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Foto: Kevin Langlais (Unsplash)

#PBC2019: Hintergründe zur Missbrauchskonferenz im Vatikan

Vom 21. bis 24. Februar versammelt Papst Franziskus Bischöfe aus aller Welt in Rom zu einem Treffen zum Thema Missbrauch. Hier informieren wir euch fortlaufend:

Überall auf der Welt bereiten sich Katholik*innen auf das Bischofstreffen zum Missbrauch im Vatikan vor. In diesem Artikel ordnen wir für euch Nachrichten aus aller Welt ein und halten euch über den Fortgang der Beratungen auf dem Laufenden. Dieser Artikel wird regelmäßig aktualisiert.

Montag, 18.02.2019

Update zum Ablauf des Bischofstreffens (#PBC2019)

Auf einer Pressekonferenz im Vatikan wurden heute Vormittag nähere Informationen zum Ablauf des Bischofstreffens zu den Missbrauchsfällen vom 21. bis 24. Februar bekanntgegeben:

  • Bußgottesdienst, Messe und die abschließende Rede von Papst Franziskus sowie alle 11 vorgesehenen Vorträge werden im Livestream zu verfolgen sein (Quelle). Der Vatikan richtet für das Bischofstreffen eine eigene Website mit Informationen ein.
  • Die Predigt in der Messe zum Abschluss der Beratungen wird Erzbischof Mark Coleridge aus Brisbane halten. Im Erzbistum Brisbane wurden in den vergangenen Jahren 21 Fälle von Missbrauch von Erwachsenen zur Anzeige gebracht (wir berichteten).
  • Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und Erzbischof von München und Freising, wird am dritten Tag des Treffens sprechen. Auch sein Vortrag wird voraussichtlich im Livestream übertragen (Quelle).

Die Geschichte von Maura O’Donoghue

Die Klarissin, Ärztin und Missionarin Schwester Maura O’Donoghue († 2015) wurde schon zu Lebzeiten für ihr Engagement vor allem in Afrika ausgezeichnet. Die Irish Times weist im Nachgang des Eingeständnisses von Papst Franziskus, dass auch Nonnen Opfer von Missbrauch geworden sind, auf einen Bericht O’Donoghues aus dem Jahre 1994 hin, in dem sie Missbrauch von Nonnen in 22 Ländern detailliert wiedergibt.

Im Februar 1995, so die Irish Times, unterrichtete sie Kardinal Eduardo Somalo, den damaligen Präfekten der „Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens“, über die Ergebnisse ihrer Untersuchungen. Die Existenz des Berichts wurde vom Vatikan geheim gehalten.

2001 bestätigte der damalige Vatikansprecher Joaquin Navarro-Valls indirekt die Existenz des Berichts, indem er eingestand, dass „das Problem bekannt“, aber „auf ein bestimmtes geographisches Gebiet“ begrenzt sei, womit wohl Afrika gemeint war. Der Bericht enthält allerdings, laut Irish Times, Schilderungen von Missbrauchsfällen in Botswana, Burundi, Kolumbien, Ghana, Indien, Irland, Italien, Kenia, Lesotho, Malawi, Nigeria, Papua-Neuguinea, den Philippinen, Südafrika, Sierra Leone, Tansania, Tonga, Uganda, den USA, Sambia, Simbabwe und Zaire.

Darunter sind auch Schilderungen, die ein Licht auf den Zusammenhang zwischen spirituellem und sexuellem Missbrauch werfen:

  • O’Donoghue wies in ihrem Bericht einen Zusammenhang zwischen dem sexuellen Missbrauch von Ordensschwestern und der grassierenden AIDS-Epidemie in afrikanischen Ländern nach. Offensichtlich wurde innerhalb des Klerus davon ausgegangen, dass Nonnen seltener mit dem HIV-Virus infiziert wären. So zitiert sie einen Vorgesetzten, der von Priestern aufgefordert worden war, Nonnen für Sex „freizugeben“. Andernfalls müssten sie zu Frauen in der Umgebung gehen und stünden in der Gefahr sich zu infizieren.
  • O’Donoghue erwähnt außerdem einen Vorfall aus dem Jahr 1988 in Malawi: Ordensschwestern machten damals darauf aufmerksam, dass 29 Nonnen von Diözesanpriestern geschwängert wurden. Sie berichteten außerdem von einem Priester, der eine schwangere Nonne zu einer Abtreibung nötigte, während der sie verstarb. Der Priester zelebrierte ihre Totenmesse. Die Beschwerden der Ordensschwestern wurden abgewiesen.

Das öffentliche Eingeständnis von Missbrauch von Nonnen durch Papst Franziskus im Vorfeld des Bischofstreffens zum Missbrauch darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Fälle von Missbrauch von und auch durch Ordensschwestern seit Jahren bekannt sind. Franziskus‘ Eingeständnis ist die späte Konsequenz aus Jahrzehnten der Vertuschung von Missbrauchsfällen. Im besten Fall weitet sich durch die öffentliche Stellungnahme das Verständnis von Missbrauch innerhalb der Kirche. Auch Erwachsene sind vom Missbrauch betroffen und er ist keinesfalls „auf ein bestimmtes geographisches Gebiet“ begrenzt. (pg)

Was ist „spiritueller Missbrauch“?

