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Frau Doktor (2): Horizont in Sicht

Andrea Hofmann hat über Psalmen in den Liedern der Reformation promoviert. Ein Meilenstein auf ihrem Weg in der Wissenschaft:

„Willst Du Pfarrerin werden?“ fragte meine Oma, als ich überlegte, in der 9. Klasse Altgriechisch als dritte Fremdsprache zu wählen. Den Gedanken fand ich komisch, auch wenn er gar nicht so abwegig war.

Ich wuchs in einem evangelischen Elternhaus auf, in dem Kirchenmusik eine wichtige Rolle spielte. Mein Großvater aus der anderen Familienhälfte war Pfarrer. Ich spielte Klavier, sang im Chor und kannte viele Gesangbuchlieder auswendig. Kirchliche Jugendarbeit lernte ich bei der Katholischen Jungen Gemeinde (KjG) kennen. Pfarrerin wollte ich trotzdem nicht werden – auch, weil ich kaum Frauen kannte, die diesen Beruf ausübten.

Ich wollte Musikwissenschaft in Heidelberg studieren und wählte Theologie als zweites Fach. Als Magisterstudentin, die weder auf Pfarramt noch auf Lehramt studierte, war ich an der Theologischen Fakultät in Heidelberg eine Exotin. Ich fühlte mich aber wohl – in der Theologie und auch in der Musikwissenschaft. Die beiden Fächer boten Berührungspunkte, und der Blick auf bestimmte Themen aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven war spannend.

In einem musikwissenschaftlichen Seminar zu Johann Sebastian Bachs Kantaten habe ich gelernt, Bach nicht in erster Linie als fünften Evangelisten zu stilisieren, sondern analytisch an seine Chor- und Instrumentalwerke heranzugehen. Bachs Chöre sind vermutlich deshalb manchmal so kompliziert, weil er von der Instrumentalmusik her dachte, und vor allem die Matthäuspassion enthält ganz viele Elemente aus der Oper des 17. Jahrhunderts. In Theologieseminaren erarbeitete ich, was für eine Macht der liturgische Gesang entfalten kann und wie wichtig gerade diese Gebrauchsmusik zum Weitertragen von theologischen Ideen bis heute ist.

Ein Faible für Fußnoten

Ich war keine Studentin, die in Seminaren durch lange Diskussionsbeiträge auffiel. Ich schrieb gern wissenschaftliche Texte, arbeitete mich in neue Themen ein und hatte ein Faible für Fußnoten mit einheitlichen Literaturangaben. Daran erinnere ich mich, wenn mir heute Studentinnen in meinen eigenen Seminaren begegnen: Auch ich unterschätze manchmal ruhige Frauen, bis sie das erste Mal eine Hausarbeit einreichen. Es sind nicht nur die Lauten, die etwas zu sagen haben!

Die Uni war für mich nicht nur ein Ort, an dem man lernte und arbeitete, sondern auch ein Stück meines Lebens. Ich war in der Fachschaft der Theologischen Fakultät, und stundenlang saßen wir entweder im Fachschaftskeller, an der Neckarwiese oder in einer Heidelberger Altstadtkneipe.

Schon während der Schreibphase der Magisterarbeit hatte der betreuende Professor Andeutungen im Hinblick auf eine Promotion gemacht, aber wir wollten mit konkreteren Überlegungen warten, bis das Examen vorbei war. Am Tag vor meiner letzten mündlichen Examensprüfung in Musikwissenschaft schrieb mir der Professor eine Mail, in der er zu allen bisher bestandenen Prüfungen gratulierte und schrieb, ich sollte mich schnell melden, wenn alles rum sei. Wir könnten dann gemeinsam konkret über ein Promotionsthema nachdenken – ich habe mich wahnsinnig gefreut!

So bin ich vom Studium in die Promotionszeit gerutscht, konnte in Heidelberg wohnen bleiben und in den Bibliotheken der Theologischen Fakultät und des Musikwissenschaftlichen Seminars arbeiten. Das alles wäre ohne meinen Doktorvater nie möglich gewesen, der sich nicht nur für die Doktorarbeit und für mich als Person interessierte, sondern auch dafür, dass ich genug Geld zum Leben hatte. Ich arbeitete 1 ½ Jahre im Prüfungsamt der Theologischen Fakultät und bekam dann ein Stipendium, mit dem ich noch einmal 2 ½ Jahre sehr sorgenfrei forschen konnte. Das ist ein riesiges Privileg – viele Promovend*innen haben diese Sorgenfreiheit nicht.

„Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst“

Das Thema der Doktorarbeit verband Kirchengeschichte und Musikwissenschaft, und damit wurde es zu meinem Thema: Es ging um die Rezeption von Psalmen im Liedgut der Reformationszeit aus einer interkonfessionellen Perspektive. Das sog. Psalmlied war eine Gattung, die nicht nur den Gemeindegesang, sondern auch die Kirchenmusik und die Literatur in allen Konfessionen bis heute geprägt hat. Dabei changiert die Bearbeitung der Psalmen zwischen konfessionellen Austauschprozessen und Abgrenzungsmechanismen.

In den 1520er-Jahren machte Martin Luther seine neuen theologischen Ideen, die er bisher vor allem im universitären bzw. politischen Kontext geäußert hatte, auch für das Frömmigkeits- und Gemeindeleben seiner Zeit fruchtbar. Ein wichtiges Produkt dieser Zeit waren geistliche Lieder, die er ab 1523 dichtete. Luther nahm dabei zunächst die alttestamentlichen Psalmen als Vorbilder und verwandelte sie in deutsche Lieder mit Melodien, die an bekanntes Liedgut der damaligen Zeit anknüpften. Er hielt sich nicht sklavisch an die alttestamentlichen Texte, sondern machte die Psalmen für seine eigene Zeit und ihre Kontexte passend.

Ein bekanntes Beispiel für Luthers Psalmeninterpretation im Lied ist die zweite Strophe von „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, dem Lied zu Psalm 130. Während es dort in Vers 4 heißt „Denn bei dir ist Vergebung, dass man dich fürchte“, integrierte Luther in die zweite Strophe seines Liedes die Rechtfertigungslehre:

„Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,
die Sünde zu vergeben;
es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben
Vor dir niemand sich rühmen kann;
des muss dich fürchten jedermann
und deiner Gnade leben.“

Durch das Singen dieser Lieder, so hoffte Luther, sollte das Evangelium verkündigt werden, und zwar von der ganzen Gemeinde, nicht nur vom Pfarrer. Luthers Liedschaffen blieb nicht folgenlos: Viele Dichter aus seinem Umfeld folgten seinem Beispiel. Man brauchte die neuen deutschen Lieder für die private Hausandacht, aber immer mehr auch für die neuen deutschsprachigen Gottesdienste.

Während Luther selbst nur wenige der 150 Psalmen zu Liedern umgedichtet hatte, entstanden bald ganze Psalmengesangbücher, in denen mehrere Autoren und Komponisten Lieder zu jedem einzelnen der 150 Psalmen veröffentlichten. Es gab auch Dichter, die selbst zu jedem der 150 Psalmen ein Lied im Stil der Lutherlieder schrieben und eigene vollständige Liedpsalter publizierten.

Fluide Konfessionsgrenzen

Ein Zentrum der deutschen evangelischen Lieddichtung wurde Strasbourg. Dort war Johannes Calvin von 1538 bis 1541 Leiter einer französischsprachigen Flüchtlingsgemeinde. Calvin etablierte die Idee des Psalmliedes auch im französischsprachigen Kontext: Der Dichter Clément Marot hatte einige Psalmen in französische Gedichte umgeformt und Calvin versah sie mit Melodien, die er aus dem Strasbourger Liedrepertoire kannte.

Wieder in Genf ließ Calvin dieses in Strasbourg begonnene Gesangbuch Stück um Stück von Dichtern und Komponisten erweitern, bis schließlich alle 150 alttestamentlichen Psalmen als französische Lieder vorlagen – das Gesangbuch wird bis heute „Genfer Psalter“ oder auch „Hugenottenpsalter“ genannt.

Im Gegensatz zu Luther war es Calvin wichtig, dass die französischsprachigen Übertragungen ganz nah am Bibeltext blieben. Hatte Luther unterschiedliche Melodieformen für die Texte seiner Psalmlieder ausprobiert, ähneln sich die Melodien des Genfer Psalters in ihrer Form: Sie sind meist in einer geraden Taktart (um nicht an einen Tanz zu erinnern), haben keine komplizierten Rhythmen oder große Tonsprünge. Die Melodien unterstützen den Text, der, in Calvins Auffassung, direktes Wort des Heiligen Geistes war und zum Gebet der Gemeinde werden sollte.

