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Handeln unter Zeitdruck – Die #LaTdH vom 22. Januar

Wie kommt die Kirche von Symboldebatten hinein ins handelnde Glauben? Außerdem: Kirchentagsfinanzierung, vegetarische Tage und ausbleibende Entschuldigungen.

Herzlich Willkommen!

„Mission muss auf die Tagesordnung“, fordert Benjamin Lassiwe (@lassiwe) in einem „Einwurf“ bei der Herder Korrespondenz (@HK_aktuell). In seinem kurzen Kommentar benennt er die Gründe dafür, warum so viele Menschen den Kirchen den Rücken zuwenden. Und er kritisiert, dass „die Kirche der gepflegten Gremiensitzungen“ von einigen innovativen Ausnahmen abgesehen das Thema Mitgliedergewinnung aus den Augen verliert:

Lieber wird die dreiundreißigste, im Grunde wortgleiche Stellungnahme zu einem beliebigen tagesaktuellen Thema verabschiedet, lieber versichert man sich zum hundertsten Mal gegenseitig, warum der eigene Arbeitsbereich wichtig ist, lieber produziert man meterdicke Papierstapel mit Beschlüssen, die am Ende doch von niemandem außerhalb der eigenen Bubble rezipiert werden.

In den #LaTdH befassen wir uns häufig mit diesen im Grunde wortgleichen Stellungnahmen, mit den meterdicken Papierstapeln. „Befassen“ soll in diesem Kontext allerdings nicht heißen, sie einfach nur wiederzugeben, sondern danach zu befragen, ob glaubwürdiges kirchliches und gesellschaftliches Handeln mit ihnen korrespondiert. Hält die Kirche, was sie fordert und verspricht? Lassiwe empfiehlt:

Es wäre […] höchste Zeit, das Thema Mitgliedschaftsentwicklung als wiederkehrenden Punkt auf die Tagesordnung sämtlicher kirchlicher Gremien zu nehmen – vom Pfarrgemeinderat und Presbyterium über die Landessynoden und Bistumsgremien bis hin zur EKD-Synode und dem Synodalen Weg. Denn wer nicht wenigstens versucht, sich diesem Thema zu stellen, wird am Ende auch nichts ändern.

Die nächste Tagung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird im Herbst in Ulm mit dem Themenschwerpunkt „Sprach- und handlungsfähig Glauben“ stattfinden. Im reichen, mitgliederstarken und konservativen Süden werden die Kirchen die Transformationsprozesse der kommenden Jahre besonders zu spüren bekommen. Thema und Tagungsort sind also ganz jetzt-zeitig.

Eine gute Woche wünscht
Philipp Greifenstein

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Debatte

Von Symboldebatten aus ins Handeln kommen

Auf der letzten Tagung der EKD-Synode bezeichnete die EKD-Beauftragte für Schöpfungsverantwortung, Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt (Nordkirche), die heißdiskutierte Tempolimit-Frage durchaus hintersinnig als „Symboldebatte“. Das hat einige ihrer Kollegen in den vergangenen Wochen nicht davon abgehalten, sich wie der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg (ELKWUE, @elkwue), Ernst-Wilhelm Gohl, bei diesem Thema lächerlich zu machen. Von Reinhard Bingener (@RBingener) im Weihnachtsinterview bei der FAZ danach befragt, ob er sich an das „EKD-Tempolimit“ (mehr dazu hier in der Eule) halte, antwortete er „Nein“. Und schrieb seiner Kirche ins Stammbuch, sie dürfe „nicht in erster Linie als Moralinstitution wahrgenommen werden, die bevormundet“.

Symboldebatte aber heißt: Es geht eigentlich nicht um die genauen Geschwindigkeitsbegrenzungen, sondern um die Haltung. Für sich genommen sind die Forderungen der „Letzten Generation“ nach einem Tempolimit auf Autobahnen und Landstraßen sowie einem neuen 9-€-Ticket überhaupt nicht revolutionär. So verstanden steht das Tempolimit für die Frage, auf was wir angesichts der Klimakrise bereit sind zu verzichten. Landesbischof Gohl, so haben wir gelernt, also nicht einmal aufs schnelle Autofahren.

