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„Das Wort ‚Flüchtling‘ ist falsch!“

Aus den Flüchtlings-Debatten der Vergangenheit können wir für das Heute lernen: Jonathan Spanos hat erforscht, wie Christen über Flüchtlinge stritten.

Über 5 Millionen Ukrainer:innen sind aufgrund des russischen Angriffskrieges aus ihrer Heimat geflohen. Sie sind gezwungen, ihre Wohnungen, Häuser und Arbeitsplätze zu verlassen – mitten in Europa. Die meisten von ihnen sind in die unmittelbaren Nachbarländer Polen, Rumänien und die Republik Moldau geflohen, fast 400 000 auch nach Deutschland. In Europa gibt es eine beispiellose Solidarität mit den Schutzsuchenden, die anders als die Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan auch dort Aufnahme finden, wo man sonst Flüchtlingen und Migranten ablehnend gegenübersteht.

Bereits vor einem Monat haben wir uns bei der Eule mit den Reaktionen der Protestant:innen auf die Fluchtbewegungen der Vergangenheit beschäftigt. In seinem Online-Vortrag hat Jonathan Spanos einen weiten Bogen von der Vertriebenen-Fürsorge nach dem 2. Weltkrieg über die Debatten um die sog. „Boatpeople“ bis in die Gegenwart gezogen. Was er in seiner Doktorarbeit „Flüchtlingsaufnahme als Identitätsfrage: Der Protestantismus in den Debatten um die Gewährung von Asyl in der Bundesrepublik (1949 bis 1993)“ herausfand, hat das Potential, das Selbstbild der (evangelischen) Christen hierzulande in Frage zu stellen.

Heute ist die Solidarität und praktische Hilfe für Geflüchtete beiden großen Kirchen in Deutschland ein wichtiges Anliegen. Während des neuen Ukraine-Krieges wurde für die Flüchtlingshilfe von evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümern gemeinsam bereits ein zweistelliger Millionenbetrag zur Verfügung gestellt, in vielen Kirchgemeinden werden darüber hinaus Spenden gesammelt und Flüchtlinge untergebracht. Die Kirchen profitieren dabei von einem etablierten ökumenischen Netzwerk mit den Kirchen in der Ukraine und ihren unmittelbaren Nachbarländern, das Hilfslieferungen und Ausreisen erleichtert.

Flucht innerhalb und aus der Ukraine

Der Mediendienst Integration berichtet, dass nach Informationen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen 7,7 Millionen Menschen innerhalb der Ukraine auf der Flucht sind. Laut dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) sind über 5,5 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen, vor allem nach Polen (3 Millionen), Rumänien (800 000), Russland (680 000), Ungarn (530 000) und in die Republik Moldau (550 000). Weitere Informationen zu den Fluchtbewegungen aufgrund des Ukraine-Krieges hier.

Gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, insb. Organisationen von migrantischen Communities, setzen sich die Kirchen auch für die gleichwertige Behandlung aller Geflüchteten ein. Ungarn und Polen verweigern sich zum Beispiel einer europäischen Lösung der Fluchtlingsfrage im Anschluss an den Syrien-Krieg: Die „Bootsflüchtlinge“ unserer Tage auf dem Mittelmeer sind in Europa wenig willkommen. Diese Ablehnung wird von den Kirchen in Deutschland scharf kritisiert, sie unterstützen die Seenotrettung auf dem Mittelmeer und wollen damit auch ein politisches Zeichen setzen (wir berichteten).

„Jeder Asylsuchende ist Geschöpf Gottes, jeder hat deshalb ein Recht zum Leben und ein Recht auf Leben. Auf diesem Geschöpfsein resultiert für mich eine Gleichbehandlung aller Flüchtlinge, ich darf keine Auswahl treffen: Ich darf die einen nicht vor den anderen bevorzugen und die, die keine politische Lobby haben, benachteiligten“,

erklärte bereits 1980 Horst Oberkampf, Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll mitten in der Debatte um die „Boatpeople“ aus Vietnam. Diese in unseren Tagen unmissverständliche Position musste jedoch durch viele Debatten hindurch errungen werden.