Schon bald verbreiteten sich die Genfer Psalmen in ganz Europa, parallel zur Ausbreitung des Calvinismus. In Deutschland fertigte Ambrosius Lobwasser eine deutsche Übersetzung an, die lange Zeit das wichtigste Gesangbuch der deutschen reformierten Gemeinden blieb.

Anhand der Psalmlieder lässt sich zeigen, wie fluide die Grenzen zwischen den sich seit der Reformationszeit etablierenden Konfessionen waren und wie sehr man sich sowohl im Luthertum als auch im Reformiertentum und im Katholizismus für die neuen Lieder interessierte, die da auf der jeweils „anderen Seite“ entstanden. Der Genfer Psalter wäre ohne Luthers Lieddichtung nie möglich gewesen. Und die „lutherische“ Kirchenmusik wurde vom Genfer Psalter inspiriert und hat bis heute Genfer Melodien integriert.

Zugleich benutzten vor allem Lutheraner die Psalmlieder vor allem um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert zur Übermittlung von Polemik. War im alttestamentlichen Psalm von „Feinden“ die Rede, konnten sich im Text des entsprechenden Psalmliedes konkrete Hinweise darauf finden, wer die „Feinde“ in der Vorstellung der Lieddichter waren. Diese Vereinnahmung von biblischen Texten wurde im Schriftgut der Zeit immer wieder thematisiert und führte dazu, dass einige Lieder bald nicht mehr gesungen werden konnten.

Andere Psalmlieder sind bis heute Bestandteil unserer Gesangbücher. Sie bildeten die Grundlage für kirchenmusikalische Kompositionen, und sie finden sich an Stellen, an denen man nicht mit ihnen rechnet. Was genau Wolfgang Amadeus Mozart dazu bewogen hat, in der Zauberflöte die Luthermelodie „Ach Gott vom Himmel sieh darein“ zu verwenden, nämlich im Gesang der geharnischten Männer „Der, welcher wandert diese Straße“, hat zu vielen Spekulationen geführt und ist zumindest für mich bis heute nicht sinnvoll geklärt. Mozart, um das noch kurz einzuordnen, war Katholik und außerdem Mitglied einer Wiener Freimaurerloge.

Frei von allen Ablenkungen

Vier Jahre lang habe ich unzählige Gesangbücher aus dem 16. und 17. Jahrhundert durchgeblättert und nach Psalmliedern gesucht. Vieles davon war damals noch nicht digitalisiert. Ich saß in den Staatsbibliotheken in München und Berlin, in der Forschungsbibliothek Gotha, in der Universitätsbibliothek Göttingen und der Johannes a Lasco-Bibliothek in Emden.

Vier Monate verbrachte ich in Wolfenbüttel als Stipendiatin der Herzog-August-Bibliothek. Die malerische niedersächsische Residenzstadt ist der ideale Ort, um frei von allen Ablenkungen arbeiten zu können – und die Bestände der historischen Bibliothek sind großartig, genauso wie die Infrastruktur und die Gemeinschaft von Forschenden aus aller Welt, die dort leben und arbeiten. Hier entstanden Freundschaften, die bis heute bestehen – und ein großer Teil meines Buches.

Überhaupt wäre die Doktorarbeit nie fertig geworden, wenn ich ganz allein vor mich hingearbeitet hätte. Ich brauchte den Austausch mit anderen, mit Freund*innen und Kolleg*innen – fachlich, aber auch zum Kaffeetrinken, Schokolade essen und Kekse backen.

Wir hatten unser eigenes Doktorand*innenkolloquium und trafen uns regelmäßig, um Ergebnisse zu diskutieren, Gliederungen umzustellen und uns zu unterstützen, wenn es mal nicht so gut lief. Wir waren keine reine Arbeitsgemeinschaft, wir waren Freund*innen – und sind es bis heute. Obwohl wir heute alle nicht mehr in Heidelberg leben, arbeiten wir auch weiterhin zusammen. Jetzt diskutieren wir unsere Habilkapitel, und wer weiß, wie es weitergeht …

Dass nach der Promotion auch noch eine Habilitation folgen könnte, habe ich lange nicht für möglich gehalten. Auch da fehlten mir die weiblichen Vorbilder. An der Theologischen Fakultät Heidelberg gab es vor zehn Jahren nur zwei Professorinnen – und war das, was ich machte, überhaupt gut genug?

