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Brauchen wir (noch) Frauen-Netzwerke?

Brauchen Frauen in der Arbeitswelt eigene Netzwerke, um sich gegen das patriarchale System zu wehren? Und wen schließen diese Netzwerke aus? Ein persönlicher Blick auf das Nett-Working:

Arbeitswelt. Dass ich selber Teil dieser abstrakten Vorstellung bin, merke ich auch erst, als ich es schreibe. Arbeitswelt. Als Schülerin hörte sich der „Einstieg in die Arbeitswelt“ wie ein mystischer Schritt an. Spätestens dann wäre mensch erwachsen. Nun ja. Es gibt wohl auch noch andere Lebensübergänge, die das Erwachsensein qualifizieren könnten.

Im Augenblick wirkt meine persönliche Arbeitswelt auf einer 50%-Wissenschaftliche-Mitarbeiterin-Stelle im Home Office auf mich sehr frei. Ich pendele gerade nicht; ich kann in großen Teilen selber bestimmen, wann Termine stattfinden, und mir meine Zeit selbst einteilen. Und ja, gerade letzteres kann auch zu Überforderungen führen.

Arbeitswelt in meiner persönlichen Momentaufnahme ist auch davon bestimmt, dass ich mich in einer gewissen Durch- oder Übergangsphase befinde. Mein Vertrag ist natürlich befristet. Was wie genau danach kommt? Da ist mindestens ein – ich nehme an – erfüllender Weg, der ins Predigerseminar führt. Das trägt zumindest in „meiner Landeskirche“ noch genau diesen Namen und klingt daher uneinladend bis ausschließend und veraltet. Dass mir die pfarramtliche Arbeit gefallen würde, davon gehe ich jetzt mal aus, privilegiert und eventuell naiv wie ich bin.

Die andere Überlegung, ob „ich in die Wissenschaft möchte“, ist eine, die immer wieder aufploppt. Zum Beispiel dann, wenn ich mir denke: „Warum meint dieser Typ, dass er sich habilitieren muss oder will?“ Da gebe ich gern zu, dass ich ganz tief in mir drin und etwas böse denke: „Niemand wartet auf dich, warum machst du es trotzdem und ich mache es nicht?“ Und dann sehe ich inspirierende Frauen vor mir und komme doch nochmal ins Überlegen, blicke ins Private und bin dankbar, dass ich überhaupt abwägen kann.

Arbeitswelt war und sieht für mich persönlich bis jetzt so aus, dass ich mir mit Freude etwas aussuchen kann und – vielleicht voreilig; vielleicht auch, weil ich meine Fähigkeiten richtig ein- oder unterschätze; vielleicht auch, weil ich nicht rastlos von Vertrag zu Vertrag leben möchte – andere Möglichkeiten ausschließe.

Arbeitswelt ist für mich in dieser Zwischenphase also – und jetzt kommt ein typisch kirchlicher bzw. christlicher Sprech – eine Mischung aus „Schon jetzt“ und „Noch nicht“. Ich arbeite zwar schon, aber wohl noch nicht da, wo ich vermutlich am längsten arbeiten werde. Und selbstverständlich unterliegen diese vagen Planungen alle der sogenannten Conditio Jacobea: „so Gott will und wir leben.“ (Jak 4,15) Planen ist ja in höchstem Maße relativ und unterliegt unendlich vielen Variablen, die wir nicht bestimmen können – so fühlte sich der Matheunterricht früher für mich an, sodass dieses Fach nie in die engere Studienauswahl kam.

Und trotzdem ist einer der häufigsten Ratschläge, dass gutes Planen wichtig sei und vor allem: Networking! Netzwerken. Leute kennenlernen. Das bringt auf jeden Fall was. Und auf jeden Fall stimmt das und es gibt unzählig viele Beweise dafür. In Netzwerke stellen sich viele Menschen schon automatisch hinein, wenn unter einem Netzwerk auch ein Freund*innenkreis oder Handball-Team verstanden wird.

„Hier duzen wir uns!“ – Netzwerke der Gleichen

Netzwerke leben von gemeinsamen Ideen und basieren zu wohl nicht unerheblichem Teil, der eher unter- als überschätzt wird, auf Sympathien. Und wer eine kennt, die jemanden kennt, hat einen Vorteil z. B. auf dem Wohnungsmarkt, aber eben auch auf dem Arbeitsmarkt. So weit so offensichtlich.

Doch dieses „jemanden kennen“, durch eine gemeinsame Idee oder Sympathien miteinander verbunden sein, das macht Zugänge zu Netzwerken erstmal steil – insbesondere dann, wenn sich diese Netzwerke ihrer eigenen Exklusivität nicht bewusst sind. Es gibt aber auch Netzwerke, die sich bewusst öffnen wollen und einladen:

Als ich als Studentin 2016 das erste Mal bei einer Tagung der European Society of Women in Theological Research (ESWTR) war, die damals ihren 30. Geburtstag feierte, erhielt ich viele neue Eindrücke: Einige The*loginnenHinweis berichteten davon, was für buchstäbliche Kämpfe sie ausstehen und ausgestanden haben. Und sie erzählten, was für eine Erleichterung es war, diese gemeinsamen Erfahrungen teilen zu können und wie wichtig die ESWTR für sie sei. Das war sehr beeindruckend und mitreißend.

Die deutsche Sektion der ESWTR steht z. B. auch Theologiestudentinnen offen, sodass hier tatsächlich ein bewusstes Sich-Öffnen stattfindet. Mich hat bei der ersten Tagung das Tagungs-Du zugegebenermaßen sehr überfordert, weil ich insbesondere den Professorinnen doch meinen Respekt zollen wollte, aber es war ein deutlich einladendes Signal.

