Bild: Montage (Ausstellungstück via Cameo-Kollektiv, Porträt Franz-Josef Christoph via Betroffeneniniative Hildesheim)
Interview Aufarbeitung sexualisierter Gewalt

„Wir Betroffenen reihen uns nicht mehr ein“

Die Ausstellung „In unseren Reihen“ in Hannover zeigt Kunstwerke von Betroffenen sexualisierter Gewalt. Ein Zeichen gegen das Schweigen und Vergessen.

Eule: Herr Christoph, was erwartet die Besucher:innen Ihrer Ausstellung „In unseren Reihen“?

Franz-Josef Christoph: Die meisten Menschen, die sich kirchlich irgendwie engagieren, interessiert sind, Kontakt haben, wissen um das Thema. Sie kennen aus den Medien vor allem die Äußerungen von Kirchenvertretern. Vielleicht wissen sie auch, dass es um das Thema viele konflikthafte Auseinandersetzungen gibt.

Unser Anliegen mit der Ausstellung ist es, aus der Sicht von Betroffenen und Co-Betroffenen individuell und persönlich unsere Geschichten darzustellen. Uns geht es darum, Interesse zu wecken, sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Eule: Die Ausstellungsstücke wurden von Betroffenen und Co-Betroffenen von sexualisierter Gewalt in der Kirche in einer Werkstatt gestaltet. Wie ist es dazu gekommen?

Christoph: Wir haben in zwei Gruppen auf zwei Workshopwochenenden im Spätsommer dieses Jahres an unseren Kunstwerken gearbeitet. Wir, das sind Betroffene und in zwei Fällen Ehegattinnen. Die sexualisierte Gewalt hat sich in unsere Biografien und Beziehungen eingeschrieben. Auch wenn sie schon viele Jahre her ist, leben wir mit den Begrenzungen und Beschädigungen, die Resultat der Gewalt sind.

Mit Hilfe der Mitarbeiter:innen des Cameo Kollektiv e.V. und einer Awareness-Begleiterin haben wir uns an das Thema herangearbeitet. Wir haben uns den Platz vor der Kirche und St. Clemens angeschaut. Dann bekamen wir unsere Berliner Hocker als Werkstücke, mit denen wir machen konnten, was wir wollten. Die Hocker bestehen zunächst nur aus vier Holzteilen. Wir konnten die Hocker kaputtschlagen oder zersägen, wieder zusammenkleben, neu kombinieren, Teile hinzufügen oder wegnehmen, mit Stoffen und Farben arbeiten. Wir haben uns gegenseitig geholfen und praktische Hilfe von den Cameo-Mitarbeiter:innen erhalten.

Eule: Der Ausstellungstitel „In unseren Reihen“ spielt auf die Kirchenbänke an, die in so vielen Kirchen hierzulande stehen, in denen sich die Gemeinde versammelt. Die Ausstellung findet in, aber auch vor der Kirche St. Clemens statt.

Christoph: Die Stücke zeigen, was jeder einzelnen Person geschehen ist und wie sie damit individuell umgegangen ist. Manche von uns besuchen bis heute Kirchen und haben kein Problem damit, in einer Kirche auszustellen. Andere können und wollen Kirchgebäude nicht mehr betreten und stellen bewusst auf dem Platz vor St. Clemens aus, der städtischer Grund und Boden ist. Viele von uns sind aus der Kirche ausgetreten. Manche ringen mit ihrem Glauben, bei anderen ist von ihm nichts mehr übrig geblieben.

Der Titel der Ausstellung gibt einen Hinweis darauf, wo sexualisierte Gewalt geschehen ist und bis heute noch geschieht: In der Gemeinschaft von Menschen in der Kirche, manchmal auch in den Kirchgebäuden selbst. Wir Betroffenen reihen uns in diese Gemeinschaft nicht mehr oder ganz anders als früher ein. Wir fehlen jetzt in der Kirche. Wo wir früher waren, sind jetzt Plätze frei. Das soll unter anderem dadurch deutlich gemacht werden, dass ein oder zwei Bänke aus den Reihen herausgenommen werden.

Eule: Bei Ihren Werkstücken handelt es sich ursprünglich um Stühle: Ein Standpunkt jenseits der Kirchenbänke?

Christoph: Die Aussagen der Stücke sind sehr individuell, finde ich. In allen Kunstwerken spiegeln sich die Auseinandersetzungen, die wir mit uns selbst, mit unseren Familien und mit der Institution Kirche geführt haben und noch führen müssen. Meine Beziehungen haben sich stark verändert, als ich mich als Betroffener geouted habe. Mein Fall ging durch die Medien. Die Reaktionen in Familie und Freundeskreis waren sehr unterschiedlich.