Flüchtlinge zweiter Klasse

Im Protestantismus wurde seit Ende des 2. Weltkrieges immer wieder über den Status von Flüchtlingen gestritten. Dabei standen zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Flüchtlingsgruppen im Fokus: Nach dem 2. Weltkrieg etablierte die Kirche eine Vertriebenen-Fürsorge, die auch die politische Fürsprache für die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und von der Wehrmacht besetzten Gebieten Osteuropas in die Bundesrepublik gekommenen Menschen umfasste.

Das in diesen Tagen vom Rat der EKD neugeschaffene Amt eines Beauftragten für Flüchtlingsfragen (wir berichteten) hat im Beauftragten der EKD für Umsiedler- und Vertriebenenfragen einen bemerkenswerten Vorläufer in der frühen Bundesrepublik. Schon damals offensichtlich: Der Einsatz für Flüchtlinge und Vertriebene hatte immer auch eine politische Komponente. So trat Bischof Reinhard Wester, der seit 1957 EKD-Vertriebenenbeauftragter gewesen war, im Jahre 1965 aus Protest gegen die EKD-Ostdenkschrift zurück, in der die Oder-Neiße-Grenze anerkannt wurde. Wie die ZEIT damals berichtete, hatte man Wester gar nicht in die Arbeit an der Denkschrift eingebunden, die für die Ostpolitik der gesamten Bundesrepublik in den Folgejahren von großer Bedeutung sein sollte.

Strittig war jedoch nicht allein das „Rückkehrrecht“ der Ostvertriebenen, sondern auch die Haltung zu Flüchtlingen aus der DDR, schließlich hatten die evangelischen Landeskirchen in der DDR ein großes Interesse an deren Verbleib. Geflohene DDR-Pfarrer konnten darum nicht auf ein Pfarramt in den Landeskirchen der BRD hoffen. Der Berliner Superintendent und Leiter der Evangelischen Flüchtlingsseelsorge Karl Ahme, ein „Nationalprotestant alten Schlages“, setzte sich besonders für die DDR-Geflüchteten ein, die er nicht einmal Flüchtlinge nennen wollte:

„Es muss einmal offen gesagt werden: Das Wort ‚Flüchtlingʼ ist falsch! Falsch deswegen, weil es nicht dem Tatbestand entspricht. Nach unserem deutschen Sprachempfinden ist Flucht immer ein Zeichen von – sagen wir es ganz grob – Feigheit. Der Tapfere flieht eben nicht, der Tapfere hält aus. So liegt schon in dem Wort ‚Flüchtlingʼ eine moralische Abwertung.“

Dass Flucht Feigheit nahelegt, ist eine in den protestantischen Diskursen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wiederkehrende Argumentation. Ahme erklärte darum, man bemühe sich statt von „Flüchtlingen“ von „Zufluchtsuchenden“ zu reden. Die Debatte um die möglichst zutreffende (und gender-sensible) Bezeichnung von Geflüchteten reicht also weiter zurück, als es konservative und rechte Kritiker:innen der evangelischen Kirche aus jüngster Zeit wahrhaben wollen.

Der Flüchtling als Feigling taucht auch zwanzig Jahre später in der Debatte um die vietnamesischen „Boatpeople“ wieder auf, wenn ausgerechnet die Ikone des Linksprotestantismus Helmut Gollwitzer darauf beharrt, diese wären „weder Vertriebene noch Flüchtlinge so wie die lateinamerikanischen Flüchtlinge vor Verfolgung und Folter“. Gollwitzer und mit ihm Teile des Linksprotestantismus, die sich gegen den Vietnam-Krieg der USA engagiert hatten, sahen bei den „Boatpeople“ eine „Flucht der Oberschicht und der chinesichen Händler“:

„Sie fliehen vor den harten Lebensbedingungen, mit denen das ganze vietnamesische Volk beim Wiederaufbau seines durch die amerikanische Kriegsführung verwüsteten Landes zu kämpfen hat.“

Konfessionelle und historische Verbindungslinien

Überhaupt scheint der Streit um die „Boatpeople“ ein ergiebiges Forschungsfeld zu sein, um die Flüchtlingsdebatten unserer Tage zu verstehen. Schon damals waren dieselben Befürchtungen und positiven Erwartungen virulent, die wir auch bei der Aufnahme von Geflüchteten aus Syrien oder der Ukraine wahrnehmen. So sprach der SPIEGEL 1980 von einer „Fremdenwelle“ und in die Diskussion wurde bald eine diffuse Angst vor dem „Kippen der Debattenlage“ eingebracht: Man dürfe die Hilfsbereitschaft der Deutschen nicht überstrapazieren. Nicht zuletzt kam es damals in Hamburg-Billbrook zu einem der ersten rassistischen Anschläge in der Bundesrepublik, dem zwei Vietnamesen zum Opfer fielen.

