Interview Evangelische Jugend

„Denkt auch mal jemand an die Jugend?“

Rechtsradikalismus, sexualisierte Gewalt und Druck aus der Politik: Die Evangelische Jugend steht vor großen Herausforderungen. Wie begegnet sie ihnen?

Eule: Um gleich zu Beginn ein wenig zu orientieren: Was ist der Job der Generalsekretärin der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej)?

Annika Schreiter: Es mag sich ein wenig antiquiert anhören, aber eigentlich geht es nur darum, dass eine Organisation, die einen Vorstand hat, auch jemanden braucht, der das Tagesgeschäft leitet. Als Generalsekretärin leite ich die Geschäftsstelle der aej mit ihrem Referent:innen-Team und repräsentiere die Evangelische Jugend gegenüber Akteur:innen aus Politik und Kirchen. Die aej hat über 30 sehr unterschiedliche Mitgliedsverbände. Deshalb darf ich als Generalsekretärin häufig auch moderieren und, wenn nötig, schlichten.

Eule: Beim Stichwort Evangelische Jugend denken viele an Jugendfreizeiten, an die Junge Gemeinde, an Pfadfinder:innen … die sind alle in der aej dabei?

Schreiter: Ja, und auch noch ein paar mehr, von denen man es vielleicht gar nicht so vermutet. Neben den Jugendverbänden aus den evangelischen Landeskirchen zum Beispiel auch viele der freikirchlichen Jugendwerke. In der aej leben wir innerevangelische Ökumene. Und dann haben wir einige außerordentliche Mitglieder, die aus dem Schema Jugendverband ein wenig rausfallen, wie zum Beispiel das Studienzentrum Josefstal.

Komplexe Strukturen können wir in evangelischen Kontexten super gut und das zeigt sich auch im Jugendbereich. Unsere Strukturen sind nur schwierig nachvollziehbar, wenn man nicht drin steckt. Ich bin jetzt ein halbes Jahr Generalsekretärin und entdecke immer wieder Gremien, von denen ich vorher nichts wusste.

Eule: Die Evangelische Jugend organisiert sich selbst, bleibt aber doch auf die evangelischen Kirchen bezogen. Ein harmonisches Miteinander?

Schreiter: Unsere Kernaufgabe ist es, Jugendlichen einen wertebasierten Raum zu bieten, indem sie sich selbst entfalten können und den sie selbst organisieren dürfen. Das macht Jugendverbandsarbeit aus. Gleichzeitig sind viele unserer Mitglieder in dieser Eigenständigkeit Teil von Kirche. Das ist schon ein Spannungsverhältnis.

Die verfasste Kirche findet es natürlich sehr gut, dass die Evangelische Jugend mit ihren vielen Ehrenamtlichen vielfältig engagiert ist und ein breites Angebot anbietet. Andererseits gibt es immer mal wieder Aufregung, wenn man einen Jugendverband zum Gegenüber hat, der seinen eigenen Kopf hat und auch eigene Ideen, der sich nicht vereinnahmen lässt.

Eule: Ein Konfliktfeld mit der verfassten Kirche sind derzeit die Anerkennungsleistungen für Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen waren/sind (wir berichteten). Die aej fordert in einem Beschluss vom November 2025, bei den Anerkennungsverfahren miteinbezogen zu werden. Hier will die Jugend doch unter den Schirm der Kirche?

Schreiter: Unsere Eigenständigkeit hat natürlich Grenzen. Als Jugendverbände bedürfen wir der staatlichen Förderung und der Unterstützung der verfassten Kirche. Gleichzeitig steht uns die staatliche Förderung als eigenständiger Jugendverband auch zu. Bei den Anerkennungsleistungen stehen die Betroffenen im Fokus. Es ist klar, dass wir allein die Leistungen in der gebotenen Höhe nicht stemmen können.

Viele Jugendverbände dürfen wegen ihrer Gemeinnützigkeit schon rein rechtlich keine großen Rücklagen aufbauen, aus denen Anerkennungsleistungen bezahlt werden könnten. Wir sind darauf angewiesen, dass Kirche und Diakonie uns in die Verfahren einbeziehen. Als evangelische Jugendverbände sind wir bereit, im Rahmen unserer Möglichkeiten auch einen finanziellen Beitrag zu leisten. Würden wir aber von Kirche und Diakonie im Stich gelassen, könnte das manche Verbände schnell überfordern. Auch den Betroffenen wäre damit sicher nicht gedient.

