Kolumne Sektion F

Erinnerungskultur the*logisch: An wen gedenken wir?

Theologische und akademische Erinnerungskulturen sind männlich und patriarchal geprägt. Doch gibt es viele Möglichkeiten, wie eine gerechtere Erinnerungskultur entstehen kann.

Wir feiern „Sektion F“-Jubiläum! Diese Ausgabe ist die 50. „Sektion F“-Kolumne von Carlotta Israel. Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank allen Leser*innen für ihr Interesse und Mitdenken! In einer besonderen Episode des „Eule-Podcast“ schauen Carlotta und Eule-Redakteur Philipp Greifenstein auf die bisherige Arbeit an der „Sektion F“-Kolumne zurück und fragen danach, was intersektionaler Feminismus und Theologie & Kirche sich wechselseitig bedeuten können.


Wie steht es um die the*logische Erinnerungskultur? Nachdem ich hier in der „Sektion F“-Kolumne schon einmal auf die kirchliche Erinnerungskultur eingegangen bin und auch knapp zehn Jahre nach dem „Reformationsjubiläum“ immer wieder daran erinnert werden sollte, wer alles an der Reformation beteiligt war, frage ich mich, wie in der Theologie* als akademischer Disziplin Erinnerungskulturen geschaffen werden.

Mein Ausgangspunkt: Es gibt ziemlich viele unterschiedliche Fachgesellschaften, die nach einzelnen Theologen benannt sind. Da wären die Luther-Gesellschaft, die Schleiermacher-Gesellschaft, die Ernst-Troeltsch-Gesellschaft, um nur einige protestantische Formationen zu nennen. Diese Vereine widmen sich explizit der Auseinandersetzung mit dem Werk einer männlichen Person, natürlich ordnen sie Biografie und Werk dabei auch in ihren historischen Kontext ein oder untersuchen dessen Netzwerke. Aber die Namen täuschen nicht: Es geht um die Erforschung eines Theologen (!).

Wie sieht das bei Theologinnen oder anderen weiblichen Geistesgrößen aus? Es gibt beispielsweise keine Dorothee-Sölle-Gesellschaft, aber immerhin ein Forschungsnetzwerk. An Elizabeth Cady Stanton, die Ende des 19. Jahrhunderts Herausgeberin der „Women’s Bible“ war, wird mit einer gemeinnützigen Organisation gedacht und geforscht, die Forschungen über die US-amerikanische Frauenrechtsbewegung unterstützt. Eine Marga-Bührig-Stiftung erinnert an die namensgebende Feministische Theologin aus der Schweiz. In Deutschland gibt es einen Leonore-Siegele-Wenschkewitz- und einen Hanna-Jursch-Preis.

Eine kleine, aber dennoch bedeutende Infrastruktur für die Erinnerung an Vordenkerinnen und -kämpferinnen für Frauen in Kirche und Theologie gibt es also, doch eigene (Fach-)Gesellschaften, die sich dem Œuvre einer nicht-männlichen Person widmen, gibt es in vergleichbarer Weise für sie nicht.

His- & Her-Story: Gender in der Erinnerungskultur

Das liegt einerseits an der Definition von Theolog*in als akademisch geprüfter Fachvertreter*in. Eine Laufbahn, die Frauen im Deutschen Reich erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Zulassung zu Universitäten ermöglicht wurde. Ein historisches Argument, das vielleicht etwas erklärt, aber nicht entschuldigt.

Einige würden als Grund für den Mangel anführen, dass es unter Nicht-Männern andere Formen von Erinnerungen und Zusammensein gibt. 40 Jahre nach Gründung der European Society of Women in Theological Research (ESWTR) könnten wir uns das tatsächlich fragen: Gibt es ein anderes Erinnern und funktioniert das Sich-Beschäftigen und Erbe-Erhalten auch im akademischen Kontext von und unter Frauen bzw. FINTA* anders?

Ich bleibe unentschlossen. Ich glaube, es macht einen Unterschied, wenn aus einer weniger privilegierten Position heraus erinnert wird. Die Erinnerung an Personen, die von struktureller Diskriminierung betroffen waren, findet andere Formen jenseits des Establishments und ursprünglichen Diskriminierungszusammenhangs. Diese Beobachtung lässt sich nicht auf Geschlechtsidentität engführen.

