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Zum Vergessen: Ein familienpolitischer Jahresrückblick

Unsere Familienkolumnistin Daniela Albert schaut auf das Jahr 2021 zurück: Unerwiderte Solidarität, Versagen in den Schulen und wenig Aussicht auf Besserung.

Ehrlich gesagt habe ich diese Kolumne nun schon fünf Mal geschrieben. Aber irgendwie hat kein Anlauf meine innere Kritikerin überlebt. Alles, was ich sagen wollte, ist hinlänglich bekannt und durchgekaut. In mancher Ausführung habe ich mich selbst gelangweilt, in anderer zu viele Kraftausdrücke verwendet. Und überhaupt, an wen sollen sich meine Worte überhaupt richten?

Aber was soll man auch schreiben, als Familienkolumnistin am Ende eines Jahres, das zum Vergessen war – und in dem man sich auch immer wieder vergessen vorkam? Alles ist schon hundert Mal erzählt worden. Halt nur nicht von mir – und vielleicht sollte genau ich das dann doch zum hundertundersten Mal tun.

Als ich am Silvesterabend 2020 mit meiner Familie vor dem Raclette saß, blickte ich müde auf ein Jahr zurück, das auch schon größtenteils zum Vergessen war. Gleichzeitig war ich zuversichtlich. Immerhin hatte mir einige Tage zuvor meine Hausärztin vom Cover unserer Tageszeitung entgegen gelächelt, nachdem sie im örtlichen Altenheim die ersten Covid-19-Schutzimpfungen verteilt hatte. In den nächsten Monaten wird es gut werden, bis zu den Sommerferien ist diese weltweite Katastrophe Teil der Geschichtsbücher, erklärte ich, und überhaupt – schlimmer als 2020 kann es nicht werden.

Tja, was soll ich sagen, 2021 kam böllerfrei und ruhig angerauscht und flüsterte hold my Sektglas.

Egoismus als Dank für Solidarität

Statt aus der Krise schifften wir uns immer tiefer rein. Erst fehlte der Impfstoff, dann die Impfwilligen. Aus der generationenübergreifenden Solidarität wurde eine Einbahnstraße. Diese Entwicklung wurde zum ersten Mal richtig deutlich, als sich Menschen über 60 massenhaft weigerten, den Impfstoff von Astra Zeneca zu nehmen und für sich den „guten Biontech“ forderten, wohl wissend, dass dieser der einzige Stoff war, der Personen unter 60 zur Verfügung stand und mehr noch – dessen Freigabe für Jugendliche in Sicht war.

Dass diejenigen, die für sie monatelang eine Last getragen haben, deren Folgen uns noch viele Jahre begleiten werden, nun noch länger auf Impfangebote warten mussten, spielte keine Rolle. Stattdessen hieß es für die Generation 60+: Ärmel hoch, Biontech rein, Wohnmobiltür auf und ab in die Toskana, während das Leben der Jugendlichen weiterhin vorm heimischen PC stattfand.

Als es im Frühsommer nach und nach zurück in die Schulen ging, wartete auf Familien der nächste Schlag ins Gesicht. Statt eines seichten Einstiegs, der erst einmal Schüler:innen und ihre Bedürfnisse im Blick hat, hagelte es Klassenarbeiten. Schließlich hatte man ja in diesem zweiten Lockdown so richtig guten Distanzunterricht. Hätte man die niedrigen Maßstäbe, die man offensichtlich an „guten Distanzunterricht“ anlegte, an die schulischen Leistungen unserer Kinder angelegt, hätten die meisten wohl mit 1+ bestanden.

Stattdessen erwartete man von ihnen so zu tun, als hätte Schule im Winter nicht größtenteils daraus bestanden, sich schlecht kopierte Arbeitsblätter aus Moodle runterzuladen. Doch wir sollten uns mal keine Sorgen machen, wurden wir Eltern beschwichtigt, immerhin stehen unseren Kindern die Sommerakademien bereit, um den Stoff nachzuholen. Nach so langer „Auszeit“ sei man doch sicher dankbar, dass die Kinder in den Ferien lernen dürften. Nun, fairerweise sei gesagt, dass ich ein paar wenige Familien kenne, denen das wirklich so ging. Die Mehrheit brachte jedoch nur ein sarkastisches Lächeln zustande.

Sehnsucht nach Sommerleichtigkeit

Schließlich sehnten wir uns alle – besonders unsere Kinder – einfach nur nach ein bisschen Sommerleichtigkeit. Was sie gebraucht hätten, wären Freizeiten, Badeseen und Impfstoff gewesen – und vor allem Ärzt:innen, die bereit waren, ihn ihnen zu verabreichen und nicht auf die pandemieuntaugliche Stiko warteten.