Kirchengebäude sollen bis 2035 treibhausgasneutral werden (EKiR)

Ganz auf der Linie der EKD-Klimaschutzrichtlinie (Volltext), die von allen Landeskirchen umgesetzt werden muss, liegt ein Beschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR, @ekir_de) von der Tagung ihrer Landessynode in dieser Woche. Mobilität, Versorgung und Gebäude – das sind die drei großen Klimaschutzherausforderungen in der Kirche. Die Gebäude aber sind der größte Brocken.

Um das Ziel der Treibhausgasneutralität zu erreichen, müssen alle Ebenen der Landeskirche bis 2027 eine Gebäudebedarfsplanung durchführen. So kann entschieden werden, welche der Gebäude der 627 Gemeinden, der 37 Kirchenkreise und der Landeskirche energetisch instandgesetzt oder aufgegeben werden. Es sollen nur noch Gebäude betrieben werden, die die Kirche unmittelbar für ihre Zwecke nutzt. Ausnahmen gelten für Gebäude, die Dritten komplett zur Nutzung überlassen sind, also etwa vermietete Immobilien.

Beim Lesen dieser Zeilen kam mir die Wortmeldung der EKD-Synodalen Andrea Bleher aus Württemberg wieder in den Sinn, die auf der Tagung im Herbst 2022 mutmaßte, die EKD-Klimaschutzrichtlinie – damals von Rat und Kirchenkonferenz der EKD schon beschlossen – liefe darauf hinaus, „die eine Hälfte unserer Gebäude aufzugeben und die andere sehr teuer zu sanieren“. Mir ist noch niemand in der Kirche untergekommen, der diesem Szenario glaubwürdig widersprochen hätte, sehr wohl aber genügend Menschen, die sich lieber über ein Tempolimit oder die „Letzte Generation“ unterhalten wollen.

Was die rheinische Landessynode als Roadmap zum Ziel ausgibt, verweist auf eine – typisch evangelische – Herausforderung: Als presbyterial geprägte Landeskirche ist die EKiR dazu verpflichtet, alle möglichen Ebenen und Gremien auch wirklich immer und vollständig mitzunehmen. Der Kirchenföderalismus ist ein Kreuz, auch beim Klimaschutz. Wäre dann halt schon gut, man wüsste genau, warum man es trägt. Denn an der Basis bröckelt das synodale System der evangelischen Kirchen sowieso und die immer kleiner werdende Zahl Ehrenamtlicher will sich womöglich nicht mit Bauanträgen, Gebäudebedarfsplänen und Klimaschutzdirektiven rumschlagen, sondern „sprach- und handlungsfähig Glauben“.

Es kann sicher nicht darum gehen, angesichts der Klimakrise demokratische und synodale Prinzipien über Bord zu werfen. Auch gehört die Schöpfungsverantwortung ganz zentral zu einem gläubigen Handeln in der Welt. Die Frage ist vielmehr: Welche konkrete leitende und beratende Unterstützung erfahren Christ:innen und Mitarbeiter:innen bei der Bewältigung der Transformation hin zu einer klimaneutralen Kirche? Für die Klärung dieser Frage kann man sich keine jahrelangen Prozesse mehr gönnen.

Mit dem Weltuntergang lässt sich nicht diskutieren – Armin Nassehi (SPIEGEL, €)

Im SPIEGEL bezeichnet der Soziologe Armin Nassehi (@ArminNassehi), durch viele Debatten hindurch auch ein beliebter Stichwortgeber in den Kirchen, den mit „religiösem Eifer“ geführten Protest der „Letzten Generation“ als „Sackgasse“ und fordert …

… ein Drittes zwischen den billigen Alternativen von Innovation und staatlichem Zwang, von Eigenverantwortung und Steuerung, von billiger Kapitalismuskritik und dem libertären Glauben an die Heiligkeit des freien Spiels der Kräfte […].

Das klingt wunderbar poetisch. Allerdings sieht Nassehi dafür kaum eine Möglichkeit, denn ..

… je unbedingter die Argumente werden, desto weniger lässt sich über die Bedingungen dessen reden, was zur Lösung der Probleme beitragen könnte.

Auch er findet die tatsächlichen Forderungen der „Letzten Generation“ zwar „moderat“, macht die Proteste aber für die apokalyptische Stimmung verantwortlich, die sich allenthalben lähmend breit mache. Ich persönlich finde, mit einer drohenden Apokalypse lässt sich doch leben und handeln, wenn man sich aus der Schockstarre anmutiger Zeitdiagnostik befreit.