Vielmehr drängt sich die Frage nach Strukturen und systeminternen Logiken auf: Wer wird für erinnerungswürdig gehalten? Welches Lebenswerk für bedeutsam und der Erinnerung und Erforschung für würdig empfunden? Wer kann überhaupt Erinnerungen weitertragen?

Von Schüler*innen und männlicher Erinnerungsarbeit

Es sind vor allem (selbsterklärte) Schüler*innen, die eine weitere Beschäftigung mit dem Werk eines*r Theolog*in aufrechterhalten. Theologische Lehrstühle werden immer noch vor allem von Männern besetzt, die nur in Ausnahmen an Lehrerinnen erinnern könnten. Die wenigen Ausnahmen unter ihnen, die überhaupt akademische Lehrerinnen hatten, haben offenbar wenig Interesse daran, das Andenken ihrer Lehrerinnen in institutionalisierte Bahnen zu lenken.

Diejenigen Akteur*innen, die das Erbe Feministischer The*log*innen hochhalten, sind demgegenüber oft mit weniger akademischer Infrastruktur ausgestattet. Das akademische Erinnern müss(t)en sie nebenbei zu ihrer Arbeit anstoßen, die häufig außerhalb der Universität erledigt wird. Selbstverständlich spiegeln sich in diesen theologischen Verhältnissen auch die Erinnerungslogiken anderer Fächer und Gesellschaftsbereiche wieder. Der Mangel an nicht-männlicher Erinnerungskultur ist kein the*logiespezifisches Problem.

Müssen jetzt ganz viele Gesellschaften, Vereine und Stiftungen aus dem Boden gestampft werden, damit die Erinnerung an einzelne Feministische The*log*innen gepflegt wird? Ist es nicht irgendwie doch sympathisch, dass in der ESWTR und im Verein zur Förderung Feministischer Theologie in Forschung und Lehre nicht einzelne, spezifische Personen und ihre Werke im Fokus stehen, sondern Fragen, Themen und eine Zusammenarbeit, die über die Grenzen der Werke einzelner Feministische The*log*innen hinweg reichen?

Kein Patentrezept, aber Gelegenheiten

Wir stehen vor der Herausforderung, Her-Stories weiterzuerzählen und Memory nicht zur Malemory verkommen zu lassen – weder als Bezugspunkt noch Ausführende. Dafür gibt es in nächster Zeit gleich drei Möglichkeiten:

Am 25. Oktober wird im Bibelhaus in Frankfurt (Main) an 20 Jahre „Bibel in gerechter Sprache“ (BigS) gedacht. Ist die Bibel in gerechter Sprache tatsächlich erst oder schon 20 Jahre alt? Was bedeutet uns die BigS in unseren Diskursen heute, gerade wenn es um die Sprachgestalt der Bibel und angrenzende Debatten geht, wie zum Beispiel inklusivere Kinderbibeln?

Im Rahmen der Tagung der deutschen Sektion der ESWTR im November 2026 zum Thema „Dis/ability interreligiös und genderbezogen“ (u.a. mit „Frau Doktor“ Sarah Döbler) werden wir an 40 Jahre ESWTR erinnern, wofür es – G*tt sei Dank – auch ein eigenes Herstory-Projekt gibt, das die Erinnerungen von Beteiligten sammelt. Übrigens befinden sich im Zuge dessen wahrscheinlich auch bald mehr Archivalien im Baseler Universitätsarchiv – Forschungsmöglichkeiten bieten sich genau hier!

Und ein drittes Beispiel: In Göttingen wird am 1. Mai 2027 an Hannelore Erhart erinnert, die auch das Göttinger Frauenforschungsprojekt zur Geschichte der Theologinnen initiierte. Und mit dem Band zu 100 Jahre Elisabeth Moltmann-Wendel schließlich haben die Herausgeberinnen Möglichkeiten für die Erinnerung und Auseinandersetzung mit dem Werk als Buch geschaffen. Dabei fiel auch auf: Viele Reden und Wortbeiträge – in diesem Fall von Elisabeth Moltmann-Wendel, aber das gilt sicherlich auch für andere – sind nicht im gleichen Maße systematisiert oder erhalten worden.

