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Gespenstische Nähe – Die #LaTdH vom 14. Februar

Vom Untergang alter Helden, klerikalen Parallelgesellschaften und paradoxen Interventionen. Außerdem: Nationale Evangelikale, Vergebung und eine Audio-Konfessionskunde.

Debatte

Gut und Böse – Raoul Löbbert und Georg Löwisch (Christ & Welt)

Der niederländische Prämonstratenser-Pater Werenfried van Straaten (1913-2003) steht für eine der großen römisch-katholischen Heldengeschichten: Seine Hilfe für die vierzehn Millionen Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten in der Nachkriegszeit ist legendär. Doch bisher vom Vatikan geheim gehaltene Dokumente belasten den „Speckpater“ schwer.

Schon im November 2010 hatte der Paderborner Weihbischof Grothe (auch bekannt als Apostolischer Administrator des Bistums Limburg nach dem „Fall Tebartz-van Elst“) als Visitator des von Pater Werenfried gegründeten Hilfswerks „Kirche in Not“ einen vertraulichen Bericht an die Kleruskongregation in Rom geschickt, in dem „Verstöße in vier Bereichen der katholischen Moral- und Sittenlehre sowie der katholischen Soziallehre“ festgehalten wurden:

Es handelt sich um einen Versuch der sexuellen Vergewaltigung, um Maßlosigkeiten in der Lebensführung, um erhebliche Defizite in der Personalführung sowie um Anfälligkeiten für faschistoide Ideen.

In einer gründlichen Recherche für die ZEIT-Beilage Christ & Welt (@christundwelt) haben Raoul Löbbert (@RaoulLoebbert) und Georg Löwisch (@georgloewisch) die bisher geheim gehaltenen Vorwürfe ans Licht geholt. Was wird aus der Kirche, wenn sie eine Ikone verliert?

Der Held ist zur Altlast geworden. Und darf doch nicht fallen. Er muss als Held erhalten werden, solange er brauchbar ist. Die Geschichte erinnert an andere in der katholischen Kirche der letzten Jahre. Sie will verhindern, dass ihre Geistlichen nicht nur für das Gute stehen, sondern manchmal auch für das Gegenteil. Oder sich zwischen Gut und Böse bewegen. Soll die Kirche in die Abgründe hineinleuchten? Darf sie ihre Schwächen zeigen? Oder verliert sie zu viel, wenn sie ihre Helden verliert? Im Grunde geht es in der Kölner Aufarbeitungskrise auch darum.

Im Interview mit Susanne Fritz im Deutschlandfunk (@DLF) berichtet Löwisch, der Vatikan habe Grothe „Tipps gegeben, wie man das möglichst vertuschen sollte“ – und zwar aus Gründen:

Über Werenfried van Straaten ging das Gerücht um, dass der auch vielleicht seliggesprochen werden könnte. Also das ist wirklich ein Held der katholischen Kirche. Kardinal Meisner, der ehemalige Kardinal von Köln, hat ihn einmal als Re-Inkarnation Christi bezeichnet. Ja, und diese Seligsprechung, die sollte also verhindert werden. Aber man hat sich dann eben doch entschieden, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, sondern das eben weiterlaufen zu lassen. Um Werenfried van Straaten weiter als Helden auch dieser Hilfsorganisationen zu belassen sozusagen.

Der Missbrauch, der Speck und das rechte Maß – Christiane Florin (Weiberaufstand)

Auch Christiane Florin (@ChristianeFlori) erinnert in ihrem Blogbeitrag daran, dass der „Speckpater“ ein römisch-katholischer Held gewesen sei: Gründer der „Ostpriesterhilfe“, später „Kirche in Not“ (@kircheinnot_de), umjubelter Prediger und Spiegel-Cover-Boy. Die Spuren der Heldenverehrung seien aber in den letzten Tagen schnell aus dem Internet entfernt worden:

Bei anderen wäre das „Cancel Culture“; das rechtskatholische, pardon: lehramtstreue Unterstützermilieu verkauft es als vorbildliche Aufklärung.

