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Foto: Mateus Campos Felipe (Unsplash)

Wie römisch kann die katholische Kirche bleiben?

Eine neue Instruktion aus Rom macht die Reformwünsche der deutschen Katholik:innen zunichte – wieder einmal. Wie geht es mit der römisch-katholischen Kirche weiter?

Es gibt Tage, da hält man sich als Protestant lieber raus aus den Twitter-Diskussionen der Kirchenblase. Gestern war so ein Tag. Der Vatikan droppte eine Instruktion der Kleruskongregation, in der ausführlich erläutert wird, wie mit den kirchenrechtlichen Vorgaben zur Reform der Pfarreien umzugehen ist.

Mit „pastoralen Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst der missionarischen Sendung der Kirche“ haben die Vorgaben aus Rom leider nicht viel zu tun, obwohl das Papier auch erstaunlich ehrliche Zeitdiagnosen wie diese enthält:

Ausgehend von der Betrachtung der Zeichen der Zeit, ist es im Hören auf den Geist notwendig, auch neue Zeichen zu setzen: Da die Pfarrei anders als in der Vergangenheit nicht mehr der vorrangige Versammlung- und Begegnungsort ist, muss sie andere Weisen der Nähe und der Nachbarschaft im Hinblick auf ihre normalen Aktivitäten finden. Diese Aufgabe ist keine Last, die zu ertragen ist, sondern eine Herausforderung, die es mit Enthusiasmus anzupacken gilt. (Artikel 14)

Darüber hinaus bleibt die bloße Wiederholung von Aktivitäten, die das Leben der Menschen nicht berühren, ein steriler Überlebensversuch, der oft mit allgemeiner Gleichgültigkeit zur Kenntnis genommen wird. Wenn die Pfarrei nicht die der Evangelisierung innewohnende spirituelle Dynamik lebt, läuft sie Gefahr, selbstbezogen zu werden und zu verkalken, da sie Erfahrungen vorschlägt, die den Geschmack des Evangeliums und die missionarische Durchschlagskraft bereits verloren haben und vielleicht nur für kleine Gruppen bestimmt sind. (Artikel 17)

Aus den zum Teil mutigen Diagnosen aber leiten die kurialen Autoren keine zukunftsweisenden Schlussfolgerungen ab. Nicht einmal die zahlreichen Aufbrüche und Reformprojekte, die es in der röm.-kath. Kirche längst gibt, werden zur Kenntnis genommen, sondern „im Nebensatz ohne Würdigung“ desavouiert, wie Felix Neumann auf katholisch.de in einer treffenden Analyse der Instruktion schreibt.

Die Pfarrei bleibt trotz aller Begrenzungen das Nonplusultra, der Pfarrer ihr unbedingter und nur an bischöfliche Weisung gebundener Chef und selbstverständlich und ausschließlich ein geweihter Priester. Alles, was darüber hinaus geht – kooperative Gemeindeleitung unter Einbeziehung von Laien, aber auch die vielfältige kirchliche Arbeit jenseits der Pfarrei -, bleibt unterbeleuchtet und geringgeschätzt.

Die kurialen Autoren kreisen um das Priesteramt wie um einen alten Turm, ertrinken in Selbstbezüglichkeit und belassen alles beim ganz Alten. Pünktlich zum 150. Jahrestag der Verkündung der Papst-Dogmen ist die Instruktion eine Erinnerung für die Katholik:innen, mit welcher Kirche sie es zu tun haben.

Römische Kirche?

Wenn die Instruktion nicht aus der römischen Kleruskongregation stammte, sondern – rein hypothetisch – ein evangelisches Thesenpapier voller „Leitsätze“ wäre, man könnte sie trefflich ignorieren. Doch hat Papst Franziskus sie ausdrücklich autorisiert: Die Instruktion gilt.

Mit der real-existierenden römisch-katholischen Kirche unserer Breitengrade hat sie gleichwohl wenig Berührungspunkte. Vielleicht hat sich diese längst so weit entwickelt, dass sie das Attribut römisch kaum noch anders zu tragen vermag als als Last? Die Beispiele dafür werden gerade dieser Tage, in denen an die Beschlüsse des 1. Vatikanischen Konzils erinnert wird, rauf- und runtergebetet:

Johannes Paul II. untersagt die Schwangerschaftskonfliktberatung, die deutschen Katholik:innen gründen einen Verein und machen es trotzdem. 20 Jahre später, kirchengeschichtlich ein Wimpernschlag, würdigen die Bischöfe das Engagement der Laien. Vatikanische Lebensweisheiten orientieren sich an Naturrecht und katholischer Sexualmoral, die deutschen Katholik:innen arbeiten in ihren Beratungsstellen, Schulen und Bildungswerken selbstverständlich an diesen Weisungen vorbei.

