Die Die Eule Eule

Suchen
Foto: Mika Baumeister (Unsplash)

Vom Klimafasten zum Systemwandel

Mit der Fastenzeit vor Ostern startet wieder das Klimafasten, dem sich viele Kirchen anschließen. Um der Klimakrise zu begegnen, brauchen wir mehr als individuellen Verzicht, nämlich politischen Wandel.

Heute beginnt wieder die Fastenzeit und damit in vielen – leider immer noch viel zu wenigen -Bistümern und Landeskirchen das Klimafasten. Diese sehr lobenswerte Aktion wirft aber auch Fragen zum Verhältnis von individuellem und gesellschaftlichem Handeln in der Klimakrise auf.

Die Klimakrise ist ein systemisches Problem, das wir nicht durch individuelles Handeln allein lösen werden. Man kann den eigenen Treibhausgasausstoß, wenn überhaupt, nur auf Null reduzieren, wenn man aus der Gesellschaft ganz aussteigt. Selbst eine mehr als moderate Reduktion scheitert schnell an der Heizung des Miethauses, der mangelhaften Verfügbarkeit des ÖPNV oder der Herstellung von Produkten des täglichen Gebrauchs.

In den USA sind die durch radikale individuelle Entscheidungen erreichbaren Mindest-CO2-Emissionen laut einer Untersuchung ca. 8,5t pro Jahr. Diese kommen zustande, indem man die CO2-Emissionen der Dienste des Staates die jede*r nutzt, gleichmäßig auf alle Bürger*innen verteilt. Dazu wurden zum Beispiel die Polizei, Justiz, Straßen und das Militär gezählt, aber zum Beispiel noch nicht einmal das Gesundheitssystem.

Die individuelle Reduzierung wird zudem dadurch erschwert, dass die staatlich geförderte Standardoption meistens nicht die nachhaltige Option ist. Wir leben in einer Verkehrsinfrastruktur, die auf Autos optimiert ist; in Wohnungen, die immer noch zu einem Viertel mit Öl und zur Hälfte mit Gas beheizt werden; mit einer Wirtschaftspolitik, die immer noch fossile Brennstoffe subventioniert.

Ein gefährliches Framing

Die Bekämpfung der Klimakrise vor allem als Verzichtsforderung an Einzelne zu framen, ist gefährlich: Zunächst ist es Wasser auf die Mühlen derer, die versuchen Klimaschutzmaßnahmen als Einschränkung von Freiheit und absoluten Verzicht darzustellen. Das macht es einfach, Klimaschützer*innen als weltfremd oder totalitär darzustellen, obwohl die eigentlich effektiven Maßnahmen wenig mit Verzicht und viel mit Veränderung der Faktoren zu tun haben, die eine klimaschonende Lebensweise bisher schwierig machen. Wenn das Mietshaus gut isoliert und mit Wärmepumpen ausgestattet ist, müssen wir nicht für das Klima frieren.

Von CO2-Preisen mit Ausschüttungen würden sogar die meisten finanziell profitieren. Doch sicher nicht jene Unternehmen, die vom Verbrennen von fossilen Rohstoffen leben und uns einreden, die Klimakrise wäre unsere Schuld. Der Fokus auf individuelle Verantwortung unterläuft das Verursacherprinzip: Denn den notwendigen Wandel am einfachsten herbeiführen können diejenigen, die Emissionen direkt verursachen. Sei es die Kohle- oder Ölindustrie oder im Falle von Plastikverschmutzung die Verpackungsindustrie. Es sind diese Akteure, die bis heute Profit damit machen, dass der Wandel nicht vollzogen wird.

Gerade als Christ*innen sollten wir nicht nur auf unsere eigenen Emissionen schauen: Selbst wenn wir uns magisch aus der Verantwortung für Emissionen ziehen könnten, wäre es trotzdem unsere Pflicht, uns gegen die Ungerechtigkeit der Klimakrise zu stellen.

Wie kann die Transformation gelingen?

Individuelle Veränderung ist für sich allein genommen wenig effektiv: Angenommen 20 % der Bevölkerung bestehend aus besonders klimaengagierten Menschen reduzieren ihre Emissionen abseits der Öffentlichkeit um fast unmögliche 60%, dann reduziert das die Gesamtemissionen der Gesellschaft nur um 12 %. Politisches Engagement ist demgegenüber erfolgreicher: Manche argumentieren, es brauche nur eine Teilnahme von 3,5 % der Gesamtbevölkerung an Protesten, um einen politischen Wandel herbeizuführen, andere sehen einen Kipppunkt bei 25 %.

Unterschätzt wird sicher auch die psychologische Gefahr der Überbetonung individueller Verantwortung: Wenn man viel Energie in die Reduktion der eigenen CO2-Emissionen steckt, wird man vielleicht nur noch wenig davon für die politische Arbeit übrig haben und sich einreden, man habe schon genug getan. Von Verantwortungsträger*innen in den Kirchen hört man gelegentlich, dass sie öffentlich nicht stärker für Klimagerechtigkeit eintreten könnten, weil die eigene Institution noch Öl oder Gas verbraucht.

Die Schwäche des individuellen Handelns ist auch der fossilen Industrie längst bekannt. Werbung für individuelles Klimaschutz-Handeln – und damit die Verlagerung der Verantwortung weg von denjenigen, die Umweltverschmutzung und Klimakrise verursachen und davon profitieren, auf die Konsument*innen – wurde in der Vergangenheit gezielt dafür genutzt, um weitere Regulierungen zu vermeiden.

Zwei Beispiele: Der CO2-Fußabdruck ist allen bekannt. Weniger bekannt wird sein, dass dieser vor allem von einer Kampagne des Ölkonzerns BP popularisiert wurde. Firmen neigen dazu, keine Werbung zu machen, die ihren Profit reduziert. Und auch die Popularisierung von Recycling und Trash Cleanup Kampagnen wurde nicht von Umweltorganisationen, sondern von den Produzenten von Plastikverpackungen betrieben.

