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Is this the real life? – Die #LaTdH vom 24. Juni

Wahrhaftiges und reflektiertes digitales Leben in der Debatte live vom Treffen der digitalen Kirche in Loccum. Außerdem: Geflüchtete Literaten, schreibende Muslima und 1 fresher Feiertag.

… Is this just fantasy? / Caught in a landslide / No escape from reality

Ein königliches Wanderlied führt in die Debatte, live aus Loccum von der Tagung „Heilig, christlich, smart?“. Es trifft sich die #digitaleKirche. Die Digitalisierung ist da, sie wird nicht wieder verschwinden, wir leben sie und denken gleichzeitig über sie nach.

Debatte

Professionalisierung vs. Priestertum aller Gläubigen

Treffen in diesem ominösen Real Life wie in Loccum erinnern daran: Digitalisierung wird von Menschen gemacht. Menschen, die hinter den Social-Media-Accounts der Kirche sitzen, die sich mit digitaler Seelsorge, Hate-Speech und der Ethik des Digitalen befassen. Immer häufiger geschieht das professionell: Die Arbeitsstellen für Digitalisierung sprießen regelrecht aus dem Boden. „Die unverdroßne Bienenschaar, fleucht hin und her / sucht hie und da / Ihr edle Honigspeise.“ Wie können bei fortschreitender Professionalisierung das Überraschungsmoment der Beteiligung von Ehrenamtlichen und das kreative Potential der Basis weiter genutzt werden? Verbeamten wir die #digitaleKirche?

Aus der Professionalisierung ergibt sich eine konkrete Anfrage an die personelle Gestaltung des Aufgabenfeldes: Ist es richtig und notwendig, dass es am Ende wieder vor allem Theolog_innen sind, die sich digital erproben? Braucht es nicht dringend die Öffnung zu anderen Qualifikationen und Berufsbildern?

Hilmar Gattwinkel schreibt in seiner bei futur2 erschienenen lesenswerten Abrechnung mit der Evangelischen Kirche auch:

In den Kirchenleitungen der Evangelischen Kirchen sind gleichermaßen Theologie und Rechtswissenschaft vertreten […] Die Theologie als Bezugsgröße kirchlicher Organisationen ist unmittelbar einleuchtend, die Rechtswissenschaft weniger: Wovor glaubt sich die Kirche zu schützen, wenn sie der Rechtswissenschaft einen solchen Raum gibt? […] Sie neigt in Theorie und Praxis ganz überwiegend dem eindeutig Geregelten und dem Bewahrenden zu. Integriert in eine entsprechend geprägte Verwaltung löst diese Zuneigung ein selten formuliertes, aber häufig betriebenes Vermeiden von Reformationen aus.

Nicht nur, aber besonders bei der Beschwerdeführung über das neue EKD-Datenschutzgesetz wird klar, #digitaleKirche muss aufpassen, dass sie nicht von Methoden und Traditionen der Verwaltungskirche geschluckt wird. In einem auf der Tagung entstandenen Blogpost identifiziert Ralf Peter Reimann (@ralpe) eine Stärke der Digitalisierung: Sie „macht Milieuverengung deutlich und fragt, wie wir Kirche sein wollen“.

Digitalisierung ist daher eine vordergründige Frage, hintergründig aber müssen wir fragen: wie können wir als Kirche für Menschen da sein, die keine Verbindung und keinen Anknüpfungspunkt zu uns (mehr) haben. Wie überwinden wir unsere Milieuverengung? Wo haben wir Kontaktfläche zu Menschen auerhalb unserer Gruppen, Kreise und Sonntagsgottesdienste, wo bieten wir Präsenz an jenseits unserer kirchlichen Milieus? Digitalisierung ist daher keine technische Frage, sondern stellt die Frage nach der Kirche neu.

Synergien nutzen

Kleine Erinnerung: Bereits im Zwischenfazit des digitalen Sondierungsprozesses im März (s. #LaTdH vom 1. April) wurde in feinster Prosa festgehalten:

Dezentralität und Pluralität der evangelischen Kirche sind gerade im Kontext der Digitalisierung eine Chance. Sie sind gleichzeitig ein Risiko. Deshalb kommt es darauf an, die Gestaltung der Digitalisierung als gemeinschaftliche Aufgabe zu begreifen.