Doch erhielten die Vietnam-Flüchtlinge auch Unterstützung: Besonders hervor tat sich die christdemokratische Regierung Niedersachsens unter Ernst Albrecht, dem Vater der jetzigen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU). Dort verortete man das Engagement für die Flüchtlinge ganz in der Tradition der Vertriebenenfürsorge und setzte sich stark für die Flüchtlinge ein – schließlich flohen diese vor einem kommunistischen Regime.

Vietnamesische Bootsflüchtlinge, sog. „Boatpeople“ bei ihrer Rettung durch „Ärzte der Welt“ 1982 (Foto: Michel Setboum/Getty Images, CC BY 2.0)

Die „Boatpeople“ schätzten Konservative nicht nur aufgrund der gemeinsamen Ablehnung des Kommunismus, sondern auch aus konfessionellen Gründen: Unter den vietnamesischen Geflüchteten waren nämlich tatsächlich katholische Mitglieder des dortigen Bürgertums und es bestanden über die Caritas schon länger Verbindungen zu katholischen Missionsgesellschaften im Land. Die Rettungsmission der „Cap Anamur“ wurde maßgeblich vom katholischen Journalisten Rupert Neudeck betrieben, der sich zuvor in Frankreich von katholischen Intellektuellen beeinflussen ließ, die später zum Teil der Nouvelle Droite nahestanden.

Das Misstrauen von Linksprotestanten wie Gollwitzer gegenüber den Motiven der Konservativen war also sicher nicht grundlos, agierte sich aber auf dem Rücken von schutzsuchenden Geflüchteten aus. Es entspann sich eine mediale Auseinandersetzung zwischen Gollwitzer und Verteidigern der Aktion, z.B. Heinrich Böll, in den großen Zeitschriften des Landes. Den Linken wurde ein „verkitschtes Bild des Vietcong“ als kommunistischer Befreiungsbewegung vorgeworfen. Neudeck hielt gegenüber Böll fest:

„Wir sollten wirklich zurückgehen auf das Urmotiv der Lebensrettung. Ich kann niemanden, der ertrinkt, oder auch, der sich unter Mühen über irgendeine gefährliche Grenze hergequält hat, fragen ob er Sozialist ist oder Kapitalist oder beides oder was aus ihm werden wird. Diesen Prozeß muss die Linke […] wieder vollziehen […].“

Nicht nur klingt hier das „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ des Evangelischen Kirchentages von 2019 an, es braucht nicht viel Phantasie um von den Debattenlinien damals auf manche Scheuklappe der politischen Linken und christlichen Friedensbewegung in der gegenwärtigen Debatte zu kommen: Noch heute gilt Russland manchen als Gegenpol zum „kapitalistischen Imperialismus“ der USA. Bei vielen Akteur:innen wie Böll ist zudem spürbar, wie die eigene Vergangenheit im Nationalsozialismus das politische Handeln prägte. Welche Rolle die Verbrechen der Deutschen für die gegenwärtige Politik der Bundesrepublik haben sollten, ist in diesen Tagen erneut Gegenstand der öffentlichen Auseinandersetzung.

Cover der Benefiz-LP für „Cap Anamur“ u.a. mit Heino, Roy Black und Howard Carpendale

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Stellungnahme des damaligen Diakonie-Präsidenten Theodor Schober im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt vom August 1979, in der er mit Rückgriff auf die deutschen Erfahrungen für die Aufnahme der vietnamesischen Flüchtlinge streitet: Die Deutschen wüssten besser als andere Völker, was Flüchtlingsschicksal heißt. Man könne keine Abschottung gegen Vietnamesen verlangen und andererseits der DDR-Regierung den Mauerbau als Unmenschlichkeit vorwerfen und Freizügigkeit für DDR-Bürger verlangen. Es müsse außerdem selbstverständlich sein, dass auch Kranke, Alte und Behinderte mit aufgenommen würden. Hier scheinen gleich mehrere Motive der Ungleichbehandlung von Geflüchteten auf, die auch heute aktuell sind, bis hin zur Frage nach ihrer volkswirtschaftlichen Verwertbarkeit.