Eule: Was hat sich seit November in dieser Angelegenheit getan?

Schreiter: Das landeskirchlich-föderale System kommt in dieser Frage wirklich an seine Grenzen und beginnt furchtbar zu quietschen. Ziel unseres Beschlusses vom Herbst 2025 war eine bundeseinheitliche Lösung, um zu vermeiden, dass ein Flickenteppich entsteht und Betroffene, je nachdem wo sie sich melden, mit unterschiedlichen Regelungen konfrontiert sind. werden. Das müssen wir unbedingt verhindern!

Da nun aber die Anerkennungsleistungskommissionen von Kirche und Diakonie regionalisiert wurden, müssen wir evangelischen Jugendverbände uns da einpassen. Eine bundeseinheitliche Lösung, wie wir sie im Herbst gefordert haben, wird es nicht geben. Derzeit verhandeln unsere Mitgliedsverbände je einzeln mit „ihren“ regionalen Verbünden für die Anerkennungsverfahren, ob und wie sie in das System hineinpassen. Die evangelischen Landeskirchen und Diakonie-Landesverbände haben sich zu neun regionalen Verbünden zusammengeschlossen. Ein Problem ist bereits, dass die Jugendverbände nicht deckungsgleich mit diesen sind. Es gibt Jugendverbände, die mit vier oder fünf Verhandlungspartnerinnen konfrontiert sind.

Im Dialog zwischen EKD und aej sind wir gerade dabei, eine Musterlösung zu erstellen, so dass nicht jede Verhandlung bei Null anfangen muss und vergleichbare Lösungen möglich werden. Die Verhandlungen über die Aufnahme der Jugendverbände laufen derweil weiter. In manchen Verbünden steht eine Vereinbarung schon kurz vor der Unterzeichnung.

Eule: Wir wissen aus der „ForuM-Studie“ und anderen Aufarbeitungsstudien, dass vor allem junge Menschen von sexualisierter Gewalt betroffen waren – und weiterhin sind. Gibt es denn aktuelle Betroffenenzahlen für die Evangelische Jugend?

Schreiter: Nein, die gibt es nicht. Bei der aej werden weder aktuelle Meldungen noch die Gesamtzahl von Fällen sexualisierter Gewalt erfasst. Wir haben eine Netzwerkgruppe eingesetzt, die Akteur:innen aus den Mitgliedsverbänden zusammenführt, die auf dem Handlungsfeld agieren, und den gegenseitigen Austausch unterstützt. In diesem Bereich werden wir in den kommenden Jahren auch auf Bundesebene weitere Kapazitäten aufbauen müssen.

Eule: Ist es nicht ein Widerspruch, dass sich Jugendverbände nach der EKD-Gewaltschutzrichtlinie richten, also bei Prävention und Intervention mitmachen, aber bei den Anerkennungsleistungen und Aufarbeitung außen vor gelassen werden?

Schreiter: Das ist nicht ganz richtig. Für die aej bin ich beispielsweise Mitglied in den AGs des Beteiligungsforums in der EKD und Diakonie (BeFo), die sich mit den Anerkennungsverfahren und der Überarbeitung der Gewaltschutzrichtlinie befassen. Die Jugendverbände werden schon mitgedacht, aber sie stehen, das ist richtig, absolut nicht im Fokus. Das sieht man schon daran, wie viele Plätze uns in solchen Gremien eingeräumt werden. Ich sitze da häufig alleine und erinnere: Denkt auch mal jemand an die Jugend?

Wir haben als Evangelische Jugend übrigens auch viel einzubringen: Gerade in der Kinder- und Jugendarbeit arbeiten wir flächendeckend mit Schutzkonzepten, waren und sind führend bei der Prävention. Wenn man sich einmal anschaut, wer in den kirchlichen Fachstellen zu sexualisierter Gewalt arbeitet, dann entdeckt man zu großen Teilen Menschen, die aus der Jugendarbeit kommen, weil das Thema bei uns schon viel länger präsent ist.

Eule: Ich erinnere mich an eine JuLeiCa-Schulung in der Evangelischen Jugend in Dresden, die ich vor 15 Jahren absolviert habe, bei der das Thema Missbrauch zumindest nicht ausgespart wurde. Damals gab es schon eine Form der Selbstverpflichtung für ehrenamtliche Mitarbeiter:innen.