Ungezählt sind nach wie vor die Beispiele für entstandene Doppelstrukturen und Parallelentwicklungen. Mangels einer ordnenden Hand oder nur mehr Vernetzung (?) entstehen zwar überall Projekte und werden Instrumente angeschafft und entwickelt, wo aber bleiben die Synergien? Nach wie vor bleibt der Eindruck: Es ist sich jeder selbst der Nächste, will ein digitales Projekt eben ein My anders aufziehen, die eigene Position im Gefüge von Gemeinde, Gliedkirche und EKD nicht Preis geben.

Darunter leiden eigentlich alle, und alle geloben Besserung. Auf dem Podium in Loccum am Freitag auch Volker Jung, Kirchenpräsident aus Hessen und Nassau. Wichtiger Hinweis aus dem Teilnehmer_innenfeld: Kirche und Diakonie verwenden für digitale Projekte „geliehenes“ Geld, das anderen Zwecken zugeführt werden könnte:

„Wenn der grüne Käfer mich ans Ziel bringt, kann ich den doch fahren, und muss mir nicht einen schwarzen anschaffen, nur weil ich auf die Farbe stehe.“

#digitaleDiakonie

Im Hintergrund bei vielen Vorträgen und Diskussionen als Thema präsent: Die Zukunft der Künstlichen Intelligenz (KI) in Kirche und Diakonie. Werden Kranke und Alte bald von Robotern gepflegt? Bleibt bei Auslagerung notwendiger Pflegearbeit an KI vielleicht gar mehr Zeit und Kraft für originär diakonisches Handeln? Was ist das eigentlich? In der Debatte um die Zukunft der KI in der Diakonie muss zuerst geklärt werden, was Diakonische Pflege eigentlich ausmacht.

In seinem Reisebericht aus dem Silicon Valley schreibt Diakoniepräsident Ulrich Lilie über die Initialzündung dieser dringend notwendigen Debatte:

[Ich verlasse] Palo Alto und das Silicon Valley mit dem sicheren Gefühl, dass wir in Kirche, Diakonie und Öffentlichkeit dringend grundsätzliche theologische und sozialethische Herausforderungen zu diskutieren haben. Nicht alarmistisch, aber mit einer realistischen Einschätzung für die neue Geschwindigkeit und die neue Qualität, mit der sich das Leben für uns alle ändert.

nachgefasst

Die Niedersachsen haben künftig am 31. Oktober frei – Michael B. Berger (Hannoversche Allgemeine)

Die Niedersachsen legen am Gedenktag der Reformation zukünftig einen arbeitsfreien Tag ein („Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“). So hat es der Landtag mit deutlicher Mehrheit in freier Abstimmung (ohne Fraktionszwang) beschlossen.

Der SPD-Abgeordnete Ulrich Watermann betonte, dass man fernab der Debatten um den Sinn des Reformationstages vor allem einen familienfreundlichen Tag haben wollte. […] FDP-Chef Stefan Birkner stellte grundsätzlich infrage, ob es weise sei angesichts der wachsenden Säkularisierung überhaupt noch einen kirchlichen Feiertag zum staatlich geschützten Feiertag zu erheben.

Dem Abgeordneten Waterman darf zu seiner realitätskonformen Haltung gratuliert werden, sein Kollege Birkner stellt die Frage der Stunde: Dient die Kirche ihrer Glaubwürdigkeit als ein Akteur unter vielen, wenn sie für die Einrichtung eines weiteren christlichen Feiertages ihr Pfund in die Waagschale wirft? Ist es das wert?

Es bleibt ein leicht schaler Nachgeschmack, auch ob der Theatralik im Landtag. Haben die Niedersachsen den Dreh mit der Traditionalisierung vielleicht einfach nicht so raus?

Es wird Zeit, dass die Feiertagspolitik hierzulande der Individualisierung ihren Tribut zollt. Wozu braucht es Tage der Besinnung, wenn dann doch jede_r macht, was er_sie will? Ohne Feierzwang lohnt sich die ganze Diskussion nicht. Gesetzliche Feiertage schreien nach einer ordentlichen Portion totalitärer Überzeugungskraft. (Unter Heiden (22): Hart abfeiern!)

Herr Söder, übernehmen Sie!

Buntes

Bleiben oder gehen? Kirche und Kirchenaustritt 2018

Universität Siegen und Institut empirica (@tobiasfaix) wollen herausfinden, „wie Menschen über Kirche denken und wie dieses Bild mit Ihrer Weltanschauung zusammenhängt.“ Die Befragung richtet sich an Personen, die aktuell Mitglied in der evangelischen oder katholischen Kirche sind oder die früher Mitglied waren. Mitmachen!