Nun gut, dank niedriger Inzidenzen kam für viele dann zwischendurch tatsächlich ein bisschen Leichtigkeit. Doch sie hielt nicht lange, denn die Delta-Variante breitete sich aus. Als unsere Kinder nach den Sommerferien in die Schulen zurückkehrten, waren die Inzidenzen schon wieder in die Höhe geschossen.

Als Antwort darauf  sorgte der deutsche Bildungsföderalismus mal wieder für einen Flickenteppich aus Maßnahmen. Während in Hessen zwei Präventionswochen mit Maskenpflicht und drei wöchentlichen Schnelltests stattfanden, setzten andere Bundesländer Kinder ungeschützt in Klassenstärke zusammen und ließen die Lage gleich eskalieren. Früher oder später eskalierte Corona aber überall.

Ein Unglück, dass zwar mit Ansage kam, aber vermeidbar gewesen wäre. Schon seit Frühling 2021 standen den bildungspolitisch Verantwortlichen viele wissenschaftliche Erkenntnisse und Handlungsoptionen zur Verfügung, die die Lebenswelt unserer Kinder und Jugendlichen etwas sicherer gemacht hätten. Statt in sicheren Schulen sitzen viele Schüler:innen in Deutschland auch heute wieder mit Decken am offenen Fenster, denn nicht mal der flächendeckende Einbau von Luftfiltern, also dem Mindesten, das man hätte tun können, ist gelungen.

Rücksicht auf die Falschen

Und auch in so mancher Kirche hat man es versäumt, die Türen für Familien hoch und weit zu machen. Stattdessen hält man sie mancherorts lieber für Hannelore und Achim offen, die Corona für übertrieben halten, die Impfung für Gift, sich auch sonst nichts sagen lassen und mit Nasenpimmel aus der ersten Reihe ihr „Oh du Fröhliche“ schmettern. Dass vorne vor der Krippe genau deshalb ein paar Kinder weniger stehen werden, interessiert weiter keinen.

Weil man an Weihnachten niemanden ausschließen kann, ist es für viele Kirchenverantwortliche nämlich keine Option, nur Geimpfte, Genesene und Kinder zum Gottesdienst zuzulassen und Ausnahmen von dieser Regel nur für die paar wenigen Menschen gelten zu lassen, die aus medizinischen Gründen tatsächlich nicht geimpft werden können.

Weil genau diese erwähnten Ausnahmen derzeit besonders auf unsere Solidarität und unseren Schutz angewiesen sind, ist zu erwarten, dass viele von ihnen auch dieses Jahr kein Präsenzgottesdienstangebot wahrnehmen werden, solange deren Gemeinden lieber Raum für alle schaffen wollen, statt endlich mutig und kreativ Verantwortung zu übernehmen und Schwache zu schützen.

Apropos Schwache schützen, war da nicht was? Ach ja, genau darum ging es letztes Jahr an Weihnachten. Unsere Kinder wurden früher in die Ferien geschickt (was manche sehr freute und andere vor große Belastungen stellte) und verblieben auch danach viele Monate am heimischen Schreibtisch. Das war nötig, denn die Inzidenzen waren hoch und mit dem Impfen der Schwächsten ging es weit weniger schnell voran, als man sich erhofft hatte. Es sieht so aus, als seien in diesem Winter unsere Kinder die Schwächsten.

In keiner anderen Altersgruppe sind die Inzidenzen so hoch wie bei den 5- bis 15-Jährigen. Das ist nicht verwunderlich, denn schließlich ist das die Gruppe, für die es bisher kaum Impfangebote gab und gleichzeitig die, die täglich mit am meisten Kontakte hat. Nun verlaufen die Infektionen bei den meisten Kindern glücklicherweise mild. Allerdings gibt es verschiedene Studien, die für etwa sechs Prozent der erkrankten Kinder längerfristige Folgen voraussagen – und das ist in absoluten Zahlen dann plötzlich gar nicht so wenig. Abgesehen davon stelle man sich vor, man hätte schulterzuckend Spätfolgen für sechs Prozent der Erwachsenen in Kauf genommen. Der Aufschrei wäre riesig gewesen.

Mit Omicron könnte sich die Lage für die Jüngsten allerdings zuspitzen, und nach den Erfahrungen von 2021 wage ich nicht zu hoffen, dass sie irgendjemand im nächsten Jahr adäquat vor dieser neuen Variante schützen möchte. Und leider habe ich keinen hoffnungsvolleren Satz für Dich, um meine letzte Kolumne 2021 zu beenden.

Hoffen wir, dass Du Mitte 2022 allen Grund hast, mich deswegen eine olle Schwarzseherin zu nennen. Bis dahin Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch!

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