„Das betrifft mich nicht“ – echt jetzt?
Was bedeutet Betroffenheit von Diskriminierung oder Missbrauch? Intersektionale Perspektiven können beim Nachdenken über sexualisierte Gewalt in der Kirche helfen.
In den vergangenen Tagen habe ich über Wörter nachgedacht, die mit „betreffen“ zusammenhängen. Was ist damit gemeint, von etwas betroffen zu sein? Oder sich betroffen zu fühlen? Was betrifft mich? Was lasse ich emotional an mich heran? Womit befasse ich mich in Wort und Tat?
Der E-Mail-Betreff zum Beispiel wirkt zunächst wie ein kleines technisches Detail und ist doch so wichtig für unsere Entscheidung, eine Nachricht jetzt sofort, vielleicht später oder überhaupt nicht zu lesen. Betroffenheit als Gefühl drückt Empathie aus.
Der Begriff „Betroffene“ im Diskurs um sexualisierte Gewalt hat den Begriff „Opfer“ deswegen abgelöst, weil mit dem Opferbegriff häufig Stigma und Erniedrigung einhergehen. Personen werden mit der Bezeichnung als „Opfer“ in eine passive Rolle gedrängt. „Betroffene“ ist zudem häufig die Beschreibung, die Überlebende sexualisierter Gewalt (engl. survivor) im deutschsprachigen Raum häufig selbst wählen.
In manchen Fällen „betrifft“ eine*n zum Beispiel Missbrauch in der Kirche insofern nicht, als dass nicht der eigene Leib und die eigene Würde verletzt worden sind. Das scheint mir eine wichtige Unterscheidung zu sein. Aber zu denken, das Thema beträfe nicht alle mit Kirche und The*logie befassten Personen, ist ein Problem, das wir nach wie vor haben. Eine Nachricht mit „Missbrauch evangelisch“ oder „sexualisierte Gewalt“ in der Betreffzeile geht alle Menschen in der Kirche an.
Ein ähnliches Phänomen begegnet uns auch in einem anderen Kontext: Ich habe bei einer Tagung erlebt, dass eine normschöne Person im Themenumfeld von Fat Studies sagte: „Das betrifft mich ja nicht.“ Und da muss ich erwidern: Doch! Natürlich betrifft es auch eine normschöne Person, wenn Fettphobie (de-)konstruiert wird. Ihr Körper gehört zwar nicht zu den dick_fetten Körpern, die diskriminiert werden. Ihr Körper gehört aber zu denjenigen, die strukturell bevorteilt werden (Stichwort: Pretty Privilege, s. „Sektion F“-Kolumnen von Juli 2025 und September 2024).
Ein anderes Beispiel: Männer, die behaupten, Feminismus hätte nichts mit ihnen zu tun, haben schlichtweg nicht verstanden, wie sehr auch sie von patriarchalen Geschlechterbildern geprägt sind und diese ausfüllen (müssen). Feminismus hat die Freiheit zum Ziel, sich nicht in patriarchal geprägte binäre und heteronormative Geschlechterrollen einfügen zu müssen. Damit geht ein Gewinn an Freiheit einher, sich unabhängig von einengenden Geschlechterrollen zu entfalten. Das betrifft alle Menschen!
Intersektional über Diskriminierungen nachdenken
Diskriminierung und Privilegierung sind zwei Seiten derselben Medaille, die intersektional durchdrungen und aufgeschlüsselt werden müssen. In einem Bereich privilegiert zu sein in dem Sinne, dass eine Person hinsichtlich dieses Identitätsaspekts keine strukturelle Diskriminierung erfährt, schließt ja nicht aus, in anderer Hinsicht Diskriminierung zu erfahren.
Zurück zum Beispiel des Tagungsgesprächs: Bei der normschönen Person handelte es sich zwar um eine in mehrfacher Hinsicht privilegierte Person, weil sie von verschiedenen Lookisms nicht betroffen ist, sondern als normschöne weiße Person auch keine rassistische Diskriminierung erfährt. Aber weil es sich um eine weiblich gelesene Person handelt, erfährt sie, wenn wir auf der strukturellen Ebene bleiben, sexistische Diskriminierung.