Dabei gehe es bei der Causa von „Meisners Liebling“ nicht um einen prominenten „Einzelfall“, sondern um „eine Kirche, die das Leid ihrer Opfer mit Tonnen von Speckschwarten aufwiegt“, schreibt Florin und stellt grundsätzliche Anfragen an das rechtsautoritär-katholische Milieu:

Wie geht es zusammen, nach außen Untenrum-Überwachung zu vertreten, aber die Innenrevision der eigenen fortpflanzungsrelevanten Organe jahrelang zu verschleppen? Ich bin noch nicht abgekühlt genug, um das als gut katholische Doppelmoral wegzulachen.

Wie geht es zusammen, bei jedem Gendersternchen die „Kultur des Todes“ zu wittern und schmerzerfüllt dreinzublicken, aber bei der Vertuschung massenhafter sexualisierter Gewalt durch rechtsautoritäre Stars wie Joachim Meisner auf den Missbrauch in Sportvereinen zu verweisen? Ich bin noch nicht zynisch genug, um das maßstabsgerecht zu finden.

Schluss. Aus. Amen! – Raoul Löbbert (DIE ZEIT)

Für Raoul Löbbert (@RaoulLoebbert) zeigt der Fall des Kölner Kardinals Woelki einmal mehr, dass die römisch-katholische Kirche als „klerikale Parallelgesellschaft“ nicht zur liberalen Demokratie passe. Der Staat dürfe nicht länger wegschauen, fordert er in der ZEIT (@DIEZEIT):

Langfristig kann keine Gesellschaft Parallelgesellschaften dulden. Gerade deshalb sollte die Kirche nicht versuchen, Demokratie und Rechtsstaat zu überdauern. In einer Nische kann man sich auf Dauer nicht vor Veränderungen retten. Dort wird es nämlich sehr einsam um einen. Und am Ende steht die Irrelevanz.

Woelki-Gate oder Kurien-Gate? – Norbert Lüdecke (Theosalon)

Das Vorgehen des Kölner Erzbischofs Woelki, einen erwiesenen Fall von Missbrauch nicht der Glaubenskongregation zu melden, sei vielleicht unklug gewesen, eine Rechtspflicht zur Meldung gebe es aber erst seit 2020, so lautet nach Medienberichten die Einschätzung der Bischofskongregation in Rom.

Dem widerspricht der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke in seinem Blogbeitrag für den Theosalon: Schon seit 2001 seien Ortsbischöfe verpflichtet, Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs durch Kleriker unabhängig vom Ergebnis der Voruntersuchung nach Rom zu melden. Es nun anders darzustellen, entlarve die angeblich so konsequente Missbrauchsbekämpfung durch die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus als Mythos und Fake:

Damit wäre der Gesamtzweck der päpstlichen Sondernormen unterlaufen, und das Prinzip Kirchenschutz vor Kinderschutz hinterhältig weitergeführt und im konkreten Fall die kirchliche Ständejustiz für das Prinzip Kardinalsschutz vor Kinderschutz genutzt worden. (…)

Wo sind eigentlich jetzt diejenigen TheologInnen, die gegen den kodikarischen Befund meinen, es gebe in einer konzilsgemäßen Auslegung des Kirchenrechts so etwas wie Menschenrechte in der Kirche? Welchen effektiven Weg weisen sie hier gegen eine kirchliche Autorität, deren Entscheidungen nicht auf der Kraft der Argumente beruhen, sondern allein auf ihrem Willen?

Wer jetzt immer noch meint, es ergebe irgendeinen Sinn, sich auf dem Synodalen Weg für Gewaltenteilung, Rechtsbindung und Transparenz einzusetzen, hat nichts verstanden. Und wer glaubt, nun sei das Vertrauen in Kardinal Woelki wiederhergestellt und eine fruchtbare Pastoral im Erzbistum Köln wieder möglich, sollte sich auch die weitere Entwicklung der Kirchenaustrittszahlen genau anschauen.

nachgefasst

Die Weltkirche als Totschlagargument gegen jede Kirchenreform – Markus Demele (katholisch.de)

Sei es der Umgang mit Homosexualität und Zölibat oder die Rolle der Frau – in der Praxis lebten römisch-katholische Christ:innen schon heute in einer im ökumenischen Dialog angezielten „versöhnten Verschiedenheit“, meint Markus Demele (@Markus25633807), Generalsekretär von Kolping International (@Kolpingwerk), in seinem Gastbeitrag auf @katholisch_de.