Im Katechismus ist die Ehe eine exklusive Veranstaltung zwischen Mann und Frau, in deutschen Bistümern werden homosexuelle Partner:innenschaften gesegnet. In der römischen Weltkirche gelten Wiederverheiratete trotz Amoris Laetitia als Sünder:innen, in Landen deutscher Zunge empfangen sie die Eucharistie. Die römische Lehre spricht der Frau ausschließlich die Charismen der Jungfräulichkeit und Gebärenden zu, die Katholik:innen erziehen ihre Kinder anders.

Der Vatikan hat ein gespaltenes Verhältnis zur Verhütung, Katholikinnen nehmen trotzdem die Pille und Paare verhüten auch in der Ehe. Die Tür zur Weihe von Frauen ist dreifach verriegelt, in mitteleuropäischen Gemeinden dienen Frauen längst als Lehrerinnen und Predigerinnen. Manche sind so konsequent, die Weihe zu vollziehen – egal was Rom dazu zu sagen hat. Das gemeisame Abendmahl mit den Protestanten ist unmöglich, und wird doch fast wöchentlich begangen.

Ihre Päpste suchen sich die Katholik:innen inzwischen selbst aus: Heiligsprechungen, wie jüngst die von Johannes Paul II., werden schulterzuckend oder gleich ablehnend kritisch zur Kenntnis genommen. Benedikt XVI. gilt noch zu Lebzeiten als gescheiterter Pontifex, den nicht wenige aus der Kirchengeschichte herausradieren wollen. Und Franziskus?

Wo sonst war man zu Beginn des Pontifikats des Mannes vom anderen Ende der Welt so enthusiastisch wie in den reformorientierten Bistümern Europas? Jede „Synode“ wird mit großen Hoffnungen aufgeladen und aufmerksam verfolgt. Im Nachgang jener römischen Welttheater-Vorführungen werden die wenigen Brotkrumen zusammengefegt, die man im Dickicht der vatikanischen Sprachgestrüppe entdeckt haben will.

Dabei stellt sich längst heraus, dass Bergoglios Pontifikat – ganz ähnlich wie das seines polnischen Vor-Vorgängers – in mindestens zwei Teile zerfällt: Der weltzugewandte, politisch aktive und Zeichen setzende Pontifex, der sich für die Armen und die Bewahrung der Schöpfung einsetzt, auf der einen Seite, der kirchenpolitisch konservative Papst auf der anderen. Eine Kirchenreform ist von diesem Papst nicht mehr zu erwarten.

Wütende Gläubige

Was bedeutet das alles für die Katholik:innen hierzulande? Heuer erlebt man vor allem Wut, weshalb es vielleicht wirklich besser wäre, sich da rauszuhalten. Wütend sind die nicht wenigen Konservativen – Untersuchungen gehen von ca. 15 % der Kirchenmitglieder aus -, die ihren reformorientierten Bischöfen auf dem Weg der Modernisierung nicht folgen wollen. Doch können sie mit den römischen Instruktionen wirklich glücklich werden?

Sie leiden heute schon heftiger an den Kirchenschließungen, am Ausfall von Messen, am flächendeckenden Rückzug des opulenten Katholizismus. Ihr Phantomschmerz richtet sich gegen den aktuellen Papst und gegen die „verweltlichte“ Kirche „deutscher“ Provenienz. Aber sie halten es (noch) mit Rom, weshalb nur die wenigsten von ihnen zu den Reaktionär-Extremisten am rechten Rand der Kirche rübermachen.

Ihnen müsste beim Lesen der aktuellen Instruktion zur Zukunft der Pfarrei eigentlich speiübel werden, denn trotz aller Gebete werden es ja nicht plötzlich wieder mehr Priester werden. Weniger Messen also. Und auch wenn die Gläubigen fleißig für den Erhalt von Kirchengebäuden spenden sollten, wie es die Autoren der Kleruskongregation ausdrücklich wünschen, werden die Kirchen immer leerer.