All das heißt natürlich nicht, dass es falsch wäre, die eigenen Emissionen zu reduzieren. Emissionen schaden anderen Menschen und wir sollten individuell reduzieren, was individuell reduziert werden kann. Dies trägt wenigstens ein bisschen zur globalen Emissionsreduktion und zum gesellschaftlichen Wandel bei – gerade wenn man darüber redet. Beides kann eine Aktion wie das Klimafasten leisten.

Denn individuelles Handeln verursacht soziale Effekte: Solaranlagen auf Häusern verbreiten sich zum Beispiel stärker in der Nähe schon bestehender Anlagen. Außerdem schärft individuelles Handeln das Gespür für die systeminhärente Ungerechtigkeit unseres Energiesystems und die systemischen Hindernisse der Transformation. Und natürlich vergrößert es auch die Glaubwürdigkeit des eigenen politischen Handelns, auch wenn der Wahrheitswert einer normativen Aussage sich durch das Handeln der Sprecher*in nicht ändert.

WTF?! – What the facts? – Kirche und Klimaschutz

Im WTF?!-Podcast bei Michael Greder spricht Eule-Autor Georg Sauerwein über das Klimaschutz-Engagement der Kirchen. Was unternehmen die Kirchen bereits – und wo müssen sie noch sehr viel besser werden? Die Verantwortung von Christ:innen hört nicht beim eigenen Verhalten auf, sondern hat eine politische Dimension.

Außerdem von Georg Sauerwein in der Eule erschienen: „Der lange Weg zum Divestement in der katholischen Kirche“ und eine Analyse des nachsynodalen apostolischen Schreibens von Papst Franziskus Querida Amazonia „Leidenschaft für das gemeinsame Haus“.

Der Sinn des Fastens

Gerade das Fasten ist ein sehr interessanter Rahmen hierfür: Der Sinn des Fastens ist nicht, temporär mit sündigem Verhalten aufzuhören. Es ist eigentlich auch nicht Zweck des Fastens, die Welt zu verändern. Fasten ist eine spirituelle Übung: Indem wir uns mit dem Verzicht konfrontieren und diese Erfahrung reflektieren, bietet sich in der Fastenzeit ein guter Anlass, das eigene Verhalten zu überdenken und zu nachhaltig verändern.

Beim Klimafasten wird man der Grenzen der eigenen Handlungsbereitschaft gewahr. Man wird auch feststellen, wie eng begrenzt unsere Möglichkeiten als Einzelne sind, der Klimakrise etwas entgegenzusetzen. Wenn wir während des Fastens entdecken, dass wir ohne gesellschaftliche Transformation nur wenig ausrichten können, kann das zu gesellschaftlichem und politischem Handeln zu führen.

Klimafasten kann uns daran erinnern, dass die momentanen gesellschaftlichen Strukturen uns zu klimafeindlichem Handeln zwingen. Diese Strukturen müssen wir gemeinsam mit allen, die jetzt schon daran arbeiten, verändern. Es kann nicht sein, dass wir uns von der Gesellschaft in Verhalten zwingen lassen, das anderen Menschen und der Schöpfung schadet. Das ist ein wichtiger Aspekt dessen, was Papst Franziskus „Ökologische Umkehr“ nennt.

Politisches Handeln muss dabei nicht gleich die große Weltpolitik sein: Man kann sich für eine klimaneutrale Heizanlage im eigenen Mietshaus oder in der Kirchengemeinde einsetzen. Auf lokaler Ebene kann man die eigene Kommune zum Ausbau des ÖPNV und besserer Fahrradinfrastruktur bewegen oder die schnelle Dekarbonisierung des Fernwärmenetzes anstoßen. Es ist aber auch einfach und wirksam, Briefe an Abgeordnete zu schreiben, um zum Beispiel höhere CO2-Preise zu fordern, die all diese Maßnahmen viel einfacher machen würden.

Verbündete finden

Gemeinsames Engagement macht mehr Spaß und schafft solidarische Gemeinschaften, die für eine gerechtere Gesellschaft unheimlich wichtig sind. Darum lohnt es sich, Verbündete zu suchen. Es gibt bereits eine Menge solcher Gruppen, so dass jede*r etwas nach dem eigenen Geschmack findet: Seien es „Fridays“, „Parents“ oder „Christians for Future“, „Extinction Rebellion“ oder klassischere Organisationen wie Greenpeace, BUND oder viele lokale Initiativen. Anregungen zum Handeln findet man zum Beispiel auch bei „Germanwatch“ mit ihrem „Handabdruck“-Konzept.

Und in dieser Fastenzeit gibt es eine wunderbare Gelegenheit, uns in politischem Handeln einzuüben: Am 19. März ist wieder globaler Klimastreik, an dem dieses Mal wegen Corona jede*r ganz einfach selbstständig teilnehmen kann. „Christians for Future“ hat zum Beispiel fertige Vorschläge entwickelt, wie sich Gemeinden mit Bannern und Sharepics beteiligen können, und „Churches for Future“ hat eine Videoaktion gestartet.

Aus der Gegenrealität des Fastens folgt die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Handelns, derer wir uns endlich besinnen sollten. Klimafasten.de bietet wunderbare Konzepte für den ersten Schritt, auch wenn leider – wie so oft in den Kirchen – die gesellschaftliche und politische Dimension kaum vorkommt. Ich hoffe, wir lernen, sie zu sehen. Wir brauchen die Fastenzeit, wir brauchen aber auch ein Pfingsten, an dem wir prophetisch in die Welt gehen.