Eine Gefahr für die Einheit der Weltkirche könne darin nur sehen, wer Universalität mit Uniformität verwechsele. Meist müsse „Weltkirche“ nur als Totschlagargument gegen jede Kirchenreform herhalten, allerdings sei ein Austausch darüber, welche Glaubensüberzeugungen weltweite „Identitätsmerkmale der Universalkirche“ sein sollten, erforderlich:

Hierfür kommt in der Tat nur ein weltweites Konzil in Frage, weil die Nachfolger Petri die Kirche in vielen heute diskutierten Fragen durch ihre „endgültigen“ Aussagen in Sackgassen manövriert haben. Das Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1994 zur Unmöglichkeit der Weihe von Frauen ist ein Beispiel dafür, wie die Spielräume der Ortskirchen bewusst geschlossen wurden.

Diese Räume gilt es wieder zu öffnen. Die vielfältige Wirklichkeit der Ortskirchen heute ist keine Bedrohung für die Einheit der Universalkirche. Vielmehr weist sie den Weg in eine den Geist der Freiheit atmende weltweite Gemeinschaft der Glaubenden.

Doris Reisinger, woran scheitert eine Kirchenreform? – Simon Linder (kontrovers katholisch)

In der ersten Folge des Podcasts „kontrovers katholisch“ blickt die Theologin und Philosophin Doris Reisinger (@ReisingerWagner) aus ihrer Perspektive als Betroffene sexualisierter Gewalt auf den Synodalen Weg. Sie spricht mit Simon Linder (@SimonLinder), Referent für Kirchenpolitik und Jugendpastoral beim @BDKJ, über die Frage, wie geistlicher Missbrauch verhindert werden kann, über unterschiedliche Perspektiven von Betroffenen und über Möglichkeiten für eine Kirchenreform.

Buntes

Die Fasnacht fällt aus. Dabei hatten wir sie noch nie so nötig wie jetzt – Manuel Müller (NZZ)

Der Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie sperrt auch die Narren weg. Ein kleines Virus hat die Fasnacht und den Karneval lahmgelegt, schreibt Manuel Müller (@Fiirabe) in der Neuen Zürcher Zeitung (@NZZfeuilleton). Und gerade deswegen dämmere den Leuten, was immer schon der eigentliche Sinn des närrischen Treibens sei – der Gedanke: Es muss einmal wieder anders werden!

Ein Fasnachts-Lachen macht frei von allen Zwängen, hebt sie auf, lässt nichts mehr gelten als Fröhlichkeit und den Sturz ins Fest. Dazu gehört die Verneinung weltlicher und religiöser Moral, die heitere Hinwendung zur Körperlichkeit, Akzeptanz des Hässlichen; Tanz also und Trunkenheit und darüber hinaus die Maskierung.

Man meint, das sei grotesk, doch das wäre ein Irrtum; genauso wenig wie der Begriff Satire die Sache trifft. Die Fasnacht ist zwar ambivalent, aber sie ist dies im besten Sinne. Denn sie lässt erahnen, dass sich die Welt verändern lässt, wenn wir nur wollen. Und genau dazu spielt sie für ein paar Tage eine Utopie vor.

