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Die rechte Ecke: Rechte Christen und der Klimawandel

In der Klimakrise zeigen sich konservative Christen empfänglich für die einfachen Botschaften von Rechtsradikalen. Die Klimadebatte ist auch ein geistlicher Kampf, den die Kirchen führen müssen.

Mein Nachdenken beginnt mit einer persönlichen Beobachtung: Ich vergleiche die Resonanz auf zwei Artikel von mir, die kurz hintereinander hier in der Eule erschienen sind. Am 3. September kommentierte ich die neueste Volte im Fall Olaf Latzel. Der Bremer Pastor wurde erstinstanzlich wegen Volksverhetzung verurteilt. Im Moment laufen die Vorbereitungen für die Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Bremen. Und am 16. September fasste ich die Kernforderungen der christlichen Klimaaktivist:innen von „Christians for Future“ in einem knappen Artikel zusammen.

Beide Artikel wurden auch in den Sozialen Medien diskutiert. Dabei fiel mir auf: In den Kommentarspalten fand sich Widerspruch, Ablehnung und Hass signifikant weniger in den Debatten um Latzel als zum Klima-Artikel. Dort hingegen in einem großen, unerwarteten Ausmaß. Nun kann das daran liegen, dass zum Fall Latzel wirklich schon fast alles gesagt ist, und insbesondere der Verweis darauf, dass seine Wortwahl demaskierend ist und ihm die Rechtshändel erst eingebrockt hat, wenig Anlass zum Widerspruch auch unter seinen Follower:innen bietet. Oder liegt es daran, dass die Klimakrise zu einem neuen Thema der rechten Christen geworden ist?

„Es ist davon auszugehen, dass die ökologische Frage künftig für die extreme Rechte immer wichtiger wird“, erklärt der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent in seinem Band „Rechtsextremismus“ in der Reihe „33 Fragen – 33 Antworten“. In der inzwischen recht umfangreichen Bibliothek von kirchlichen und theologischen Büchern und Texten, die sich mit Rechtspopulismus und -Radikalismus, der Neuen Rechten und rechten Christen befassen, fehlt das Thema Klimawandel hingegen komplett – oder wird nur am Rande gestreift, wenn es um die Bewältigung der Moderne oder die Fragilität des Menschen in seiner Umwelt geht. In den vergangenen Jahren hat man sich ausführlich mit den Übergängen und Konvergenzen von Ideologie und Denken der „neuen“ Rechtsradikalen und den traditionellen Politikinteressen konservativer Christen befasst – und dabei ein wenig verschlafen, dass sich die Kampfplätze stetig verschieben.

„AfD-Mann Gauland kündigte im September 2019 an“, erklärt Quent, „die Klimadebatte sei nach der Euro- und Flüchtlingskrise das neue Schwerpunktthema der Partei. Einstweilen kam die Coronapandemie dazwischen. Unterdessen bemüht man sich rechts außen darum, in der Klimapolitik sprechfähig zu werden.“ Das fällt den Rechten schwer, nicht allein aufgrund des grassierenden Antiintellektualismus in ihren Reihen, sondern weil in der Rechten seit jeher zwei gegensätzliche Umweltpolitik-Konzepte miteinander konkurrieren (s.u.). Dass rechte Propaganda in der Klimadebatte allerdings Chancen hat, weite Bevölkerungskreise zu erreichen, wird jedoch immer klarer:

„Der Rechtsextremismus besetzt und radikalisiert stets gesellschaftliche Spannungslinien“, erklärt Matthias Quent. In der Anfangsphase der AfD sprach der Philosoph und AfD-Politiker Marc Jongen von der „Thymos-Spannung“, einer Art Gemüts-Überspanntheit, auf die seine Partei antworte. Das bedeutet nichts anderes, als schon vorhandene Wut und Ablehnung weiter zu schüren und zu kanalisieren. Das Feld dafür ist – auch unter Christen und nicht allein in Facebook- und Twitterkommentaren – bereitet.

Klimakrisen-Verdrängung im konservativen Bürgertum

Sowohl Desinteresse gegenüber der Klimakrise als auch Ablehnung der Klimawandel-Bekämpfung sind gesellschaftlich weit verbreitet. Kritik an Klimaaktivist:innen findet sich in konservativen Gruppen und bei linken Initiativen – aus je unterschiedlichen Gründen. Auch innerhalb des Christentums ist die Kritik des Klimaschutzes nicht auf rechte Kreise beschränkt. Es ist schon zwei Jahre her, dass der Nürnberger Theologieprofessor Ralf Frisch im evangelischen Magazin zeitzeichen seiner Verachtung gegenüber Greta Thunberg Ausdruck verlieh.

