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Fürchtet euch nicht? – Die #LaTdH vom 20. Dezember

Weihnachten naht und die Kirchen streiten weiter über Gottesdienste. Außerdem: Updates aus Köln und Neues vom Ökumenischen Kirchentag.

Der Vorsitzende der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Georg Bätzing (Limburg), und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), @landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (ELKB), richten sich zum Wiegenfeste des Heilands mit einem Ökumenischen Wort unter dem Titel „Fürchtet euch nicht!“ an die Menschen.

Ich fürchte, auf diese Verlautbarung trifft zu (wenn sie nicht sogar der Anlass ist), was Antje Schrupp (@antjeschrupp) klug und präzise über die inflationäre Verwendung von „Fürchtet euch nicht!“ geschrieben hat, u.a.:

Wenn man dieses Zitat aus dem Kontext reißt und für jede X-beliebige Situation als Passepartout einsetzt, um den Leuten zu sagen: „Egal was ist, fürchtet euch nicht“ hat man meiner Meinung nach die biblische Botschaft einfach nur für sich selber instrumentalisiert.

Dabei ist kurz vor Weihnachten tatsächlich viel gut begründete Furcht vor dem Corona-Virus in der Welt, erste Intensivstationen in Deutschland sind vollständig ausgelastet, in Dresden wird der Platz für Särge knapp. Dazu kommt die Sorge um die Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen, denen es 2020 genauso schlecht geht wie im vergangenen Jahr.

Debatte

Die Kirchen und Corona: Fröhliche Weihnachten? – Philipp Greifenstein (Die Eule)

Auch in dieser Woche blieb uns die Diskussion um Präsenz-Gottesdienste zu Weihnachten erhalten. Bereits am Montag habe ich die Lage in einem Artikel in der Eule zusammengefasst, der die Debatte der letzten #LaTdH aufnahm. Soweit ich das sehen kann, hat sich davon nichts durch die Ereignisse unter der Woche überlebt.

So schaut’s aus

Anders als es die Diskussionen im Netz vermuten lassen, wird es in Deutschland in allen römisch-katholischen Bistümern und fast allen evangelischen Landeskirchen analoge Gottesdienste unter Corona-Sicherheitsvorkehrungen zu Heiligabend geben (Stand: 20.12., 7 Uhr). Nur die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) und die Lippische Landeskirche, die zusammen ca. 2,3 Millionen der 20 Millionen Protestanten im Land umfassen, empfehlen ihren Gemeinden die Absage aller Gottesdienste drinnen und draußen bis zum 10. Januar.

Die Evangelische Landeskirche in Würrtemberg (ELKWUE) ermöglicht sogar das Singen unter der Maske im Freien. Gottesdienste sind nur dort extra genehmigungspflichtig durch eine:n Dekan:in (Chef:in eines Kirchenbezirks), wenn der Inzidenzwert höher als 300 liegt. Eine an sich sinnvolle Beschränkung, die allerdings auch Anlass zur erneuten Diskussion geben könnte. Wie andere Landeskirchen und Bistümer auch, trat die ELKWUE mit einer maximal mechanischen Erklärung an ihre Leute und die Öffentlichkeit heran, der man abschmecken kann, dass die Lektionen für gute Krisenkommunikation – von mir im Frühjahr bei zeitzeichen zusammengefasst – nicht gelernt wurden.

Seelsorglich geschickt und der Lage angemessen kommunizierten Präses Manfred Rekowski (@ManfredRekowski, Evangelische Kirche im Rheinland) und die Landesbischöfin der Nordkirche, Kristina Kühnbaum-Schmidt (@l_bischoefin). Letztere wandte sich in einem persönlich gehaltenen Video an alle Gemeindekirchenrät:innen und Pastor:innen vor Ort, deren schwere Entscheidung die Absage der Christvespern ist.