Verantwortet handeln im Horizont der befristeten Zeit – Ulrich Engel (feinschwarz.net)

Ein paar sehr katholisch-theologische Inspirationen zu dieser Befreiung liefert Ulrich Engel, Professor für Philosophisch-theologische Grenzfragen am neu gegründeten Campus für Theologie und Spiritualität Berlin, im theologischen Feuilleton feinschwarz.net (@feinschwarz_net) dem Katholiken Nassehi und vielleicht auch den Protestanten. Über Ernst Troeltsch, Peter Sloterdijk, Johanna Rahner, Giorgio Agamben und Carlos Mendoza-Álvarez landet er schlussendlich beim „eschatologischen Wagnis“ Karl Rahners.

Engels kurzer Ritt durch die apokalyptischen DenkerInnen ist ein Schatz schöner Metaphern und Ideen. Ehrlich gesagt hat es mir besonders das kleine Kapitelchen zu Giorgio Agamben angetan. In der Römerbrief-Auslegung des während der Corona-Pandemie an akuter Alte-Männer-Querdenkerei erkrankten italienischen Philosophen findet Engel dieses Gegengift zur Weltuntergangslähmung:

Das hier genutzte Verb συστέλλω bezeichnet – so Agamben – neben anderem auch „die Kontraktion eines Tieres vor dem Sprung“. Die (messianische) Zeit ist kontrahiert, zusammengezogen, gestaucht […]. Aus dieser Kontraktion der Zeit ergibt sich für die Glaubenden im Blick auf die letzten Dinge die Möglichkeit und Aufgabe, „die vorletzten Dinge anders zu leben.“

‚Anders‘ meint hier: verantwortungsbewusster. In Gal 6,10 heißt es entsprechend: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann“. Das bedeutet, dass die zusammengedrängte Zeit ethische Konsequenzen zeitigt, denn die innere, von einem messianischen Ereignis hervorgerufene Transformation der Zeit bewirkt „ihrerseits eine Verwandlung des Lebens der Gläubigen“ zum Guten.

Theologie an der Abbruchkante von Lützerath – Interview mit Jan Niklas Collet und Georg Sauerwein von Wolfgang Beck (feinschwarz.net)

Ebenfalls bei feinschwarz.net findet sich dieses ausführliche Interview mit den beiden Theologen Jan Niklas Collet (@der_geklebte) und Georg Sauerwein (@GeorgSauerwein). Letzerer hat bereits mehrfach für die Eule über Klimaschutz in den Kirchen geschrieben. Die beiden haben an den Protesten am Braunkohlebergbau in Lützerath teilgenommen und werden von Wolfgang Beck (@wolfgang_beck), Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der PTH Sankt Georgen, sehr ausführlich befragt.

Feinschwarz: Warum ist der Matsch, in dem sie rund um Lützerath gerade stehen, für sie ein Ort, an dem Theolog*innen stehen sollten?

Sauerwein: Wir bauen auf der Grundhaltung von „Gaudium et spes“ auf, also der grundlegenden Solidarität der Jünger*innen Christi mit den Armen und Bedrängten. […] Das Abbaggern des Dorfes und der Braunkohle schadet ja nicht nur den Menschen in der Region vor Ort, sondern betrifft weltweit unzählige Menschen, die vielfach diskriminiert sind und gar nichts zur Klimakrise beigetragen haben. Da ist es ein ethisches Problem, ein Muss, sich dagegen als Christ*in und Theolog*in einzusetzen.

nachgefasst I

Streit um Veggie-Day in Pflegeheimen: Bitteres Salatblatt oder willkommenes Angebot? (SWR)

Kehren wir von Lützerath noch einmal nach Baden-Württemberg zurück. Dort hat die Evangelische Heimstiftung, einer der großen Träger von Pflegeheimen in „Europe’s No. 1 innovation region“ „The Länd“, nämlich einen vegetarischen „Grünen Mittwoch“ eingeführt. Darüber beschwert sich Sabine Hindrichs, Regionalbeauftragte der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA). Sie findet, Klimaschutz und Nachhaltigkeit wären „aktuell kein Thema für die Pflegebranche“. Aha. Die Heimstiftung berichtet hingegen von positiven Rückmeldungen, außerdem …

… seien die Heimbeiräte – die gewählten Vertreter der Bewohnerinnen und Bewohner – in die Entscheidung für den Veggie-Day eingebunden gewesen und tragen diesen mit. […] Wenn Heimbewohnerinnen und -bewohner bei den Abendmahlzeiten Fleischaufschnitt wünschten, dann werde das möglich gemacht, sagte [Hauptgeschäftsführer Bernhard] Schneider im Interview mit dem SWR.

