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Frau Doktor (12): Zwischen den Zeilen, zwischen den Welten

Stephanie Höllinger wandelt als Theologin stets zwischen den Welten – fühlt sich zugehörig und doch fremd. Davon berichtet sie in einer neuen Ausgabe von „Frau Doktor“:

„Und wir hängen zwischen den Zeilen, zwischen den Welten,
zwischen den Teilen – Einfach Sein!
Zwischen den Zeilen, zwischen den Welten – Ja.
Wir werden einfach sein!“
– FRINC: „Zwischen Welten“ (2021)

Ich gebe es in aller Offenheit zu: Seit Tagen drücke ich mich vor diesem Text. Das leere Dokument klagt mich leise und doch vorwurfsvoll genug an, während ich mir den Kopf darüber zerbreche, worum es mir in diesem Beitrag gehen könnte, welchen Einblick ich anderen (mit-)geben möchte.

Klar. Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Wie viele Male habe ich schon um den ersten Satz, den geeigneten Einstieg in ein Thema gerungen? Wie viele Male habe ich mit meinen Texten gehadert, bin an meinen eigenen Worten beinahe verzagt? Doch: Mit diesem Beitrag ist es irgendwie „anders“.

Das Anliegen der Frau-Doktor-Serie lautet: Teile deine Geschichte! Erzähle uns von deinem Werdegang, von den damit verbundenen Chancen und Hürden, deinen ganz persönlichen Höhen und Tiefen. Aber: Wer will meine Geschichte eigentlich hören? Und: Wie lässt sich eine solche Geschichte erzählen? Was macht meine Geschichte zu einer Geschichte – und nicht zum Gegenstand reiner Profilierung, zur eintönigen Wiedergabe eines Lebenslaufes?

Eine Geschichte rührt ihre Leser:innen dann an, wenn sie Einblicke in ein Innenleben eröffnet und so Gefühls- und Gedankenwelten sichtbar macht, die über eine nüchterne Aufzählung von Leistungen und Rückschlägen deutlich hinausgehen. Das heißt: Geschichte lebt vom Erlebten selbst. Und: An Erlebtem mangelt es bei der Promotion nicht.

Die Leser:innen der Frau-Doktor-Serie atmen auf: Klasse! Damit ist das Problem doch gelöst. Oder?! Ich habe meine Zweifel daran: Denn um über Inneres zu sprechen, braucht es auch eine Sprache – und auf eine solche Sprache war ich im Rahmen meiner bisherigen Arbeiten nur selten angewiesen.

Das „Ich“ ist verpönt

Mir fehlt es also gewiss nicht an eigenen Eindrücken, an bitteren Momenten wie schönen Erfahrungen, die mir das Abenteuer Dissertation bereitet hat. Aber ich sehe mich doch mit einem Defizit an sprachlichen Mitteln wie eingängigen (Vor-)Bildern, ja mit einer gewissen Sprachunfähigkeit konfrontiert, meine biographischen Hintergründe, emotionalen Achterbahnfahrten, existentiellen Belastungen usw. innerhalb meiner Peer-Group in ungeschönter und doch angemessener Weise zu kommunizieren und gegebenenfalls öffentlich zu problematisieren.

Warum? Weil ich schlicht keine Übung darin habe.

Denn: Diese Übung sieht die Wissenschaft nicht vor. Sie ist zumindest in der Theologie nicht verbreitet, scheut man sich darin doch vor allem Subjektiven. Dass im deutschsprachigen Raum sogar das „Ich“ in wissenschaftlichen Texten nach wie vor verpönt ist, ist ein Ausdruck für das Ideal strikter Objektivität, das bis heute den Grundtenor bestimmt: Biographie habe in der Wissenschaft nichts zu suchen, d. h. das persönliche (affektive) Erlebnis habe dem fundierten (rationalen) Ergebnis rigoros zu weichen.

Aber: Was wenn sich diese vermeintlich subjektiven Eindrücke als kollektive Erfahrung entpuppen? #IchbinHanna gibt davon ein eindrückliches Zeugnis. Erst nachdem in den letzten Jahren mehr und mehr junge Wissenschaftler:innen davon berichtet haben, in welch prekären Lebens- und Arbeitssituationen sie sich aufgrund ihrer befristeten Verträge befinden und wie sich dies neben finanzieller Unsicherheit etwa negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirkt, erhalten diese Biographien auch Öffentlichkeit und machen so auf die fragwürdigen Bedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses aufmerksam.

Die Überwindung der eigenen Sprachlosigkeit wird zur Voraussetzung für die Sichtbarmachung blinder Flecken innerhalb des Wissenschaftssystems. Oder anders: Die Offenlegung der eigenen Erfahrungen weist überhaupt erst die Notwendigkeit für jeden weiteren Handlungs- (und Forschungs-)bedarf auf. Dass in diesem Kontext zudem die Geschichten jener, die sich z. T. sehr bewusst gegen eine Laufbahn in der Wissenschaft (z. B. als Theolog:in) entscheiden, zukünftig gezielt in den Blickpunkt zu rücken sind, ist erst kürzlich durch die Initiative „Unsichtbares Scheitern“ der Jungen AGENDA angezeigt worden.

Wandeln zwischen den Welten

Ich wage also einen neuen, persönlicheren Anlauf: Meine Erfahrungen als Promovendin würde ich wohl am ehesten als anhaltende Balanceleistung, als stetes Wandeln zwischen Welten beschreiben, zwischen z. T. recht konträren fachlichen Zugängen, sozialen Systemen und religiösen Ansichten.

