Newsletter Re:mind (25)

Iran-Krieg: Ein „Bonhoeffer-Moment“?

Wie reagieren Kirchen und Religionsgemeinschaften auf den neuen Iran-Krieg? Wie kann ein glaubwürdiges Friedenszeugnis aussehen, wenn die Kriegsparteien einen „Gott des Krieges“ anbeten?

Liebe Eule-Leser:innen,

am vergangenen Samstag begannen Israel und die USA ihren (nächsten) Krieg gegen Iran. Bereits während der ersten Angriffe töteten sie zahlreiche politische und militärische Führer der Islamischen Republik, unter ihnen den „Obersten Führer“ Ali Chamenei. Auf die Luftangriffe reagierte der Iran bislang mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Israel und seine arabischen Nachbarstaaten. Zu den Zielen des israelisch-amerikanischen Krieges haben sich Vertreter beider Regierungen in den vergangenen Tagen reichlich und äußerst widersprüchlich geäußert.

In der deutschen Politik und Medienlandschaft findet der neuerliche Krieg im Nahen Osten ein vielstimmes Echo, das von Freude über den Tod Chameneis und Hoffnung auf eine demokratische Zukunft für den Iran bis hin zu blankem Entsetzen über die völkerrechtswidrige Intervention Israels und der USA reicht. Die Luftangriffe gehen ununterbrochen weiter, inzwischen sind zahlreiche zivile Opfer zu beklagen, über 300.000 Menschen sind bereits auf der Flucht. Einen Ausstiegsplan oder gar eine Idee davon, wie es in Iran und der Region nach dem Krieg weitergehen soll, haben die Kriegsherren nicht.

Derweil gerieten in den deutschen Medien auch die Schicksale jener Menschen in den Fokus, die durch den plötzlichen (?) Kriegsausbruch in der Region „gestrandet“ sind: Urlauber:innen, Geschäftsreisende und Dubai-Influencer:innen. Mit einiger Häme wird ihre missliche Situation auf Social-Media-Plattformen kommentiert. Die Golf-Staaten sind keine normalen Urlaubsziele. Die gesamte Region ist, trotz gegenläufiger und aufwendiger Staatspropaganda (zu deren Teil sich Influencer:innen vor Ort machen lassen), ein Pulverfass. Krieg gehört zur Normalität, vor der wir hierzulande gerne die Augen verschließen.

Die Reise des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nach Israel und Palästina derweil, die für Mitte des Monats geplant war, wird nicht stattfinden. „Mit Blick auf die Verantwortung für die Mitglieder der Delegation sowie für die Partner vor Ort“ habe man die Reise „in enger Abstimmung mit den zuständigen Stellen“ abgesagt, bestätigte eine EKD-Sprecherin gegenüber der Eule. Damit fällt eine Möglichkeit weg, die Gespräche mit den christlichen Glaubensgeschwistern sowohl in Israel als auch in den palästinensischen Gebieten und mit weiteren Partnern im Heiligen Land zu vertiefen.

Der Iran-Krieg ist ein sinnloses Blutvergießen, das die Region weiter zurückwirft, Bemühungen um Frieden und Verständigung zwischen den Staaten und Völkern des Nahen Ostens abbricht und für die Menschen im Heiligen Land, in den arabischen Ländern und im Iran mit viel Leid und Ungewissheit verbunden ist. Was kann man diesem Wahnsinn entgegensetzen?

Reaktionen des Vatikans und der EKD

Angesichts des Iran-Krieges rufen Kirchen- und Religionsvertreter:innen zu Gebeten und zu einer „Unterbrechung der Gewaltspirale“ auf. Bereits am vergangenen Sonntag äußerte sich Papst Leo XIV. dahingehend, überließ es aber – wie es dem neuen vatikanischen Stil entspricht – Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, unter der Woche die vatikanische Position in einem Interview bei Vatican News ausführlicher darzustellen:

„Die schwindende Anerkennung des internationalen Rechts ist wirklich besorgniserregend: An die Stelle von Gerechtigkeit ist Gewalt getreten, an die Stelle der Kraft des Rechts das Recht der Stärke, in der Überzeugung, dass Frieden erst entstehen könne, nachdem der Feind vernichtet worden ist.“

