Psalmlieder in andere Kategorien gerutscht, ohne dass dies vermerkt würde, so zum Beispiel geschehen bei „Wohl denen, die da wandeln“ und „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz“. Auf diese Weise wird zum einen verschleiert, dass es sich bei ihnen um Psalmlieder handelt, zum anderen wird die Existenz der Psalmen-Kategorie als solche dadurch in Frage gestellt. Könnten nicht alle Psalmlieder inhaltlich in andere Kategorien eingeordnet werden?

Die desorientierende Wirkung dieses Durcheinanders lässt sich besonders an einem Beispiel aus der Kategorie „biblische Gesänge“ zeigen: Im Erprobungsband findet sich hier der Lobgesang des Simeon in Martin Luthers Übersetzung mit singbarem Kehrvers. Laut der vorläufigen Liederliste soll an dieser Stelle auch Philipp Spittas „Im Frieden dein, o Herre mein“ stehen. Luthers Vertonung des Liedes „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“ findet sich hingegen nur in der Digitalversion – in der Kategorie „Weihnachten“.

Dass man den Lobgesang des Simeon, weil er biblisch zur Darbringung Jesu im Tempel gehört, dem Weihnachtsfestkreis zuordnen kann, entbehrt nicht einer gewissen Logik. Problematisch wird es allerdings, weil zum einen „Mit Fried und Freud“ in diesem Kontext äußerst selten gesungen wird, zum anderen, weil konsequenterweise alle Vertonungen des „Nunc dimittis“ unter Weihnachten eingeordnet werden müssten. Folglich dann wohl also „Magnificat“ und „Benedictus“ unter Advent, womit die Kategorie der „biblischen Gesänge“ als definitiver Ort, an dem Vertonungen biblischer Texte zu finden sind, ihren Sinn verlieren würde. Diese inkonsequente Einordnung verschleiert den biblischen Ursprung mancher Lieder und stört die Orientierung im Gesangbuch.

„Lebenszeit“ und „Weltzeit“: Mach End, o Herr, mach Ende?

Schaut man im Sinne der übergeordneten Zeitkonzeption des neuen EG die letzten beiden Kategorien des Gesangbuches an, die augenscheinlich am stärksten umstrukturiert wurden, wird ein Problem der Neukonzeption deutlich: Die beiden Kategorien „Lebenszeit“ und „Weltzeit“ sollen im Gegensatz zur zyklischen Struktur von Tages und Jahreszeit und dem Kairos des Gottesdienstes die lineare Dimension der Zeit abbilden.

Die Kategorie „Lebenszeit“ suggeriert einen linearen Lebenslauf samt dazu linear passenden Liedern. Dies ist besonders in den letzten drei Kategorien „vom Ende her leben“, „Leid tragen“ und „getröstet werden“ sichtbar. Weil das Gesangbuch idealiter ein dauerhafter Begleiter im Leben sein und deswegen immer wieder neu in unterschiedlichen Situationen aufgeschlagen werden soll, vermag diese Zeitenkonzeption nicht zu überzeugen.

Dass „vom Ende her leben“ direkt auf „älter werden“ folgt, legt nahe, dass es sich beim „Ende“ um den Tod handeln soll. Auch in der Kategorienbeschreibung wird von „Lieder[n] zum Lebensende“ gesprochen. Das ist in mehrerer Hinsicht problematisch: Zum einen wird das euphemistische Nichtbenennen des Todes der langen Choraltradition nicht gerecht, die sich stark zusammengestrichen in dieser Kategorie findet und dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit ehrlich ins Auge blickt. Zum anderen ist der Euphemismus im christlichen Kontext auch unsinnig, weil der Tod gerade nicht das Ende des Lebens bedeutet.

„Ende“ nicht euphemistisch, sondern umfassend als Begriff für Tod, jüngstes Gericht und ewiges Leben zu verwenden, dürfte heute für viele protestantische Christ*innen hingegen nicht mehr selbstverständlich sein. Wie man es besser machen könnte, hätte man sich von der Liederdichterin Aemiliane Juliane von Schwarzburg-Rudolfstadt abschauen können, aber ihr „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende“ hat es nicht ins neue Gesangbuch geschafft.