In wenigen Tagen erscheinen übrigens die jährlichen Kirchenmitgliedschaftszahlen. Wie erwartet wird die Gesamtzahl der Kirchenmitglieder weiter sinken (alte Leute sterben), Tauf- und Kircheneintrittszahlen werden die der Kirchenaustritte voraussichtlich wieder übersteigen. Das wäre dann das zweite Jahr in Folge so.

Mehr Kopf als Tuch. Muslimische Frauen am Wort. – Gabriele Kienesberger (ksoe Blog)

Eine wohlwollende Besprechung des gleichnamigen Buches, in dem elf Muslima selbst über ihr europäisches Leben zwischen Religion und Emanzipation schreiben. Trotzdem die Autorinnen, wie Gabriele Kienesberger selbst einschränkt, als Akademikerinnen kaum dem „Querschnitt der muslimischen Frauen im deutschsprachigen Raum“ entsprechen, sind ihre Erfahrungen und Einsichten eine dringend notwendige Ergänzung der üblichen „Islam-Debatten“.

Darum empfehle ich dieses Buch zu lesen, den Voreingenommenen und den Neugierigen, den Skeptischen und den Kopftuchablehnenden. Sie werden dazulernen, was es heißt, aus Glaubensgründen so oder so zu leben, was es heißt, Verwandtschaft im Nahen Osten zu haben, was es heißt, als berufstätige Frau auf ein Stück Stoff reduziert und nicht nach der Qualifikation beurteilt zu werden. Und sie werden staunen, dass am Ende des Buches einige Vorurteile über den Haufen geworfen worden sind.

Mein lieber Herr Gebetshaus-Verein! – Franca Spies (y-nachten)

Der heftigst gemochte Artikel der christlichen Blogosphäre der Woche und ein Fest für alle liberalen Kritiker des von Johannes Hartl (@DrJohannesHartl) betriebenen Augsburger Gebetshauses („MEHR-Konferenz“, s. #LaTdH vom 3. Juni) ist diese Abrechnung von Franca Spies (@franca_ynachten):

In manchen Frömmigkeitsformen werden jedoch die wirklich drängenden sozialen Fragen unserer Zeit nicht mehr gestellt oder (bestenfalls?) mit allen anderen in den autoreferentiellen Himmel-Hölle-Sex-Brei eingerührt und darin gesellschaftlich-immunisiert, dafür religiös-exklusivistisch beantwortet. Der politischen Theologie gefällt das nicht. Auch wenn „Jesus“ draufsteht.

Sanary-sur-Mer – Benedikt Wintgens (gefluechtet.de)

Deutsche Flüchtlingsgeschichten, aufgeschrieben von Benedikt Wintgens (@BWintgens). Der Erinnerung wert.

In Sanary-sur-Mer fanden mehr als fünfzig vor den Nazis geflohene Künstlerinnen und Intellektuelle ein Asyl. Hier warteten sie ab, wie sich die Dinge im Reich entwickeln würden. Einige blieben nur einen Sommer wie Thomas Mann, andere mehrere Jahre wie Feuchtwanger, der von 1933 bis 1940 in Sanary lebte, oder Franz Werfel und seine Frau Alma Mahler. Die Verbliebenen machten sich 1940 erneut auf die Flucht, als die Wehrmacht Frankreich besetzte.

Bibel & Predigt

Das Gegenteil der Liebe und der Gerechtigkeit sind Ignoranz und Gleichgültigkeit. – Regina Polak (ksoe Blog)

Regina Polak, kath. Theologin aus Österreich, hat in der vielgelobten Traupredigt Bischof Currys für Meghan Markle und Henry Windsor sicher unbeabsichtigte, aber eben auch gewohnte anti-jüdische Ressentiments aufgespürt. Die Ablehnung des Judentums steckt schon in der Figur der Liebe (christlich) begründet, die lebensfeindliche Gesetzlichkeit (jüdisch) ersetzt.

Da nützt es auch wenig, wenn Bischof Curry – völlig korrekt – an die Herkunft des Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe in der Hebräischen Bibel erinnert. Jesus “went back and reached back into the Hebrew scriptures, to Deuteronomy and Leviticus.“ Die Worte, die Curry hier wählt, sind zwiespältig. Denn sie verbergen, dass Jesus sich in diese Texte nicht „zurück“ bewegen musste, sondern als Jude selbst aus und in diesen Texten lebte: Sie sind seine Gegenwart, aus denen heraus er – wie im Judentum üblich – sein Evangelium als Auslegung der Thora formuliert.

Ein guter Satz

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