Wütend sind allerdings auch die gut 10 % der Kirchenmitglieder, die sich (noch) mit Hoffnung auf Kirchenreform tragen. Rational lässt sich auch deren Bindung an ihre Kirche nicht erklären, die sich so gar nicht bewegen will – erst recht nicht in ihre Richtung. Man wurde halt einmal katholisch getauft, weshalb andere konfessionelle Alternativen nicht in Frage kommen, obgleich sie dem eigenen Religionshaushalt wohl entsprechen könnten. Was bleibt, ist der Rückzug und Abschied.

Kant, Luther, Jesus

Die Tragik der deutschen Katholik:innen ist, dass sie es nicht nur mit Bergoglio, Ratzinger und Wojtyła zu tun haben, sondern auch mit Kant, Luther und Jesus, die einmal – Johann Gottlieb Fichte paraphrasierend – die Fesseln der Menschheit zerknickten, wohin sie griffen.

46 % der Katholik:innen glauben nicht an den Gott, wie ihn die Kirche predigt. Mit metaphysischem Brimbamborium können weite Teile des katholischen Milieus nichts mehr anfangen. Das ist nicht erst seit gestern so, wie die Beschäftigung mit dem 1. Vatikanum zeigt.

Die Priester-Mystik, die auch die neueste Instruktion aus dem Vatikan voraussetzt, wird im Lichte der Gleichheit aller Menschen und auch der Enttäuschungen durch die Missbrauchs-Skandale wegen nicht (mehr) geglaubt. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ist gelebte Glaubenspraxis in den katholischen Gemeinden, in denen nur eine Minderheit sich noch der Sozial- und Glaubenskontrolle des geweihten Personals aussetzt.

Dass die römisch-katholische Kirche in den Ländern der Reformation so geworden ist – inkl. Laienmitverantwortung, Zentralkomitees, Verwaltungskirchlichkeit –, ist kein Zufall. Seit Luther gehen beide Kirchen im Wechselschritt voran. Nicht selten vollziehen die Katholik:innen etwas zeitversetzt nach, was zuvor noch als protestantische Abirrung galt. Tatsächlich sind die konfessionellen Unterschiede durch dieses jahrhundertelange Mit- und Gegeneinander, aber auch durch den Druck der Säkularisierung und Individualisierung (die selbst christlichen Ursprungs sind), so weit abgeschliffen, dass etwas unbedarfte Außenstehende nicht irren, wenn sie solche nicht mehr wahrnehmen.

Viele Katholik:innen leben und glauben protestantischer, als es ihre Kirche erlaubt. Und nicht wenige Protestant:innen sehnen sich nach dem liturgischen und mystischen Reichtum des Katholizismus oder einer ordentlichen Portion Klerikalismus – nur halt nicht nach Rom. Beide sind irgendwie Ausgesetzte in einer Zeit, da der je eigene Glaube nicht mehr wie selbstverständlich in den Familien und Gemeinden weitergegeben wird.

Meinen Jesus lass ich nicht

Was beiden bleibt, ist Jesus. Treibendes Motiv aller Kirchenreform ist ja nicht „aufklärerisches Gedankengut“ oder die „Protestantisierung“, sondern die Orientierung an dem, was so ungefähr und nicht zu Unrecht als jesuanisch empfunden wird. Davon steht auch in der letzten römischen Instruktion bedrückend wenig.

Im Neuen Testament gibt es keine Pfarreien, wohl aber christliche Gemeinden. Alle Bibelzitate können nicht darüber hinwegtäuschen, dass weder Jesus noch Paulus einen Priesterstaat im Sinne hatten, wie ihn vatikanische Stubentheologen gerne konstruieren. Eine Kirche, die mit Sünder:innen Mahl feiert, den Armen die Füße wäscht und sich von ihnen das Evangelium predigen lässt, in der Menschen jeden Geschlechts Heilszeichen spenden und zu Prophet:innen und Priester:innen berufen sind, kommt dem viel näher.

An diesem Jesus kann man als Christ:in auch in der römisch-katholischen Kirche festhalten, aber wie römisch kann eine Kirche bleiben, die sich ihm verpflichtet fühlt?