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Jesaja 41,10 – Die #LaTdH vom 13. Oktober

Kann man Carsten Rentzing auch jetzt noch verteidigen? Der Rücktritt des Sächsischen Landesbischofs in der Debatte. Außerdem: Missbrauchsentschädigung auf evangelisch und Schwester Jesus.

Bevor ich wie üblich auf die Kirchenthemen der Woche und interessante Beiträge verweise, eine kleine Notiz:

Alle Nachrichten der zurückliegenden Woche, so aufwühlend sie auch sein mögen, treten angesichts des Anschlags in Halle (Saale) in den Hintergrund. Zwei Menschen sind tot, weitere Personen verletzt. Eine betende Gemeinde wurde angegriffen und entging nur knapp einem Massaker. Ein antisemitisches Attentat. Frucht all des Hasses, der jeden Tag geschürt wird. Es ist entsetzlich, es ist richtig schlimm.

Einige Leser*innen der Eule wissen, dass ihr offizieller Sitz an meinem Wohnort liegt, Lutherstadt Eisleben. Ich habe zuvor zehn Jahre lang in Halle (Saale) gelebt, die meisten davon im Paulusviertel gewohnt. Halle ist meine zweite Heimat. Ich bin traurig. Und zugleich bin ich erleichtert, dass den vielen Menschen, die ich in der Stadt kenne, nicht Schlimmeres geschehen ist. Wie sich bereits am Mittwochabend herausstellte, stammt der Täter aus einem Ort ganz in der Nähe von Eisleben. Weil mich – und alle Redakteur*innen – der Anschlag sehr betroffen gemacht hat, sind wir in der Eule diese Woche auch und gerade zu diesem Thema leise geblieben.

Ich habe am Freitagabend ein Friedensgebet in Eisleben mitgestaltet, an dessen Ende wir unsere Kerzen vor der alten Eisleber Synagoge abgestellt haben (Video). In Halle (Saale) haben Menschen immer wieder auf dem Marktplatz gemeinsam der Opfer gedacht und ebenfalls am Freitagabend eine Menschenkette um die jüdische Gemeinde geschlossen. In vielen weiteren Städten gab es ähnliche Aktionen.

Ich möchte an dieser Stelle allen Einsatzkräften, auch den Ersthelfern und Notfallseelsorger*innen, danken. Und auch den Journalist*innen, die sich unter hohem Druck an journalistische Maßstäbe gehalten haben und durch ihre umsichtige Berichterstattung inzwischen viel von den Tathintergründen transparent gemacht haben.

Debatte

Über das Kirchenthema der Woche, den Rücktritt von Carsten Rentzing vom Amt des Landesbischofs der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens (EVLKS), können Sie auch in der Eule lesen. In einem Artikel habe ich die Gründe für den Rücktritt und die Entwicklung seit September nachgezeichnet. Und einem weiteren Artikel kommentiere ich den Rücktritt.

Bischof verschwieg rechtsextreme Texte – Arnd Henze (tagesschau.de)

Seit einigen Tagen kursierte unter wenigen Mitarbeiter*innen der Landeskirche ein Konvolut von Texten, das die Mitarbeit Carsten Rentzings für das neurechte Magazin fragmente vor 30 Jahren belegt. Arnd Henze (@arndhenze) hat sich Texte, die Carsten Rentzing für die Zeitschrift geschrieben hat, intensiv angeschaut.

Immer wieder finden sich rassistische und völkische Gedanken in den Aufsätzen. Dem „Liberalismus als Staatsräson“ wirft er vor allem in der Debatte um die multikulturelle Gesellschaft die „Zerstörung des Grund(werte)konsens“ vor. Denn ein Teil der Gesellschaft definiere „den Begriff der Bürgerschaft über den Kopf der anderen hinweg um“. Aus dem deutschen Staatsvolk werde eine multikulturelle Gesellschaft, in der auch Ausländer zu Mitbürgern würden.

Auch nach den Veröffentlichungen von Ulrich Wolf (@SaeZReporter) in der Sächsischen Zeitung, von Arnd Henze auf tagesschau.de und in der  Eule gestern gibt es Menschen, die Carsten Rentzing verteidigen. Eine nachvollziehbare menschliche Reaktion.

Es geht nur vordergründig darum, dass der Bischof vor 30 Jahren so geschrieben und gedacht hat. Er hat es in den vergangenen Wochen – seitdem über seinen Vortrag in der „Bibliothek des Konservatismus“ berichtet wurde – unterlassen, selbst aufzuklären. Und: Er hat Glaubensgeschwister und Weggefährt*innen über seine Vergangenheit getäuscht.

Und das in einem der wenigen mit öffentlicher Aufmerksamkeit gesegneten Ämter, die die Kirche zu bieten hat. Mit einer unaufgeklärten Vergangenheit in rechten Szenen sollte man nicht Bischof werden, aber mittels glaubwürdiger Distanzierung und Umkehr hätte Rentzing selbstverständlich als Pfarrer arbeiten können. Der Fall gibt weitere Rätsel auf und wird uns sicher noch beschäftigen.

Das Bischofs-Beben – Matthias Pankau (idea)

Auch Matthias Pankau, Chef von idea, schrieb gestern über den Rücktritt Carsten Rentzings. Anscheinend ohne Kenntnis der neueren Entwicklungen. Jedenfalls will man das hoffen! Er erwähnt die Vergangenheit des Bischofs bei der fragmente jedenfalls mit keiner Silbe. Stattdessen macht er für den Rücktritt Rentzings innterkirchliche Kritiker*innen, die Online-Petition und den lieben Zeitgeist verantwortlich, der natürlich immer gegen die „theologisch Konservativen“ ist.