Schreiter: Seitdem sind wir mit Schutzkonzepten, Präventionsschulungen für Haupt- und Ehrenamtliche und vor allem bei der Verbindlichkeit der Regelungen weitergekommen – auch wegen der EKD-Gewaltschutzrichtlinie. Bei deren Überarbeitung nehmen wir derzeit übrigens ein wenig Abstand von der Fokussierung auf vulnerable Gruppen wie Kinder und Jugendliche. Alle Menschen, die irgendwie in der Kirche tätig sind und leben, haben ein Recht auf Schutz.

Das Lebensalter ist ein wichtiger Faktor, wenn es um Machtgefälle in Beziehungen geht, aber es ist keineswegs der einzige. Auch in der Kinder- und Jugendarbeit geht Gefahr nicht ausschließlich von Erwachsenen aus, es gibt auch Peer to Peer-Gewalt. Wenn wir uns allein auf den Altersunterschied als Risikofaktor fokussieren, dann übersehen wir große Teil dessen, was hochproblematisch bei uns ist.

Eule: In diesem Frühjahr wurde eine Aufarbeitungsstudie für den Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) veröffentlicht, der Mitglied in der aej ist (wir berichteten). Was kann die Evangelische Jugend insgesamt aus der Studie lernen?

Schreiter: Wir haben uns im Vorstand bereits mit der Studie befasst und gerade in dieser Woche findet eine Veranstaltung statt, bei der wir besprechen wollen, was sich aus ihren Ergebnissen für die anderen Mitgliedsverbänden ergibt. Es ist sehr gut, dass es die VCP-Studie gibt! Ihre Befunde decken sich weitestgehend mit den Erkenntnissen, die wir bereits aus der „ForuM-Studie“ gewonnen hatten. Interessant sind für uns natürlich die jugendverbandsspezifischen Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt, die deutlich benannt werden.

Eule: Die VCP-Studie problematisiert mit Autonomie, Verantwortungsbewusstsein und Gemeinschaftssinn ausgerechnet zentrale Ziele der Pfadfinder*innen-Arbeit.

Schreiter: Jugendlichen viel zuzutrauen, ihnen Möglichkeitsräume zu eröffnen, das gehört zur DNA der gesamten Evangelischen Jugend. In der VCP-Studie sehen wir bestätigt, dass wir Jugendlichen in unseren Gemeinschaften sehr viel Eigenständigkeit ermöglichen – so viel, dass sie manchmal leider nicht mehr um Hilfe bitten, selbst wenn sie die eigentlich dringend brauchen würden.

Wir müssen ebenfalls stärker reflektieren, was es für unsere Verbände bedeutet, dass Jugendliche in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich weit entwickelt sind. Ein:e Sechzehnjährige:r kann prima an der Organisation einer Ferienfreizeit mitwirken oder Kleingruppen leiten, ist aber eben nicht auch zwingend in der Lage sich selbst in ihrer sexuellen Orientierung zu beschreiben und sagen zu können, wo ihre Grenzen liegen. Dieser Studienbefund muss im Hinblick auf sexualpädagogische Konzepte und Schutzkonzepte reflektiert werden.

Eule: Als einen weiteren Risikofaktor benennt die VCP-Studie den Alkoholkonsum im Verband. Noch viel deutlicher wird diesbezüglich die Studie für die Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DSPG, s. hier & hier in der Eule).

Schreiter: Ja, damit werden wir uns in der aej intensiver als bisher beschäftigen müssen. Wichtig ist der Hinweis, dass Täter Alkohol strategisch zum Grooming einsetzen. In unseren Schutzkonzepten wird das mitbedacht und die Umsetzung der Jugendschutzgesetze ist in unseren Mitgliedsverbänden völlig unstrittig.

Zugleich sehen wir, dass gerade dort, wo erwachsene Haupt- und Ehrenamtliche mitwirken, beispielsweise bei Gremiensitzungen, nach getaner Arbeit auch Alkohol getrunken wird. Ich finde nicht, dass Jugendverbandsarbeit und Alkohol Hand in Hand gehen müssen. Alkohol als Ermöglichungsfaktor für sexualisierte Gewalt ist nämlich keineswegs nur für Minderjährige relevant.

Der Umgang mit Alkohol ist regional offenbar sehr unterschiedlich, es kommt stark auf Traditionen und die Sozialisation vor Ort an. Alkoholkonsum ist in unserer Gesellschaft immer noch ein total normaler Teil der Kultur. Jenseits unserer Mitgliedsverbände, beispielsweise bei Sportvereinen, Freiwilligen Feuerwehren und Jugendreiseanbietern haben wir übrigens das gleiche Problem.

