Kolumne Sektion F

Erinnerungskultur intersektional

Zwischen Holocaust-Gedenktag und „Black History Month“ auf der Suche nach einer intersektionalen Praxis des Gedenkens in Kirche und Gesellschaft:

Den Holocaustgedenktag am 27. Januar habe ich in meiner Schulzeit noch nicht gekannt, das erste Mal habe ich von diesem Datum während meines Freiwilligendienstes mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste erfahren. Als Freiwillige in London wurden wir in eine Synagoge eingeladen – zum Gedenken und anschließendem Tee trinken. Im Jahr 2012 waren noch hochbetagte „Kindertransportkinder“ bei der Veranstaltung anwesend. Die Befreiung von Auschwitz war für keine*n von ihnen ein abstraktes Datum, ihre Freund*innen und Familien waren dort oder in anderen Lagern ermordet worden.

Dieses Jahr war ich wieder bei einer Gedenkveranstaltung. Sie wurde von „Omas gegen Rechts“ organisiert. Ich vermute, dass es das erste Mal war, dass sie diese Gedenkfeier ausrichteten – mit Megaphon und mit Texten aus KZs. Wir standen draußen und blickten auf LED- oder Wachskerzen, während drumherum der Stadttrubel weiterlief. Wie jeden Tag wurde zur selben Zeit vom Kirchturm Trompete gespielt. Diesmal jedoch mitten in die vor der Kirche stattfindende Gedenkveranstaltung hinein. Die Melodie von „Er weckt mich alle Morgen“ von Jochen Klepper (1903-1942). Ich hoffe, dass außer mir keine*r diesen Choral und dessen das Gedenken im Grunde verhöhnende erste Zeile erkannt hat. Das war schwer auszuhalten.

An einem früheren Wohnort habe ich auch einmal eine solche Gedenkveranstaltung mitorganisiert. Meine ersten Kontakte vor Ort hatte ich über kommunale Parteipolitik. Doch der Grüne Ortsverband zögerte zurecht, die Initiative für das Gedenken zu übernehmen. Das verstehe ich heute besser: Gedenken ist per se politisch und gerade jetzt müssen die demokratischen Parteien zusammenstehen. Dabei sind von einzelnen Parteien organisierte oder initiierte Veranstaltungen dann aufgrund des parteilichen „Wettkampfs“ trennender oder kontroverser als es dem Gegenstand angemessen ist.

Dieses Jahr am 27. Januar gaben sich in der kleinen Runde in meinem Wohnort auch Jusos zu erkennen. Dass die „Omas gegen Rechts“ von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion direkt nach der Bundestagswahl im vergangenen Jahr als ein „besonders umstrittenes Beispiel“ für staatliche Förderung bezeichnet wurden, sagt in diesem Zusammenhang ja auch einiges aus. Die Fraktion wollte unter anderem wissen, ob die „Omas gegen Rechts“ parteipolitische Ziele verfolgen.

Die Störung einer Gedenkveranstaltung am 27. Januar, als die ich das Trompetenspiel in meinem Wohnort empfunden habe, kann von Seiten der Kirchen auf keinen Fall gewollt sein. Als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ist er inzwischen ebenso wie der 9. November als Gedenktag an die Novemberpogrome von 1938 Teil des Evangelischen Gottesdienstbuches, der Agende der evangelischen Landeskirchen in Deutschland, inklusive Vorschlägen für die biblischen Lesungen, Lieder und Gebete.

Auch wenn ich gar nicht für einen mit einer christlichen Dominanzkultur korrespondierenden kirchlichen Claim des 27. Januars votieren will, schiene es mir für die Gedenkveranstaltung in meinem Wohnort mindestens sinnvoll, wenn von der Kirche technischer Support geliefert werden könnte. Aber auch darüber hinaus stellt sich die Frage danach, wie sich Kirche(n) in die Gedenkkultur einbringen können. An vielen Orten ist das beim 9. November schon jahrzehntelang der Fall. Der Beitrag der Kirchen ist, wie Eule-Redakteur Philipp Greifenstein in den zeitzeichen geschrieben hat, gerade dort unverzichtbar, wo sonst nur wenige das Gedenken an die Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus hochhalten.

Erinnerungskultur intersektional

Dass Erinnern und Gedenken auch intersektional zu bedenken ist, hat gerade erst die Zeitschrift der Aktion Sühnezeichen „zeichen“ beleuchtet. Wie verändert sich Gedenken dadurch, dass wir in einer postmigrantischen Gesellschaft leben? Was wird anders, wenn ein größer werdender Anteil derjenigen, die in der Schule und anderswo über den historischen Nationalsozialismus informiert werden, keine Nachkommen der Täter*innengesellschaft sind? Diese Fragen verweisen darauf, wer heute gedenkt. Das ist bekanntlich auch nur eine Seite der Medaille.