Alles vorbei? – Bischof Georg Bätzing (Christ in der Gegenwart)

In seinem Gastbeitrag für Christ in der Gegenwart (@ChristGegenwart) wirbt der Limburger Bischof Georg Bätzing dafür, den Aschermittwoch nicht als „Schlussakkord“ nach ausgelassenen Karnevalsfeiern, sondern als Startpunkt für eine Kehrtwende zu sehen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz lädt gerade angesichts der Belastungen und Grenzerfahrungen der Corona-Pandemie dazu ein, sich einen Vorsatz für die Fastenzeit zu nehmen:

Verzeihen und versöhnen. Für mich ist es hilfreich, dabei auf Gott zu schauen, „denn er ist groß im Verzeihen“ (Jes 56,7), weiß der Prophet Jesaja aus eigener Erfahrung. Und Paulus, der in seiner Glaubenseinsicht bekanntermaßen eine radikale Wende vollzogen hat, bittet im Namen Christi: „Lasst euch mit Gott versöhnen! Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“ (2 Kor 5,20–21).

Verzeihen und versöhnen. Prophet und Apostel lassen ahnen, dass dies nicht ein Projekt ist, das mich unberührt lässt und aus dem ich ungeschoren herauskäme. Wer es ernst meint, wird bei sich selbst anfangen und die Einsicht reifen lassen, die den Dichter Rainer Maria Rilke beim Anblick eines Kunstwerkes im Louvre geradezu überfallen hat: „Du musst dein Leben ändern.“

Dem Leben dienen – bis zuletzt. Die Debatte zur Suizidbeihilfe und der Auftrag der Diakonie – Ulrich H.J. Körtner (zeitzeichen)

In einer mehrteiligen Serie auf @zeitzeichenNET hat sich der Wiener Professor für Ethik und Systematische Theologie, Ulrich H.J. Körtner, mit der Anfang 2021 neu entbrannten öffentlichen Diskussion um eine mögliche Suizidbeihilfe in Einrichtungen der Diakonie beschäftigt. Alle Folgen sind jetzt auch am Stück nachzulesen – auch als  Ergänzung zu den bereits in den #LaTdH-Ausgaben vom 17. Januar, 24. Januar und 31. Januar kommentierten Beiträgen.

Theologie

Warum weiße US-Evangelikale Trump wirklich unterstützten – Nicolai Franz (Pro-Magazin)

Mit der Amtseinführung Joe Bidens als neuem US-Präsidenten endeten vier Jahre, die das Land tief gespalten haben. Evangelikale Christen gelten als treue Unterstützer Donald Trumps, vor allem wegen seiner Haltung zu Abtreibungen. Der Beitrag von Nicolai Franz (@nico_franz) im Christlichen Medienmagazin pro (@pro_magazin) zeigen: Die Lage ist viel differenzierter. Vor allem der weiße Nationalismus spielt eine entscheidende Rolle.

Das Wort und das Fleisch: Ein Atlas der Christenheit – Thorsten Dietz und Martin Christian Hünerhoff (wort-und-fleisch.de)

Der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 war ein historischer Moment – für die Suche nach den tieferen Ursachen für die Trump-Unterstützung durch die „Christliche Rechte“ und große Teile der evangelikalen Szene in den USA ist auch „Die Evangelikalen nach der US-Wahl 2020“, der jüngste Beitrag des Podcasts „Das Wort und das Fleisch“, hilfreich.

Thorsten Dietz (@DietzThorsten), Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor (@EH_Tabor) in Marburg und seit 2016 ständiger Gast der Kammer für Theologie der @EKD, und der frühere Jesus-Freak Martin C. Hünerhoff, Mitgründer und Vorstandsmitglied des „post-evangelikalen“ Internet-Portals Worthaus, reden in den bisher 13 Folgen über die tiefgreifenden Veränderungen innerhalb der christlichen Konfessionslandschaft:

Diese Entwicklungen versteht man nicht für sich allein. Nur vor dem Hintergrund des Wandels der modernen Gesellschaft. Und in Bezogenheit aufeinander. Wir erklären Grundbegriffe, Meilensteine und sprechen über Schlüsselfiguren mit einem Ziel: Mehr Kenntnis, mehr Respekt, mehr fundierte Kritik.