Liebe Leser:innen, ich glaube ich habe hier wirklich den Peak der hirnrissigen Klimaschutzdebatten gefunden! Kann ich den Weltuntergang bitte noch einmal sehen? Es muss doch wohl möglich sein, etwas gegen den Pflegenotstand zu unternehmen und gleichzeitig keine Blutwurst zu mampfen. Kudos jedenfalls an die Verantwortlichen der Heimstiftung.

„Apokalyptische Zuspitzung“ – Interview mit Volker Leppin von Hilde Regeniter (Domradio)

Eine ganz andere „apokalyptische Zuspitzung“ sieht der evangelische Theologe Volker Leppin in den jüngsten Äußerungen des verstorbenen Papst emeritus Benedikt XVI. über die Unterschiede zwischen katholischer Eucharistie und evangelischem Abendmahl. Beim Domradio setzt er auseinander, was den jüngeren vom alten Joseph Ratzinger in dieser Frage (womöglich) unterschied. Ansonsten darf man offenbar auf das neue Buch des Verstorbenen mit bisher unveröffentlichten Aufsätzen gespannt sein, jedenfalls deutlich mehr als auf die Mecker-Bücher aus seinem Schülerkreis (s. #LaTdH von vergangener Woche).

Jahrestage

Zwei Jahrestage sind in der römisch-katholischen Kirche derzeit Anlass für erneute Berichterstattung:

Im Erzbistum München und Freising jährt sich die Veröffentlichung des Berichts über Missbrauchsverbrechen. Davon berichtet u.a. Linda Gerner (@Linda__Gerner) in der taz:

Sie hätten den Blick für die Betroffenen nicht wirklich gehabt, gibt Marx etwa rückblickend zu. „Das war unser größtes Defizit“. Auch Christoph Klingan, Generalvikar des Erzbischofs, sagt, dass der Kontakt mit den Betroffenen zu kurz gekommen sei. […] Trotz dieser vermeintlichen Einsicht kommen bei der Vorstellung der Aufarbeitungsbilanz keine Ver­tre­te­r*in­nen des Betroffenenbeirats des Erzbistums München und Freising zu Wort.

Zur Vertiefung empfiehlt sich diese Aufnahme (YouTube) der Podiumsdiskussion „Von Aufarbeitung und Reformbemühungen“ der Domberg-Akademie vom 17. Januar. Moderiert von Claudia Pfrang (@ClaudiaPfrang) sprechen u.a. Erzbischof Kardinal Reinhard Marx und Kai Christian Moritz aus dem Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz. Gutachter Ulrich Wastl fordert in der Süddeutschen Zeitung (€) erneut staatliches Eingreifen und erklärt auch die Rolle Erzbischof Gänsweins bei der Befassung mit den Versäumnissen Joseph Ratzingers als Erzbischof.

Einen wesentlich positiveren 1. Geburtstag feiert #OutInChurch (alle Eule-Beiträge zum Thema): Die Initiatoren Bernd Mönkebüscher (hier in der Eule) und Jens Ehebrecht-Zumsande (@ZumsandeJens) beschreiben Anfänge und Auswirkungen der Initiative im Anzeiger für die Seelsorge. Zum Geburtstag gratulierte auch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung Sven Lehmann (@svenlehmann), der weitere Reformen anmahnt.

nachgefasst II

Kirchentage als antiklerikaler Mobilisierungsanlass – Edgar Wunder (Zeitschrift für Religion und Weltanschauung)

In der Zeitschrift für Religion und Weltanschauung der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW, @EZWBerlin) schreibt Edgar Wunder, wissenschaftlicher Referent am Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD (SI-EKD, @SI__EKD) und Experte für Bürgerbegehren, über das Ansinnen der Giordano-Bruno-Stiftung, die Bevölkerung Düsseldorfs über die Finanzierung des Evangelischen Kirchentages 2027 in der Stadt abstimmen zu lassen.