Ich habe viele Jahre als Pastoralreferent in der römisch-katholischen Kirche gearbeitet. Mancher sieht durch die Konfrontation mit einer Missbrauchsgeschichte seine religiöse Heimat bedroht. Eigentlich soll die Kirche ein Ort der Zuflucht und des Schutzes sein. Für viele Betroffene von sexualisierter Gewalt ist sie genau zum Gegenteil dessen geworden.

Wenn man diese Geschichte bearbeitet, hat das fast immer etwas mit Vereinzelung zu tun. Es ergeben sich neue Beziehungsgeflechte unter uns Betroffenen und Co-Betroffenen, aber es gibt auch einen nicht unerheblichen Teil an Distanzierung. Bis dahin, dass uns Betroffenen vorgeworfen wird, uns gehe es nur ums Geld, wir sollten endlich mal Ruhe geben und uns doch endlich auf den Weg der Versöhnung begeben und nicht ständig den Konflikt schüren.

Eule: Die Ausstellung soll ein Beitrag zu einer Vergegenwärtigungskultur sein. Erinnerungskultur ist als ein Teil der institutionellen Aufarbeitung von Missbrauch in den Kirchen eine oft beschworene Aufgabe, die häufig noch nicht angegangen wurde. Kann „In unseren Reihen“ hier ein Anstoß sein?

Christoph: Mit dem Begriff Vergegenwärtigungskultur wollen wir deutlich machen, dass das Thema nicht vorbei ist. Wir sind als Menschen da, auch wenn zunehmend viele Betroffene alt werden und versterben. Und es gibt nach wie vor aktuell und ich befürchte auch in Zukunft weiterhin sexualisierte Gewalt und Übergriffe im kirchlichen Kontext.

Eule: Es sind so viele Studien in Auftrag gegeben und veröffentlicht worden, Millionen Euro an Anerkennungsleistungen wurden gezahlt, die Medien haben berichtet … Es mehren sich die Stimmen, die unter das Thema sexualisierte Gewalt gerne einen Schlussstrich ziehen wollen, auch weil es immer wieder negative Schlagzeilen produziert.

Christoph. Das Thema ist nicht durch, weder für die Betroffenen noch für die Institution Kirche. Ein aktuelles Beispiel: Das Bistum Hildesheim hat ein Forschungskonsortium mit einer dritten Aufarbeitungsstudie beauftragt. Die Forscher:innen sollen unter anderem untersuchen, wie die Aufarbeitung im Bistum Hildesheim tatsächlich gelaufen ist.

Die Studie soll im Frühjahr 2027 vorgestellt werden. Gleichzeitig will das Bistum die Projektstelle für Aufarbeitung in der Präventionsabteilung auslaufen lassen. Genau zu jenem Zeitpunkt, an dem die Ergebnisse der Studie vorgestellt werden und eigentlich dann bearbeitet werden müssen. Sieht so ehrliches Interesse an Aufarbeitung aus?

Dass wir heute so viele Studien haben, ist ein Fortschritt. Als Theologe aber sehe ich bei den Bischöfen keine Bereitschaft, sich mit den eigentlichen Ursachen auseinanderzusetzen, beispielsweise mit dem Verständnis vom Priesteramt.

Eule: Ihre Ausstellung wird nur wenige Tage in St. Clemens in Hannover zu sehen sein. Wie geht es danach weiter? Was wünschen Sie sich?

Christoph: Ich würde mir wünschen, dass die Werkstücke, in denen viel persönliches Engagement und Auseinandersetzung steckt, nicht nur erhalten bleiben, sondern sie zu einer Wanderausstellung weiter ausgebaut werden, die in anderen Gemeinden und Kirchen gezeigt werden kann. So könnte deutlich werden, dass sexualisierte Gewalt und die Aufarbeitung nicht erledigt sind und die Menschen in der Kirche wachsam bleiben müssen.


Die Ausstellung „In unseren Reihen“ findet vom 13. bis 29. November 2026 in und vor der Propsteikirche St. Clemens in Hannover statt. Sie kann kostenfrei von 11 bis 17 Uhr besucht werden. Die Ausstellung wird am 13. November (17 Uhr) eröffnet.


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Das Gespräch führte Eule-Redakteur Philipp Greifenstein.

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