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Ende, aus, Nikolaus? – Die #LaTdH vom 6. Dezember

Ökumene ist, wenn man den Dissens formschön festhält? Äußerdem: Missbrauchsstudien, der Nikolaus kippt aus dem Kalender, vegan und koscher essen und Weihnachten nicht vergessen.

Debatte

In einer neuen Veröffentlichung, dem „Ökumenischen Vademecum“, betont der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen die Verantwortung der römisch-katholischen Bischöfe für die Ökumene. Das Thema dürfe keine Nebensache sein:

The bishop’s ecumenical engagement is not an optional dimension of his ministry but a duty and obligation.

Wie bei Texten aus dem Vatikan üblich, werden über weite Passagen die geltende Lehre und die sie stützenden Vorschriften des Kirchenrechts eingeschärft – wer auf überraschende Fortschritte oder gar eine Aufgabe bisheriger Positionen hofft, sieht sich enttäuscht.

Neues Ökumene-Papier: Keine Stellungnahme zu großen Streitpunkten – Felix Neumann (katholisch.de)

Das Vademecum sei als Ansporn für eine „Ökumene der kleinen Schritte“ zu verstehen, stellt Felix Neumann (@fxneumann) in seinem Kommentar auf dem Portal @katholisch_de fest. Doch viele (insbesondere deutsche) Wünsche blieben unerhört:

Es geht um konfessionsverbindende Ehen, aber nicht um die Kommunion des konfessionsverschiedenen Partners. Es geht um eucharistische Gemeinschaft, aber nicht um das kontrovers diskutierte Votum des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen. Es geht um das gemeinsame Erbe der Heiligen Schrift, aber nicht um die Perspektiven für eine deutschsprachige ökumenische Einheitsübersetzung. Kurz: Es ist ein weltkirchliches Papier, kein spezifischer Beitrag zur Situation bestimmter Ortskirchen.

Gespräch unter Bischöfen:

Das am Freitag veröffentlichte Dokument fasse im wesentlichen den Stand der offiziellen Ökumene in der Form einer praktischen Arbeitshilfe für Bischöfe zusammen. Dabei werden immer wieder frühere Texte ins Gedächtnis gerufen: Das Ökumenismus-Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils oder das Ökumenische Direktorium von 1993 – an eine Abkehr von früheren Positionen ist nicht zu denken.

Beeindruckend findet Neumann den Überblick über die Dialoge mit den unterschiedlichen Konfessionsfamilien und Zusammenschlüssen von Kirchen am Schluss des Dokuments:

Der eigentlich rein informierende Anhang hat das Potential, mit dem aus deutscher Sicht oft sehr zögerlich wirkenden, bloß die bestehenden Aussagen des Lehramts wiederholenden Hauptteil des Vademecums zu versöhnen, dessen praktische Impulse in den deutschsprachigen Diözesen wohl schon lange umgesetzt sein dürften. Die Liste der vielen Dialoge, bei denen mit Beharrlichkeit die theologische Kärrnerarbeit der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit in kleinen Schritten vorangebracht wird, macht Hoffnung, dass auch kleine Schritte irgendwann zum Ziel führen.

Religionsunterricht im „kooperativen Modell“ mit evangelischen und katholischen Schüler:innen:

Catholics told to work for Christian unity – Christopher Lamb (The Tablet)

Auch außerhalb Deutschlands gibt es spezifische Erwartungen an ökumenische Fortschritte, die über die bekannten Mahnungen hinausgehen, Katholiken sollten den theologischen Streit mit den „getrennten Brüdern“ aus anderen Konfessionen „in a manner which lays aside the polemical language and prejudices of the past“ („in einer Weise, die polemische Sprache und Vorurteile der Vergangenheit beiseite legt“) austragen.

Bis heute sind die römisch-katholisch/anglikanischen Beziehungen getrübt durch die ausdrückliche Entscheidung Papst Leo XIII. von 1896, die Weihen in der Kirche von England seien „absolutely null and utterly void“ – bis heute werden daher konvertierte anglikanische Priester erneut („richtig katholisch“) geweiht.

