Kolumne Frau Doktor

Frau Doktor (14): Von Vielfalt lernen

Sarah Döbler hat über Behinderung im Alten Testament promoviert. Über die interdisziplinäre Vielfalt von Theologie und Disability Studies – und dringende Auszeiten auf dem Weg zum Doktortitel:

Mein Theologiestudium war von vielfältigen Interessen geprägt, die ich gerne in einem gemeinsamen Promotionsthema unterbringen wollte. Ich wusste aber, dass das ziemlich schwierig werden würde, weil mich medizinethische Themen genauso sehr wie Forschungsfragen zum Alten Testament und der Judaistik interessierten.

Doch wie soll eine Forschungsfrage zum Alten Testament oder im Bereich der Judaistik genügend Gemeinsamkeiten mit gegenwärtigen medizinethischen Debatten aufweisen, dass eine zusammenhängende Arbeit daraus entstehen kann? Und in welchem Fachgebiet soll das Ganze dann angesiedelt sein? Und wer soll das betreuen wollen? Mir kam ein solches Projekt lange Zeit schier unmöglich vor.

Doch meine Dissertation zeigt: Es ist möglich! In meiner Arbeit „Beeinträchtigte Körper. Studien zur Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen im Jesajabuch und deren ethische Bedeutung“ (OpenAccess) konnte ich durch verschiedene Methoden und eine breite inhaltliche Vielfalt durchaus Brücken zwischen alttestamentlichen und ethischen Diskursen schlagen und die jüdische Auslegung in einem Unterkapitel zumindest anreißen.

Passenderweise konnte ich diese inhaltliche Diversität auch in der Betreuungssituation abbilden. Da mein Schwerpunkt in der Hebräischen Bibel liegt, war meine Erstbetreuung mit Prof. Dr. Christl Maier im Fachgebiet Altes Testament angesiedelt. Für die Verbindung zur Ethik konnte ich in der Zweitbetreuung Prof. Dr. Friedemann Voigt aus der Sozialethik gewinnen.

Dieser interdisziplinäre Ansatz unter Berücksichtigung der Forschungsperspektive der Disability Studies stellt zugleich eine von den Schwierigkeiten meiner Promotion dar. Das Forschen an der Schnittstelle von verschiedenen Fachgebieten braucht mehr eigenständige Einarbeitung in verschiedene Fachdiskurse und Offenheit von den Betreuenden, über das eigene Fach hinaus zu denken.

Dadurch dass die Disability Studies in Deutschland noch nicht so etabliert sind, war ich inhaltlich zeitweise auf mich allein gestellt, weil meine Betreuenden sich mit dem Gebiet nicht auskannten. Auch an dieser Stelle braucht es die Offenheit seitens der Betreuenden, nicht in allem Expert:in sein zu wollen, sondern sich ebenfalls auf ein neues Terrain zu wagen. Hier hatte ich großes Glück, dass meine Betreuenden sich auf diese Arbeitsweise eingelassen hatten und mit mir gemeinsam ein neues Feld bereitwillig betraten. Hier habe ich gelernt: Mutig sein lohnt sich.

Die Angst vor dem weißen Blatt Papier

Durch das interdisziplinäre Arbeiten habe ich mich ebenfalls zeitweise in einem mir völlig fremden Bereich bewegt. Ich hatte mich darin sehr vertieft, um möglichst keine Fehler zu machen und nichts Wichtiges zu übersehen. Hierdurch hatte ich mir aber zugleich so viel Druck gemacht, dass ich über mehrere Monate hinweg in einer Schreibblockade gefangen war. Das war eine schwierige Zeit, weil ich natürlich wusste, dass ich mein Erlerntes irgendwann verschriftlichen muss und mir die Zeit wegzurennen schien.

In diesem Zeitraum habe ich viel über mich selbst gelernt: Beispielsweise, dass die Angst vor dem weißen Blatt Papier ziemlich fies ist. Aber auch, dass ein Text, der geschrieben ist, immer noch veränderbar ist und nicht direkt druckfertig sein muss. Dass ich in jener Zeit keinen Abgabedruck hatte und meine Betreuerin Frau Maier mit Verständnis und Rücksicht reagiert hatte, war sehr hilfreich, gelassener auf das Ganze zu blicken und den Druck herauszunehmen.

Weiterhin hat es mir geholfen, trotz der Schreibblockade kontinuierlich an meiner Dissertation in anderen Bereichen weiterzuarbeiten, um zumindest den Zeitstress herauszunehmen. Hier habe ich gelernt,  die Promotionszeit wie eine Sinuskurve zu sehen: Es geht mal bergauf, mal bergab, aber danach geht es auch wieder bergauf.