Der Begriff des „spirituellen Missbrauchs“ wird erst seit kurzer Zeit diskutiert, Doris Wagner (s.u.) hat ihn mit ihrem neuen Buch erneut eingebracht. Schon etwas länger spricht man von „geistlichem Missbrauch“, unter dem bisher vor allem der Missbrauch von geistlichen Ämtern und den mit ihnen verbundenen Erwartungen und Vollmachten verstanden wurde. Dass es auch eine Dimension des Missbrauchs gibt, die man mit sehr viel traditionelleren Begriffen als Gotteslästerung und Blasphemie bezeichnen könnte, ist allerdings schon länger bekannt (s.o.).

Spiritueller Missbrauch ist also, wenn der Glaube der Betroffenen vergewaltigt, ihr Treueverhältnis zur „Mutter Kirche“ als Verwalterin der Gnade Gottes ausgenutzt wird. Dieser Missbrauch ist immer Teil des Missbrauchsgeschehens, insofern geweihte und berufene Täter*innen ihre geistliche Machtposition ausnutzen. Spiritueller Missbrauch geht dem sexuellen Missbrauch häufig voraus. Traumata, die aus dem geistlichen Missbrauch resultieren, verschärfen die Schwierigkeiten von Betroffenen, sich gegen das ihnen zugefügte Unrecht zur Wehr zu setzen und/oder Hilfe zu suchen („Gott will es!“).

Der Missbrauch, darauf macht der Begriff „Spiritueller Missbrauch“ aufmerksam, richtet sich nicht allein gegen den Körper des Opfers, sondern gegen dessen Seele. Spiritueller Missbrauch beginnt, wenn die „spirituelle Selbstbestimmung“ eingeschränkt wird, führt Wagner im Gespräch mit Christiane Florin vom DLF aus. (red)

Ist die Kirche noch zu retten?

Diese Frage diskutiert Hajo Schumacher (@hajoschumacher) in der Sendung Quadriga auf der Deutschen Welle mit Raoul Löbbert (Redaktionsleiter Christ & Welt, @RaoulLoebbert), Claudia Keller (Redakteurin Chrismon, @chrismon_de) und Friedericke Sittler (Gesellschaft und Religion beim RBB, @fsittler). In der 45-minütigen Sendung ordnen die vier Gesprächspartner*innen gemeinsam die laufende Missbrauchsdebatte: Von einer Rekapitulation der schleppenden Aufarbeitung und einem Ausblick auf das Bischofstreffen, bis hin zu ökumenischen und internationalen Perspektiven.

Bild: Screenshot DW

Die Evangelin Claudia Keller betont, dass es Missbrauch von Pfarrern auch in der evangelischen Kirche gibt. Friederike Sittler geht auch mit dem Papst ins Gericht und thematisiert den verklemmten Umgang der katholischen Kirche mit (Homo-)Sexualität und Löbbert fordert die Kirche auf, endlich Namen der Täter und Verantwortlichen zu nennen. Er sagt: „Die deutschen Bischöfe haben sich beim Thema Missbrauch eine Schuldroutine angewöhnt, um über individuelle Schuld nicht reden zu müssen. Damit muss Schluss sein.“ (pg)

Freitag, 15.02.2019

Ein Blick nach Asien

Ein Ziel des Bischofstreffens zum Thema Missbrauch kommende Woche im Vatikan ist, laut Vatikan-Pressestelle, Aufmerksamkeit für die Probleme gerade in den Kirchen der Länder herzustellen, die bisher von großen Missbrauchsskandalen „verschont“ geblieben sind (mehr dazu). Die US-amerikanische katholische Zeitung La Croix wendet sich darum in einer fünfteiligen Artikelserie (englisch) jedem Kontinent zu. Im ersten Teil geht es um Asien und dort besonders um Indien und die Philippinen.

Nur auf den Philippinen und in Osttimor bilden katholische Christen die Mehrheit der Bevölkerung auf dem asiatischen Kontinent. Auf den Philippinen „sei kein Mitglied des Klerus wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern oder gefährdeten Erwachsenen verurteilt oder inhaftiert worden“, so Bischof Buenaventura Famadico von San Pablo gegenüber La Croix.

Diese Äußerung lässt sich schwer überprüfen, weil es auf den Philippinen keine Betroffenen-Organisationen gibt und die Bischofskonferenz des Landes keine Statistiken zur Verfügung stellt. Das verwundert umso mehr, weil das Land eines der Hauptreiseziele für Pädophile ist und zu den größten Herstellern von Kinderpornografie weltweit zählt. UNICEF geht davon aus, dass jedes vierte Kind Opfer von Missbrauch wird und weist auf die grassierende sexuelle Gewalt in Familien hin.