Christopher Lamb (@ctrlamb) zitiert in The Tablet (@The_Tablet) die windelweichen Antworten von Kurt Kardinal Koch, Präsident des Einheitsrats, auf Fragen während der Pressekonferenz zur Präsentation des Vademecums, ob diese diskriminierende Lehre nicht revidiert werden könne.

„I think we must have a better interpretation,“ Cardinal Koch said. The question of validity, he said, needs to be studied and should go beyond „is it valid, or is it not valid?“

He added: „I think it’s a very important question because the validity of the ordination is the biggest obstacle for sharing the same altar and in this sense, we must work on this question very hard.“

Die Glaubenskongregation hatte noch 1998 festgestellt, die Lehre von der „Ungültigkeit der anglikanischen Weihen“ gehöre zu den „Beispiele(n) für Wahrheiten, die nicht als von Gott geoffenbart verkündet werden können, aber aufgrund geschichtlicher Notwendigkeit mit der Offenbarung verbunden und endgültig (!) zu halten sind“ – wie  man durch „sehr harte Arbeit“ dazu kommen soll, diese Position räumen zu können, bleibt unklar. Ein „neues Problem“ sei zudem durch die Einführung der Frauenordination entstanden: „the Catholic Church cannot accept this decision in our Church.“

Ende, aus, Nikolaus?

nachgefasst

Zeit für neue Gemeinsamkeit – Interview mit Thomas Schüller (Kirchenzeitung für das Bistum Aachen)

Bei der Präsentation des Gutachtens der Kanzlei Westphal Spilker Wastl am 12. November hatte das Bistum Aachen bescheinigt bekommen, in den letzten Jahrzehnten nicht angemessen mit Tätern und Betroffenen von sexualisierter Gewalt umgegangen zu sein.

„Mit dem nüchternen Blick eines Kirchenrechtlers, aber dem heißen Herzen eines ethisch positionierten Christen“ verfolge Thomas Schüller (@tschueller61) die Aachener Entwicklung, heißt es in der Kirchenzeitung für das Bistum Aachen. Im Interview würdigt der Professor für Kirchenrecht an der Universität Münster sowohl die Studie der Münchner Rechtsanwälte als auch die Reaktion der Aachener Kirchenleitung. Entscheidend sei, ob nun wirklich ein Mentalitätswandel einsetze:

Wir alle, die wir diesen Prozess der Umkehr begleiten, egal ob als Journalisten, Wissenschaftler oder auch als Bischöfe, dürfen nicht in den alten paternalistischen Fehler verfallen, zu glauben und zu wissen, was den Opfern gut tut. Sondern sie sollen und müssen es selbst sagen. Wir, die wir nicht betroffen sind, bleiben alle Lernende, und zwar in aller Demut vor dem Leid, dem die Opfer ausgesetzt wurden und sind. Wir dürfen sie nicht erneut entmündigen, und sei es noch so gut gemeint.

Und das hat Konsequenzen. Die Betroffenen sollen also selbst entscheiden, ob sie mit uns zusammenarbeiten, wie sie das tun, wer ihrer Kommission oder ihrem Beirat angehört. Die Kirche hat diesen Willen ohne Einflussnahme zu akzeptieren, sie darf sich der Betroffenen nicht wieder ermächtigen wie einst die Täter. Aber eines darf und soll sie sicherlich: diese unabhängige Selbstorganisation finanziell und logistisch unterstützen als Zeichen, dass die Kirche die Aufarbeitung ihrer Verantwortung ohne Wenn und Aber annimmt. Die Betroffenen aber bestimmen selbst, mit welchen Themen sie sich auseinandersetzen und mit wem sie reden.