Wenn wir als Ziel von Feminismus die Befreiung von Patriarchat, Heteronormativität und Binarität formulieren, wird mindestens deutlich, dass es eben nicht „nur“ um heterosexuelle cis Frauen gehen kann. Auch deshalb werden in unserer Gegenwart verschiedene Akronyme gebildet, also Abkürzungen von Anfangsbuchstaben, die für verschiedene von sexistischer Diskriminierung betroffene Personen stehen.
Darunter beispielsweise FLINTA* für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche Menschen, nicht-binäre Personen, trans Personen, agender Personen oder FINTA*, ohne das L für Lesben. Das fehlende L soll Lesben nicht ausschließen, sondern markieren, dass in der Reihe von unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten eine Extra-Nennung einer sexuellen Orientierung unnötig ist. Lesben sind mit FINTA* mitgemeint.
Safer Spaces statt Vereindeutigung
Viele Menschen verstehen die immer noch neuen Akronyme vielleicht so, dass es schlicht nicht um heterosexuelle cis Männer geht. Das finde ich sehr wichtig! Sich zu verbünden gegen diejenigen, die strukturell bevorteilt sind und sich gemeinsam Safer Spaces zu errichten.
Für mich als heterosexuelle cis Frau bleibt aber wichtig: Auch aus der Geschichte der feministischen Bewegungen kennen wir mindestens unbewusste Exklusionen, die zu programmatischen Defiziten führen. Weil Women of Color erkannten, dass weiße Frauen nicht wirklich für ihre Befreiung mitkämpften, entwickelten sie einen Schwarzen Feminismus (Womanismus). Wir müssen gut aufpassen, dass am Ende nicht auch innerhalb der feministischen Bewegung Exklusion und Diskriminierung geschehen, weil die Orientierung an cis weiblichen heterosexuellen Biografien zu stark ist und intersektionale Diskriminierungen nicht einbezogen werden.
Und noch ein letztes: Nur weil eine Person strukturell in verschiedenen Hinsichten privilegiert ist, heißt das nicht automatisch, dass sie von diesen Privilegien in solcher Weise profitiert, dass sie nicht zum Beispiel armutsbetroffen sein könnte. Akronyme und Gruppenbeschreibungen, die sich intersektionalem Nachdenken verdanken, dürfen nicht selbst zu einer (gewaltvollen) unsachgemäßen Vereindeutigung führen.
Betroffenheit von sexualisierter Gewalt und Missbrauch
Der Begriff „Betroffene“ im Diskurs über sexualisierte Gewalt ist im Vergleich zu solchen (Mehrfach-)Betroffenheiten aber noch einmal anders gelagert, weil mit ihm zunächst keine Diskriminierungsstrukturen offengelegt werden, sondern konkrete Täter*innen- und Vertuschungsstrukturen. Es geht um Verletzung an Leib und Seele. Darum, dass so häufig niemensch von irgendwas gewusst haben will. Dass Täter*innen einander schütz(t)en oder von ihren Kolleg*innen und dem Umfeld in Schutz genommen wurden / werden.
Die „MHG-Studie“ und die „ForuM-Studie“ sowie die inzwischen zahlreichen Teil- und Lokalstudien zeigen, dass sexualisierte Gewalt im kirchlichen Umfeld flächendeckend auftritt. Sie machen aber auch relevante Aussagen zur Betroffenheit mit Blick auf Geschlechter und Lebensalter möglich. Deshalb sind intersektionale Perspektivierungen auch hier sinnvoll.
In Berichten von Synoden und Stellungnahmen von kirchenleitenden Personen lesen wir, dass sie vom Leid der Betroffenen sexualisierter Gewalt und vor allem von ihren Schilderungen betroffen seien. Kann es eine solche sekundäre Betroffenheit überhaupt geben? Müssten wir nicht andere Worte und Wörter finden, um das Mitfühlen mit Betroffenen sexualisierter Gewalt auszudrücken?
