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Frau Doktor (6): Eine Zeit der Weichenstellungen

Annika Schreiter hat über die politische Kommunikation von Jugendlichen promoviert. Davon profitiert auch ihre Arbeit an einer Evangelischen Akademie.

Es gibt da diese Website, auf der frisch Graduierte die Ergebnisse ihrer Arbeit in einem Satz zusammenfassen. Mein Satz würde wohl lauten: Die politische Kommunikation Jugendlicher ändert sich nach dem Schulabschluss nicht so wirklich.

Wenn man mehrere Jahre Arbeit in nur einem Satz zusammenfasst, kann nur Banales dabei herauskommen. Diese Website zeigt aber schön, wie wahnsinnig schwierig es ist, mal eben zu erklären, was frau in einer ganzen Doktorarbeit getrieben hat. Ich versuche, von vorne anzufangen, und – habe Eule sei Dank – mehr als einen Satz zur Verfügung.

Seit mehreren Jahren arbeite ich bei der Evangelischen Akademie Thüringen als Studienleiterin für politische Jugendbildung. Meine Promotion habe ich berufsbegleitend im Promotionskolleg „Communication and Digital Media“ der Universität Erfurt abgelegt im Schnittbereich von Kommunikationswissenschaft, Medienpädagogik, Jugendforschung und politischer Bildung. Schon diese wilde Mischung zeigt, dass meine Arbeit einerseits in vielen Praxisbereichen anschlussfähig ist, ich andererseits damit aber eine Grenzgängerin bin, die in der Wissenschaft eher als exotisch wahrgenommen wird.

Eine Zielgruppe, die mir am Herzen liegt

Aber anfangen wollte ich ja von vorne: Ich habe Medien- und Kommunikationswissenschaft in Mannheim studiert. Ursprünglich mal mit dem Ziel journalistisch zu arbeiten. Damit hatte ich durch mehrere Praktika und freie Mitarbeit bei diversen Zeitungen schon Erfahrungen gesammelt. Ziemlich schnell wurde mir allerdings klar, dass die sozialwissenschaftliche Forschung mich ungemein reizt. Genau wie im Journalismus beobachtet man fortwährend Gesellschaft, entdeckt und formuliert relevante Fragestellungen, geht ihnen nach, trifft Menschen, darf sie kennenlernen, erfahren, wie sie ticken und Gesellschaft gestalten.

Nach meinem Bachelor entschied ich mich daher für einen forschungsintensiven Master und ging nach Erfurt, um Kinder- und Jugendmedien zu studieren. Seitdem ich selbst Teenagerin war, habe ich in der kirchlichen Jugendarbeit mitgearbeitet. Dieser Masterstudiengang gab mir nun die Chance, mein Forschungsinteresse mit der Zielgruppe zu verbinden, die mir besonders am Herzen lag und liegt.

Zwei Jahre Masterstudium vergingen wie im Flug und mir war danach klar, dass ich noch lange nicht fertig war mit dem Lernen und Forschen. Meine Masterarbeit schrieb ich zur Bedeutung von Online-Partizipation für Jugendliche. Das Thema politischer Auseinandersetzung und Teilhabe junger Menschen war eines, mit dem ich mich gerne viel länger und intensiver auseinandersetzen wollte.

Ich arbeitete zu der Zeit als Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Kinder- und Jugendmedien von Prof. Dr. Sven Jöckel. Er schlug mir vor, meine Masterarbeit am Promotionskolleg „Communication and Digital Media“ der Universität Erfurt zu einer Dissertation auszubauen. Lange überzeugen musste er mich nicht und ich begann, mich nach einer Finanzierungsquelle umzusehen.

Eine freie Stelle am Lehrstuhl gab es gerade nicht und die Chancen, ein Stipendium in diesem sehr frühen Stadium einer Promotion zu bekommen, waren schlecht. Außerdem wird mir sehr schnell langweilig und die Aussicht, mich jahrelang nur mit meiner Forschungsarbeit zu beschäftigen, war für mich nicht gerade verlockend. Berufsbegleitend zu promovieren erschien mir daher als der geeignetere Weg.

An die Akademie

Eher durch Zufall stieß ich auf eine Stellenanzeige der Evangelischen Akademie Thüringen. Gesucht wurde eine Assistenz des Akademiedirektors mit einer halben Stelle. Damals hätte ich niemals geahnt, dass ich fast 9 Jahre später diesen Text – Gott sei Dank! – immer noch in meinem Büro in der Evangelischen Akademie in Neudietendorf schreibe.

Ich fing als Assistenz an der Akademie an, arbeitete dem Direktor zu und lernte die Konzeption und Organisation von Bildungsveranstaltungen von der inhaltlichen Vorarbeit, über das ganze organisatorische Drumherum bis hin zur Durchführung. Parallel begann ich im Promotionskolleg die Fragestellung für meine Dissertation zu entwickeln.