Opfer wurden am Reden gehindert – Interview mit Thomas Großbölling (katholisch.de)

Bereits im Zwischenbericht zur Missbrauchsstudie im Bistum Münster zeichnet sich ein erhebliches Fehlverhalten von Bischöfen ab. Im Interview mit Gabriele Höfling (@EleHoefling) kündigt der Studienleiter Thomas Großbölting, an, 2022 weitere Namen von Verantwortlichen zu nennen – Referenzmodell sei das Gutachten im Bistum Aachen.

Für die Zurückhaltung der Staudie im Erzbistum Köln, die von der selben Kanzlei wie in Aachen erstellt wurde, hat der Historiker kein Verständnis:

Kardinal Rainer Maria Woelki hatte angekündigt, alle Umstände möglichst radikal offenzulegen, nun ist das Gegenteil der Fall. Über jede Studie kann man natürlich diskutieren. Das ist nicht der Punkt, jede Studie kann Fehler haben. Aber was nicht geht, ist, dass man die Ergebnisse dem Diskussionsprozess völlig entzieht, indem man sie gar nicht veröffentlicht. Auch, dass Kardinal Woelki den Betroffenenbeirat benutzt hat, um das zu rechtfertigen, ist aus meiner Sicht nicht zu akzeptieren.

Dass in Münster der Auftrag nicht an Rechtsanwälte, sondern an Geschichtswissenschaftler gegangen sei, hält Großbölting für einen perspektivischen Vorteil:

Juristen müssen beurteilen, ob individuelles Verhalten einer bestimmten Norm entsprochen hat oder nicht. Wir als Historiker können auch andere Kategorien zur Beurteilung eines bestimmten Verhaltens einbeziehen: Die vorherrschende öffentliche Meinung einer bestimmten Zeit etwa und Fragen von Moral und Ethik.

„Das System Kirche als Ganzes ist hier schuldig geworden“ – Annette Zoch (Süddeutsche Zeitung)

„Spes et Salus“ („Hoffnung und Heil“) – so heißt die neue gemeinnützige Stiftung für Opfer sexualisierter Gewalt in der römisch-katholischen Kirche, angesiedelt beim „Zentrum für Kinderschutz“ (@CCP_Rome) an der Päpstlichen Universität Gregoriana (@UniGregoriana).

Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, stellt eine halbe Million Euro (den „allergrößten Teil meines Privatvermögens“) dafür zur Verfügung. Er habe immer versucht, „verantwortlich mit den finanziellen Mitteln umzugehen, die mir persönlich als Bezüge für meine Tätigkeiten als Institutsdirektor, Professor und Bischof zugewiesen worden sind“, lässt er in der Pressemitteilung der Erzdiözese erklären.

Eine gute Nachricht, sagt Matthias Katsch (@KaMaZhe), Sprecher der bundesweiten Betroffenen-Initiative @EckigerTisch, gegenüber der Süddeutschen Zeitung (@SZ):

Die zahlreichen Betroffenen sexueller Gewalt durch Kleriker in Deutschland und weltweit brauchen Hilfe und Unterstützung beim Austausch und der Vernetzung. Ich finde es ein wichtiges Signal, dass jemand, der eine führende Rolle in der katholischen Kirche spielt, persönlich ein Zeichen setzt.

Zurückhaltender äußert sich Agnes M. Wich (@WichAgnes), Traumatherapeutin und Betroffene im Erzbistum München:

Den Grundgedanken, eine Stiftung zu gründen, die sich auch mit spiritueller Traumatisierung beschäftigt, finde ich gut. Aber viele Betroffene leiden bis heute unter bitterer Armut. Zugleich spendet der Kardinal privat eine so hohe Summe. Dieses Ungleichgewicht löst bei mir auch Befremden aus.

Wissenschaftliche Studie zu sexualisierter Gewalt im Bereich der evangelischen Kirche hat begonnen (EKD)

Unterdessen hat der Forschungsverbund ForuM (Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland) seine Arbeit aufgenommen. Ziel des von der @EKD mit 3,6 Millionen Euro geförderten Forschungsprojektes sei eine „Gesamtanalyse evangelischer Strukturen und systemischer Bedingungen, die sexualisierte Gewalt begünstigen und ihre Aufarbeitung erschweren“. Damit soll eine empirische Basis für weitere Aufarbeitungsschritte entstehen. Ergebnisse der Studie sollen im Herbst 2023 vorliegen.