Bisher haben sich die beiden für ihre „Landkarte der christlichen Welt“ u.a. „Aufbrüche der Evangelikalen und Liberalen in der 1960ern“„Linksprotestantismus“ und „Pentekostalismus“, „nachkonziliare Aufbrüche des Katholizismus“ und „katholische Kulturkämpfe“ sowie „Fundamentalismus“ und die „neuen Evangelikalen“ vorgenommen – und das alles in einem lockeren Tonfall, der die jeweils gut zwei Stunden pro Beitrag zu einem Hörvergnügen macht. Zu jeder Folge sind außerdem kommentierte Literatur-Hinweise für vertiefte Beschäftigung und Weiterdenken zu finden: der ganze Podcast ist didaktisch gut aufbereitete Konfessionskunde!

Vorträge in der Fastenzeit (ak-seminar.de)

Das Alt-Katholische Seminar der Universität Bonn (@UniBonn) lädt alle Interessierten zu einer Online-Vortragsreihe in der Fastenzeit ein. Jeden Dienstag um 19 Uhr findet ein Vortrag zu Themen aus Kirchengeschichte und Theologie statt, etwa zur alt-katholischen Kirche in der DDR oder der Diskussion über den Zölibat auf der Bistumssynode 1878, „Liturgie im Spannungsfeld zwischen Kirche, Gemeinde und Individuum“ oder Überlegungen zum Ort der Diakonie im Leben der Kirche.

Über Grenzen hinausdenken – Doris Strahm (Neue Wege)

Feministische Theologie führte weltweit zu einem Aufbruch von Frauen, doch ihre Verdienste drohen wieder in Vergessenheit zu geraten. Aus Anlass der Verleihung eines Ehrendoktorats für ihre feministisch-­theologische Arbeit würdigt Doris Strahm in der Schweizer Zeitschrift Neue Wege (@neue_wege) die Anfänge, Entwicklungen und Spannungsfelder ­feministischer Theologien, skizziert Lernprozesse und zeigt die Aktualität vieler Themen auf.

Predigt

Zur Heilung des Aussätzigen in Mk 1, 39-45 – Oliver Achilles (Auslegungssache)

Schon die textliche Überlieferung des heutigen Tagesevangeliums rufe Fragen auf – genauso wie die problematische Kombination mit der entsprechenden „Lesung“ aus Lev 13, wie sie die Leseordnung der römisch-katholischen Kirche für den 6. Sonntag im Jahreskreis vorsieht, schreibt Oliver Achilles, Studienleiter für biblische Theologie und Judentum bei den Theologischen Kursen (@theol_kurse).

In seiner „Auslegungssache“ deutet er die Geschichte der Heilung des Aussätzigen (Mk 1, 39-45) als „explizite jesuanische Auslegung“ der Tora, „nicht in Form einer abstrakten akademischen Vorlesung, sondern durch seine konkrete Handlung“. Mit seiner „paradoxen Intervention“ stelle Jesus den eigentlichen Sinn der Bestimmungen der Tora heraus:

Wer den Text in Lev 13 aufmerksam liest, bemerkt, dass alles vom „Sehen“ des Priesters abhängt. Seine Sicht der Dinge ist der entscheidende Faktor. Er besieht den betreffenden Menschen und erklärt ihn für rein oder unrein. (…)

Jesus ist wütend, als der Mann zu ihm kommt, und er verhält sich geradezu aggressiv, als er ihn hinauswirft. Bemerkenswerterweise bringt diese Handlung an dem Aussätzigen Jesus selbst in dessen Lage! Auf einmal ist es der vormals Lepröse, der öffentlich verkündet, und Jesus muss sich in die Einsamkeit zurückziehen, wie ein Aussätziger.

Die aus einzelnen Versen „zusammengestückelte“ Lesung aus dem Alten Testament sei jedoch kaum dazu angetan, die komplexen kultischen Dimensionen des Umgangs mit dem Thema „Aussatz“ zu erhellen:

Der/die normale Gottesdienstbesucher/in wird die „Lesung“ als unmenschlich empfinden, und sich fragen, wieso Jesus den Mann überhaupt noch zu dem Priester hinschickt.

Ein guter Satz

„Nur im Katholizismus ist die gespenstische Nähe
eines Heiligen Ignatius von Loyola zu Don Juan möglich.“

(Miklós Szentkuthy, „Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus“)

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