Und die sei ihnen auch prinzipiell zumutbar, erklärte Kühnbaum-Schmidt mit einer Anspielung auf Ingeborg Bachmann („Verantwortung ist Christenmenschen zumutbar“). Richtig und wichtig: KKS sprach allen Gemeinden ihre Rückendeckung zu, explizit auch denen, die sich für eine Absage entscheiden. Jede Gemeinde soll entscheiden, was sie verantworten kann. Niemand soll sich voreinander rechtfertigen müssen. „So wie sie entscheiden, ist es richtig.“

Ohne Plan B unterwegs

Egal was nun die Bischöfe (katholisch) oder Gemeindekirchenräte/Kirchenvorstände (evangelisch) entscheiden: In jedem Fall scheint es angemessen, zum Plan A (Gottesdienst unter Hygienebedingungen) auch einen Plan B oder gar C in petto zu haben. Denn die kurzen Gottesdienste mit Einlassbeschränkungen, Abstandsgeboten und Singeverboten benachteiligen die „Weihnachtschristen“ empfindlich gegenüber den Kirchen-Insidern.

Manchenorts, so drängt sich mir nach Tagen des Hinhörens und der Recherche in unterschiedlichen Kirchen auf, fällt der Abschied von Plan A, der ja selbst gehörige Defizite aufweist, auch deshalb schwer, weil es keinen Plan B oder gar C gibt. Warum nicht, entzieht sich wirklich meiner Vorstellungskraft. Wenn Pfarrer:innen und Kirchenvorstände ein 3/4 Jahr nicht bemerken, dass eine Pandemie durchs Land fegt, dann weiß ich auch nicht so recht.

Es wird weiße Flecken in der Kirchenlandschaft geben, wo Weihnachten garnix stattfindet, auch keine digitalen oder analogen Aktionen für Kinder, Familien, Alleinstehende, Alte und Kranke. Zum Glück gibt es ja noch ein großes Netz kirchlicher Anlaufstellen, die das nicht nur kompensieren, sondern auch konstrastieren können.

Verlieren wir wegen Corona die „Weihnachts-Christen“ vollends? – Interview mit Anna Neumaier (Kirche + Leben)

Im einem sehr lesenswerten Interview mit Kirche & Leben weist Anna Neumaier (@anna_neumaier) vom Zentrum für angewandte Pastoralforschung (zap) in Bochum darauf hin, dass die häufig als „Weihnachtschristen“ abschätzig beschriebene Menge des Kirchenvolks zu diesen Weihnachten droht aus dem Blick zu fallen.

Der Kontakt im Weihnachtsgottesdienst ist für eine große Zahl von Kirchenmitgliedern, für all jene an den Rändern von Kirche und darüber hinaus einmalig. Er ist entscheidend für die Einbettung von Kirche in familiäre Strukturen, in religiöse Sozialisation, in gesellschaftliches Selbstverständnis. Die Verbindung des Weihnachtsgottesdienstes mit dem Weihnachtsfest ist häufig der letzte Anker, den Kirchen in das Leben sogar ihrer Mitglieder werfen.

Aus meiner religionssoziologischen Perspektive kann ich nur sagen: Wenn dieser Anker einmal gelichtet wird, wenn Familien, Paare, Alleinstehende diesmal selbst ganz andere Rituale rund um das Weihnachtsfest entwickeln, steht dieser letzte Kontakt automatisch auch für alle folgenden Jahre zur Disposition. Gerade in Bezug auf diejenigen, für die der Weihnachtsgottesdienst der einzige Kontakt zur lokalen Gemeinde und zu Kirche als Institution ist, steht damit viel auf dem Spiel.

Ob diese Christen, die durch ihre Kirchensteuern den Laden überhaupt am Laufen halten, im kommenden Jahr zu Weihnachten oder gar davor Anlass sehen, bei ihrer Kirche anzuklopfen, wenn sie nun alleine gelassen werden? Von vielen Pfarrer:innen habe ich erfahren, dass die Kirchenaustritte im zweiten Halbjahr 2020 zugenommen haben. Leider auch dort, wo sich während der Pandemie unter großem Aufwand bemüht wird, den Kontakt zu halten. Ein paar Last-Minute-Vorschläge hat Hanno Terbuyken (@dailybug) auf dem Blog des Kirchensoftware-Anbieters ChurchDesk zusammengestellt.

