Trainingsdaten fürs Hirn
Das (Medien-)Echo auf die erste Enzyklika von Papst Leo XIV., „Magnfica humanitas“, ist über die Maßen positiv. Was ist dran am „Schlag gegen die KI-Propheten“ – und was hat der Papst denn nun vor?

Liebe Eule-Leser:innen,
das wichtigste Religionsthema dieser Woche auszuwählen, ist ein No-Brainer. Am Montag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika gedroppt und damit weltweit ein intensives Echo ausgelöst. „Magnifica humanitas“ (lat. „großartige Menschheit“, Volltext) ist ein absolut zeitgenössischer Text und kommt genau zur rechten Zeit. Bereits am Erscheinungstag hatte ich hier in der Eule die Mixtur „aus Digital- und Friedensdenkschrift“ und Regierungsprogramm für Leos immer noch junges Pontifikat kommentiert.
No-Brainer – „ohne Hirn“, das heißt ohne großen Aufwand veständlich, nahezu kinderleicht zu verstehen – sind auch viele der (digital-)politischen Positionen, die Papst Leo in der Enzyklika (erneut) formuliert. Sie sind tief in der katholischen Soziallehre verwurzelt. Was Menschen zum Leben brauchen, kann nicht der Verfügungsgewalt einiger weniger Akteure unterliegen, sondern muss fair geteilt werden. Zu diesen Ressourcen gehören im Zeitalter der Digitalisierungen eben auch „Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten.“ (Nr. 67). Allein, wie auch die traditionellen Lebensmittel bleiben sie in unserer Welt ungleich verteilt, üben Staaten, Einzelpersonen und Unternehmen ungebührliche Macht über sie aus.
Im Falle digitaler Technologien und Werkzeuge reicht diese Macht tief in die Gestaltung derselben hinein. Technik ist nicht neutral, Menschen bauen sie nach ihrem Bildnis. Künstlicher Intelligenz ist – wie jeder Technik -der Geist ihrer Schöpfer:innen eingeschrieben. Sie ist ebenso wenig „neutral“ oder „objektiv“ wie alle andere menschlichen Erfindungen, wie auch „der Markt“ und alle Institutionen, erklärt Leo im Rückgriff auf seinen Vorgänger Benedikt XVI / Joseph Ratzinger (Nr. 41). Nirgends wird dies so offensichlich wie bei der real-existierenden generativen KI, die nur mit Hilfe von „Trainingsdaten“ und Quellenmaterial funktioniert, die zuvor menschlicher Kreativität und Arbeitskraft entsprungen sind.
Eine Stärke der Enzyklika besteht darin, dass sie „KI“ trotz des Getöses der Tech-Konzerne und ihrer tausendfach wiederholten Werbeversprechen als Werkzeug versteht. Weder ihre Herstellung, noch ihr Gebrauch sind „neutral“ oder gar unausweichlich. Der Papst stutzt „die KI“ so zurecht, dass wir nach dem Maß menschlicher Vernunft einen guten Umgang mit ihr finden können, der eine Totalverweigerung explizit einschließt (s. Vergleiche mit Atomwaffen).
Papst Leo hat „KI“ nicht einfach zur „Sünde“ erklärt, wie einige Kommentator:innen meinen, sondern legt uns die Kriterien der katholischen Soziallehre zur ethischen Urteilsfindung ans Herz – mit bemerkenswerter Demut für einen römisch-katholischen Papst:
„[Technologische Innovationen] können Teilhabe und Gerechtigkeit fördern oder Ungleichheiten, Kontrolle und Ausgrenzung verstärken. Deshalb müssen sie anhand einer entscheidenden Frage bewertet werden: Tragen sie wirklich dazu bei, dass Menschen und Völker an Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit wachsen, im Respekt vor unserem gemeinsamen Haus und den künftigen Generationen?“
„Gott gegen Google“?