Wunder identifiziert mehrere Fehler im Vorgehen der Giordano-Bruno-Stiftung und bei der Reaktion der Stadt. Auch wenn ein Erfolg der Unterschriftensammlung, die für ein Bürgerbegehren nötig ist, sehr unwahrscheinlich ist, verweist das Geschehen natürlich auf die „schwindenden Selbstverständlichkeiten“ im Verhältnis von Kirchen und Staat.

In Zeiten fortschreitender Säkularisierung und hoher Verschuldung der kommunalen Haushalte ist die finanzielle Förderung von Kirchentagen keine Selbstverständlichkeit mehr. Die zivilgesellschaftliche Diskussion dazu muss sachlich geführt werden, und sie ist ein legitimer Gegenstand von Bürgerbegehren. Umso wichtiger ist es, dass ihr nicht ausgewichen wird und trotz polemischer Überspitzungen antikirchlicher Akteure derartigen Bürgerbegehren fair und angemessen begegnet wird.

Mit 5,8 Millionen Euro soll der Kirchentag 2027 in Düsseldorf weitaus kräftiger kommunal gefördert werden als andere Christentreffen. Der Kirchentag 2023 in Nürnberg zum Beispiel wird von der Stadt mit 3 Millionen Euro (+ 1 Million Sachleistungen) unterstützt. Hinzu kommen 5,5 Millionen vom Freistaat Bayern. NRW hatte für den Kirchentag 2019 in Dortmund 3,9 Millionen Euro beigesteuert, während sich die Kommune mit 2,7 Millionen beteiligte. Für den Kirchentag in Hannover 2025 will das Land Niedersachen gar 7 Millionen locker machen.

Der Evangelische Kirchentag selbst informiert auf seiner Website über seine Finanzierung. Dabei macht er auf die – umstrittenen – positiven Wirkungen für Gastronomie, Tourismus und Ruf des Austragungsortes aufmerksam. Triftiger erscheint mir folgendes Argument:

[Der Kirchentag gibt] einen großen Teil des Geldes für Veranstaltungsorte, Technik und Ausstattung aus. Dabei greift der Kirchentag so oft es geht auf Dienstleistungen aus der Region zurück. Einen beträchtlichen Teil des Betrages zahlt der Kirchentag außerdem für Mieten.

Nicht nur das Archiv (bis 2019), sondern auch viele weitere Artikel aus der Zeitschrift für Religion und Weltanschauung stehen übrigens kostenlos finanziert von der EKD interessierten Leser:innen im Netz zur Verfügung.

Buntes

Der Klima-Mönch von Lützerath

Nicht allein auf Twitter sorgte der Klima-Mönch von Lützerath, dessen Identität bislang unbekannt ist, für Tumult. Eine ansehnliche Reihe von Memes bedient sich seines verhüllten Antlitzes. Darüber berichtet katholisch.de, für ZEITonline befragt Kilian Trotier (@kittro) den Oberen der deutschen Franziskaner, Markus Fuhrmann, danach, was er vom Pseudo-Mönch im Schlamm zu Lützerath hält, und bei 54Books (@54blog) unternimmt Jacob Birken (@jbirken) einen sehr ausführlichen Versuch, die Memefizierung Lützeraths zu erklären.

Wo bleibt die Entschuldigung? Hotspot der Gewalt nicht in Neukölln – Rosa Fava (Migazin)

Rosa Fava fragt in ihrem Kommentar im MiGAZIN (@MiGAZIN) nach, ob sich irgendwer aus Politik und Medien noch für die Aufregung nach der letzten Silvesternacht entschuldigen möchte, die offensichtlich nicht wirklich in den tatsächlichen Fallstatistiken begründet lag. So eine lebendige Fehlerkultur wäre doch was Feines und für die Zukunft könnte man sich vornehmen, keine Diskurse zu stärken, die am Ende Menschen in Gefahr bringen.