So ein Thema dreht und windet sich und die wenigsten Doktorand*innen kommen am Ende da raus, wo sie ursprünglich hinwollten. Mein Anfangsinteresse richtete sich auf die Rolle von Online-Medien für die politische Partizipation Jugendlicher. Die Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand brachte mich aber relativ schnell dazu, dass Partizipation verstanden als freiwilliges und bewusstes Handeln um politische Prozesse mitzugestalten bei Jugendlichen eher eine Seltenheit ist.

Ich muss vielleicht dazu sagen, dass ich 2012 mit meiner Arbeit begann und Greta Thunberg damals noch lange keine Symbolfigur einer weltweiten Jugendbewegung war. Online-Partizipation wiederum war der Ausnahmefall innerhalb der Nische. Es gab und gibt durchaus technik-affine und politisch hochinteressierte Jugendliche, die sich für netzpolitische Fragestellungen über Online-Tools einbringen. Mir wurde aber klar, dass die Betrachtung des Phänomens Online-Partizipation die Erforschung eines hochinteressanten Sonderfalls werden würde, der im Bereich der Kommunikationswissenschaft ohnehin schon eher zu viel Aufmerksamkeit erhielt im Vergleich zu seiner gesamtgesellschaftlichen Bedeutsamkeit.

So spannend dieses Feld war, mein Interesse galt der Allgemeinheit der Jugendlichen und insbesondere denen, die sich für Politik weniger interessieren. Warum ist das bei den meisten so? Es kann doch nicht sein, dass Jugendlichen gesellschaftliches Interesse komplett fehlt. Und was bekommen sie von politischen Prozessen mit, die sie betreffen?

Zeit der Weichenstellungen

Ich begann mich also mit politischer Sozialisationsforschung zu beschäftigen und der Frage, wie sich Jugendliche mit Politik (medial) auseinandersetzen. Einer der Professoren am Kolleg riet mir dann: „Wenn du dir eine Entwicklung anschauen willst, dann such dir eine Stelle aus, an der auch etwas passieren muss.“ Als diese Stelle im politischen Sozialisationsprozess identifizierte ich den Schulabschluss.

In der Schule ist jede*r gezwungen, sich zumindest auf Sparflamme mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Schule hat immerhin einen politisch und demokratisch bildenden Auftrag. Aber was passiert, wenn dieser Zwang wegfällt? Außerdem ist das auch der Punkt im Lebenslauf, in der statistisch gesehen Engagement zurückgeht. Jugendliche treten in eine neue Lebensphase ein und dadurch rückt Partizipation in Vereinen oder Initiativen erst einmal in den Hintergrund. Aber galt das auch ganz grundsätzlich für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragestellungen?

Um dem auf den Grund zu gehen, legte ich meine Studie so an, dass ich 12 Thüringer Schüler*innen über die Zeit ihres Schulabschlusses ein Jahr lang begleitete und mehrfach zu Politikinteresse, Engagement und Mediennutzung interviewte. Zudem führte ich auch Interviews mit ihren Eltern und Lehrer*innen, um das Umfeld mit seiner Politikauseinandersetzung möglichst gut zu verstehen.

Innerhalb dieses Jahres lernte ich diese zwölf jungen Menschen, ihre Fragen und Nöte und ihr Umfeld ziemlich gut kennen. Es war total spannend zu verfolgen, wie sich ihr Lebensweg in dieser Zeit der vielen Weichenstellungen entwickelte und wie das wiederum ihren Blick auf Gesellschaft veränderte. Die Ergebnisse, die ich generierte, sind keinesfalls repräsentativ für Jugendliche in Deutschland und nicht einmal in Thüringen. Sie bieten vielmehr einen verstehenden Zugang zu dieser Lebensphase in Bezug zur politischen Sozialisation.

Ein Wagnis mit ungewissem Ausgang

Parallel zu meiner wissenschaftlichen Arbeit, bewarb ich mich auf die Stelle der Studienleiterin für politische Jugendbildung an der Evangelischen Akademie, die gerade frei wurde. Große Chancen rechnete ich mir eigentlich nicht aus. Studienleiterin mit unter 30 und der klaren Ansage: Ich will aber neben der vollen Stelle meine Promotion zu Ende bringen?

Aber das Kuratorium der Evangelischen Akademie Thüringen ließ sich von meinem Konzept überzeugen, meine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der pädagogischen Arbeit der politischen Jugendbildung zu verbinden. Dafür bin ich heute zutiefst dankbar.

Angesichts der Vielzahl an abgebrochenen Promotionen war das definitiv ein Wagnis mit ungewissem Ausgang. Der damalige Akademiedirektor Prof. Dr. Michael Haspel sagte ganz offen zu mir: „Das wird kein leichter Weg, aber einer, den ich dir zutraue.“ Auch für dieses Zutrauen bin ich wahnsinnig dankbar, da ich mich den Schritt in die volle Berufstätigkeit in einer verantwortungsvollen Position sonst vermutlich nicht getraut hätte.