Drehen wir eine kleine Runde durch den Blätterwald der Reaktionen auf „Magnifica humanitas“? Eine gute Einordnung der Enzyklika stammt aus der Feder des Generalsekretärs des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Marc Frings (zuletzt hier der Eule): Beim Journal Internationale Politik und Gesellschaft beschreibt er unter der bisschen oberflächlichen Überschrift „Gott gegen Google“, was der Papst mit seiner Enzyklika an wichtigen Impulsen in die Debatte einbringt, die – seiner Meinung nach – in der deutschen / europäischen Debatte häufig fehlen:
„[Die Enzyklika] zeigt nicht nur, dass die katholische Soziallehre auf die digitale Gegenwart angewandt werden kann. Sie zeigt vor allem, wie groß die Leerstelle ist, die demokratische Politik bislang lässt. Wenn ausgerechnet der Papst klarer als viele Regierungen fragt, wem KI dient, wem sie gehört und wer sie kontrolliert, dann ist das weniger ein kirchlicher Sonderfall als ein politisches Warnsignal. Die Machtfrage der Digitalisierung wird nicht verschwinden, nur weil Politik sie technokratisch verwaltet.“
Weitere Einordnungen der Enzyklika haben der katholische Medienethiker Alexander Filipovic bei feinschwarz.net und (gleich in zweifacher Ausführung) Felix Neumann vorgelegt: Bei katholisch.de analysiert Neumann, wie Leo XIV. die katholische Sozialethik „aktualisiert“, und auf seinem Artikel 91-Blog blickt er auf die im engeren Sinne digitalpolitischen und datenschützerischen Inhalte der Enzyklika.
Wider den Antichrist?
Umfangreiche Erklärungen dazu, was eine Enzyklika eigentlich ist und soll, und gleich sechs fachliche Einordnungen legen WissenschaftlerInnen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt auf ihrer Website vor. Empfehlenswert ist Norbert Paulos kurze Nachfrage unter der Überschrift „KI unter Verdacht: Wo die Enzyklika zu kurz greift“. Der Professor für Philosophie und Ethik der Digitalisierung kritisiert einerseits , dass „die positiven Potenziale von KI, etwa in den Bereichen Medizin, Wissenschaft oder Bildung nur am Rande erwähnt“ werden, andererseits hätte er sich eine ausführlichere Kritik von „Trans- und Posthumanismus“ in der Enzyklika gewünscht:
„Technologische Innovation im Bereich der Digitalisierung als „technokratisch” zu brandmarken und auf die idealen Prinzipien der Soziallehre zu verweisen, wirkt letztlich eher moralisch appellativ als ethisch überzeugend. Die Enzyklika will nicht kulturpessimistisch auf Künstliche Intelligenz und Digitalisierung blicken. Sie sucht jedoch noch die richtige Brille, um die positiven Aspekte scharf zu sehen und diesseits der Ideale den richtigen Weg zu finden.“
Auch Journalist:innen haben sich befleissigt, die Enzyklika einzuordnen: Louis Berger meint bei Kirche + Leben, dem Papst sei ein „Schlag gegen die KI-Propheten“ gelungen. Claire Giangravé and Jack Jenkins haben für den RNS (auf Englisch) fünf wichtige Erkenntnisse aus der Enzyklika aufgezeichnet. Und den Ehrenpreis für die schönste Überschrift eines journalistischen Kommentars zu „Magnifica humanitas“ streicht die taz für Stefan Hunglingers „Ein Gegenprogramm zur Thielologie“ ein.
