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„Franziskus hat das sehr geschickt gemacht“

Die Predigt von Papst Franziskus beim Requiem für seinen Vorgänger Benedikt XVI. bietet Anlass für Diskussionen. Wohin geht die katholische Liturgie nach dem Tod Joseph Ratzingers?

Eule: Herr Kranemann, die Predigt von Papst Franziskus beim Requiem für seinen Vorgänger Benedikt XVI. hat nicht allen gefallen: Manche fanden Sie unpersönlich, andere verteidigten sie als typisch katholische Begräbnispredigt. Was stimmt denn nun?

Kranemann: Die Predigt ist tatsächlich dem Stil nach eine klassisch katholische Begräbnispredigt. Katholische Predigt bei einem Begräbnis ist eigentlich wenig biographisch geprägt, auch wenn sich die Praxis in Deutschland zum Teil in den letzten Jahren dahingehend verändert hat. Sie ist eine Predigt, die Glaubensbekenntnis, Glaubenszeugnis, trost- und hoffnungsspendend angesichts des Beispiels eines Verstorbenen ist. Die Predigt von Papst Franziskus ordnet sich in diese Tradition ein.

Franziskus deutet den Tod Benedikts mit Blick auf das Beispiel des sterbenden Christus. Das ist ja der Mittelpunkt der kurzen und prägnanten Predigt. Von dort aus macht er einige Aussagen über das Leben des Verstorbenen, aber sehr diskret. Das entspricht dem Programm einer Entsakralisierung des Papsttums, dessen Startpunkt Benedikt XVI. selbst mit seinem Rücktritt vom Papstamt gesetzt hat.

Eule: Die Predigt wurde mit der des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger beim Begräbnis von Johannes Paul II. verglichen, die sehr herzlich und ausführlich war.

Kranemann: Das ganze Begräbnis hat sich von dem unterschieden, das Papst Johannes Paul II. zu Teil geworden ist. Es war eine – für vatikanische Verhältnisse – schlichte Feier. Die Predigt ist ganz stark christologisch und passiologisch angelegt, trotzdem enthält sie einige deutliche und markante Aussagen über Benedikt XVI., wie z.B. dass er „Leidenschaft für das Evangelium“ gehabt und „betende Hingabe“ geübt habe. Wenn Franziskus feststellt, dass es „Kreuzpunkte“ und „Widersprüche“ gibt, denen sich der Hirte stellen muss, dann sind das Aussagen, die Benedikts Pontifikat betreffen und die auf dessen Person hin formuliert wurden.

Franziskus‘ Predigt ist auch deshalb in der Diskussion, weil sich an Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger die Geister scheiden. An ihr wird festgemacht, dass Franziskus einen anderen Kurs einschlägt. Manche hätten sich sicher eine andere Würdigung des verstorbenen Papstes und Theologen erwartet. Daran merkt man, dass Predigten durchaus auch kirchenpolitisch betrachtet werden und zu Streit führen können.

Eule: Gerade Ratzinger-Anhänger hatten sich mehr Bewunderung durch Franziskus gewünscht. Andere Beobachter:innen fragten sich, wie Franziskus mit den Versäumnissen seines Vorgängers, z.B. bei der Bekämpfung des Missbrauchs, umgehen würde. Allen konnte es Franziskus mit seiner Predigt sowieso nicht recht machen.

Kranemann: Man darf nicht vergessen, dass Franziskus bei dieser Predigt unter gewaltiger Beobachtung, möglicherweise auch unter großem Druck stand. Wie wird er mit seinem Vorgänger umgehen? Wie würdigt er ihn? Ich finde, die Einordnung des Lebenswerks seines Vorgängers hat Franziskus sehr geschickt gemacht. Er hat sich, zumindest vordergründig, auf die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen gar nicht eingelassen. Aber die Predigt ist schon ein Statement, denn sie wäre in vergangenen Jahrzehnten oder Jahrhunderten ganz anders gehalten worden. Da zeigt sich, dass sich einiges in der Wahrnehmung des Papstamtes verändert hat.

Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger ist eine Persönlichkeit mit einer großen Anhängerschaft. Teile dieser Anhängerschaft verfolgen eine völlig andere Kirchenpolitik als Papst Franziskus und haben eine ganz andere Vorstellung vom Papstamt. Was Franziskus mit der Weltsynode begonnen hat, gefällt sicher nicht allen, die sich zum „Lager“ Joseph Ratzingers zählen. Ganz unbeschadet übrigens davon, was Benedikt XVI. selbst dazu gedacht haben mag.

