Aufeinander zugehn
Auf dem Katholikentag 2026 ging es auch um die Not palästinensischer Christ:innen und die Solidarität der Kirchen mit Geflüchteten und Migrant:innen. Der 2. Teil der „Splitter“ vom Katholikentag in Würzburg:
„Hab Mut, steh auf!“ – so lautet das Motto des 104. Katholikentages, der in diesem Jahr vom 13. bis 17. Mai in Würzburg stattgefunden hat. Für Die Eule hat Philipp Greifenstein das Geschehen beobachtet. Im „Re:mind“-Newsletter hat er über die (Wieder-)Annäherung der römisch-katholischen Kirche und den Unionsparteien geschrieben und zum Schlusstag des Katholikentages ein Fazit mit Ausblick auf die Konsequenzen für Kirchen- und Katholikentage gezogen.
Bei Podcast-Host Michael Greder erzählt Philipp im „Eule-Podcast“ von der Katholikentagsberichterstattung und die beiden diskutieren, was der Katholikentag für die Kirchenreform in der römisch-katholischen Kirche bedeutet. Louis Berger hat sich für Die Eule auf den politischen Empfängen des Katholikentages umgesehen und -gehört: „Du auch hier?“. Und der erste Teil der „Splitter“ vom Katholikentag in Würzburg findet sich hier im Online-Magazin.
Hier der zweite Teil der „Splitter“ vom Katholikentag 2026:
„Höchste Zeit, das was passiert“
In die Posthalle am Würzburger Hauptbahnhof zum „Biblischen Dialog“ mit Schwester M. Scholastika Jurt OP und Journalist und „Jung und naiv“-Host Tilo Jung am Freitagmorgen finden gut 500 Besucher:innen des Katholikentages. Sie werden leidlich gut unterhalten, erfahren wenig über den Bibeltext und gehen zufrieden.
Schwester Scholastika und Tilo Jung sollen an diesem Morgen über die Ausgießung des Geistes im 44. Kapitel des Jesaja-Buches sprechen. Wie pfingstlich! In der Luther-Bibel ist der Abschnitt (Perikope) mit „Das wahre Israel“ überschrieben. Doch weder um den „Sitz im Leben“ des Textes zu seiner Entstehungszeit, noch um seinen Platz im Jesaja-Buch noch um Israel und Palästina heute oder gar um göttliche Erwählungen von Land und Leuten wird es in diesem Dialog gehen.
Jung überlässt die Gesprächsführung der Generalpriorin des Klosters Arenberg (Koblenz), die in geruhsamen Tempo fortschreitend die einzelnen Verse des Textes antippt. Die beiden erzählen sich, wie sie den jeweiligen Satz verstehen. Es ist eine höchst individualistische und individualisierende Bibellese, die hier zur Aufführung kommt. Sie mag Zuhörer:innen stärken, die nach Erffrischung ihrer persönlichen Spiritualität trachtend heute morgen herbeigetreten sind, beißt sich aber auffällig mit dem Bibeltext selbst, der auf die Größen Volk und Nachkommenschaft abzielt (da kann man nicht für alleine bleiben) – und auch mit den Appellen von Jung, der zwischendrin immer wieder zum gesellschaftlichen Wandel aufruft (auch den kann man nicht alleine ins Werk setzen).
Seinen Wert gewinnt das Gespräch, wenn man es als Verständigung sich bisher vollständig fremder Personen und Lebenswelten begreift. Nicht nur haben die Ordensschwester und der Hauptstadtjournalist sich zuvor beiderseitig nicht gekannt, auch ihre Blickwinkel aufs Leben liegen über Kreuz: Die Schwester schaut des Morgens früh, des Abends spät auf Gott. Jung ist sich sicher, Erlösung und Fortschritt ohne die Hilfe des Höchsten hinkriegen zu können.
Trotzdem verstehen sich die beiden, lassen einander ausreden, stimmen einander zu, vor allem bei den wenigen Punkten, an denen es vage politisch wird (Reichtum blöd, Gerechtigkeit und Frieden gut). Im Bibeltext wäre gleichwohl viel mehr und anderes zu entdecken gewesen. Zum Schluss darf Jung die Perikope einmal laut vorlesen. Ob das was ändert? Nach dem Schlussapplaus bekennen die beiden, sie hätten das Gespräch (leider?) nicht vorbereiten können, die versprochene Live-Musik fiel auch aus. Für ihn sei es die erste Bibelarbeit auf einem Katholiken- und Kirchentag gewesen, erklärt Jung. All das wird vom gnädigen Publikum mit Schmunzeln und nochmaligem Applaus belohnt. Steht der Katholikentag dem Konzept der morgendlichen Bibelarbeit immer noch fremd gegenüber?