Als Erstakademikerin zur Promotion

Die anderen Schwierigkeiten meiner Promotion sind eher systemischer Natur gewesen. Zum einen: als Arbeiter:innen-Kind wird man mit der finanziellen Ebene gnadenlos konfrontiert. Ich konnte nur mit Hilfe eines Stipendiums der Studienstiftung des deutschen Volkes promovieren, weil zum passenden Zeitpunkt keine Stelle frei geworden wäre.

Doch auch dieser lange Auswahlprozess muss finanziell und mental überbrückt werden. Deswegen habe ich zwischen Abschluss und Stipendium fast neun Monate als (ungelernte) Pflegehelferin in einem Pflegeheim gearbeitet. Die Bewerbungsprozesse im Rahmen der Promotion haben mich daher gelehrt: Erfolg in der Wissenschaft hat viel mit Geduld und zeitlichem Glücksspiel zu tun.

Zum anderen musste ich mir als Erstakademikerin in der Familie die ungeschriebenen Gepflogenheiten der Wissenschaft inklusive ihrer Abläufe mühsam selbst erschließen. Auch hier hatte ich Glück mit meiner Betreuung, die mich gut durch verschiedene Konfliktfelder und Fallstricke hindurch manövrieren konnte.

Durch zusätzliche Workshopteilnahmen und Fortbildungsangebote für junge Wissenschaftler:innen konnte ich zudem meinen inneren Imposter angehen und lernen, selbstbewusster im akademischen Umfeld aufzutreten. An dieser Stelle bin ich zugleich für meinen Humor sehr dankbar, der mir vieles doch leichter gemacht hat und in manchen Momenten über mich selbst hat lachen lassen.

Mein Tipp an alle, die promovieren (wollen) und besonders an Erstakademiker:innen und Frauen* in der Wissenschaft: Ihr seid nicht allein und auch nicht die Ersten. Es gibt zahlreiche Angebote für Workshops, um Hilfsangebote und Fördermöglichkeiten kennenzulernen und das Wichtigste dabei ist: Netzwerke bauen und sich mit Gleichgesinnten austauschen!

Spannungen im Umgang mit Behinderung aushalten

In mein Promotionsthema bin ich wortwörtlich hineingestolpert. Ich hatte mir im Sommersemester 2019 bei einer Veranstaltung den rechten Mittelfuß gebrochen und war sodann temporär auf Krücken im treppenreichen Marburg unterwegs. In jenem Sommer besuchte ich zudem ein Seminar in der Bioethik, in dem mich die Frage nach Trans- und Posthumanismus und dem damit einhergehenden Perfektionismus-Drang im Angesicht von körperlichen Beeinträchtigungen umtrieb. Hierbei kam ich erstmalig mit Sichtweisen der Disability Studies in Berührung.

Als dann wenige Wochen später beim 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund ein Workshop im Zentrum Jüdisch-Christlich zum Thema „Behinderung und Judentum“ angeboten wurde, verbanden sich schließlich meine vielfältigen theologischen Interessen mit meiner temporären, körperlichen Erfahrung. Vom Kirchentag kam ich nicht nur bereichert zurück, sondern auch mit einer ersten Idee für meine Examensarbeit, die letztendlich den Grundstein für meine Promotion lieferte. Ich hatte großes Glück, dass meine Idee hierzu von Frau Maier interessiert angenommen wurde und sie mich im gesamten Prozess stets unterstützend und konstruktiv vorangebracht hatte.

Meine Dissertation baut auf dem Grundsatz auf, dass die Texte der Hebräischen Bibel trotz des zeitlichen Abstands ein bleibendes ethisches Potential besitzen. Vor allem, wenn es um Personengruppen geht, die es damals wie heute gibt. Dazu zählen insbesondere Menschen mit Behinderungen, die in den Texten der Hebräischen Bibel überall vorkommen. Viele zentrale Figuren, wie etwa Mose und Jakob und Hannah und Lea, werden körperlich beeinträchtigt beschrieben. Aber auch in Zukunftsverheißungen, in weisheitlichen Sprüchen und in Flüchen werden Menschen mit Behinderungen als Kollektiv erwähnt.

Was mich an den Zugängen der Hebräischen Bibel zum Thema besonders fasziniert, ist das Aushalten verschiedener Meinungen. Es gibt Texte, in denen Behinderungen „geheilt“ und die Menschen damit „normalisiert“ werden sollen. Zugleich überliefert die Hebräische Bibel aber auch Texte, in denen Behinderungen bestehen bleiben, aber die Umwelt und damit die Gesellschaft sich anpassen soll.