Hier braucht es findige Nachlassverwalter*innen, aber es braucht tatsächlich auch ein (Selbst-)Verständnis dafür, die eigene Arbeit als nachlass- und erinnerungswürdig zu betrachten. Das steht aber im direkten Gegensatz zu den Erfahrungen, die Menschen machen, die von intersektionaler Diskriminierung betroffen sind.

Eule-Podcast (64): Intersektional? Ja, bitte!

Zur 50. „Sektion F“-Kolumne von Carlotta Israel fragen wir im „Eule-Podcast“ was Theologie und Kirche vom intersektionalen Feminismus lernen können – und andersherum? Carlotta Israel und Eule-Redakteur Philipp Greifenstein blicken auf die bisherige Arbeit an der „Sektion F“-Kolumne zurück und fragen nach der Relevanz von Intersektionalität und „Wiederholungsfallen“ in feministisch-theologischen Debatten.

Direkt zur „Eule-Podcast“-Episode.

An wen erinnere ich?

Im akademischen Umfeld wird dieser Umstand vielleicht am deutlichsten unter Arbeiter*innenkindern bzw. Erstakademiker*innen. Das Imposter-Phänomen – also das Gefühl ein*e Hochstapler*in zu sein bei dem, was mensch tut – betrifft Nicht-Männer stärker. Wie unglaublich schwer ist es, sich selbst und das eigene Schaffen wichtig zu nehmen, wenn strukturell das Gegenteil vermittelt wird!

Die Perspektiven von betroffenen Personen in aktuelle wissenschaftspolitische Entscheidungen einzubeziehen, ist dringend nötig. Dazu müssen wir auf ihre Selbstzeugnisse hören, wie das von Lia Alessandro aus katholisch-theologischer Perspektive oder viele der Promotions-Geschichten aus der „Frau Doktor“-Kolumne hier in der Eule.

Ein einfaches Gegengift gegen einseitig männliche Erinnerungskultur, gegen Malemory, und ein Patentrezept für eine gerechtere Erinnerung gibt es nicht. Es hilft, sich performativ zu vergeschwistern, eigene Erinnerungen bewusst zu setzen und sie so zu formen, dass sie Nachfahr*innen und selbsterklärten Schüler*innen zugänglich bleiben und werden. Das ist natürlich im digitalen Raum noch einmal eine ganz eigene Herausforderung.

Neben einem solchen konkreten Erinnerungsschaffen stellt sich jedoch allen Theologie- und The*logietreibenden immer wieder die Frage: An wen erinnere ich? Also: Wessen Literatur setze ich auf eine Literaturliste? Wen zitiere ich? Auf wessen Werk weise ich in Seminaren und Vorlesungen hin? Für welche Theolog*innen und Held*innen des Fachs werden Tagungen ausgerichtet? Könnten nicht gerade Jubiläen Anlässe sein, eine veränderte Erinnerung an die Werke „großer“ Theolog*innen anzustoßen, die beispielsweise ihre Unterstützer*innen-Netzwerke stärker in den Blick nehmen? Der Mythos vom einzelnen, männlichen Theologen-Genie gehört doch gründlich dekonstruiert!

Ich schaue aus (m)einer kirchengeschichtlichen Perspektive auf die Möglichkeiten, neue Erinnerungen zu schaffen und miteinander zu teilen. Wie toll ist es aber, dass eine neue vielfältigere Erinnerungskultur sich gar nicht an den traditionellen Fachgrenzen festhalten muss?

Im April 2027 wird sich eine Tagung in Edinburgh im Gedenken an Marcella Althaus-Reid mit ihrer „Indecent Theology“ („ungehörigen Theologie“), ihrem befreiungs- und queer-the*logischen Werk befassen. The*log*innen auf dem gesamten Globus beziehen sich auf sie und denken von ihrem Werk ausgehend weiter. Vielleicht ändert sich unsere akademisch-theologische Erinnerungskultur Schritt für Schritt ja doch – vielleicht sogar mit the*logischen Anstößen?


Alle Ausgaben der Kolumne „Sektion F“ von Carlotta Israel hier in der Eule.


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* Theologie schreibe ich, wenn es mir um die universitäre Disziplin geht, die ihrerseits in der Breite eine Vorstellung von einem männlichen Gott (ho theos = der Gott) nicht explizit infragestellt. The*logie schreibe ich, wenn die Geschlechtlichkeit G*ttes mit zur Debatte steht.

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