Statue des Heiligen Kilian mit Schwert auf der Alten Mainbrücke (Foto: Philipp Greifenstein)
Ursprünglich stammt das Format von den evangelischen Kirchentagen und wurzelt in der Kultur christlicher Rüstzeiten, bei denen der Tag mit einer Stillen Zeit und orientierenden Bibellese beginnt. Auch auf dem Kirchentagen gleichen die Bibelarbeiten jedoch häufig genug Plaudereien zwischen (mehr oder weniger) prominenten Akteur:innen aus Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft sowie Kirchenvertreter:innen bzw. Theolog:innen.
Letzteren fällt dabei regelmäßig die Aufgabe zu, den Text überhaupt im Gespräch zu halten und zugleich die Gesprächspartner:in zu moderieren. Das kann gut aufgehen, wie beim Gespräch des rheinischen Präses Thorsten Latzel mit dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Christian Sewing, auf dem Kirchentag 2023 in Nürnberg (wir berichteten). Und führt dann auch die Kunst der Ambidextrie vor, die so viele Pastor:innen beherrschen.
Israel, Palästina, der Gaza-Krieg und das Westjordanland werden von Jung und Schwester Scholastika in Würzburg übrigens nicht angesprochen. Die Vorlage durch den Text verwandelt Jung nicht. In seinen Sendungen tritt er für die Verwendung des Genozid-Begriffs für das Kriegshandeln Israels in Gaza ein. In der Posthalle bleibt er bei allgemeinen Friedensappellen und der Mahnung, jüngere Generationen sollten sich die Welt nicht von den Reichen und Mächtigen kaputt machen lassen.
Ob die „Wir sind die 99 %“-Vibes beim bürgerlichen Katholikentagspublikum verfangen, dem es für gewöhnlich viel mehr um Teilhabe, Engagement und praktische Demokratiegestaltung als um Revolution, Umverteilung und Systemwechsel geht? Tröstlich, dass Schwester Scholastika von der Politik wieder auf die persönliche Erwählung ablenkt.
„Dass aus Nachbarn Freunde werden“
Die Ampel in der Katholikentags-App steht auf Rot, das heißt: Veranstaltung „überfüllt“, was wiederum heißt: jeder Sitzplatz besetzt. In den Räumen des Mozartareals lauschen 140 eher ältere Teilnehmer:innen des Katholikentages den Schilderungen palästinensischer Christ:innen. Vorbereitet wurde das Podium „Besatzung, Landnahme und Vertreibung: Christ:innen aus dem Heiligen Land berichten“ von der deutschen Sektion von pax christi, also aus dem linkskatholisch-friedensbewegten Milieu heraus.
Die Vortragenden Sally Azar, Pastorin der Ev.-luth. Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (s. Eule-Interview von Oktober 2023), und Friedensaktivist Daoud Nassar von „Tents of Nations“ sind gleichwohl nur per Zoom zugeschaltet. Eine Reise nach Deutschland war nicht möglich. Sally Azar beobachtet in Deutschland eine „Angst, das Wort Palästina zu sagen“. Sie wünscht sich Solidarität, „nicht weil wir Christen, sondern weil wir Palästinenser sind“.
Beide berichten vom schwierigen Leben der palästinsischen Christ:innen im Westjordanland. Es geht um neue israelische Siedlungen, um die Vertreibung von palästinensischen Familien von ihrem Grund und Boden, um Auseinandersetzungen mit der Gerichtsbarkeit und Übergriffe von militanten Siedlern und israelischen Sicherheitskräften.

Die Vortragenden mussten per Zoom geschaltet werden. Im Auditorium überwiegend ältere Besucher:innen. (Foto: Philipp Greifenstein)
„Wir sind total isoliert im Moment. Die Mauer ist ein riesiges Problem für uns. Sie reicht tief in palästinensisches Gebiet und trennt uns voneinander“, erklärt Nassar. 87 Checkpoints gäbe es rund um Bethlehem, das von den umliegenden Dörfern zunehmend abgeschnitten wird. Viele palästinensische Christ:innen verlassen das Heilige Land, laut Nassar rund 70 Familien in den letzten Jahren. Auf der mittäglichen Pressekonferenz der Katholikentags-Veranstalter erklärt Sally Azar, sie habe noch nie nach Gaza reisen können.
