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Eine Kirchenreformdebatte wie ein Flohzirkus

Flöhe können nicht dressiert werden, aber man kann sie vor einen Karren spannen. Die Reformer:innen in der römisch-katholischen Kirche stehen vor einer schwierigen Alternative. Ein Kommentar.

Gelegentlich fragt man sich, wohin das alles führen soll. Die Forderungen in der Kirchenreformdebatte der römisch-katholischen Kirche liegen auf dem Tisch. Aus dem Vatikan ist keine Zustimmung zu erwarten und ihre Umsetzung liegt in den Händen der Bischöfe. Trotzdem oder gerade deswegen wird gestritten, als ob es um alles gehen würde.

In ihrem „Standpunkt“ auf katholisch.de wiederholt die Erfurter Theologieprofessorin Julia Knop noch einmal die betrübliche Diagnose: Viele Menschen haben das Vertrauen in die Institution Kirche verloren und treten aus. Deshalb müsse die Kirche, so Knop, anstatt Katholizitätsnachweise von ihren Mitgliedern zu verlangen den Menschen gute Gründe für das Bleiben geben.

Nicht die einzelnen Gläubigen sieht Knop in der Verantwortung, die Glaubwürdigkeit der Kirche wieder herzustellen, sondern die Institution. Das ist gut katholisch und verweist doch darauf, woran die aktuelle Kirchenreformdebatte krankt: Am Ende sollen und müssen es doch die Kirchenhierarchen richten. Sie sind kirchenrechtlich (allein) zuständig und auf sie richten sogar jene ihre Hoffnungen, die sich weitgehende Reformen wünschen.

Der Synodale Weg: Eine Sackgasse?

Genährt wird dieses Abhängigkeitsverhältnis nicht zuletzt durch reform-sympathische Äußerungen wie die von Bischöf Georg Bätzing (Limburg), des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), im Kontext des angebotenen Rücktritts von Kardinal Reinhard Marx: Er versprach in den Tagesthemen den Frauen mehr Mitsprache – „… das wird nicht enden an der Grenze des sakramentalen Amtes. Das sage ich voraus und ich hoffe es“. Doch warum sollte der Kirche in Deutschland erlaubt werden, was der Vatikan im Nachgang der Amazonas-Synode nochmals ausgeschlossen hat?

Zu jeder der Reformforderungen, die den sog. Synodalen Weg und die Kirchendebatten der vergangenen Jahre in Deutschland beherrschen, hat der Vatikan inzwischen Widersprüche übersandt. Manchmal metaphorisch, wie der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin bei seinem Versuch vergangene Woche, und manchmal explizit wie in der Instruktion der Kleruskongregation zur Pfarrgemeinde.

Wie sich der deutsche Synodale Weg in den von Papst Franziskus eingeleiteten sog. Synodalen Prozess einbettet, bei dem weltweit über Synodalität als Prinzip der Kirche debattiert werden soll, ist unklar. Nicht unwahrscheinlich, dass es auch hierbei um eine im Ton freundliche, in der Sache aber harte Einhegung geht: Lieber über Synodalität reden als sie ernstlich praktizieren.

Dass den einzelnen Diözesen oder Bischofskonferenzen Beinfreiheit bei der Umsetzung von Reformforderungen gegeben wird, erscheint unwahrscheinlich. Und selbst wenn den Bischöfen (!) als Kollegium oder einzeln mehr Verantwortung als bisher zukommen sollte, an gleichberechtigte Kirchenleitung von Laien und Klerus ist dabei nicht gedacht.

Die Kirchenreformdebatte hierzulande gleicht einem Flohzirkus

Ja, der Synodale Weg wird insbesondere im Synodalforum zu Macht und Gewaltenteilung (dem auch Julia Knop angehört) Ergebnisse vorlegen, die sich die Bischöfe in Deutschland zu eigen machen können. Das bedeutet nicht wenig: Es geht darum, kirchenleitendes Handeln transparent zu machen und – soweit es die Kirchenhierarchie zulässt – die Beteiligung von Laien an Beratungsprozessen (!) festzuschreiben.

