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„Der Kirchentag steht hinter ihnen“

Die Predigenden der Schlussgottesdienste des Kirchentages erleben einen epischen Shitstorm. Pastor Quinton Ceasar wird Ziel rassistischer Hetze. Dagegen verwahren sich nun Kirchentagspräsident de Maizière und DEKT-Generalsekretärin Jahn.

Die Schlussgottesdienste des 38. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Nürnberg waren noch nicht zu Ende gegangen, da wurde online schon losgehetzt. Angefeuert von Textfitzelchen aus der Predigt von Pastor Quinton Ceasar und einer mindestens vereindeutigenden Berichterstattung einschlägiger Medien, wurde an Hass über Ceasar ausgekübelt, was die digitalen Kanäle hergaben. Und das, obwohl er in seiner Predigt gerade erst thematisiert hatte, dass People of Color keinen sicheren Platz in Kirche und Gesellschaft haben.

Auch gegen den bayerischen Pfarrer Alexander Brandl, der zeitgleich im zweiten Schlussgottesdienst des Kirchentages auf dem Kornmarkt predigte, richteten sich Häme und Hetze. Dort hatte Constanze Pott die Geschichte ihrer Transition erzählen können. Die Reaktionen zeigen einmal mehr die Berechtigung der prophetischen Worte, die Ceasar in seiner Predigt seiner Kirche und der deutschen Mehrheitsgesellschaft entgegenhielt:

„Doch wenn ihr von der Liebe predigt, die alles besiegt, und trotzdem meine Geschwister und mich diskriminiert – wegen unseres Einkommen, unserer Hautfarbe, unserer Behinderung oder unserer queeren Identität. Dann sagen wir: Moetie liegie daai kind!“ – „Hey du, lüg nicht so.“

Besonders Ceasars engagierte Predigt, die sich in weiten Teilen introperspektiv an seine eigene Kirche richtete, sorgt für heftige Diskussionen. Ein produktiver Austausch über Ceasars Diagnose und auch die Form der Predigt ist sicherlich notwendig – ja, vom Prediger geradezu intendiert. Diese Predigt sollte aufrütteln und als Predigt ist sie auch einer gesellschaftspolitischen und homiletischen – die Kunst der Predigt betreffenden – Kritik zugänglich.

Dominiert aber wird der Diskurs über die Predigt und damit über den Kirchentag, dessen Schlussakkord sie bildete, von einer ideologischen und unsachlichen Häme, die nicht selten von genau jenen rassistischen und queer-feindlichen Einstellungen getrieben ist, der Ceasar und Brandl entgegentreten wollten. Beide Predigten standen am Ende eines fünftägigen Christ:innentreffens, auf dem zwar viel Raum für kontroverse gesellschaftspolitische Fragen eingeräumt wurde, die Teilnehmer:innen bei zahlreichen Veranstaltungen aber vor allem dokumentierten, dass es ihnen um Verständnis und den Frieden in der Gesellschaft geht.

„Der Kirchentag steht hinter ihnen“

Das betonen nun in einer Verteidigung der Predigenden auch der Präsident des Nürnberger Kirchentages, Thomas de Maizière (CDU), und die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Kristin Jahn: „Wir verurteilen den Hass und die persönlichen Angriffe, vor allem auf Quinton Ceasar, aber auch auf Alexander Brandl und Constanze Pott, aufs Schärfste.“ „Viele tausend Menschen haben in der vergangenen Woche friedlich in Nürnberg Kirchentag gefeiert und kontrovers diskutiert – unterschiedlich in der Meinung, aber immer respektvoll im Umgang miteinander“, erklären Jahn und de Maizière weiter: „Unsere Gesellschaft braucht diese Form des respektvollen und offenen Austausches dringend. Umso bitterer ist es nun, mitanzusehen, wie viele Menschen unseren Schlusspredigern ebendiesen Respekt versagen.“

Neben den üblichen rechtsradikalen Medien, Trollen und Shitpostern beteiligten sich in verschiedenen Online-Foren auch Christ:innen und sogar Pastoren an der unsachlichen Debatte. So wurde zum Beispiel die Frisur von Quinton Ceasar kritisiert und einzelne Sätze aus seiner Predigt („Gott ist queer“, „Black lives always matter“, „Wir sind alle die Letzte Generation“) von ihrem Kontext befreit und ohne Rücksicht auf ihren auch metaphorischen Gehalt zum Anlass von Schmähkritik genommen.

Jahn und de Maizière verteidigen nun die Wahl der Predigenden: „Für ihre Auftritte verdienen alle drei nichts anderes als Respekt. Der Kirchentag steht hinter ihnen.“ „Austausch und selbst produktiver Streit“ über die Aussagen der Predigten und Schlussgottesdienste sei ausdrücklich erwünscht, aber „Angriffe auf jene, die berechtigt Rassismus und Diskriminierung in der Kirche anprangern, entbehren jeder Form von Anstand und Streitkultur, sie sind zutiefst unchristlich. Wir stellen uns diesem Hass entschieden entgegen.”


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