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Theologie auf die Ohren: Podcast-Boom im Elfenbeinturm

In den vergangenen Monaten sind viele neue Theologie-Podcasts entstanden, die Theologie schafft sich selbst eine Bühne. Frederik Ohlenbusch hat drei Podcasts für uns abgehört:

„Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung“ – „Mir nicht“. Adornos Interview mit dem SPIEGEL von 1969 mit dem Titel „Keine Angst vor dem Elfenbeinturm“ ist bis heute ikonisch. Anlass waren Studierendenproteste in den Vorlesungen des Philosophen der Frankfurter Schule. Bei Wissenschaftskommunikation denkt man schnell an solche Bilder: Eigenwillige und anspruchsvolle Professoren, bei denen Reporter:innen Mühe haben, ihnen druckbare und klare Sätze aus der Nase zu ziehen.

Heute sind die Möglichkeiten zum öffentlichen Auftreten von Wissenschaftler:innen ganz andere. Der NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ mit Sandra Ciesek und Christian Drosten ist ein Paradebeispiel für gelungene und pointierte Information einer breiten und neugierigen Öffentlichkeit. Gegenständliche Fragen, zielgerichtete Antworten. Wer Ohren hat, der höre!

Auch die Theologie kann davon profitieren. Die Studierendenzahlen an den staatlichen Fakultäten sinken, das öffentliche Interesse an Bibelwissenschaften, theologischer Ethik und anderen Disziplinen ist überschaubar. Zwar steht die grundsätzliche Legitimation des Fachs noch nicht offen zur Debatte, eine öffentliche und publikumsgerechte Darstellung dessen, was zwischen Hörsaal und Bibliotheken überhaupt gemacht wird, aber ist im Sinne akademischer Redlichkeit sehr wünschenswert und ein wichtiges Investment in die Zukunft.

In den letzten zwei Jahren gab es viele neue Anstöße, genau das zu tun. Vermutlich auch wegen der durch die Pandemie veränderten Lese- und Hörgewohnheiten sowie der Notwendigkeit von digitaler Lehre gab es geradezu einen Podcast-Boom in der deutschsprachigen Theologie. Ich habe mir drei Podcasts vorgeknöpft, denen gemeinsam ist, dass sie direkt von theologischen Fakultäten bzw. Hochschulen produziert werden:

„TheoPodcast“ – Katholisch-Theologische Fakultät Münster

Seit Januar 2020 haben Angehörige des Fachbereichs Katholische Theologie in Münster bereits 55 Folgen ihres „TheoPodcast“ produziert. Die Sprecher:innen wechseln im Grunde mit jeder Folge. Die Studierenden, Mitarbeitenden und Professor:innen bringen dabei in der Regel ihre Themen und Fragestellungen mit. Es scheint aber eine sehr gute Redaktion und Produktion im Hintergrund zu laufen: Nie hat man den Eindruck, dass hier Menschen zum ersten Mal in ein Mikrofon quatschen. Kleinere Schwierigkeiten wie leicht übersteuerte Aufnahmen stellen die Ausnahme dar.

Dadurch ist das Hörerlebnis ein Gang über den Campus: Gerade noch höre ich einen geradlinig und verständlich ausformulierten Vortrag zur Entstehung der Kirchensteuer, ist die nächste Folge eine recht lockere Diskussion über die Parallelen der Kanonbildung der heiligen Schrift und des Kanons des Star Wars-Universums. Andere Folgen sind Erfahrungsberichte von Studierenden, die vor kurzem von Studienaufenthalten aus dem Ausland zurückgekehrt sind. Bei wieder anderen handelt es sich um kleine Reportagen von abgeschlossenen Seminaren. Alles gerahmt vom im Münsteraner Altstadtcampus allgegenwärtigen Glockenläuten.

Nicht alle Folgen sind für absolute Laien geeignet, was augenscheinlich auch nicht der Anspruch ist. Vielmehr wird dann über den aktuellen Stand eines Forschungsprojektes informiert, wovon gerade Studierende und Theolog:innen profitieren können. Mit etwas Rumhören sollte aber für viele etwas dabei sein.

„Theologie und Lobpreis“ – CVJM Hochschule Kassel

Unter dem Motto „Damit zusammenkommt, was zusammen gehört“ bietet die CVJM-Hochschule in Kassel seit dem vergangenen Wintersemester das Modul „Theologie und Lobpreis“ an. Hier soll nicht nur zur praktischen Umsetzung von Lobpreis im Gemeindekontext angeleitet werden: Erklärtes Ziel ist auch, Theologie als akademisches Fach stärker an das Phänomen Lobpreis/Worship heranzuführen und gleichzeitig theologische Reflexion stärker in der spirituellen Praxis zu verankern.

Zur Entscheidung, die eingeladenen Dozierenden nach ihrer Ringvorlesung in das (wohl ziemlich gut ausgerüstete und gut bediente) Podcast-Studio einzuladen, kann man die Verantwortlichen des Projekts beglückwünschen. Statt einer schlichten Aufzeichnung, die neben vielen anderen auf YouTube vor sich hin vegetieren würde, entstehen zwischen Moderator Tim Guttenberger und seinen Gäst:innen gut anhörbare Gespräche, die durch Anekdoten und Erfahrungsberichte echten Unterhaltungswert haben.