Ja, dieses Netzwerk hat etwas Geschlechterexklusives. Aber seine Existenz weist auf etwas hin: Die Arbeitswelterfahrungen von Theologinnen sind/waren – in der ESWTR v. a. im akademischen Kontext, aber Gleiches gilt für die Kirche – davon geprägt, dass Männer den Ton angeben/angaben. Und das spiegelt sich entsprechend in den Theologie-Netzwerken wider, seien sie als Verein organisiert, aber auch und insbesondere, wenn es um persönliche Kontakte geht.

Willkommen in der homosozialen Kooptation!

Homosoziale Kooptation. Das ist der Begriff, der viele Mechanismen auf den Punkt bringt: Menschen neigen in der Tendenz eher zu Kommunikation und Beziehungsaufbau mit Personen, die sie als ihnen ähnlich wahrnehmen. Das umschließt verschiedene Identitätsaspekte, aber eben auch die des Geschlechts. Wo viele Männer in Machtpositionen sind, haben es Männer leichter, aufzusteigen. Wo viele Weiße in Machtpositionen sind, haben es Weiße leichter, aufzusteigen. Wo viele Able-Bodied in Machtpositionen sind, haben es Able-Bodied leichter, aufzusteigen. Wo viele Heterosexuelle in Machtpositionen sind, haben es Heterosexuelle leichter, aufzusteigen. Wo viele cis-Menschen in Machtpositionen sind, haben es cis-Menschen leichter, aufzusteigen.

So sind Theologinnennetzwerke wie die ESWTR aber auch der Theologinnenkonvent, der 2025 sein 100-jähriges Bestehen feiert, eine gewissermaßen naheliegende Konsequenz. Selbstverständlich unterliegen auch Frauen der homosozialen Kooptation und suchen Gleichgesinnte und ihnen ähnliche Personen. Mit der expliziten Sichtbarmachung eines geschlechterexklusiven Netzwerks steht die ESWTR aber auch für etwas, das sonst unsichtbar bliebe, nämlich die geschlechtliche Prägung von theologischen Netzwerken und hier in der Mehrheit insbesondere die historisch gewachsene und nach wie vor anhaltende Prägung durch Männer.

Ja, es hat sich schon einiges verändert. Meine Generation darf dankenswerterweise auf Kämpfe für Geschlechtergerechtigkeit aufbauen, die schon gefochten wurden. Doch merken wir gerade wieder stärker, dass noch längst nicht alles erreicht ist und es ohne weiterkämpfen nicht geht. Und ja, wieder bleibe ich vor allem im evangelischen Kontext stehen und benenne viel zu wenig, dass die Arbeitswelt z. B. von römisch-katholischen Theologinnen nicht die gleiche Auswahl bietet, wie ich sie erlebe. Und wie sehr es wirklich ein buchstäbliches Kämpfen war und ist, zeigt sich ganz genau an dieser Stelle.

Arbeitswelt. Der Begriff tut so, als ob da vieles offen wäre. Zu einem gewissen Teil steht jeder*m auch etwas offen. Doch die Arbeitswelt bleibt weltlich, unterliegt menschlichen Mechanismen und Machtdynamiken und fußt auf Privilegien verschiedener Identitätsaspekte wie Geschlecht, sexueller Orientierung, sozialem Hintergrund, Körper, Migrationsgeschichte. Das macht vor der Theologie und das macht vor der Kirche nicht halt. Auf Sympathie und gemeinsamer Idee beruhende Netzwerke befähigen einige und schließen andere aus.

Nicht alle profitieren vom Nett-Work

Verdenglischt sollte es eigentlich Nett-Work heißen. Denn durch einander-Nett-Finden entstehen Geflechte, die sich in der Arbeitswelt niederschlagen. Davon profitiert der eine und die andere verdrängt es.

Werden wir uns dieser Mechanismen bewusst, ist schon ein Teil geschafft: Wie sehen meine eigenen Netzwerke aus? Welche Arbeitsmöglichkeiten schließe ich für mich oder für andere schon per se aus, weil ich keine Vorbilder habe, selber nicht in den Kreis der Privilegierten gehöre oder als Entscheidungsträger*in mir ähnliche Menschen auswähle?

Und ja: Ich für meinen Teil wäre auch für Quoten, wie sie vor kurzem Sarah Vecera für People of Colour in der Kirche gefordert hat. Dass durch Quoten auf einmal Unqualifizierte in Positionen gehoben werden könnten, unterliegt der falschen Vorannahme, dass bisher ausschließlich die Qualifikation das Zugangskriterium für sogenannte Spitzenpositionen war.

Ich gebe auch gern zu: Wie genau Quoten, die verschiedene Identitätsaspekte mitbedenken, festgehalten werden sollten – dafür habe ich auch kein Patentrezept. Aber eine ernstgemeinte gleichberechtigende Öffnung für alle und so auch gegenüber denjenigen, die nicht in das Privilegienraster fallen, muss programmatisch formuliert werden.


Hinweis: Mit „Theologie“ verwende ich den institutionell verfestigten, historisch gewachsenen, männlich dominierten Begriff. Wenn ich von „The*logie“ schreiben, gehe ich von einem demgegenüber kritischen Ansatz aus. Dabei weist das * darauf hin, dass G*tt nicht in erster Linie männlich gedacht werden soll – wie es das griechische θεὀς, aber auch das grammatikalische Geschlecht im Deutschen nahelegt. Eine Verengung auf ein Geschlecht stellt eine Vermenschlichung, eine Anthropomorphisierung G*ttes dar.

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