Die wichtigste Botschaft kurz vor dem Fest ist ohnehin: Die Kirchen bleiben offen. In allen Bistümern und Landeskirchen, auch dort wo Präsenz-Gottesdienste abgesagt werden müssen, stehen die Kirchgebäude für die persönliche Andacht und einen Besuch an der Krippe offen. Für den Rest der weihnachtlichen Kommunikation müssen die Kirchen auf andere gesellschaftliche Akteure, insbesondere den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, vertrauen.

nachgefasst

Ökumenischer Kirchentag

Am Mittwoch entschied das Gemeinsame Präsidium des Ökumenischen Kirchentages 2021 die Absage aller Präsenz-Veranstaltungen in Frankfurt. Stattdessen soll nun ein „volldigitales“ Programm unter dem gleichen Namen stattfinden.

Etwas nassforsch haben wir unter der Woche daher die Absage des Kirchentages gemeldet, denn wie das vielfältige Programm eines Kirchentages überhaupt und in der Kürze der Zeit digitalisiert werden soll, ist fraglich. Vielleicht wäre es da doch besser, allzumal weil man bereits wochenlang eher zögerlich kommunzierte, Abstand davon zu nehmen, für die geplante Digitalveranstaltung den Namen „Kirchentag“ zu reklamieren?

Der Digital-Experte Hanno Terbuyken entwickelt derweil eine Vision davon, wie die digitale Transformation des Kirchentages gelingen kann. Vor allem soll das Gefühl, nicht überall dabei sein zu können, weil so viel auf einmal stattfindet, erhalten werden. Das bedeutet eine Öffnung der Organisation gegenüber den Teilnehmer:innen, die man sich auch für folgende analoge Kirchentage wünschen kann.

Mit einer solchen Fülle an Angeboten bleibt das Anarchische, Zufällige, Vielfältige ein wesentliches Merkmal des Kirchentags. Das bedeutet einen kontrollierten Kontrollverlust, denn wenn drei Tage lang alle ihre eigenen Formate und Umsetzungen mitbringen, hat der Kirchentag weniger Einfluss darauf, was klappt und was nicht. Das ist in Ordnung — auch das ist schließlich ein Merkmal von Digitalität.

Missbrauchskrise in Köln

Der Artikel und Meldungen rund um Kardinal Rainer Maria Woelki und die Kölner Missbrauchsklüngeleien reißen nicht ab. Was ist unverzichtbar? In einem 20-minütige Feature fasst Christiane Florin (@christianeflori) eigene Recherchen und den Hergang des jüngsten Kölner Missbrauchsskandals zusammen. Sehr hörenswert!

Ebenfalls im Deutschlandfunk streiten Joachim Frank, Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP) und durch eigene Recherche involviert, und Ludwig Ring-Eifel (@LudwigRingEifel, KNA-Chefredakteur) über den richtigen Umgang mit dem Missbrauch. Es wird deutlich: Dass über so viele Jahre so viel im Argen liegen kann, liegt auch daran, dass „normale“ Christen und Journalist:innen die traurigen Wahrheiten rund um den Missbrauch nicht wahr haben wollen. Frank weist auf den Täterschutz der Kirche hin:

Ich denke dann immer so, wie ist das denn mit Blick auf die Opfer, also, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfährt. Der Mann ist, das muss man ja auch mal sagen, mit allen kirchlichen Ehren beerdigt worden, mit Pfarrrertitel und ohne dass da irgendwo auch nur irgendein Bruch erkennbar war. Hat das nicht auch irgendetwas am Ende mit Gerechtigkeit zu tun?

„Selbstverständlich werden wir Namen nennen“, verspricht derweil der Kölner Professor und Anwalt Björn Gercke im Domradio des Erzbistums, dessen Chef seit dieser Woche kommissarisch auch die Kommunikation des Erzbistums verantwortet. In dem ausführlichen Gespräch geht Gercke auf die Hintergründe seines Engagements ein, die ursprüngliche Studie von einer Münchener Kanzlei wird ja zurückgehalten, und kündigt an, das Erzbistum in seinem Bericht nicht zu schonen, das wäre auch wissenschaftlich unredlich.