Auch für die von den Autor*innen des Gesangbuches durchaus gewünschte Betonung der Erkenntnis von Vergänglichkeit und Unausweichlichkeit des Todes für die eigene Lebensgestaltung ist die euphemistische Nichterwähnung des Todes hinderlich. Das Memento mori wird für das eigene Leben eben erst und nur dann bedeutsam, wenn man der Tatsache des Todes ins Auge sieht und sich gleichsam rückwärts durch die Zeit vom zukünftigen Tod her von ihm beeinflussen lässt. Dass „Mitten wir im Leben sind“, einer der klassischen Vergänglichkeitschoräle, unter „glauben und bekennen“ landet, ergibt deswegen keinen Sinn.

Mit einer linearen Zeitkonzeption kann man diese Dynamik des Lebens jedenfalls nicht erfassen. Bleiben wir mit dem neuen EG dem Konzept der linearen „Lebenszeit“ verhaftet, werden „Leid Tragen“ und „getröstet werden“ zu nachgestellten Anhängseln des Lebens. Mindestens jedoch werden die Leidens- und Trostlieder (und Texte) dadurch, dass sie buch-linear auf den Tod folgen, unnötiger Weise auf die Trauer nach Todesfällen enggeführt. Andere Formen von Leiden werden so zu wenig mitbedacht, was auch daran abzulesen ist, dass alle in „Leid tragen“ übernommenen Lieder aus der bisherigen Kategorie „Sterben und ewiges Leben“ stammen.

Nur nebenbei: Selbst die Trauer ist keine linear ablaufende, einmalige Phase des Lebens, sondern ein in unterschiedlicher Intensität wiederkehrender und von unterschiedlichen Ereignissen ausgelöster Prozess – und steht der linearen Zeitkonzeption der Kategorisierung ebenfalls entgegen.

So viele Unterkategorien! Zu viel gewollt?

Sind solche inhaltlichen, am Ende theologischen Probleme schlicht eine unvermeidliche Folge der im Vergleich zum bisherigen EG überaus ambitionierten und intensiven Ausdifferenzierung der Liedkategorien? Sicherlich soll die neue Auffächerung des Liedguts mehr Übersichtlichkeit als bisher herstellen. Allein unter „Weltzeit“ finden sich Lieder in 21 verschiedenen Unterkategorien. Im alten EG hingegen gab es unter „glauben, lieben, hoffen“ acht. (Wenn man die, die im neuen Gesangbuch in anderen Rubriken untergekommen sind, nicht mitzählt.)

Die größere Ausdifferenzierung soll ganz offensichtlich bei der Suche nach „passenden“ Liedern helfen. Ein Problem liegt aber darin, dass die Kategorien voneinander nicht scharf genug getrennt sind und deswegen häufig unklar bleibt, weswegen ein Lied in der einen und nicht in der anderen Kategorie gelandet ist. So wüsste man gerne, nach welchen Gesichtspunkten Lieder in „Leid tragen“ und „getröstet werden“ eingeteilt wurden. In beiden Kategorien werden sowohl das Leid verhandelt als auch tröstliche Worte gefunden. Ähnlich verhält es sich bei Überschneidungen in den Kategorien „neu anfangen – geliebt, erlöst, frei“ und „Leben im Geiste Jesu“.

Insbesondere bei den neuen Kategorien, die sich mit Klage, Zweifeln und Fragen im Glauben beschäftigen, wird dies auffällig. Der Eindruck wird durch die reichlich unkonkrete Benennung der Kategorien noch verstärkt. So ist es nicht intuitiv verständlich, dass „zur Ruhe kommen“ eben nicht nur vom Ruhigwerden und Innehalten handelt, sondern mit Liedern wie „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ und „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ auch vom Vertrauen auf Gottes Willen und der Ergebung in diesen erzählen. Andererseits finden sich Lieder, die das Ruhigwerden in Gott thematisieren, auch jenseits dieser Kategorie, beispielsweise mit „Meine Zeit steht in deinen Händen“ in „fragen, Gott suchen, vertrauen“.

Die Benennung der Unterkategorien durch vage Trikola stiftet hierbei erhebliche Verwirrung, nimmt man sie denn tatsächlich beim Wort: Der Überschriftenhaufen „fragen, Gott suchen, vertrauen“ ergibt im Blick auf die zusammengestellten Lieder wenigstens dahingehend Sinn, dass im Verlauf einiger Lieder eine Bewegung vom Zweifel hin zu neuem Vertrauen sichtbar wird. Die Unterkategorie „klagen, zweifeln, bitten“ wird hingegen von Bittliedern derart dominiert, dass man nur darauf hoffen kann, dass die eingestreuten Texte auch der Klage Raum geben werden. (Auch die biblischen Klagepsalmen sind in der Psalmlieder-Kategorie „Allezeit“ nur marginal abgebildet. Sie an einem anderen Ort im Gesangbuch abzudrucken, stünde der inneren Logik dieser Kategorie aber auch entgegen.)