Im Rückblick muss ich sagen, die durchgearbeiteten Wochenenden, die Fachliteratur und den Laptop, die ich mit in den Urlaub nahm, die strapazierte Geduld meines Mannes, weil meine Freizeit oft Forschung hieß statt gemeinsamer Zeit – das alles hat sich gelohnt! Im Sommer 2016 wurde unser Sohn geboren und ich nutzte die Elternzeit, um meine Arbeit abzuschließen.

Auch das ging mit viel Disziplin und einem Baby, das es ganz offensichtlich völlig okay fand, dass ich beim Stillen meine Texte redigierte und er oft im Tragetuch in der Bibliothek oder bei der Promotionskolleg-Sitzung schlief. Alles in allem hatte ich also viel Glück mit einem unterstützenden Umfeld, das mir viele Freiheiten erlaubte und mit mir daran glaubte, dass diese Arbeit kein Zeitfresser, sondern eine lohnende Zukunftsinvestition war.

Die gläserne Decke im Geschlechterverhältnis

Im Juni 2018 verteidigte ich erfolgreich und schon ein halbes Jahr später erschien das Buch im kopaed Verlag. In den Ergebnissen stellte ich unter anderem fest, dass sich die Muster politischer Kommunikation im Wesentlichen während der Schulzeit entwickeln und danach verfestigen, statt sich zu verändern. Daher mein eingangs genannter Zusammenfassungs-Satz.

Jugendliche, die Politik eher meiden, verringerten so in meiner Studie ihre Politikauseinandersetzung auf Sparflamme noch einmal. Diejenigen, die politische Nachrichten routinemäßig und interessiert verfolgten, passten ihre Routinen ihrem neuen Arbeits- oder Ausbildungsalltag an. Und die Hochengagierten, die vor allem für ein bestimmtes Thema wie Klimaschutz brannten, fokussierten sich noch stärker auf ihr Thema.

Seither trage ich nun den Titel Dr. phil. und habe darauf schon ein ziemlich breites Spektrum an Reaktionen erlebt. Die Kommunikationswissenschaft ist generell ein weiblich geprägtes Fach – zumindest auf Studierendenseite. Ich habe aber auch viele Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, und Dozentinnen erlebt, gleichwohl die gläserne Decke im Geschlechterverhältnis dann bei den Professuren sichtbar wird. Im Gegensatz zu vielen Frauen, die im Fach promovieren, gibt es erstaunlich wenig Professorinnen.

In meiner Landeskirche und in meinem Arbeitsumfeld sind Frauen in Spitzenpositionen nichts Ungewöhnliches. In der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hatten wir bis vor Kurzem eine Landesbischöfin und es gibt viele Dezernentinnen, Einrichtungsleiterinnen oder Regionalbischöfinnen.

In der politischen Bildung arbeite ich in einem Bereich, der mit dem Babyboomer-Generationenwechsel gerade deutlich heterogener wird und in dem gegenseitige Wertschätzung etwas ist, was nach meinem Gefühl nicht vom Geschlecht, Alter oder akademischen Grad abhängt. Gerade weil ich ein alltägliches Umfeld habe, in dem ich als junge, promovierte Frau hauptsächlich Selbstverständlichkeit und Wertschätzung erfahre, irritiert es mich umso mehr, wenn dem mal nicht so ist.

Disziplin und Durchhaltevermögen

Vor allem von Männern im Kontext meiner Bildungsveranstaltungen bekomme ich des Öfteren die halb spöttische, halb ehrlich verwunderte Frage: „Worin hast Du denn einen Doktor?“ Mir wurde auch schon mal als einzige auf einem Podium der Titel auf dem Namensschild gestrichen, weil eine der Organisatorinnen von einem Fehler ausging, da ich so jung aussähe.

Ich merke sehr häufig, wie Menschen den Tonfall in Richtung mehr Höflichkeit verändern, sobald sie von meinem Titel erfahren. Das ist zwar im Zweifel angenehmer, aber im Grunde nicht gerade wertschätzend. Und dann gibt es diese seltenen, aber wiederkehrenden Situationen, in denen wiederum nur Männer meinen Titel als eine Art subtile Beleidigung verwenden. Das sind solche Situationen, in denen überdeutlich auf meinen Titel hingewiesen und im gleichen Satz klar gemacht wird, dass ich gerade inkompetent bin oder etwas vergessen oder übersehen habe. Also sowas wie: „Na Frau Doktor, jetzt wissen Sie wohl nicht weiter!“ Als würde das Führen eines Doktortitels dazu verpflichten, alles zu können, zu wissen und grundsätzlich durchdacht zu haben.

Das tut es nicht. Ich trage diesen Titel mit Stolz, weil ich weiß, wie hart ich dafür gearbeitet habe. Aber ansonsten ist er vor allem ein Zeichen dafür, dass frau Disziplin und Durchhaltevermögen hat, ein Thema mit den Methoden ihres Fachbereichs schlüssig aufarbeiten kann und im besten Falle einen winzig kleinen Teil zum Erkenntnisfortschritt ihres Faches beigetragen hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

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