Selbst die mediale Vermittlung der Seenotrettung auf dem Mittelmeer und auch der jüngsten Fluchtbewegung aus der Ukraine hat in der Rettungsaktion der „Cap Anamur“ und der anschließenden Debatte um die „Boatpeople“ einen Vorläufer. Das Fernsehen berichtete erstmals in Farbe von den Fahrten des Rettungsschiffes und Fotojournalisten hielten das Geschehen für die Weltöffentlichkeit fest, aus heutiger Perspektive seltsam anmutende Aktionen wie die Benefiz-LP „Schlager Rendezvous“ wurden ins Leben gerufen.

Protestantismus in Gesellschaft

Spanos zeichnet in seiner Arbeit nach, wie die Fluchtbewegungen des 20. Jahrhunderts kirchliche Positionen in Frage stellten und zu Weiterentwicklungen anregten. So nahm zum Beispiel die professionelle Migrationsarbeit der Diakonie mit der Hilfe für Flüchtlinge aus Chile ihren Anfang. Dort verwendete sich besonders Helmut Frenz, der von der EKD 1965 nach Chile entsandt wurde, für die Opfer des Pinochet-Regimes. Später wurde er Flüchtlingsbeauftragter der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche und erster Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty International. Frenz ist dabei nur ein Beispiel für die zahlreichen personellen Überschneidungen von Protestantismus und Politik bzw. Zivilgesellschaft, die für die Bundesrepublik prägend waren.

Auch die inzwischen stattliche Zahl von kirchlichen Stellungnahmen zur Flüchtlings- und Migrationspolitik seit den 1980er-Jahren verdient heute sicher unsere Aufmerksamkeit, so schaltete sich die EKD u.a. in die Asyldebatte Anfang der 1990er-Jahre ein. Theologische Argumente, beobachtet Spanos, rücken dabei zunehmend in den Hintergrund. Inwieweit das auch auf aktuelle kirchliche Stellungnahmen wie das „Gemeinsame Wort“ des Rates EKD und der Deutschen Bischofskonferenz zu Migration und Flucht „Migration menschenwürdig gestalten“ (wir berichteten) zutrifft, darüber ließe sich streiten.

Heute sind die Kirchen in Deutschland über ihre Haltung zur Flüchtlingshilfe nicht mehr gespalten – allein die Seenotrettung auf dem Mittelmeer und gelegentlich das Kirchenasyl sind als Streitpunkt verblieben. Über die Grenzen von Konfession und Frömmigkeit setzen sich Christen in Deutschland für Geflüchtete ein, ob es sich dabei um iranische Konvertiten, ukrainische Frauen und Kinder oder syrische Kriegsflüchtlinge handelt, ist ihnen dabei weitgehend gleich. Dabei setzen die Kirchen im Gegenüber zum Staat eigene Schwerpunkte, wie z.B. den Familiennachzug.

Trotzdem lohnt sich ein Blick in die Debatten der Vergangenheit. Allein schon, um „Stolz und Vorurteil“ über die eigenen flüchtlings- und migrationspolitische Positionen abzulegen. Spanos schildert eindrücklich, dass die protestantische Offenheit gegenüber Flüchtlingen und Migranten nicht „vom Himmel gefallen ist“, sondern sich vor allem äußeren Einflüssen und hartem Streit verdankt: Sie ist nicht selbstverständlich, sondern muss immer wieder errungen und verteidigt werden.


Wir leiten Nachfragen zum Thema oder Anfragen für Vorträge und Fachgespräche gerne an Jonathan Spanos weiter, schreiben Sie uns einfach eine Email.

Alle Eule-Beiträge zum Themenfeld Flucht & Migration.


Jonathan Spanos
Flüchtlingsaufnahme als Identitätsfrage
Der Protestantismus in den Debatten um die Gewährung von Asyl in der Bundesrepublik (1949 bis 1993),
Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte – Band 085
Vandenhoeck & Ruprecht
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