Eule: Ausgelöst durch den Rücktritt von Benedikt XVI. vor zehn Jahren, war dies ja auch die erste Predigt seit Menschengedenken, die ein lebendiger Papst bei einem Requiem für seinen Vorgänger gehalten hat.

Kranemann: Dieser Rücktritt ist schon ein Politikum gewesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Theologe wie Joseph Ratzinger nicht reflektiert hat, wie sich damit das Papstamt verändern würde. Der Papst beendet selbstgewählt seine Amtszeit und zieht sich zurück. Wie immer man die Zeit der Abgeschiedenheit auch bewerten will, damit hat sich die Aura des Amtes verändert.

Franziskus setzt diese Entsakralisierung des Amtes fort mit der Wahl seines Wohnortes, mit seinen Fahrzeugen, was die Art und Weise seines Sprechens angeht, zum Beispiel die freie Rede in Pressekonferenzen, die ja zum Teil neue Probleme aufwirft. Da merkt man, dass etwas in Bewegung gerät. Auch das ruft natürlich Kritiker auf den Plan.

Eule: In den letzten Tagen ist mir aufgefallen, wie viel Kontinuität es zwischen den zwei Päpsten gibt, nicht nur was die Äußerlichkeiten angeht, sondern auch inhaltlich. Der Klimaschutz zum Beispiel war schon Joseph Ratzinger ein wichtiges Anliegen. Ist denn das liturgische Programm von Franziskus ein ganz anderes als das von Benedikt XVI.?

Kranemann: Da gibt es schon Unterschiede. Es gibt ja die Anekdote über Franziskus, ihm sei als frischgewähltem Papst vor seiner Präsentation auf der Logia des Petersdomes eine Stola gereicht worden, die ihm missfiel. Vielleicht wirkte sie ihm zu ’barock‘. Franziskus soll sie mit den Worten „Der Karneval ist vorbei“ abgelehnt haben. Auf eine betont prunkvolle Inszenierung des Papsttums verzichtet Franziskus. Er ist sicherlich kein Freund der „alten Messe“ und er misst der Inkulturation der Messe größere Berechtigung zu.

Eule: Mit seinem Motu Proprio „Traditionis custodes“ hat Franziskus die Liturgiereform von Benedikt XVI. weitgehend rückgängig gemacht. Benedikt XVI hatte die vorkonziliare Messfeier als außerordentlichen Ritus der römischen Messe eingeführt. Gleichzeitig zeigt Franziskus sich offen für andere Inkulturationen der Messe. Ist nicht auch der außerordentliche Ritus eine solche Inkulturation?

Kranemann: Was den außerordentlichen Ritus angeht, könnte man die Frage stellen, ob Benedikt XVI. da nicht eine Tür geöffnet hat und irgendwann merken musste, dass er damit Geister geweckt hatte, mit denen er dann Probleme bekam. Ich denke, er hat sich vorgestellt, man könne den vorkonziliaren Ritus genehmigen und die Gruppen, die so Messe feiern, würden das 2. Vaticanum in vollem Umfang akzeptieren und anerkennen. Da gibt es aber offenbar massive Schwierigkeiten. Franziskus hat den außerordentlichen Ritus deshalb sehr stark eingeschränkt. Neupriester, die ihn praktizieren wollen, brauchen eine ausdrückliche Genehmigung des Vatikans. Das ist eine hohe Schwelle. Wer ihn praktiziert, sagt Franziskus, muss das 2. Vatikanische Konzil in vollem Umfang anerkennen.

Die neuen Messformen, wie der Zaire-Ritus oder bald vielleicht der Ritus für das Amazonas-Gebiet, arbeiten mit den Möglichkeiten, die das Konzil überhaupt erst geschaffen hat. Es geht dabei zum Beispiel um mehr Partizipation der Gläubigen, mehr Integration regionaler Kultur, hoffentlich mehr Geschlechtergerechtigkeit – das sind Ziele, die Papst Franziskus sicher vor Augen stehen. Bei der „alten Messe“ hat er erkannt, dass sie oftmals von Menschen gefeiert wird, die das Rad insgesamt zurückdrehen wollen. Das ist mit Sicherheit nicht das Ansinnen des Papstes, ohne ihn jetzt als „liberalen Papst“ bezeichnen zu wollen.