Da sich die Maßstäbe der römisch-katholischen Kirche, nach der sie friedensethische und politische Positionierungen vornimmt, nicht derart schnell ändern wie die Rechtfertigungen zum Angriff, die von der Trump-Regierung vorgetragen werden, können sie tatsächlich orientieren. Der Vatikan scheut sich nicht, klar zu benennen, dass es sich beim israelisch-amerikanischen Krieg nicht um ein vom Völkerrecht gedecktes militärisches Eingreifen handelt. Der katholische Militärbischof, Bischof Franz-Josef Overbeck, schlug in die selbe Kerbe:

„Einen Krieg anzufangen, der nicht rechtlich abgesichert ist, bleibt Unrecht.“

In ihrer Stellungnahme gegenüber dem epd enthielt sich die EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Kirsten Fehrs, einer deutlichen völkerrechtlichen Einordnung. Auch der EKD-Auslandsbischof Frank Kopania beließ es unter der Woche dabei, von einer „Gewaltspirale aus Schlag und Gegenschlag“ zu sprechen. Er wies gegenüber dem epd zudem auf das Schicksal der religiösen Minderheiten hin, also u.a. der Christ:innen im Iran.

Ist diese Zurückhaltung ein Beispiel für evangelische Leisetreterei, um die verbliebenen Gesprächspartner:innen in der Bundesregierung, die in dieser Woche bei ihren eigenen Deutungsversuchen merklich ins Schleudern geraten sind, nicht zu vergrämen? Oder darf man den weitgehenden Verzicht auf politisch-rechtliche Positionierung als gut lutherische Arbeitsteilung verstehen: Ihr Politiker:innen macht Diplomatie und Krieg, wir Kirchenleute kümmern uns um die Seelen?

Schade, denn die neue Friedensdenkschrift der EKD (wir berichteten), die als Aktualisierung der evangelischen Friedensethik angesichts des Ukraine-Krieges dem Schutz vor Gewalt ein „relatives Prä“ gegenüber den weiteren Dimensionen des Gerechten Friedens einräumt, und darum auch in den engen Grenzen einer gründlichen Güterabwägung und des Völkerrechts militärische Gewalt für gerechtfertigt hält, böte an sich genügend Orientierung, um zu einer deutlicheren evangelischen Positionierung zu finden als zu „Thoughts and Prayers“.

Im nationalen Interesse?

Wesentlich positiver als Kirchenvertreter:innen aus Deutschland und insbesondere aus der weltweiten Ökumene schaut der Zentralrat der Juden in Deutschland auf den Iran-Krieg. Angesichts der „atomaren Bedrohung“ durch Iran, der iranischen Unterstützung für Terror-Organisationen wie die Hisbollah und Hamas und der Unterdrückung von „bedrohten Minderheiten“ sei der Angriff Israels und der USA unterstützenswert. Zentralratspräsident Josef Schuster erklärte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen:

„Es liegt deshalb in unserem ureigenen nationalen Interesse, die USA und Israel im Kampf gegen dieses Terrorregime zu unterstützen. Nicht für andere, sondern für unsere offene Gesellschaft in Deutschland.“

Der Zentralrat hatte bereits während des Gaza-Krieges kaum Kritik an der Kriegsführung Israels geübt. In der Jüdischen Allgemeinen, die vom Zentralrat herausgegeben wird, wird die Politik der Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu regelmäßig emphatisch verteidigt. Man versteht sich als bewusster Gegenpol gegen eine als hegemonial wahrgenommene israelkritische Haltung in der deutschen Medienlandschaft. In den jüdischen Communities in Deutschland wächst derweil die Sorge vor Attentaten und Übergriffen in Reaktion auf das Vorgehen Israels.

Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) in Deutschland rief derweil zur Deeskalation auf. KRM-Sprecher Ali Mete erklärte: „Nachhaltiger Frieden entsteht nicht durch militärische Stärke, sondern durch Dialog, Verhandlungen und die konsequente Achtung des Völkerrechts“. Mete ist Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş e.V., die als islamistische Organisation bezeichnet wird.

Ein christliches Zeugnis?

Kurzfristig hat sich die Sicherheitslage für die Menschen in der Region, auch in Israel, durch den israelisch-amerikanischen Angriff und die darauffolgenden iranischen Gegenschläge rapide verschlechtert. Ob sie sich durch den Krieg, wenn ein Ausschalten der iranischen Bedrohung gelänge, mittel- und langfristig entspannt? Dass Israel und die USA ihre Feinde vom Verhandlungstisch wegbomben können, deutet eher nicht auf eine nachhaltige Friedenslösung hin.