Wir brauchen Beschreibungen und Begriffe, die diese komplizierten emotionalen Verarbeitungsprozesse mit Blick auf eigene Loyalitäten gegenüber der Institution und womöglich sogar Täter*innen angemessen widerspiegeln. Wir brauchen eine Sprache, die den – dem Wortsinn nach tat-sächlich – Betroffenen gegenüber nicht übergriffig ist.
Den Worten Tagen folgen lassen
Dieser notwendigen Arbeit an unserer Sprache muss vorausgehen, dass öffentlich verkündete Betroffenheit im Sinne von Empathiebekundungen gegenüber Überlebenden des Missbrauchs keine Worthülse bleibt. Kirchenleitende und -Mitarbeitende müssen sich und ihre Rollen tatsächlich in Bezug zu Missbrauchsstrukturen setzen und Handlungskonsequenzen daraus ableiten. Mit Äußerungen wie „Wir haben als Kirche auch noch andere Probleme“ und „Es gibt Wichtigeres“ zeigten Kirchenleitende jedoch auch in der jüngsten Vergangenheit noch, dass sie die grundsätzliche Verstrickung von Kirche mit sexualisierter Gewalt nicht verstanden haben.
Ja, die Kirche ist nicht als einzige gesellschaftliche Institution von sexualisierter Gewalt und Missbrauch in diesem Sinne „betroffen“. Sie ereignen sich vor allem dort, wo Menschen in machtvollen Beziehungen zueinander stehen: in Familien, in Erziehungs- und Bildungskontexten, beim Sport, im Berufsleben. Dass Menschen aus der Mitte der Kirche ihre Macht in asymmetrischen Beziehungen ausnutzen und anderen Menschen psychisches und physisches Leid antaten, wird dadurch nicht relativiert.
Konkrete Gewalttaten und Täter*innenschutz können sich in der Kirche besonders dort und dann ereignen, wo sich viele Angehörige einer machtvollen Berufsgruppe bereits aus dem Studium kennen und einander decken. Wo die Loyalität gegenüber Peers, der eigenen Gruppe und Institution weit vor der gebotenen Professionalität rangiert. Wo Menschen davon ausgehen, einander gut zu kennen und Nähe positiv geframed und spirituell aufgeladen wird. Wo einzelne Führungspersonen im Zentrum stehen und ihre Vorherrschaft theologisch legitimiert wird.
Auch die für unsere Kirchen typische Vermischung von Privatsphären und Öffentlichkeiten, die sich in räumlichen und zeitlichen Settings niederschlägt – Stichworte Pfarrhaus und Arbeitszeiten von Pfarrpersonen – wurden als Risikofaktoren benannt und sind (eigentlich) bekannt.
Check your Privileges! – Check your Risikofaktoren?
Es gibt Zusammenhänge zwischen der Wahrnehmung und Anerkennung von Diskriminierungs- und Privilegierungs-Strukturen und der Wahrnehmung und Anerkennung von Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt und Missbrauch von (geistlicher) Macht. Ich bin mir sicher, dass Akteur*innen auf diesen – vor allem im öffentlichen Diskurs – häufig noch getrennten Themengebieten und Arbeitsfeldern viel voneinander lernen können.
Augenfällig und besonders wichtig ist, dass Wahrnehmung und Anerkennung (Awareness) in jeder Hinsicht nicht das default setting sind: Sie müssen erarbeitet werden und werden nicht schon „werksseitig“ mitgeliefert. Sie sind nicht allein Aufgabe der Forschenden oder Leitungspersonen, sie sind ein Arbeitsauftrag für Menschen, die privilegiert sind oder (noch) nicht am eigenen Leib von sexualisierter Gewalt betroffen waren/sind, aber mit den jeweiligen Strukturen verbunden sind. Und das sind „wir“ in den Kirchen alle.
Alle Ausgaben der Kolumne „Sektion F“ von Carlotta Israel hier in der Eule.
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