„Die Evangelische Kirche schafft es nicht alleine“ – so die skeptische Einschätzung, mit der Philipp Greifenstein (@rockToamna) hier in der Eule die Arbeit der jüngsten EKD-Synode zum Thema bilanzierte. Bleibt zu hoffen, dass den Betroffenen in der evangelischen Kirche zumindest ein peinliches und demütigendes Schauspiel wie bei den „Kölner Wirren“ um ein zurückgehaltenes Gutachten über Missbrauch im Erzbistum Köln erspart bleibt.

Prof. Dr. Martin Wazlawik, der in der römisch-katholischen Jugendarbeit am Niederrhein sozialisierte Koordinator des Forschungsverbunds, hat jedenfalls klargestellt:

Der Forschungsverbund agiert unabhängig von der evangelischen Kirche und es ist vertraglich gesichert, dass der Abschlussbericht von den Wissenschaftler*innen selbstständig veröffentlicht wird. Für Studien im Bereich sexualisierter Gewalt ist diese formelle und inhaltliche Unabhängigkeit elementar. Im kommenden Jahr werden wir auf verschiedenen Wegen zur vielfältigen Mitarbeit an der Studie einladen.

Buntes

Kein Nikolausabend in diesem Jahr? – Mathias Peter (Domradio)

Mathias Peter (@mathpeter3), Redakteur beim @domradio, hat beim Blick ins Directorium, den liturgischen Kalender für das Erzbistum Köln, bemerkt, dass der Gedenktag der heiligen Barbara am 4. Dezember ebenso ausfällt wie am heutigen Sonntag der heilige Nikolaus. Die Feste sind jedoch weder der Coronakrise noch der Willkür des Kölner Kardinals Woelki zum Opfer gefallen.

Prof. Dr. Alexander Saberschinsky, Referent für Liturgie in der Hauptabteilung Seelsorge des Erzbischöflichen Generalvikariats Köln, erklärt die Besonderheit:

Es kann passieren, dass eine Heilige oder ein Heiliger, der an anderen Orten gefeiert wird, in einem Bistum nicht gefeiert werden kann, weil man sich entschieden hat, dass ein anderer Heiliger regional noch wichtiger ist.

Bis heute sorge die liturgische Neuordnung durch das Zweite Vatikanische Konzil (beendet am 8. Dezember 1965) für Verwirrung und Beunruhigung der Gläubigen:

Wir erhalten im Generalvikariat schon einmal verzweifelte Anrufe: „Was soll ich machen? Mein Namenspatron ist abgeschafft!“

Der Experte beruhigt die Gemüter:

Neben den offiziellen Liturgien der Kirche gibt es den großen Bereich der sogenannten Volksfrömmigkeit und des christlichen Brauchtums. Und auf dieser Ebene spricht überhaupt nichts dagegen in der Familie und zuhause in der gewohnte und lieb gewordenen Weise Nikolaus zu feiern. Insofern der Nikolaus ein Christusbote ist, passt dies sogar hervorragend zum Anliegen des Advents. Kurzum: Man kann sehr gut Nikolaus feiern und die nächste Adventskranzkerze anzünden!

Wie der Nikolaus Corona trotzt – Matthias Altmann (katholisch.de)

Aufgrund des Lockdowns ist ein klassischer Hausbesuch oder ein Auftritt in einem Kindergarten in diesem Jahr schwierig bis unmöglich: Was also tun, damit der Nikolaus nicht „ausfällt“ und trotz aller Widrigkeiten seine Botschaft unter die Leute bringen kann? Matthias Altmann hat eine Übersicht erstellt, welche Corona-konformen Alternativen („eine Bischofsstablänge Abstand, mindestens“) sich kirchliche Mitarbeiter und Werke überlegt haben.