Auswirkungen hat der Iran-Krieg auf die gesamte Weltbevölkerung und insbesondere auch auf den Verteidigungskampf der Ukraine gegenüber Russland. Die extrem gestiegenen Öl- und Gas-Preise nützen der russischen Regierung bei der Finanzierung des Krieges. Die USA führen einen nächsten Krieg, statt sich für die Beendigung des Ukraine-Krieges unter gerechten Bedingungen einzusetzen.

Die europäischen Staaten befinden sich wieder einmal in der Zwangslage, den US-Präsidenten aus Rücksicht auf eigenen Sicherheitsinteressen nicht verägern zu wollen. Als enger Partner der USA ist auch Deutschland längst involviert, ist doch das Kriegshandeln der USA im Nahen Osten ohne die Nutzung der Infrastruktur des US-Militärs in Deutschland unmöglich.

Wie kann in dieser Lage ein christliches Zeugnis für den Frieden ausschauen? Die Kirchen beharren – explizit und implizit (s.o.) – auf der Geltung des Völkerrechts, betonen den Wert des regelbasierten Multilateralismus. In einer „Welt in Unordnung“ sehen sie aber auch, dass die Instrumente und Institutionen dieser gerechteren Weltordnung derzeit ineffektiv, wenn nicht gar irreparabel brachliegen. Sie zu erhalten, liegt gleichwohl auch im nationalen Interesse Deutschlands. Diplomatisches Verschweigen ist vermutlich kein Beitrag zu ihrer Befestigung und Wiederherstellung. In den USA protestieren die römisch-katholische Kirche und weitere Kirchen heftig gegen den Waffengang der eigenen Regierung. Müssen die europäischen Christ:innen hier wirklich Zurückhaltung üben?

Solidaritätsaktion der EKD-Synode 2022 in Magdeburg mit den iranischen Protesten von „Frau, Leben, Freiheit“ (wir berichteten) (Foto: Philipp Greifenstein)

Der italienische Kirchenhistoriker und Experte für den US-Katholizismus Massimo Faggioli, der bis zum vergangenen Jahr in den USA lehrte, nun aber am Trinity College Dublin arbeitet, sieht in der gegenwärtigen Lage einen „Bonhoeffer-Moment“ für die Kirchen, der vergleichbar ist mit den Herausforderungen durch die Flüchtlingspolitik der US-Regierung (s. „Re:mind“-Newsletter vom 16. Januar).

Auf Bluesky schreibt er, die Kirche solle zur „Fetischisierung von Krieg, Kampf, Soldaten und schlussendlich Tod in den USA“ nicht schweigen. Tatsächlich ist Operation „Epic Fury“ (epische Wut) eine neue Eskalationsstufe der maskulinistischen und auch religiös verbrämten Ideologie der US-Regierung. Ebenfalls auf Bluesky nennt er den Iran-Krieg in Anspielung auf die Fernsehserie „Game of Thrones“ ein „Spiel der Theokratien“ (engl. „Game of Theocracies“) und meint damit drei Akteure: Iran, Israel und die USA.

So unterschiedlich die religiöse Instrumentalisierung in diesen Ländern auch ist, lohnt es sich über Gemeinsamkeiten und vor allem über eine angemessene Reaktion von Kirchen und Religionsgemeinschaften auf den Umstand nachzudenken, dass von den Kriegsparteien ein „Gott des Krieges“ in Anspruch genommen wird. Wie kann eine verantwortliche christliche Antwort auf religiös legitimierte Endzeit-Phantastik ausschauen, die Menschen auf dem Weg zu Gerechtigkeit und Frieden begleitet und stärkt?