Dabei arbeitet „Theologie und Lobpreis“ gewissermaßen in zwei Richtungen: Zum einen werden in kritischer Anerkennung Geschichte und Gegenwart des Lobpreises sehr niederschwellig und trotzdem informativ erzählt, andererseits räumen die Sprecher:innen mit Vorurteilen gegenüber der vermeintlich unpolitischen und stockkonservativen Worship-Community auf.

Gelegentlich schieben sich Moderator Tim Guttenberger und seine Gesprächspartner:innen an kontroversen Diskussionen vorbei. Wenn etwa die konservative Hillsong Church, die im Bereich Lobpreis stilbildend ist, zur Sprache kommt (Die Eule berichtete), oder Warnungen ausgesprochen werden, dass bestimmtes charismatischen Liedgut ungewollt reaktionäre Theologie transportiert, habe ich einige Male die Konkretisierung vermisst. Wo würden die Liedermachenden und Theologietreibenden Grenzen ziehen?

Als Plädoyer und Anregung zum Austausch zwischen Theorie und Praxis, Musik und Theologie und kritischer Reflexion und gelebter Spiritualität sowie für alle, die in der Kirche unterwegs sind, taugt das Projekt in jedem Fall.

„Andererseits“ – Theologie erleben

Formal ist „Andererseits“ unter den hier vorgestellten Projekten am stärksten als klassischer Podcast konzipiert. Ausgehend von einem Theologieklischee wie „Der Gott des Alten Testaments ist schrecklich und unbarmherzig“, „Die Bibel ist gegen Sex“ oder „Religion ist Opium für das Volk“ interviewen die Theologiestudierenden Rhea (zweite Staffel) und Lisa (erste Staffel) ihre Gesprächspartner:innen. Dabei wird die Zeitbegrenzung von maximal 30 Minuten eingehalten, die Gespräche sind kurzweilig und informativ.

Bemerkenswert scheint mir, dass ein Großteil aller Professor:innen der evangelischen Fakultäten Basel, Bern und Zürich die Einladung zum Frage-Antwort-Spiel angenommen hat. Im Grunde ist der Podcast nicht weit von einem theologischen Propädeutikum entfernt, das Theologiestudierende im ersten Semester besuchen. Man könnte meinen, dass mit der Zuspitzung auf Klischees auch die Antworten und Erklärungen nicht viel Neues bringen können, also gewissermaßen auch klischeehaft sind. Tatsächlich gelingt es Moderation und Gäst:innen jedoch regelmäßig, das jeweilige Thema von der zugespitzten Fragestellung aus differenziert und knackig zu umreißen.

Es ist verkraftbar, dass die Gespräche über Zoom aufgenommen worden sind. Wenn disziplinierte Vorstrukturierung, souveräne Moderation und guter Schnitt hier in Zukunft technisch besser umgesetzt werden, könnte man das Ergebnis wohl auch im Radio senden. Ich empfehle „Andererseits“ allen Neueinsteigern und Fortgeschrittenen in der Theologie.

Was geht mich das an?

Podcasts sind für die Öffentlichkeitsarbeit von Hochschulen und Fakultäten gar nicht ungefährlich. Sie sind schließlich dann erst richtig gut, wenn die Protagonist:innen ein natürliches Gespräch führen und keine vorgeschriebenen Dialog vortragen. Das erfordert ein gewisses Moment an Unkontrollierbarkeit. Darin liegt meines Erachtens auch die größte Chance für die Theologie und ihre Öffentlichkeitsarbeit. Über das freie und gerne auch kontroverse Sprechen miteinander kommt die persönliche Betroffenheit – das „Was-geht-mich-das-an?“ – theologischer Fragestellungen besser zur Geltung als in eindimensionalen kommunizierenden Medien.

Es gibt noch viel zu tun. Wissenschaftliche Theologie bekommt kaum eine Bühne in der breiten Öffentlichkeit und muss sich diese nach den neuen Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie selbst verschaffen. Karl Barths Auftritt auf dem Cover des Time Magazine ist 60 Jahre her. Interessant ist, dass das von katholischer und evangelisch-freikirchlicher Seite rechtzeitiger erkannt worden ist. Hier scheint, so mein bescheidener Eindruck, die Affinität für digitale Methoden auch in der eigentlichen Forschung und Lehre insgesamt höher.

Christian Drosten hat seine Mitwirkung am NDR-Podcast übrigens eingestellt. Er brauche die Zeit unter anderem für das Einwerben von Drittmitteln für die Forschung. Sehr schade wäre, wenn die vielen neuen theologischen Podcast-Formate ein ähnliches Schicksal ereilt. Nicht ganz unwichtig ist hierfür auch, dass die (finanzielle) Unterstützung von kirchlicher Seite, von der zumindest die Formate aus Münster und der Schweiz profitieren, fortgesetzt wird.

#abgehört – Podcast-Kritiken in der Eule

Von 2017 bis 2020 veröffentlichten wir in der Eule unter dem Titel „abgehört“ eine Reihe von Kritiken „christlicher“ Podcasts: Podcasts zu klassischen Kirchenthemen und solche, die Neuland betreten. Podcasts, die von Theolog:innen gemacht werden und sich um Bibel und Predigt drehen, und Podcasts zu (Rand-)Themen, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. Außerdem erschienen in der Kolumne „Wie Radio“ Artikel zu den Hintergründen des Podcast-Booms.

Alle „Wie Radio“-Beiträge inkl. #abgehört.