Applaus der Besucher:innen gibt es auch für Rudolf Rogg von der Nahostkommission von pax christi, als er Papst Leo dafür lobt, dass dieser am Völkerrecht auch im Bezug auf den Nahost-Konflikt festhalte: „Das Völkerrecht geht über allem.“ Katholik:innen, die dem Papst darin folgen, müssten es aushalten, unter Antisemitismus-Verdacht zu geraten, so Rogg weiter.
Von Trigger-Begriffen wie „Apartheid“ im Bezug auf Israel und das Westjordanland oder gar „Genozid“ im Bezug auf Gaza ist bei der Veranstaltung keine Rede. Aus dem Publikum wird jedoch an den Besuch der UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung, Irene Khan, in Deutschland Anfang des Jahres erinnert: Nur wenige Medien berichteten und ihr vorläufiger Bericht dürfte vielen unbekannt sein. Im Juni 2026 will sie einen vollständigen Bericht mit Empfehlungen vorlegen.
Eine Besucherin des Podiums gesteht nach fast anderthalb Stunden Schilderungen der Nöte der Christ:innen im Heiligen Land ein: „Euch zuzuhören, bedeutet, unser eigenes Versagen vor Augen geführt zu bekommen.“ Seit den 1980er-Jahren habe man Friedenscamps im Heiligen Land veranstaltet und zum Gegenseitigen Hinsehen und Hinhören aufgerufen – alles vergebens? Aus den Statements von Nassar und Azar werde klar, dass man heute nicht besser dastünde als damals.
Es fällt auf, wer im Saal des Mozartareals fehlt: Von (jungen) Palästinensern, die in Deutschland leben, fehlt jede Spur. Ausgenommen von den ehrenamtlichen Helfer:innen im Saaldienst (und vom Reporter) sind alle Menschen im Saal augenscheinlich mindestens 50 Jahre alt. Am gleichen Tag ziehen einige palästinensische Aktivist:innen mit Unterstützer:innen durch die Würzburger Innenstadt. Die einen erzählen sich seit Jahren die selben Geschichten. Die anderen rufen laut. Unerhört fühlen sich alle. Unverstanden wohl auch.
Könnten Katholiken- und auch Kirchentage Orte werden, an denen nicht nur bereits seit Jahrzehnten Eingeweihte diskutieren und bekannte, dem kirchlichen Diskurs genehme Stimmen zu Wort kommen? Wie können die Podien anschlussfähig für jüngere Teilnehmer:innen jenseits der eigenen, angegrauten Initiativen und Vereine werden? Co-Referate, lange Statements, und Interaktivitäts-Vakanz müssten wohl weichen. Wäre es nicht Zeit, die Diskurskompetenz derjenigen auf die Probe zu stellen, die auf der Straße Parolen rufen?
Am Rande des Katholikentags und mitten drin. „Deutschland finanziert, Netanjahu massakriert“ und „Unsere Kinder wollen leben, Friedrich Merz ist dagegen“…
— Christoph Strack (@strackchristoph.bsky.social) 2026-05-15T08:18:32.705Z
„Dass aus Fremden Nachbarn werden“
Gleich zu Beginn geht es um die Not der Gewissen. Prälat Karl Jüsten, der Vertreter der römisch-katholischen Kirche im politischen Berlin, von Moderator Hajo Schumacher korrekt als „Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe – Katholisches Büro in Berlin“ vorgestellt, berichtet von den Gesprächen, die er im Winter 2024/2025 mit CDU/CSU-Abgeordneten geführt hat, die entgegen der Fraktionslinie gegen das sog. Zustrombegrenzungsgesetz stimmten.
Jüsten und seine evangelische Kollegin Anne Gidion, die Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), waren in den Januar-Tagen 2025 selbst Protagonisten im politischen Streit geworden, weil einer ihrer Briefe an die Abgeordneten, in dem sie heftige Vorbehalte gegenüber den Gesetzesvorschlägen äußerten, entgegen der sonstigen Praxis an Presse und Öffentlichkeit weitergeleitet wurde. Union und Kirchen lagen in der Folge monatelang im Clinch über die Flüchtlings- und Migrationspolitik (s. hier & hier & hier in der Eule).