Die Luft wird dünner

Bevor das Promotionsverfahren abgeschlossen war, bewarb ich mich auf eine Stelle am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz – erfolgreich, so dass ich dort noch vor dem Rigorosum zu arbeiten begann. Jetzt kamen die neuen Herausforderungen als Postdoc – und die Habil, neben ganz vielen anderen Aufgaben im Wissenschaftsbetrieb. Darunter nicht zuletzt auch die Publikation der Dissertation und zwei Jahre später eine kleine zweite Auflage.

Von der Reformationszeit machte ich einen radikalen zeitlichen Sprung und entwickelte ein neues Projekt zur Theologie im Ersten Weltkrieg (siehe hier in der Eule), von der ich zu Beginn so gut wie nichts wusste. Wieder begann die Suche nach Quellen und das Arbeiten in Archiven. Es folgte ein Stellenwechsel als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Humboldt-Universität zu Berlin und ein einjähriger Forschungsaufenthalt an der Universität Strasbourg. Jetzt wird aus der vagen Projektidee tatsächlich ein Buch und ein Ende ist am Horizont in Sicht.

Ich bin in der Wissenschaft geblieben und will das auch weiterhin, auch wenn die Luft dünner wird, der Konkurrenzdruck größer, ich immer noch leise in Diskussionen bin, und es leider immer noch passiert, dass ich als Frau abschätzige Kommentare von männlichen Kollegen zu hören kriege. Mittlerweile kenne ich aber Frauen in der Wissenschaft, die für mich zu Vorbildern geworden sind, und das hilft enorm.

Ich will dazu beitragen, dass Frauen in der Kirchen- bzw. Christentumsgeschichte noch stärker präsent werden als bisher – als Wissenschaftlerinnen, aber auch mit neuen Themen. Wir haben uns lange auf die „großen Männer“ konzentriert – aber auch die Texte von Argula von Grumbach oder Katharina Schütz Zell sind ernstzunehmender Teil der Reformationszeit, nicht nur die Schriften von Martin Luther und Johannes Calvin.

Viele andere Quellen von Frauen liegen immer noch unbearbeitet in den Archiven und Bibliotheken! Ich habe immer gern zu den kleinen Textformen gearbeitet, zu Liedern und Predigten, weil sie mich ein Stück weit in die Frömmigkeit und das Alltagsleben von Menschen hineinnehmen – sie sind auch ein Teil der Kirchengeschichte, zu der Frauen selbstverständlich gehören.

Wichtig ist mir außerdem der interdisziplinäre Austausch: In der Kirchengeschichte liegt es nahe, mit Historiker*innen zu reden. Aber auch Germanist*innen und Musikwissenschaftler*innen sind für mich wichtige Gesprächspartner*innen. Was sagen Leute aus anderen Disziplinen zu meinen Quellen? Welche Fragen stellen sie, auf die ich nie gekommen wäre? Was finden sie an meinen Zugängen interessant, was nicht?

Und ich glaube, dass wir das, was wir forschen, publik machen müssen. Dazu gehört zuerst die universitäre Lehre. Forschung ohne Lehre ist für mich nicht mehr vorstellbar. Theologie beschränkt sich nicht nur auf den universitären Kontext, sie gehört in die Kirchen, in die Schulen, in die Gesellschaft. Umgekehrt brauchen wir an der Uni auch den Austausch mit der Welt. Und wir brauchen Frauen im Pfarramt und an der Uni, die zu Vorbildern für andere Frauen werden.

Neue Kolumne: Frau Doktor

In der Serie „Frau Doktor“ berichten Theologinnen von ihrem Weg zum Doktortitel. Im Fokus der Theologie stehen viel zu häufig alte und tote Männer. Wir wollen die Leistungen junger Wissenschaftlerinnen ins rechte Bild rücken. Noch immer trauen sich Mädchen und Frauen eine Wissenschaftskarriere weniger zu als gleichaltrige Jungen und Männer. Wir wollen auch die Herausforderungen für Frauen in der Wissenschaft nicht ausblenden. Deshalb kommen sie hier zu Wort.

Bisher erschienen:

Folge 1: Dr. Teresa Tenbergen – Can a song save your life?
Folge 2: Dr. Andrea Hofmann – Horizont in Sicht
Folge 3: Dr. des. Claudia Kühner-Graßmann – Frauensolidarität darf hier nicht aufhören!
Folge 4: Dr. Christiane Renner – Dr. theol. Christiane