Buntes

Lebensgefährliche „Lebensschützer“ – Liane Bednarz (SPIEGEL)

Im SPIEGEL bearbeitet Liane Bednarz (@L_Bednarz) die erstaunliche Doppelmoral christlicher „Lebensschützer“, die sich massiv für das ungeborene Leben einsetzen und zugleich gegen die Corona-Schutzmaßnahmen und Impfungen Front machen.

Auf die an sich kleine Gruppe muss man ein Auge werfen. Wie auch meine eigenen Recherchen für die Eule-Kolumne „Die rechte Ecke“ gezeigt haben, handelt es sich bei den Aktivist:innen zumeist um alte Bekannte, die seit gut 10 Jahren und verstärkt seit 2015 ein Netz rechtspopulistischer und rechtsradikaler christlicher Organisationen knüpfen.

Viele jener Christen, die sich als besonders fromme »Lebensschützer« verstehen, haben sich in der Coronakrise ohne Not in beschämender Weise diskreditiert und so letztlich der »Querdenker«-Szene genutzt. Es sollte sich eigentlich von selbst verstehen, dass man sich als gläubiger Christ selbst beschränkt, um andere zu schützen. Stattdessen gab es unter Szene-Katholiken monatelang ein Gezeter um die »Mundkommunion«, statt einfach zu akzeptieren, dass in einer Pandemie die Ausgabe der Hostie per Zange und mit Handschuhen nun einmal die sicherere Variante ist.

Bednarz weist in ihrem lesenswerten Artikel auch darauf hin, dass die Corona-Agitateur:innen an zahlreiche Überzeugungen insbesondere von konservativen Christ:innen anknüpfen. Deshalb ist es gut, dass sich diese, z.B. in Gestalt der Deutschen Evangelischen Allianz, klar positionieren.

Liturgie in Corona-Krise: Kranemann kritisiert Eucharistiefixierung (katholisch.de)

Der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann kritisierte in einem Beitrag auf einer Veranstaltung mit dem kirchentypischen Titel „Was macht Corona mit den Gottesdiensten? Chancen und Risiken online und offline“ die „Fixierung auf die Eucharistie“, die in den katholischen Gottesdiensten während des Seuchen-Jahres dominiert. Auch Selina Fucker (@selinafui2) hat in ihrer Analyse der digitalen Gottesdienste hier in der Eule herausgefunden, dass sich die katholischen Online-Gottesdienste fast ausschließlich an der Messfeier orientieren.

Bischof Wilmer: Kirche hat in Corona-Krise auch Fehler gemacht – Interview mit Heiner Wilmer (NDR, Audio & Text)

Florian Breitmeier (@breitmeierf) hat für den NDR mit dem Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer über das Jahr 2020, Weihnachten und die kommenden Monate gesprochen. Es sind dicke Bretter, die insbesondere in der katholischen Kirche gebohrt werden müssen.

Während der Pandemie ist der „Synodale Weg“, der vor einem Jahr gestartete Reformprozess, merklich ins Stottern geraten. Dem Vernehmen nach benötigen die Teilnehmer:innen in den Synodalforen zu Sex und Partnerschaft und Frauen in der Kirche bereits professionelle Moderation, um miteinander klar zu kommen. Bischof Wilmer kritisiert allerdings auch den Vatikan:

Es wäre mein Wunsch, dass wir uns stärker in die Augen schauen und an einen Tisch kommen. Im Moment gibt es zu viele Dokumente und zu viel Post, die hin und her läuft, statt dass wir uns an einen Tisch setzen und miteinander ringen. Dass Römer, Deutsche, aber auch Vertreter aus anderen Ländern zusammenkommen und wir uns gemeinsam aufmachen zu einem größeren Synodalen Weg. Von daher wäre ich sehr dafür, wenn wir den deutschen Synodalen Weg ausweiten zu einem Synodalen Weg in Europa.

Diese „Ausweitung der Kampfzone“ kann gleichwohl nur gelingen, wenn sich der „Synodale Weg“ in Deutschland nicht vollends als Ärgernis oder Sackgase erweist.

Über den „Synodalen Weg“ klärt in einem 3/4-stündigen Akademie-Vortrag der Berliner katholische Theologieprofessor Georg Essen (@audacity_g) auf, bewusst nicht aus der Perspektive eine:r der zahlreichen Fundamental-Kritiker:innen der Unternehmung, jedoch mit deutlichen Anfragen an die katholische Amtskirche und die bisherigen Beratungen.