Hunglinger kommt auch auf die Beteiligung eines der Gründer des KI-Unternehmens Anthropic bei der aufwendigen Pressevorstellung der Enzyklika im Vatikan zu sprechen. Dass der Vatikan nicht vor dem Austausch mit KI-Unternehmen und dem Silicon Valley zurückschreckt, hat Jack Jenkins umfangreich beim RNS (auf Englisch) dargestellt. In Rom war nun also Anthropic-Co-Gründer Christopher Olah mit dabei. Hunglinger stellt fest:
„Was den Atheisten Olah und den Papst von [dem Tech-Investor und rechtsradikalen Schwurbeldenker Peter] Thiel unterscheidet? Sie wissen, dass das Richtige nur im Gespräch zu bestimmen ist und nur in feineren Kategorien als schwarz und weiß, Christ und Antichrist.“
Auf eine Auflösung des Konfliktes in eine Teerunde in den vatikanischen Gärten oder gar einen „herrschaftsfreien Diskurs“ hinein zu hoffen, dafür fehlt mir der Glaube. Die Enzyklika selbst ist durchzogen von der Skepsis, dass man sich irgendwie auf neutralem Boden treffen und unabhängig von (Eigen-)Interessen der Akteur:innen zu gemeinsamen handlungsleitenden Entscheidungen kommen könnte – jedenfalls auf weltweiter Ebene. Ja, der Papst ruft zu mehr Multilateralismus und zum Bau von verlässlichen „Gemeinschaften und intermediäre Körperschaften“ auf (Nr. 108). Der Appell zeigt aber vor allem deren Mangel an.
Als einen möglichen Ausweg, der auf Selbstwirksamkeit und langen Atem setzt und weniger auf plötzlichen Erkenntniszugewinn bei Regierungen und Tech-Konzernen, empfiehlt Leo einen Klassiker aus der Besteckschublade der katholischen Soziallehre: Subsidiarität! Das muss nicht unbedingt, kann aber sehr wohl die Gestalt von koordiniertem Widerstand gegen KI annehmen, wie „The AI Resist List“ zeigt. „Alles muss klein beginnen“:
„Erst einmal beginnen,
hab ich das geschafft,
nur nicht mutlos werden,
dann wächst auch die Kraft!
Und dann seh ich staunend,
ich bin nicht allein,
viele kleine Schwache
stimmen mit mir ein!“
Was will Leo für die Kirche?
Seit vielen Monaten wiederholen Publizist:innen und Beobachter:innen beharrlich ein Mantra: So früh in seinem Pontifikat wüssten wir ja noch gar nicht, was Leo eigentlich mit sich und der Kirche anfangen wolle. Wirklich? Nun liegt mit „Magnificat humanitas“ schon die zweite längere Programmschrift, seine erste Enzyklika vor. Und wie schon bei seiner Amtseinführung und zwischendurch mehrfach (z.B. hier & hier) deutlich wurde, ist des Rätsels Lösung gar nicht so schwer (wenn auch vielleicht nicht so schlagzeilenträchtig):
Leo macht dort weiter, wo Franziskus aufgehört hat. Ja, er macht das viel mehr gemeinsam mit seinen Amtsleuten und (bisher) nicht gegen die vatikanischen Behördenstuben. Aber das ist möglicherweise auch erst nach der heilsamen Disruption derselben durch Franziskus möglich. Ja, er verkleidet sich wieder bisschen mehr als sein direkter Vorgänger, aber er teilt seine Abneigung gegen erzkonservative Zirkelchen und sektiererische Sondergemeinschaften.
Bei den Themen Armut, Klimaschutz und Antikapitalismus schreibt er fort, was seine Vorgänger begonnen haben. Und schafft es sogar – anders als Franziskus! – Fragen der Sexualität und intimen Lebensgestaltung ganz an den Rand zu drängen, die immer wieder für Zündstoff in der Kirche und Unverständnis bei den anvisierten Partnern außerhalb der Kirche sorgen.