Die DiskutantInnen auf dem Panel zur Flucht, Migration und Integration (Foto: Philipp Greifenstein)
Aus christlicher Überzeugung verweigerten einige Unionsabgeordnete bei den Abstimmungen im Deutschen Bundestag ihre Zustimmung zu der Initiative, für die Friedrich Merz und die Parteiführungen von CDU/CSU die Zustimmung der AfD in Kauf nahmen. Jüsten berichtet in Würzburg von Politiker:innen, die darum wussten, dass sie mit ihrer Verweigerung ihre politische Karriere aufs Spiel setzen. Die meisten der Uneinverstandenen standen gleichwohl an deren (selbst gewählten) Ende.
Die im Mai 2025 ins Amt gewählte Bundesregierung versucht sich seither daran, die vollmundig versprochene „Migrationswende“ ins Werk zu setzen. Tausende Bundespolizist:innen, die Extraschichten an den deutschen Grenzen und Bahnhöfen schieben, können darüber ein Lied singen. Tatsächlich sinken die Zahlen der Asyl- und Schutzsuchenden. Ein Erfolg der Regierung und insbesondere des Bundesministers des Innern, Alexander Dobrindt (CSU)?
Daran hegen die TeilnehmerInnen des Podiums „Flucht, Migration, Integration: Ruf nach einer solidarischen Kirche“ berechtigte Zweifel. Neben Jüsten sitzen die Humangeographin Birgit Glorius und Jana Jergl vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst – und wieder einmal auf einem christlichen Podium: Michael Griesbeck, der sich bald in den Ruhestand verabschiedende Vizepräsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Selbst er, der sich als Beamter jeglicher politischer Deutungen enthält, spricht lieber über die anstehende GEAS-Einführung als über die bisherigen Maßnahmen der CDU/CSU-SPD-Regierung.
Die Einführung des Gemeinsamen Europäisches Asylsystems (GEAS, wir berichteten) bildet den äußeren Anlass dieser „Debatte im großen Raum“ auf dem Katholikentag. Und der Große Saal der Hochschule für Musik böte tatsächlich 800 Zuschauer:innen Platz. Allein es sind derer allerhöchstens 200 gekommen. Haben sich Flucht und Migration als politische Aufregerthemen erledigt?
So heiß, wie das Thema von Union und AfD während des Bundestagswahlkampfs gekocht wurde, wird es heute nicht mehr verhandelt. Die Aufgaben und Herausforderungen sind gleichwohl nicht geschrumpft. Der Prälat wird deutlich: „Die AfD sitzt jetzt schon mit am Kabinettstisch.“ Die Bundesregierung betreibe ihre Politik „vor dem Hintergrund der Themen und Positionen“, die von der rechtsradikalen Partei vorgetragen werden. Mindestens in der Union fühlt man sich beim Thema Migration als Getriebene der AfD. In der Praxis kommen dabei Verschärfungen wie eine neue Asylverfahrenhaft im Land und Haftzentren an den EU-Außengrenzen herum – GEAS-Reformen, die ganz ohne AfD auf der Regierungsbank ins Werk gesetzt werden.
Da tut eine Gesprächsrunde wohl, auf der realistisch über Migration gesprochen wird. Humangeographin Glorius führt deren derzeitigen Rückgang vor allem auf den Regimewechsel in Syrien zurück. Allerdings veränderten sich die Fluchtrouten nach Europa gerade wieder und Fluchtbewegungen setzten auch mit Verzug ein. Was durch die Kriege gegen Iran, im Libanon und im Sudan ausgelöst werden könnte, sei noch unklar.
Die Kirchen würden die kritische Begleitung von GEAS jedenfalls „zu einem Herzensthema“ machen, erklärt Jüsten. Um die Probleme und Nöte der Menschen auf der Flucht wüssten „die Bischöfe wie auch unsere evangelischen Schwestern und Brüder“. Der Prälat dankt ausdrücklich allen Helfer:innen vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst und den Menschen, die sich für Kirchenasyle engagieren. Der Moderator lässt im Publikum aufzeigen: Ein Viertel der Besucher:innen gehört dazu.
Mit der Einführung des GEAS erwartet Jüsten, „dass das Kirchenasyl wieder wichtiger wird“. Es werde daher auch wieder mehr Ärger mit den Regierungen in den Ländern geben, „weil das Kirchenasyl lästig ist“: „Aber Kirchen müssen auch mal lästig sein.“
Alle Eule-Beiträge zum Katholikentag 2026 in Würzburg.
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