Koscher und vegan – Interview mit Asa Keisar (Jüdische Allgemeine)

Der israelische Rabbiner Asa Keisar hat ein Koscher-Siegel für vegane Produkte entwickelt – für den internationalen Markt und auch für Nicht-Juden. Im Interview mit Ayala Goldmann in der Jüdischen Allgemeinen (@juedischeonline) weist er darauf hin, dass sich schon jetzt viele Muslime, die halal essen, auf Koscher-Siegel verlassen.

Keisar, der auf Vortragsreisen und auf seiner multimedialen Website für einen „religiösen Veganismus“ wirbt, hält ein „Gebot des Fleischessens“ für eine Falschauslegung der Tora:

Man kann auch behaupten, dass Götzendienst in Ordnung ist oder dass man Sklaven halten darf. Steht das etwa in der Tora? Nein. Die Tora verbietet es, Tiere zu quälen. Auch Maimonides schreibt das, das ist nicht meine private Meinung. Ich bin Veganer geworden aus Mitleid mit den Tieren.

Vegane Ernährung sei in jüdischen Gemeinden kein „Trend“, aber das Interesse an veganen Produkten, die gleichzeitig auch den religiösen Speisevorschriften entsprechen, wachse:

Das ist keine Mode, es geht um Werte. Auch die Abschaffung der Sklaverei war keine Modeerscheinung, sondern eine Umkehr zu einem moralischeren Leben. In Israel gibt es heute sehr viele Veganer, wir sind sozusagen die Welthauptstadt des Veganismus, und es gibt hier kaum noch ein Restaurant ohne vegane Speisekarte. Die Menschen möchten moralischer werden und sich gesünder ernähren.

Theologie

Die Gespenster der Moralphilosophie – Max Hauser (agora42)

Die Enzyklika „Fratelli Tutti“ von Papst Franziskus hat nicht nur Diskussionen unter den Brüdern und (mitgemeinten) Schwestern der römisch-katholischen Kirche ausgelöst (vgl. die #LaTdH vom 20. September oder den Beitrag von Daniel P. Horan hier in der Eule), sondern auch für Furore in marktliberalen Kreisen gesorgt.

Die heftige Gegenkritik wirft für Max Hauser (@_maxhauser) vom Netzwerk Plurale Ökonomik (@PluralEcon) die Frage nach der Beziehung zwischen der Theologie und der Ökonomik auf: Wieso fühlen sich Ökonom*innen überhaupt von einem kirchlichen Lehrschreiben herausgefordert? Im philosophischen Wirtschaftsmagazin @agora42 erklärt Hauser, dass die Spurensuche zu den theologischen Anleihen im ökonomischen Denken führt– die „Ethik der unsichtbaren Hand“:

Häufig bleibt unbeachtet, wie theologisch-moralische Argumente in die heute oft als säkular und rein technisch wahrgenommene politische Ökonomik Einzug hielten, die der Marktwirtschaft nicht nur harmonische Tendenzen attestierten, sondern ihr auch eine Heils-Mission und die legitimatorische Funktion einer höchsten Autorität übertrugen. Viele dieser Argumente kehren in Rechtfertigungen oder besser gesagt Apologien des umfassenden Wettbewerbs wieder. Das wirksamste Mittel gegen diese Krypto-Theologie ist eine offene Diskussion über den Ursprung und die Sinnhaftigkeit häufig getroffener Annahmen anzustoßen.