Die drei anderen Synodalforen zur Priesterlichen Existenz, zur Frauenfrage und zu Sexualität und Partnerschaft werden im besten Falle Ergebnisse zeitigen, die den Bischöfen und vatikanischen Beobachtern den erheblichen Reformdruck vor Augen führen. Dafür müssten von den Foren allerdings schon Maximalforderungen formuliert werden, wie sie von einigen Beteiligten in die Öffentlichkeit kommunziert werden. Wahrscheinlich aber werden die Papiere, die in den zerstrittenen Gremien entstehen, am Ende doch Kompromisscharakter haben. Wie weit können die Reformer:innen dabei mitgehen, ohne sich der Lächerlichkeit preis zu geben?

Als Gründe für den Kirchenaustritt nennt Julia Knop in ihrem „Standpunkt“: Die Solidarität mit Gewalt- und Diskriminierungsopfern in der Kirche. Den Druck, als Kirchenmitglied in Grundrechtsfragen, wie der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Kompromisse schließen zu müssen. Die Wahrung der Selbstachtung. Letzteres wird so häufig wie nie zuvor im Satz „Die Kirche passt nicht mehr zu mir“ ausgedrückt. Die Lehren der Kirche sind nicht mehr mit den persönlichen Überzeugungen der Gläubigen überein zu bringen. Und der sozio-ökonomische Kitt, der die Menschen vor Jahrzehnten trotzdem bleiben ließ, ist weggebrochen.

Der Synodale Weg wird den weiterziehenden Menschen kein Angebot machen können, in der römisch-katholischen Kirche wieder einen Ort zu sehen, an dem sie sich als Person wiederfinden. Es steht sogar in Frage, ob er dieses Versprechen wenigstens für die beteiligten Reformer:innen einlösen kann, die durch die gewährte Beteiligung am Gesprächsprozess aufgewertet wurden. Was passiert, wenn Reden doch nicht genug ist?

Flöhe können nicht dressiert werden

Dass die römisch-katholische Kirche auf ihren Synodalen Wegen zu der Überzeugung gelangt, dass Frauen der gleiche Zugang zu Weiheämtern zusteht wie Männern, dass der Zölibat nur eine (wenngleich bevorzugte) Variante priesterlicher Existenz in der Kirche ist und dass gleichgeschlechtliche Liebe und überhaupt Sex in Verantwortung, aber außerhalb der sakramentalen Ordnung der Ehe von Gott gewollt ist, ist Wunschdenken.

Bleiben wir bei der Frauenfrage und schauen einmal auf andere Religionen: Im Judentum und im Islam gibt es Rabbinerinnen und weibliche Imame. Es gibt sie ausschließlich im globalen Westen und in Gemeinschaften, die am Rande der eigenen Religionsfamilie stehen. Aber es gibt sie. Was bedeutet dieser Seitenblick, wenn man auf die römisch-katholische Kirche mit ihrem Anspruch auf Katholizität schaut?

Man wird feststellen, dass es längst kirchliche Gemeinschaften am Rande oder ein wenig jenseits der Kirchengrenzen gibt, in denen die Forderung nach dem Weiheamt für Frauen erfüllt ist. Die Einheit mit Rom ist damit aufgegeben, der Universalitätsanspruch der römischen Kirchenlehre in Frage gestellt. Genauso würde es einzelnen Diözesanbischöfen ergehen, die – rein hypothetisch – einzelne Frauen zu Diakoninnen weihen, um mal zu schauen, wie weit man damit kommt. Dasselbe kann man für Gemeinden und Gemeinschaften sagen, die LGBTQ anerkennen.

Reformen am Amtsverständnis, Fortschritte in der Frauenfrage und in der Sexualmoral sind lehrmäßig, wenn überhaupt, in langer zeitlicher Perspektive vorstellbar, denn nur wenig deutet in der Weltkirche und im Vatikan darauf hin, dass den Wünschen der Reformer:innen entsprochen würde, selbst wenn sie der Synodale Weg ungeschminkt formulierte. Für die Reformer:innen stellt sich damit die Alternative, ob sie in Opposition zum Papstamt und der römisch-katholischen Kirche leben wollen, oder nicht. Flöhe können nicht dressiert werden, aber man kann sie vor einen Karren spannen.

„Mit dem Austritt besiegeln sie [die Katholik:innen] ihren Bruch mit der Kirche“, meint Julia Knop. Im Horizont ihrer Forderung, „die“ Kirche müsse sich auf die Menschen zubewegen nicht umgedreht, müsste man konsequent formulieren: Mit dem Austritt besiegeln sie ihren Bruch mit dieser Kirche. Denn man kann wohl katholisch bleiben, wenn man auch nicht mehr römisch glauben kann.