Bremische Evangelische Kirche enthebt Pastor Latzel des Dienstes (buten un binnen)

Radio Bremen informiert über die vorläufige Dienstenthebung des evangelikalen und wegen Volksverhetzung (noch nicht rechtskräftig) verurteilten Pastors Olaf Latzel. Weil der mit seiner Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) keine Übereinkunft für die Zeit der Berufung gegen sein Urteil gefunden hat (s. #LaTdH von letzter Woche), wurde er nun für diesen Zeitraum vorläufig – und bei Weiterlaufen seiner Bezüge – von seinen dienstlichen Aufgaben entbunden.

Der leitende Theologe der bremischen Kirche, Pastor Bernd Kuschnerus, hatte am vergangenen Freitag erklärt, es sei nach Überzeugung der Kirchenleitung nicht möglich, dass ein wegen Volksverhetzung verurteilter Pastor während der Dauer des Disziplinarverfahrens weiter seinen Dienst tut. Dies gelte gerade auch, solange die Verurteilung nicht rechtskräftig ist.

Theologie

Gottesfurcht und Diesseitsfrage – Fabian Lehr (Neues Deutschland)

Fabian Lehr (@LehrFabian) beschäftigt sich im Neuen Deutschland mit der Freiheitsschrift des Reformators Martin Luther, der er viel abgewinnen kann. Er bedauert allerdings, dass sich Luther und die Protestanten nur wenig später dann doch mit dem fürstlichen Establishment ins Bett gelegt haben.

Seine historischen Ausführungen aus dezidiert linker Perspektive sind erhellend und lesenswert, nur seine aktualisierenden Bemerkungen zum gegenwärtigen „politischen Christentum“ sind recht konstruiert. Jair Bolsonaro und Donald Trump haben mit Luther nix zu tun, da muss man eher nach Genf und den amerikanischen Erweckungsbewegungen schauen.

»Von der Freiheit eines Christenmenschen« war ein Bestseller, der nach damaligen Maßstäben in ungeheuren Auflagen verbreitet wurde. Im ganzen deutschsprachigen Raum und bald auch darüber hinaus wurde dieser und wurden andere Texte Luthers den Flugschriftenhändlern aus der Hand gerissen. Wo Luther persönlich auftrat, wurde er auf der Straße gefeiert. In jedem Dorf fand sich jemand, der lesen und vorlesen konnte, überall diskutierte die Masse der Bevölkerung über Luthers Thesen und zog oft revolutionäre Folgerungen. Bauernschaft wie städtisches Bürgertum feierten Luther als Propheten ihrer Befreiung. Stand in dem Traktat nicht der unerhörte Satz »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan«?

Predigt

Egal ob analog oder digital, in realer oder virtueller Präsenz: Das Weihnachtsfest naht und mit ihm zahlreiche Weihnachtspredigten. Weil wir dieses Jahr jeden Lacher nötig haben, habe ich nach sieben Jahren ein Update des Bullshit-Bingos zur Weihnachtspredigt vorgenommen. Viel Spaß beim Spielen!

Wer sich intensiver mit Chancen und Risiken des Bullshits in Predigten auseinandersetzen will, dem sei dieser Eule-Artikel von 2017 ans Herz gelegt, der Harry G. Frankfurts Gedanken über Bullshit auf die Predigt anwendet.

So kommen die Phrasen des Bullshit-Bingos am Ende doch zu ihrem Recht. Sie sind bleibendes Reservoir, das angezapft, von dem ausgehend nachgedacht werden kann. Sie sind Spiegel einer reichen Tradition, in die man sich stellen darf. Weil auch das Predigen eine praxis pietatis ist, könnte als Spielregel für den Umgang mit dem Predigt-Bullshit ebenso gelten: fake it, till you make it.

Ein guter Satz

„Wir feiern Weihnachten,
nicht weil wir in eine kleine heile Welt flüchten wollen,
sondern weil Gott in die große kaputte Welt kam.“

Andreas Wendt (@AndreasWendt)

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