Christen, hört die Signale! – Sebastian Blottner (Blätter für deutsche und internationale Politik)

Nichts an Weihnachten sei so heilig wie das Weihnachtsgeschäft, kritisiert Sebastian Blottner in den Blättern für deutsche und internationale Politik (@blaetter). Doch den „Apologeten des Kaufrauschs“ habe sich ein viel mächtigerer Gegner als das Corona-Virus entgegengestellt:

In seiner Enzyklika „Fratelli Tutti“ wünscht Papst Franziskus tatsächlich den Kapitalismus zur Hölle und geißelt die Ideologie des Immer-Mehr. Offen feindet er die Marktwirtschaft und das Dogma des konsumgetriebenen Wachstums an. Selbst engsten Vertrauten gelingt es nicht, diesen offenbar zu allem entschlossenen Mann einzuhegen. (…)

Was der Papst da fordert, ist ein Aufruf zur Revolution. Kommunismus statt Konsumismus, so schallt die Botschaft von Rom aus über den Erdenkreis. Christen, hört die Signale! Dieses Jahr kommt Marx unter den Baum und obendrauf der rote Weihnachts-Engels.

Weg mit dem Selbstmitleid! – Interview mit Jürgen Manemann (Die Furche)

Der Theologe und politische Philosoph Jürgen Manemann, Schüler von Johann Baptist Metz, des 2019 verstorbenen Begründers der „Neuen Politischen Theologie“, kritisiert im Interview mit Otto Friedrich (@ofri_ofriedrich) in der österreichischen Zeitschrift Die Furche (@diefurche) die Selbstbezogenheit kirchlichen Denkens und die Blindheit für das Ausmaß der bereits vor der Corona-Pandemie herrschende Klimakrise:

Die Kirche hat ihre apokalyptischen Traditionen vergessen. Sie denkt nur mehr schöpfungstheologisch und hat durch einen inflationären Gebrauch des Begriffs der Schöpfung diesen Begriff entleert. Wir sollten heute die Schöpfung von der Apokalypse her neu lesen und die Schöpfungstheologie neu entwickeln. (…)

Apokalyptik, wie ich sie verstehe, steht in prophetischer Tradition. Prophetische Apokalyptiker(innen) versuchen alles zu tun, damit die Vorhersage nicht eintritt. Sie möchten die menschengemachte Apokalypse verhindern. Aber es gibt auch Ideologen, die die Rede von der Apokalypse missbrauchen, sich am Untergang erfreuen, um sich selbst ins Recht zu stellen. (…)

Jeder Instrumentalisierung biblischer Apokalyptik für eine verschwörungsideologische Apokalypse muss eine klare Absage erteilt werden – das ist ein Missbrauch biblischer Texte.

(Statt einer) Predigt

Lametto mio – Mely Kiyak (ZEIT ONLINE)

„Weihnachten retten“? So zumindest lautete die Begründung für die jüngst beschlossenen Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. Für die Kolumnistin Mely Kiyak ist das Fest längst „unrettbar verloren“ – und das habe nichts mit der Coronakrise zu tun:

Weihnachten hat sich im christlich-abendländischen Europa spätestens 2013 erledigt, als vor Lampedusa Hunderte von toten Afrikanern aus dem Wasser gezogen wurden und der Papst von „Schande“ sprach und einem „Tag des Weinens“ und eigentlich weinte keiner in diesem Christeneuropa, das so sehr Wert darauf legt, in allererster Linie christlich zu sein. (…)

Unaufhörlich sterben im Mittelmeer Menschen auf der Flucht und die, die nicht im Mittelmeer sterben, sterben in der Ägäis oder irren auf den Meeren, illegal pushgebackt heißt diese politische Widerwärtigkeit, mit anderen Worten: Man schubst sie zurück. (…)

Schlimm werden die nächsten Wochen sein, wenn das obligatorische Besinnungsblabla gesprochen wird und es nur wieder um uns geht, unser Corona, unsere Kurven, unsere Unversehrtheit, unsere Leben und die alles umwölbende Frage der Umtauschfristen und ob die Händler gesetzlich verpflichtet sind, bei Rückgabe Geld auszuzahlen. Aber nie geht es um die Zehntausenden von Flüchtlingen mitten unter uns in Europa campierend und dahinvegetierend.

Das wäre es doch gewesen. Wenn einer sagt, wir holen die jetzt, um Weihnachten zu retten, boah, was wäre das für eine Aktion, für ein Zeichen, für eine Würde.

Ein guter Satz

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