Vor über zwanzig Jahren, während des „Bombenwetters“ des Irak-Krieges, gab es in Deutschland Demonstrationen nach Friedensgebeten und von hunderttausenden Schüler:innen und besorgten Bürger:innen. Im Januar hatte ich im „Re:mind“-Newsletter über die Einschaltung der Theologin Dorothee Sölle in diese Bewegung geschrieben. Heute streiken in deutschen Städten gelegentlich Schüler:innen gegen eine Wehrpflicht. Wo stehen die Kirchen, auf welchen Plätzen ihre Leitungspersonen, Bischöf:innen und Kirchenpräsident:innen? Auf Nachfrage der Eule erklärte eine EKD-Sprecherin:

„Eine Teilnahme der [EKD-]Ratsvorsitzenden oder der Präses der Synode an Demonstrationen wird im Einzelfall entschieden.“

Aktuell im Magazin

Eule-Podcast RE: Februar 2026 – Bischof Wilmer, Ukraine-Krieg & Update Aufarbeitung – Michael Greder und Philipp Greifenstein (49 Minuten)

Im Monatsrückblick des „Eule-Podcast“ geht es um drei wichtige Themen des Februar 2026: Die römisch-katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hat mit Bischof Heiner Wilmer einen neuen Vorsitzenden gewählt. Für welche Positionen steht Wilmer und welche Akzente setzt er in Sprache und Inhalt?

Zum 4. Jahrestag der Vollinvasion Russlands in der Ukraine schauen wir auf die Auswirkungen des Krieges – auch auf die Religionslandschaft in Deutschland. Außerdem gibt es ein Update zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den Kirchen.

Mehr als ein Feigenblatt? – Philipp Greifenstein („Re:mind“-Newsletter)

Die römisch-katholische Bischofskonferenz hat mit Bischof Heiner Wilmer einen neuen Vorsitzenden gewählt. Außerdem: Kritik an der „Migrationswende“ der Bundesregierung und Vertuschung bei den Franziskanern.

„Viele Menschen auf der Flucht werden im neuen deutschen GEAS-System unzumutbare Härten erleben, ob des (neuerlichen) Scheiterns einer Bundesregierung an ihren vollmundig selbstgesetzten Zielen wird das Vertrauen in „die Politik“ und die Institutionen unserer Republik in der Bevölkerung weiter abnehmen und wir alle gewöhnen uns peu à peu daran, über Flucht und Migration in der inhumanen Sprache der Rechtsradikalen zu sprechen.“


Im Interview bei der Herder Korrespondenz (€) kritisiert der Vorsitzende des Stephanuskreises innerhalb der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Lars Rohwer, die Instrumentalisierung des Religionsfreiheit durch die AfD. Der sächsische Bundestagsabgeordnete ist der evangelischen Kirche sehr verbunden und leitet den „lockeren Gesprächskreis“ zur Religionsfreiheit der Unionsfraktion seit 2025.

„Christenverfolgung ist auch ein Thema der AfD. Wie bewerten Sie das?

Rohwer: Christenverfolgung ist ein ernstes Menschenrechtsthema – kein politisches Instrument. Wenn die AfD darüber spricht, geschieht das häufig selektiv und mit dem Ziel, Ressentiments zu schüren, insbesondere gegenüber Muslimen. Das wird der Realität nicht gerecht. Religionsfreiheit gilt universell. Wer Christenverfolgung glaubwürdig bekämpfen will, muss sich für die Freiheit jeder Religion und Weltanschauung einsetzen und anerkennen, dass Religionsfreiheit ein Menschenrecht ist. Die AfD instrumentalisiert das Leid verfolgter Christen, ohne sich ernsthaft für den Schutz religiöser Minderheiten insgesamt einzusetzen oder etwa tragfähige außenpolitische Konzepte vorzulegen.“


„Muttertochterheiligegeistkraftamen“ ruft Christiane Florin der Gemeinde in ihrer Predigt zum 2. Fastensonntag in der Kunst-Station St. Peter in Köln zu. Es geht in ihrer Rede vor allem um Frauen in der römisch-katholischen Kirche und darum auch um eine männerdominierte Religion.

Der rechtspopulistische, rechtextreme Zeitgeist lebt vom Hass auf selbstbestimmte Frauen, Awfl werden sie von der MAGA-Bewegung genannt, das steht für „Affluent White Female Liberals“. Wenn man das ausspricht, klingt es wie „awful“, schrecklich. Rechte feiern jeden Tag das Fest – eher nicht der Verklärung der Herren, sondern der Verklärung der Bros, der Brüder, die sich an keine Regeln halten.

Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein


Ein guter Satz

„Wir leben in einem postökumenischen Schattenkonfessionalismus […]“

– Orthodoxie-Experte Reinhard Thöle (ehem. MLU Halle-Wittenberg) im epd-Interview zum Stand der christlichen Ökumene


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