Eule: In den evangelischen Landeskirchen wird intensiv daran gearbeitet, die eigenen Gremien vor dem Einfluss der AfD zu schützen. Dabei geht es um Selbstverpflichtungen und manchmal auch Unvereinbarkeitsbeschlüsse. Ist das für die Evangelische Jugend überhaupt ein Thema?

Schreiter: Wir haben auch dazu einen Beschluss unserer Mitgliederversammlung und prüfen gerade, welche Maßnahmen für uns als aej auf der Bundesebene überhaupt möglich sind. Der VCP hat bereits einen Unvereinbarkeitsbeschluss – also ganz scharf formuliert, dass eine zeitgleiche Mitgliedschaft in AfD und VCP nicht möglich ist.

Eule: Ist denn eine Unterwanderung durch AfD-Funktionär:innen überhaupt ein realistisches Szenario? Gibt es AfD-Mitglieder, die in Gremien wie Landesjugendkonventen oder Verbändevorständen mitarbeiten wollen?

Schreiter: Eher nein. Wir sehen vielmehr, dass die Evangelische Jugend von der AfD als Gegnerin markiert wird. Wenn man sich jetzt gerade in Sachsen-Anhalt das Wahlprogramm der AfD anschaut, kann man nicht von Unterwanderung sprechen, sondern von einer klaren Frontlinienziehung. Und trotzdem prüfen wir, wie wir unsere Strukturen resilient aufstellen können. Da sind andere Stellschrauben vermutlich gerade wichtiger als Unvereinbarkeitsbeschlüsse. Die Evangelische Jugend hat klare Positionen für Vielfalt und Demokratie und auch was ihr Verhältnis zu queeren Menschen angeht. Das macht uns unattraktiv für Menschen mit einem völkischen Weltbild.

Eule: Derzeit geraten Projekte und Organisationen, die sich für die Stärkung von Demokratie und Vielfalt einsetzen, politisch unter Druck. Die aej-Mitgliedsverbände sind in vielerlei Hinsicht auf staatliche Förderung angewiesen. Wie groß ist denn eigentlich die Angst in der Evangelischen Jugend vor der aktuellen Bundesregierung, beispielsweise am Fördertopf benachteiligt zu werden?

Schreiter: Von Angst möchte ich nicht sprechen, eher von streitigen Auseinandersetzungen. Dass sich in einem CDU-geführten Jugendministerium ein anderes Bild von der Situation und den Bedürfnissen junger Menschen gemacht wird, als es die aej vertritt, ist, glaube ich, kein Geheimnis. Wir gehen da in zum Teil harte Diskussionen, aber wir halten Kontakt miteinander und bislang mache ich mir keine Sorgen, dass wir keine Förderung mehr bekommen.

Eule: Worüber wird denn gestritten?

Schreiter: Wir müssen heute gegenüber der Politik den Wert einer eigenständigen Jugendverbandsarbeit aufwendiger erklären als noch vor ein paar Jahren. Derzeit wird zum Beispiel darum verhandelt, wie sie sich zur Schule als Lernort verhält, Stichwort Ganztagsschule. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass wir Politik und Verwaltung erklären müssen, warum es gut ist, dass christliche Kirchen als Jugendhilfeträger agieren. Auf einmal wird diese Frage gestellt.

Eule: Ist es nicht paradox, dass den Kirchen und den christlichen Jugendverbänden gerade aus der Christdemokratie so viel Misstrauen entgegenschlägt?

Schreiter: Ich glaube, Misstrauen ist das falsche Wort. Vielmehr müssen wir Politiker:innen aller demokratischen Parteien häufiger als früher erklären, was wir als Kirchen und Jugendverbände eigentlich machen, wie wir unsere Arbeit strukturieren und was uns antreibt. Wir erleben, dass sich ein Narrativ der Neutralität in vielen Köpfen festgesetzt hat, demzufolge Jugendverbände weltanschaulich oder gesellschaftspolitisch zur Neutralität verpflichtet wären. Das wäre jedoch völliger Quatsch und das Gegenteil von Subsidiarität.

In manche Verwaltungen ist dieses Narrativ, christliche Träger seien nicht neutral genug, bereits eingekehrt. Dagegen zu argumentieren, ist schon sehr mühsam. Die Evangelische Jugend ist parteipolitisch neutral, aber wir sind christlich, wir sind evangelisch. Wir stehen ganz klar für christliche Werte ein – und das ist nicht neutral.


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Das Interview führte Eule-Redakteur Philipp Greifenstein.

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