Wo bleiben jetzt die Richtigstellungen und Entschuldigungen? Welche Sendeanstalt, welches Portal, welches Medienunternehmen korrigiert seine Schlagzeilen der ersten Woche? Wo sind Kommentator:innen und Moderator:innen, die sich für ihre Schnellschüsse entschuldigen? Welche Expert:innen erklären, dass sie auf Grundlage von quasi null gesicherten Informationen und den immerselben Bildern einfach nur Standardsprüche über Menschen mit Migrationshintergrund in segregierten Stadtteilen von sich gegeben haben? […]

Medien und Politik fordern keine Konsequenzen, sie ziehen sich nicht zur Verantwortung dafür, dass sie die Bilder und Geschichten in die Welt setzen und reproduzieren, die in der Regel junge Männer ohne, manchmal auch mit Migrationshintergrund, dazu motivieren, in Shisha-Bars, Einkaufszentren und anderen migrantisch gelesenen Orten Massaker anzurichten.

Es ist keine Verunglimpfung, wenn es wahr ist – Jascha Urbach (netzpolitik.org)

Auf einen Nachruf auf Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. bei queer.de (@queer_de) folgte eine Anzeige wegen „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“, die inzwischen vom Tisch ist. Bei netzpolitik.org (@netzpolitik_org) greift Jascha Urbach (@herrurbach) das Geschehen noch einmal kritisch auf.

Unentwegt machen Menschen Fehler. Einige Fehler sind zu vernachlässigen und entschuldbar, andere aber sind schwerwiegend und nur mit Mühe zu verzeihen, vielleicht sogar unverzeihlich. Gerade Letztere muss man benennen dürfen. „Über die Toten nur Gutes“ gilt nicht, wenn es nicht nur Gutes zu sagen gibt. Ganz gleich, ob das allen passt oder nicht.

Feier der Vielfalt und Toleranz – Christiane Bertelsmann (Ev. Kirchenkreis Berlin Stadtmitte)

Um eine Modenschau in der St. Marienkirche am Berliner Alexanderplatz entspann sich in den vergangenen Tagen eine kleine Diskussion: Ist eine Kirche dafür der richtige Ort? Der Bericht auf der Website des Kirchenkreises ist geeignet, Befürchtungen zu zerstreuen.

Wer am Mittwoch in der St. Marienkirche dabei war, erlebte kein ein oberflächliches Modespektakel, keinen Eitelkeiten-Wettbewerb. „Für Lucas Meyer-Leclère ist Design der Weg, durch Schönheit Gott zu ehren und sich selbst, seinen Körper, seine Liebe und seine Sexualität zu akzeptieren“, hieß es in einem Flyer, der an alle Gäste verteilt wurde. Eine Feier der Toleranz, der Liebe und der Vielfalt – auch das kann eine Modenschau sein.

Radikale Abtreibungsgegner: Eine Ärztin hält Stand – Sophie Schädel (Die Eule)

Gabie Raven eröffnet eine Praxis für Schwangerschaftsabbrüche in Dortmund, sofort machen die üblichen Verdächtigen unter den christlichen Abtreibungsgegnern gegen sie mobil, protestieren vor der Praxis, drohen ihr und ihrem Team, ziehen antisemitische Vergleiche. Davon berichtete Sophie Schädel (@SophieSchaedel) diese Woche bei uns in der Eule:

An einem kalten Samstag Ende November 2022 stehen rund 70 Abtreibungsgegner gegenüber auf dem Gehsteig. Sie haben sich zu einer Mahnwache hier versammelt, singen Ave-Maria, beten das Vaterunser. Es werden Kreuze geschwenkt, Rosenkränze gleiten durch die Finger. […]

Die Abtreibungsgegner sind teils von weit her angereist. Manche schwäbeln, auch ein Hesse ist mit seiner Ehefrau hergefahren. Die beiden sind laut eigener Angabe Mitglieder der Partei „Bündnis C – Christen für Deutschland“. Sie argumentieren: „Frauen sagen oft: Mein Bauch gehört mir. Aber mein Bauch gehört gar nicht mir. Er gehört Gott.“

Ob Christ oder Jude – heut‘ sind wir alle bekloppt! – Benedikt Heider (Die Eule)

Von einer durch und durch erfreulichen Entwicklung berichtet ebenfalls diese Woche in der Eule Benedikt Heider (@_DerHeidi_), nämlich vom jüdischen Karnevalsverein „Kölsche Kippa Köpp“. Dort hat er zahlreiche religiöse Anspielungen, Frohsinn, Geschichtsbewusstsein und sogar den „Duft“ von Kölsch gefunden. Lesenswert!

Ein guter Satz

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