Was Pankau schreibt, ist so erwartbar wie durchsichtig. Ob Carsten Rentzing zu einer Art evangelikalem Märtyrer in der ach so schlimmen EKD taugt? In seiner kurzen Rücktrittsmitteilung jedenfalls rief Rentzing die Mitarbeiter*innen und Gemeindeglieder dazu auf „aufeinander zu zugehen“.

nachgefasst

Nordkirche: Streit um Entschädigung bei Missbrauch – Julia Wacket (NDR)

Der Vorschlag von Betroffenen-Vertreter*innen, Missbrauch in den Kirchen pauschal zu entschädigen, zieht weitere Kreise. Auf der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) wurde ein solches Vorgehen als eine Möglichkeit der angemessenen Entschädigung erlittenen Unrechts von einer Kommission vorgeschlagen und von den Bischöfen interessiert aufgenommen (s. #LaTdH vom 29. September).

Wie erwartet, werden ähnliche Forderungen auch an die evangelischen Kirchen heran getragen. Julia Wacket (@juliawacket) berichtet über das Anliegen der Initative „Missbrauch in Ahrensburg“. Zur Erinnerung:

Der Fall Ahrensburg ist der wohl größte Missbrauchsskandal in der evangelischen Kirche. Er kam 2010 ans Licht. Damals wurde bekannt, dass in der Kirchengemeinde Ahrensburg in den 70er und 80er Jahren Kinder und Jugendliche von einem Pastor missbraucht wurden. Weil seine Taten verjährt waren, ging der Täter straffrei aus.

Und wie steht die Nordkirche (@nordkirche_de) nun zu den Forderungen? Aus der Nordkirche stammt mit Kirsten Fehrs, der Bischöfin für den Sprengel Hamburg und Lübeck, die Sprecherin des fünfköpfigen Beauftragtenrats, den die 20 evangelischen Landeskirchen zum Thema Missbrauch einberufen haben.

Sie [die Nordkirche] habe bereits 2012 ein Verfahren zur Entschädigung entwickelt, die Unterstützungsleistung zur Anerkennung erlittenen Leids, welches von den meisten Betroffenen und von Wissenschaftlern gute Noten bekommen habe. „Im Mittelpunkt stehen die individuellen Bedürfnisse und Erwartungen der jeweiligen Betroffenen, nicht die Höhe der Leistungen oder gar eine pauschale Zahlung“, sagte Susanne Gerbsch, Sprecherin der Nordkirche.

60 Betroffene hätten bislang das Verfahren der Nordkirche in Anspruch genommen und Unterstützungsleistungen erhalten. Über konkrete Summen wollte die Kirche keine Angaben machen.

Buntes

Familientrio: Streit um Konfirmation (Süddeutsche Zeitung)

Drei Familien-Experten geben einer Mutter Ratschläge, wie mit einem Vater umzugehen sei, der die Konfirmation der gemeinsamen Tochter „hohl“ findet. In der Antwort von Collien Ulmen-Fernandes findet sich fast der gute Satz der Woche:

Tatsächlich würde ich Ihren Ex-Mann – mit vorheriger Erlaubnis Ihrer Tochter – fragen, ob es ihm etwas ausmachen würde, der „hohlen“ Veranstaltung fernzubleiben, weil sein egozentrisches Gerede einen schönen Tag im Leben der Tochter gefährdet – und weil der Charakter des nihilistischen Zynikers mittlerweile in allen deutschen und amerikanischen Komödien erzählt ist. Es braucht keinen mehr, dem die Torte scheiße schmeckt. Es braucht mehr Torten.

„Religionsunterricht ist weder Ethik noch Lebenshilfe“ – Beatrice Tomasetti über eine Rede von Jürgen Kaube (Domradio)

Über eine Rede des FAZ-Feuilleton-Herausgebers Jürgen Kaube zum Thema „Was bedeutet religiöse Bildung heute?“ anlässlich der Pädagogischen Woche im Erzbistum Köln berichtet das dortige Domradio (@domradio):

Und so reiche auch Religionsunterricht weit über eine Wertevermittlung hinaus und sei nicht – wie vielfach immer wieder propagiert – einfach durch ein Fach wie Ethik zu ersetzen. „Ethikstunden genügen nicht, denn Ethik erschöpft den Gehalt von Religion nicht im Mindesten.“ Schließlich sei Religion – anders als Ethik – nicht nur eine Sammlung von Texten. „Sicherlich ist sie mehr als eine bunt ausgeschmückte Form der Lehre vom guten Handeln, mehr als eine verwegene oder anrührende Begründung dafür, einen guten Willen zu haben.“

Predigt

Göttliche Schwester. – Lea Zeiske (Reflektionen)

Vorletzte Woche befragte Margot Runge in der Eule eine weibliche Kruxifixdarstellung danach, was wir heute von einem „queeren Jesus“ lernen können. Jesus als Schwester steht im Zentrum dieser poetischen Mikro-Andacht der Theologiestudentin Lea Zeiske (@REF_lektionen)

Tja so ist es mir kürzlich gegangen, auf einer Zugfahrt habe ich plötzlich etwas realisiert und dabei ist folgender Text entstanden. Es ist irgendetwas zwischen Tagebucheintrag, Gedicht und Gebet. Er hat keinen Anspruch auf theologische Richtigkeit. Aber vielleicht hilft es jemandem, nicht mit der Nase in die Glastür hineinzurennen wie ich!

Ein guter Satz

„Ich will gasten in deinem Zelt für die Zeiten,
will mich bergen im Versteck deiner Flügel.
Empor!“

– aus der 61. Preisung, verdeutscht von Martin Buber

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