Beide Sichtweisen werden abgebildet und die damit einhergehenden Spannungen ausgehalten. Für mich stellt die Hebräische Bibel damit ein Vorbild im Umgang und im Aushalten mit Kontroversen und Vielfalt dar – etwas, wovon unsere gegenwärtige Gesellschaft viel lernen kann und sollte.

Es gibt noch viel zu entdecken!

Überraschenderweise sind Forschungen zu Behinderung und Hebräische Bibel jedoch eher spärlich gesät. Im englischsprachigen Raum findet sich bereits etwas mehr Forschungsliteratur dazu, aber im deutschsprachigen Raum sind wir im Fachgebiet Altes Testament gerade einmal vier Personen, die sich intensiver mit den Disability Studies in Verbindung mit der Hebräischen Bibel auseinandersetzen.

Es gibt also noch sehr viel zu entdecken, weshalb mich das Thema nach wie vor beschäftigt. Das Schöne dabei ist, dass es vielfältige Anschlussmöglichkeiten an andere Bereiche innerhalb des Altes Testaments, aber auch an andere theologische Fachgebiete und darüber hinaus zu anderen Fachdisziplinen gibt.

Aus diesem Grund spreche ich eine ausdrückliche Einladung an junge Forscher:innen aus, sich mit Themen von Behinderung, Theologie, Exegese und Intersektionalität eingehender zu beschäftigen! Ihr seid noch auf Themensuche? Ihr wollt etwas erforschen, was gesellschaftliche Relevanz besitzt? Dann ist dieser Bereich genau das Richtige für Euch! Es gibt noch so viele spannende Themen, die ich allein alle nicht beforschen kann.

Zu guter Letzt möchte ich betonen, dass ich meine Promotion nur so gut überstanden habe, weil ich mir auch Auszeiten von ihr genommen habe. Indem ich die Promotion als „normale“ Arbeit angesehen habe, bei der man auch mal Feierabend machen und ein Wochenende haben kann, habe ich bewusst Druck herausgenommen und meinen Blick auf das Wesentliche gelenkt. Es ist zwar nicht immer leicht, die Prioritäten zwischen Beruf und privaten Angelegenheiten richtig zu setzen und manchmal fehlt es auch an Motivation, sich wieder an die Arbeit zu setzen. Es lohnt sich jedoch, ein Leben neben der Promotion zu haben. So konnte ich mir etwas Abstand und Leichtigkeit erhalten.

Ein letzter Tipp für eine gute Ablenkung und Pause vom Stress: Eine ausgiebige Wandertour durch Wälder oder die Nachbarskatze bespaßen. Beides ist Entspannung für die Seele – glaubt mir – ich habe da gute Erfahrung mit gemacht.


„Frau Doktor“: 4. Staffel

Mit dieser Ausgabe beginnt die 4. Staffel unserer Serie „Frau Doktor“, in der Theologinnen von ihrem Weg zum Doktortitel berichten. In den bisherigen Ausgaben haben promovierte und promovierende Theologinnen eine Vielzahl von Erfahrungen und wissenschaftliche Themen mit uns Leser:innen geteilt. Evangelische und (alt-)katholische Wissenschaftlerinnen finden sich unter den Frau Doctores; Forscherinnen, Lehrerinnen, Pfarrerinnen, eine Priesterin und eine Bischöfin. Vielen Dank dafür!

Bisher erschienen:

Folge 1: Dr. Teresa Tenbergen – Can a song save your life?
Folge 2: Dr. Andrea Hofmann – Horizont in Sicht
Folge 3: Dr. des. Claudia Kühner-Graßmann – Frauensolidarität darf hier nicht aufhören!
Folge 4: Dr. Christiane Renner – Dr. theol. Christiane
Folge 5: Dr. Maike Maria Domsel – Zwischen den Welten
Folge 6: Dr. Annika Schreiter – Eine Zeit der Weichenstellungen
Folge 7: Julia Rath – Diversität in der Wissenschaft
Folge 8: Katharina Leniger – Versöhnung im Knast
Folge 9: Dr. Cordula Heupts – Auf den Spuren der Herrlichkeit Gottes
Folge 10: Dr. Margot Käßmann – „Wenn sich die Gelegenheit ergibt, wagt es!“
Folge 11: Dr. Angela Berlis – „Es begann mit einer Fußnote“
Folge 12: Dr. Stephanie Höllinger – Zwischen den Zeilen, zwischen den Welten
Folge 13: Dr. Kerstin Menzel – „Gemeinsam weiter als alleine“


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