Die andere ist, die Opfer des Nationalsozialismus intersektional zu betrachten. Dafür hat das Gedenken u.a. an die queeren Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag 2023 entscheidende und öffentlichkeitswirksame Impulse gesetzt. Die Gemeinschaft der Gedenkenden steht vor der Herausforderung, sich nicht auseinander zu dividieren und voneinander aufgrund der Heterogenität als Akteur*innen der Erinnerung abzugrenzen.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Gedenken spielt aus meiner Sicht das Prinzip der homosozialen Kooptation. Eine vereinfachte Fassung des Konzepts ist das Sprichwort: „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Wir beobachten die homosoziale Kooptation dann am Werk, wenn Menschen ihnen ähnliche Personen zum Beispiel beruflich befördern oder in Gremien wählen. Für das Gedenken entscheidend ist, dass sich deswegen Unsichtbarmachung und Diskriminierung der Vergangenheit bis in die Gegenwart fortsetzen können. Welche Opfergruppen sind der Mehrheitsgesellschaft gerade noch „genehm“? Der Kampf von Sinti*zze und Rom*nja und queeren Personen um ein angemessenes Gedenken an ihre Verfolgung im NS-Staat ist dafür ein trauriges Beispiel.

Es braucht breite Bündnisse über soziale, religiöse und parteipolitische Grenzen hinweg (natürlich unter Ausschluss von Antidemokrat*innen) für ein gemeinsames Gedenken mit annehmender Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit der Mit-Gedenkenden. Und andererseits auch Intersektionalität darin, wessen gedacht wird. Es ist zu vermeiden, die Schrecklichkeit nationalsozialistischer Vernichtung durch eine Opferkonkurrenz zu schmälern, auch wenn die verwendeten Verfolgungs- und Tötungsmechanismen voneinander divergierten. Die Differenzen empfinde ich als Anlässe zum Weiterlernen und nicht als trennend beim Erinnern, solange mit ihnen historisch-kritisch und sensibel umgegangen wird.

Ohne Trompeten und Allein-Gedenkanspruch!

Der Februar ist der „Black History Month“, in diesem Jahr wird der aus den USA stammende Gedenkmonat zum 100. Mal begangen. Der Monat gibt Anlass, an Schwarze Personen, ihre Errungenschaften und Verdienste, aber auch ihre Unterdrückungs- und Befreiungsgeschichte zu erinnern. Wer die bisherigen Schwerpunktthemen betrachtet, erkennt, dass das Leben Schwarzer Frauen häufiger im Fokus stand. Das verweist wiederum auf den Ursprung des Konzepts Intersektionalität.

Auch in Städten in Deutschland finden inzwischen „Black History Month“-Veranstaltungen statt. Es lohnt sich, auch hier intersektional zu fragen: An wen wird gedacht? Schwarzen Personen verschiedener Geschlechter, manche reich und manche arm, manche alt, jung, mit oder ohne Behinderung etc.? Wie unsichtbar bleibt die afrodeutsche Geschichte und jene des deutschen (auch christlichen) Kolonialismus? Mindestens ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger: Wer gedenkt mit? Wer beteiligt sich am Gedenken? Hat die Weiße Mehrheitsgesellschaft die homosoziale Kooptation in der Erinnerungskultur schon durchbrochen?

Ich hoffe, die Kirchen beteiligen sich weiterhin und verstärkt an einer intersektional vielfältigen Erinnerungskultur: An jenen Gedenktagen, die schon in den Rang offizieller (evangelischer) Gedenktage aufgerückt sind, weil mit ihnen auch die Schuldgeschichte der (eigenen) Kirche, die besondere Beziehung des Christentums zum Judentum und die Solidarität mit Jüdinnen und Juden verbunden ist. Und zu neuen Erinnerungsanlässen wie dem „Black History Month“:

Auch hier gibt es für die Kirchen mit Blick auf ihre Verstrickung  in den Kolonialismus und wegen ihrer Verantwortung für den Frieden in unserer post-migrantischen Gesellschaft gute Gründe, sich zu engagieren. Aber bitte nicht mit übertönenden Trompeten oder einem übergriffigem Allein-Gedenkanspruch, sondern im Kontakt mit vielfältigen Akteur*innen.


Alle Ausgaben der Kolumne „Sektion F“ von Carlotta Israel hier in der Eule.


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