In Indien werden Missbrauchsfälle inzwischen öffentlich diskutiert. Indische Frauen protestieren lautstark gegen die mangelnde Verfolgung von Tätern, das Land leidet unter einer Epidemie von Vergewaltigungen. Obwohl das Land laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den traurigen Spitzenplatz bzgl. sexuellen Missbrauchs von Kindern innehat, sind Anzeigen gegen Priester sehr selten. In Folge eines bekannt gewordenen Falls von sexuellen Missbrauchs einer Nonne, wird das Thema aber zunehmend diskutiert. Eine regionale Bischofskonferenz (Kerala) verabschiedete neue, strengere Umgangsregeln für Kleriker. (pg)

Laien erhöhen Druck auf Kardinal Marx

Im Vorfeld des Bischofstreffens, an dem auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) Kardinal Marx teilnimmt, hat der Katholikenrat der Region München den Druck auf Marx, Erzbischof von München und Freising, erhöht. Sie schließen sich ausdrücklich dem letzte Woche veröffentlichten Offenen Brief mehrere katholischer Theolog*innen an:

„Die Kämpfe um den Machtmissbrauch sind ein nicht nur auf Deutschland beschränktes Phänomen. Der Perspektivwechsel weg vom vermeintlichen Schutz der Institution Kirche hin zur Sicht auf das Leid der Betroffenen erfordert weltweit radikales Umdenken in vielen Bereichen. Dies fordern die Unterzeichner des Offenen Briefes, und dies unterstützen wir.“

Kardinal Marx hätte selbst bei Veröffentlichung der MHG-Studie der DBK auf die systemischen Ursachen des Missbrauchs hingewiesen, die nun bekämpft werden müssten. Dazu zählt der Katholikenrat der Region München die im Offenen Brief geforderten Diskussionen zur

„Selbstbeschränkung der Bischöfe durch echte Gewaltenteilung in der Kirche, zusätzlich eine Reform der Lehre der Sexualmoral, die Öffnung der Weiheämter für Frauen und die Erlaubnis für Priester zu heiraten“.

Die Stellungnahme von Donnerstag dieser Woche ist als Anfeuerung des Münchener Erzbischofs zu verstehen, der sich innerhalb der DBK und der katholischen Weltkirche als reformwillig exponiert. Die Hoffnungen, die er mit seinen klaren Äußerungen bei Katholiken in Deutschland geweckt hat, soll er nun nicht enttäuschen und auf dem Bischofstreffen zu weitgehenden Reformen auffordern.

„Ausdrücklich unterstützen wir seine [Marx‘] Bemühungen, den Kräften entgegenzuwirken, die die Ursachen- und Wirkungszusammenhänge leugnen, weil sie dringend notwendige weitere Konsequenzen verhindern und bestehende Strukturen aufrechterhalten wollen.“

(red)

Eine Frau kämpft um Aufklärung

Schon 2014 erschien ihr erstes Buch „Nicht mehr ich“, in dem Doris Wagner (@ReisingerWagner) von ihrer Zeit als junge Ordensschwester und von ihrer Missbrauchsgeschichte erzählt. Erst seit 2017 tritt sie öffentlich auf und wirbt um ein neues Bewusstsein für Missbrauch in der Kirche. Was ist mit erwachsenen Frauen, mit Nonnen die Opfer sexuellen und geistlichen Missbrauchs werden?

Bild: Screenshot BR

In der vergangenen Woche kam es zum Gespräch zwischen ihr und Kardinal Christoph Schönborn (@KardinalWien) im Bayerischen Rundfunk. Sie, die vergewaltigte ehemalige Nonne; er der Kardinal, der als Kind selbst von einem Priester bedrängt wurde und sich wiederholt mit Missbrauchsopfern trifft, ihnen zuhört, sie ausreden lässt. (ekw, 10.2.2019)

Auf dem Weg nach Rom

Vom 21. bis 24. Februar trifft sich Papst Franziskus mit Delegierten der nationalen Bischofskonferenzen der röm.-kath. Kirche zu einer Missbrauchs-Konferenz im Vatikan. Hier trifft es einmal zu: Die ganze Welt schaut nach Rom. Mit dem historisch einmaligen Bischofstreffen werden weltweit hohe Erwartungen verknüpft.

Erwartungen, die der Vatikan im Vorfeld dämpft. Laut Andrea Tornielli, dem neuen Vatikan-Chefkommunikator, soll es bei dem Treffen vor allem um das Hören auf Betroffenenschicksale, das gemeinsame Gebet und eine weltweite Perspektive auf die Missbrauchskrise gehen. Katholik*innen in Europa und Nordamerika allerdings erhoffen sich von dem Bischofstreffen und ihrer Kirche Fortschritte in Richtung einer grundlegenden Reform der systemischen Ursachen des Missbrauchs in der Kirche.

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