Insgesamt übersieht die Differenzierung in Lieder, die Vertrauen und Suche nach Gott ausdrücken und Gott um Beistand in Leid bitten im Glaubensteil von „Weltzeit“ und Lieder, die von Leid und Trost handeln in „Lebenszeit“, dass Leid und Zweifel an Gott im tatsächlichen Leben miteinander verwoben sind – und das suchende Vertrauen auf Gott großes Trostpotential enthält. Wenig Sinn ergibt in diesem Zusammenhang auch, dass tröstliche Lieder wie „Jesu, meine Freude“ und „Nobody knows the troubles I’ve seen“, nur weil sie auf Jesus fokussieren, in die Kategorie „Jesus, Bruder, Tröster und Erlöser“ ausgelagert werden sollen.

Zu verkopft und kompliziert: Allen Menschen recht getan?

Natürlich fallen gerade bei so individuellen und intimen Themen wie Trauer, Leid, Tod und Zweifeln sowohl die Liedauswahl (für das analoge Gesangbuch) als auch die Verteilung der Lieder und Texte auf Kategorien schwer, da Menschen mit diesen Situationen sehr unterschiedlich umgehen. Die große Menge an Unterkategorien mag ein Versuch sein, diese prinzipielle Schwierigkeit aufzulösen. In meinen Augen misslingt er (bisher).

Die grundsätzliche Spannung zwischen dem Anliegen des Gesangbuchs, vielfältige Frömmigkeitsformen und damit auch vielfältige, nicht untereinander harmonisierende Wege, mit Leid, Trauer und Trost umzugehen, abzubilden, und der ausdifferenzierten Struktur, die versucht, Lieder in relativ feste, situationsgebundene Anlässe einzuteilen, kann vermutlich nicht vollständig aufgelöst werden. Die aktuell anvisierte – vielleicht jede? – Aufteilung läuft Gefahr, implizit Vorgaben zu machen, was berechtigter Teil eines Glaubensleben ist und wie mit welchen Situationen umgegangen werden sollte. Das läuft dem selbstformulierten Anspruch entgegen, im neuen EG vielfältige Frömmigkeiten abzubilden.

Gestaltungsentwurf neues Evangelisches Gesangbuch (Bild: EKD)

Besonders das von den Autor*innen aufwändig entfaltete Zeiten-Konzept des neuen Evangelischen Gesangbuchs hält dieser – unaufhebbaren? – Spannung nicht stand. Vor allem im letzten Drittel fällt es in sich zusammen, da die Zeiten von Leben und Welt zwar linear ablaufen, aber die in dieser Zeit aufkommenden Themen und existentielle Fragen sich eben nicht in ein lineares Muster pressen lassen. Trauer, Freude, Glaubenszweifel, Sorgen und Trost kehren wieder, sind miteinander verschränkt und überzeitlich aufeinander bezogen.

Das eigene Leben in der Welt ist im Glauben mit dem Leben der Welt untrennbar verbunden. Gotteszeit und unser Alle(r)zeit fallen im Glauben an das Wirken Jesu Christi und des Heiligen Geistes ineinander. Ein Gesangbuch, das zum Lebensbegleiter werden möchte, sollte dieses – sicher differenzierte – Zeiterleben nicht durch eine verkopfte Übervielfalt an Kategorisierungen auseinanderreißen, sondern zusammenhalten.

Wie Jonah Klee aus der Gesangbuchkommission hier in der Eule geschrieben hat, wird das neue EG kein Buch sein, „das allen gleichermaßen entspricht“. Hanno Terbuyken schrieb ebenfalls hier in der Eule über die bisher noch ausgelassenen Möglichkeiten eines wirklich digitalen Gesangbuchs. Deutlich wird, dass die Arbeit am neuen EG längst noch nicht abgeschlossen ist.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass neben der Liedauswahl auch die neue Kategorienvielfalt ein Ergebnis des typisch evangelischen Gremienganges ist, auf dem man es möglichst allen Beteiligten mit (Schein-)Kompromissen recht machen will. Vielleicht ist es nun, nach der Erprobungsphase, auch Zeit, wenn schon nicht die gesamte Zeiten-Konstruktion infrage zu stellen, so doch aber ihre allzu elaborierten Triebe zu kürzen. Noch ist jedenfalls Zeit, sich (neu) darauf zu fokussieren, ein möglichst übersichtliches und stimmiges Gesamtwerk zu schaffen.


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