Eule: Es ist ja völlig offensichtlich, dass sich die Kreise derer, die gerne den außerordentlichen Ritus feiern, und jener, die das Konzil ablehnen und auch sonst sehr konservativ-reaktionär denken, überschneiden. Ist Liturgie immer politisch?

Kranemann: Die Liturgie ist durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder ein Politikum gewesen. Dass die Karolinger – wenn man einmal ganz weit zurückgeht – eine bestimmte römische Liturgie favorisierten, hatte auch etwas damit zu tun, dass für sie eine einheitliche Liturgie und die Einheit des Reiches zusammengehörten. Dass im 16. Jahrhundert versucht wurde, eine weltweit einheitliche katholische Liturgie durchzusetzen, ist sicher auch als Reaktion auf die reformatorischen Bewegungen zu deuten. Man wollte damit die eine römisch-katholische Kirche zusammenhalten. Auch die Abschaffung der letzten Diözesan-Liturgien in Frankreich im 19. Jahrhundert ist dafür ein gutes Beispiel wie auch im Negativen das Bestreben mancher Kräfte etwa in den 1930er-Jahren, den „germanischen Dialekt“ in der Liturgie zu stärken. Mit all diesen liturgischen Projekten verbanden sich auch politische Interessen.

In jüngerer Zeit wurde zum Beispiel mit liturgischer Kleidung im Vatikan zur einen wie zur anderen Seite hin Politik gemacht. Dass Benedikt sich von seinen Beratern bestimmte liturgische Kleidung hat reichen lassen und sie benutzte, die für eine bestimmte Vergangenheit standen, war ein Statement. Dass Franziskus auf sie bewusst verzichtet, darum natürlich auch. Es griffe aber zu kurz, die Liturgie auf ihre kirchenpolitische Dimension zu verkürzen.

Eule: In der römisch-katholischen Kirche in Deutschland gibt es eine große Vielfalt von Einflüssen auf die Liturgie der Pfarreien. Da sind längst nicht mehr nur Priester aktiv beteiligt, sondern auch Laien. Eine besondere Herausforderung sind Priester, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen.

Kranemann: Zunächst einmal ist das eine Vielfalt, die den Gemeinden gut tut und auch gesellschaftlich ein Zeichen ist. Eine Kirche, die Vielfalt lebt und praktiziert, ist auch ein Signalgeber in die Gesellschaft hinein. Im Detail muss man dann natürlich hinschauen, mit welcher theologischen und liturgischen Schulung, mit welcher Vorstellung von Gemeindeleitung und Priesteramt, mit welchen Sprachfähigkeiten da gearbeitet wird.

Es gibt zum Beispiel Priester aus Ländern Afrikas, die in ihren Gemeinden eine neue Lebendigkeit in den den Gottesdienst bringen. Aber es gibt leider auch Fälle, das muss man deutlich sagen, wo Gemeinden sich sehr schwer tun. Und wo es nicht nur an den Gemeinden liegt, dass das Zusammenleben nicht funktioniert.

Eule: Müssten hier nicht die Ortsbischöfe stärker Wächter der nachkonziliaren Theologie sein?

Kranemann: Die Bischöfe müssen mit Blick auf die Kriterien des Konzils und darauf, was seither an Regeln aufgestellt wurde, handeln. Aber sie müssen vor allem im Zusammenspiel mit den Gemeinden entscheiden, in die sie Geistliche entsenden wollen. Es geht nicht, auf der einen Seite vom Synodalen Weg zu sprechen und auf der anderen dann doch immer wieder Entscheidungen von oben nach unten zu treffen. Synodalität müsste sich gerade darin zeigen, dass man mit den Gemeinden im Gespräch ist.

Es ist schon verwunderlich, wenn ein deutscher Diözesanbischof nicht nur im vorkonziliaren Ritus Kandidaten zu Diakonen weiht, sondern dabei auch noch mit Pontifikalhandschuhen und ähnlichem bekleidet ist. Da muss man sich schon fragen, ob das wirklich der Linie des Papstes und den nachkonziliaren Errungenschaften entspricht, ob das etwas ist, was man zur Zeit des Synodalen Weges in der deutschen Ortskirche braucht.


Ein ausführliches Gespräch mit Professor Benedikt Kranemann gibt es als Episode unseres „WTF?!“-Podcast aktuell hier zu hören.


Das Gespräch führte Philipp Greifenstein.

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