Selbst die performativen Widersprüche hat Leo von Franziskus geerbt, wie Mario Trifunovic in einem kurzen „Standpunkt“ auf katholisch.de feststellt: Was in „Magnifica humanitas“ zu „tatsächlicher und nicht nur nomineller Mitwirkung“ geschrieben steht, müsste auch den Papst und den Klerus verpflichten:
„Die Kirche formuliert Ansprüche an Partizipation, Subsidiarität und Verantwortungsteilung in Gesellschaft und Politik. Und innerkirchlich? Da gelten diese Maßstäbe oft nur eingeschränkt. Dementsprechend kommt es zur Spannung zwischen Hierarchie und den formulierten Prinzipien, die für eine gerechte Ordnung stehen sollen.“
Leos Bitte um Vergebung für die Beteiligung am Verbrechen der Sklaverei, seine selbstkritische Aufnahme des Safeguardings im Kontext digitaler Gewalt und seine Klarstellung, die Lehre vom Gerechten Krieg nach Augustinus sei heute überholt, in der Enzyklika lassen darauf hoffen, dass auch auf weiteren Themenfeldern noch Bewegung drin ist, wenn es darum geht, die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der römisch-katholischen Kirche zu schließen.
Aktuell im Magazin
Synodale aus Sachsen: Glaubwürdigkeit der Landeskirche wird beschädigt – Philipp Greifenstein
In der sächsischen Landeskirche eskaliert der Streit um das Kirchengesetz zu Anerkennungsleistungen für Missbrauchsbetroffene zu einer Krise, die an die Verfassung der Kirche rührt.
„Im Anschluss an eine ungewöhnliche Synodenentscheidung im März 2026 (wir berichteten) wurde die bisherige Präsidentin der Landessynode, Bettina Westfeld, von der Kirchenleitung nicht mehr in die neue 29. Landessynode berufen. Auch das damals verabschiedete Gesetz zur Einführung der EKD-Anerkennungsrichtlinie ist noch nicht in Kraft getreten.“
„Magnifica humanitas“: Die Mutmach-Enzyklika – Philipp Greifenstein
In seiner ersten Enzyklika „Magnifica Humanitas“ legt Papst Leo XIV. seine Gedanken zum „Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ und ein Regierungsprogramm seines Pontifikats vor.
„Theologisch interessierte Leser:innen werden sich über Leos Schriftauslegungen zu Beginn und zum Schluss der Enzyklika beugen: Der Papst sieht den Menschen mit Rückgriffen auf die Geschichte des Propheten Nehemia und auf den 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth als cooperator dei, als „Mitarbeiter Gottes“, der im Horizont des bereits angebrochenen Gottesreiches auf einer „Baustelle der Hoffnung“ ans Werk geht (z.B. Nr. 11, 12, 185, 241, 242).
Seinen Schlussappell leiht sich der Papst schließlich aus dem Magnificat, dem „Lied der Hoffnung“ der Mutter Jesu (Nr. 243 ff.). Damit holt Leo nicht nur die katholische Marienfrömmigkeit in sein Schreiben, sondern auch die radikale Reich-Gottes-Vision des Gesangs aus dem Lukasevangelium.“
„Splitter“ vom Katholikentag 2026 (Teil 2): Aufeinander zugehn – Philipp Greifenstein
Der 2. Teil der „Splitter“ vom Katholikentag in Würzburg: Diskussionen über die Not palästinensischer Christ:innen und die Solidarität der Kirchen mit Geflüchteten und Migrant:innen.
„Prälat Jüsten wird deutlich: „Die AfD sitzt jetzt schon mit am Kabinettstisch.“ Die Bundesregierung betreibe ihre Politik „vor dem Hintergrund der Themen und Positionen“, die von der rechtsradikalen Partei vorgetragen werden. Mindestens in der Union fühlt man sich beim Thema Migration als Getriebene der AfD. In der Praxis kommen dabei Verschärfungen wie eine neue Asylverfahrenhaft im Land und Haftzentren an den EU-Außengrenzen herum – GEAS-Reformen, die ganz ohne AfD auf der Regierungsbank ins Werk gesetzt werden.“
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Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Ein guter Satz
„Der Herr macht weiterhin alles neu und hält jeder Epoche die Möglichkeit offen, im Licht der Menschwerdung zu einer Geschichte des Heils zu werden.“
– Papst Leo XIV. in „Magnifica humanitas“ (Nr. 245)
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