Mich als (katholische) „Theologin“ zu bezeichnen, kann daher zu meinem eigenen Erstaunen selbst heute noch massive Widerstände in mir auslösen, sobald sich mir die Befürchtung aufdrängen muss, dass eine solche Zuschreibung eben das ausblendet, was mich sonst noch ganz zentral (mit-)ausmacht: als ausgebildete Deutsch- und Religionslehrerin, als Tochter nicht-akademischer Eltern und Arbeiter, als langjährige Freundin und Vertraute etlicher mit dem Glauben und/oder der Kirche hadernder bzw. seit vielen Jahren davon abgewandter Menschen, für die meine theologische Tätigkeit und – mehr noch – mein christliches (Selbst-)Verständnis weiterhin ein Kuriosum und z. T. große Irritation bleibt. Das alles prägt mich, dort überall gehöre ich hin – und doch bin ich nirgendwo wirklich „zuhause“.

Meine Vertraut- bzw. Verbundenheit geht also Hand in Hand mit meiner Fremd- bzw. Verschiedenheit. Ein ungewöhnliches, vielleicht unmögliches Paar? Nein. Wenn ich meine Erfahrungen ernst nehme, dann ist es vermutlich genau diese Verschränkung, dieses Balancieren und Aushalten der Eindrücke „Hier komme ich an!“, „Das macht mich aus!“ und „Hier passe ich nicht“, „Das ist mir völlig fremd!“, das mich in den letzten Jahren oft umgetrieben und dadurch maßgeblich geprägt und geformt hat – und mich trotzdem bleibend herauszufordern weiß.

Selbst heute frage ich mich daher immer noch: Wer bin ich? Lehrerin oder Theologin? Arbeiterkind oder Akademikerin? Gläubige oder Hadernde? Bin ich womöglich zu einer Heimatlosen geworden? Ist Heimatlosigkeit letztlich doch nur ein Synonym für das Ausbreiten der eigenen Wurzeln? Lässt sich diese Dissonanz gar nicht vermeiden? Wie aber haben wir dann mit ihr umzugehen? Lässt sie sich jemals auflösen bzw. überwinden? Und – gehen wir davon aus, dass dies möglich sei – wäre dies ein Gewinn oder doch ein Verlust?

Das „Fremde“ als Gewinn

Meine Antwort stützt sich allein auf meine Erfahrung. Aber: Aus meiner Sicht wäre es ein echter Verlust, diese Spannung als bloßes Hindernis zu begreifen, das es in jedem Fall hinter sich zu lassen gelte. Freilich: Dissonanz regt auf – aber sie regt auch an.

Und diese Anregung kann vor allem die Forschung bereichern – allerdings nur unter der einen Voraussetzung, dass die damit verbundenen Erlebnisse und Eindrücke in aller Aufrichtigkeit artikuliert werden können, ja nicht länger von einer Sprachlosigkeit geprägt sind. Diese Offenheit bedarf zugleich hoher Sensibilität: Denn die eigene Geschichte zur Sprache zu bringen, kann für die Beteiligten eine große Hürde bedeuten, ist die Erfahrung von Andersheit doch Nährboden vieler Unsicherheiten und großer Selbstzweifel. (Dieser Text ist mit Sicherheit ein Beispiel dafür.)

Wo eine solche Sichtbarmachung jedoch gelingt, werden gänzlich neue Blickrichtungen möglich: Je mehr wir Menschen aus diesen verschiedenen Welten und individuellen Biographien zulassen und diese Erfahrung von Differenz nicht als „Störfaktor“ oder fehlende Angepasstheit wahrnehmen, sondern als wertvolle Heterogenisierung und Bereicherung für das Wissenschaftsfeld verstehen, desto mehr kann das „Fremde“ auch Gewinn sein – für das Individuum wie für die Forschung.

Wer ich bin? Ich bin Lehrerin und Theologin, Arbeiterkind und Akademikerin, Gläubige und Hadernde. In all diesen Welten finde ich mich wieder und bleibe doch stets „dazwischen“.

3. Staffel: „Frau Doktor“ geht weiter!

Die 3. Staffel unserer Serie „Frau Doktor“, in der Theologinnen von ihrem Weg zum Doktortitel berichten, geht weiter. Wie hat sie ihr Promotionsthema durch das weitere Berufsleben begleitet? Hat sich die Anstrengung gelohnt?

Im Fokus der Theologie stehen viel zu häufig alte und tote Männer, noch immer trauen sich Mädchen und Frauen eine Promotion weniger zu als gleichaltrige Jungen und Männer. Wir wollen auch die Herausforderungen für Frauen in der Wissenschaft nicht ausblenden. Deshalb kommen sie hier zu Wort.

Bisher erschienen:

Folge 1: Dr. Teresa Tenbergen – Can a song save your life?
Folge 2: Dr. Andrea Hofmann – Horizont in Sicht
Folge 3: Dr. des. Claudia Kühner-Graßmann – Frauensolidarität darf hier nicht aufhören!
Folge 4: Dr. Christiane Renner – Dr. theol. Christiane
Folge 5: Dr. Maike Maria Domsel – Zwischen den Welten
Folge 6: Dr. Annika Schreiter – Eine Zeit der Weichenstellungen
Folge 7: Julia Rath – Diversität in der Wissenschaft
Folge 8: Katharina Leniger – Versöhnung im Knast
Folge 9: Dr. Cordula Heupts – Auf den Spuren der Herrlichkeit Gottes
Folge 10: Dr. Margot Käßmann – „Wenn sich die Gelegenheit ergibt, wagt es!“
Folge 11: Dr. Angela Berlis – „Es begann mit einer Fußnote“

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