Die Kritik an Auftreten und Protestformen der Aktivist:innen von „Fridays for Future“ oder „Exstinction Rebellion“ hat eine Scharnierfunktion zwischen der gängigen Klimawandelleugnung im rechtsradikalen Spektrum und bürgerlich-christlichen Überzeugungen. Zuletzt ließ sich dies erneut am Beispiel des Hungerstreiks junger Aktivist:innen in Berlin beobachten.

Aber die Klimakrisen-Kritik der christlichen Rechten erschöpft sich nicht in Formfragen. Ihr liegen langgehegte Ansichten konservativer Christen zugrunde, die sie sich mit anderen rechten Akteur:innen teilen, auch wenn sie im Widerspruch zur christlichen Lehre stehen.

Die Kirche soll das reine Evangelium verkünden

Das prominenteste Argument gegen das Klimaschutz-Engagement der Kirche kennen wir bereits aus anderen Streitfragen: Wie weit darf und soll sich die Kirche überhaupt politisch engagieren? Dazu ist eigentlich alles gesagt: Allein in der Eule finden sich mindestens drei instruktive Artikel zur Diskussion (hier, hier & hier). Die Debatte wird, wenn die Beteiligten sich ein wenig anstrengen, auch längst nicht mehr auf der Ebene von Hü oder Hott geführt.

Progressive Christen haben verstanden, dass die Kirche sich nicht überall, jederzeit und zu allem politisch engagieren kann und sollte, sondern klüger auswählen und vor allem glaubwürdig und im Konzert mit Partnern aus der Zivilgesellschaft handeln muss, soll ihr Engagement Früchte tragen. Viele Konservative sind sich hingegen bewusst, dass ihre Ablehnung der politischen Einmischung der Kirchen bigott ist, solange sie bei ihren Herzensthemen, vor allem bei Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe, sehr wohl den Einspruch der Kirchen fordern.

Die Debatte um das politische Christentum hat sich in den vergangenen Jahren geweitet, eigentlich findet man ein totales Kontra gegenüber jedweder politischen Einflussnahme nur noch in den Kommentarspalten auf Twitter und Facebook. Uneins bleiben sich die rechten Christen mit konservativen und progressiven Glaubensgeschwistern natürlich darüber, dass dieses Einmischungsrecht auch anderen Religionen zusteht.

Konflikt der Generationen

Unstrittig ist zwischen den Lagern, dass die Geschöpflichkeit des Menschen im Zentrum der christlichen Theologie Platz findet. In der Genesis wird dem Menschen – je nach Interpretation – die Herrschaft oder Sorge über die gute Schöpfung Gottes aufgetragen. Von daher gehört die Bewahrung der Schöpfung seit jeher in den Reigen der Anliegen christlicher Weltverantwortung. Wie die Friedensbewegung so verdankt sich auch die Öko-Bewegung des ausgehenden 20. Jahrhunderts nicht zuletzt christlichen Einflüssen (s. hier).

Auch damals fand das ökologische Engagement von Christ:innen unter den skeptischen Blicken „der Frommen im Lande“ statt. Nicht so sehr, weil man sich in der Zielbestimmung uneins war, sondern weil man unterschiedlichen, wenngleich sehr ähnlichen Milieus entstammte bzw. verschiedenen Generationen zugehörte. Die Konflikte zwischen konservativem Protestantismus und Öko-Bewegung wurden häufig in der Familie ausgetragen: Die Eltern gingen am Sonntag in den Gottesdienst, die Kinder ließen sich bei Anti-AKW-Demos auf die Gleise ketten. Und die Enkel?

Auch heute entspringt ein Teil der Ablehnung gegenüber der Klimaschutzbewegung einem nicht ein- und -ausgestandenen Generationenkonflikt. „Das eigentlich Bemerkenswerte am öffentlich geäußerten Missmut über das Neue aber ist, wie stark er vom Lebensalter und wie wenig vom Gegenstand der Kritik abhängt“, schreibt Kathrin Passig in anderem Zusammenhang. Auf die Klimakrise angewandt: Dieselben Alterskohorten, aus denen in den 1970er- oder 1980er-Jahren stärkerer Umweltschutz gefordert wurde, lehnen heute dessen Modifikation im Lichte des Klimawandels „mit ebenjenen damals belächelten Argumenten ab“.

Der Kreis der Kritiker:innen umfasst dabei nicht allein jene, die „schon immer“ konservativ oder rechts tickten, sondern auch solche, die sich vormals in linken und ökologischen Projekten engagierten. Warum? Im Kern geht es bei diesem – wie jedem – Generationenkonflikt, um Status- und Wissensvorsprünge der Älteren, die auf dem Spiel stehen. In Fernsehshows werden wir dessen ansichtig, wenn junge Klimaktivist:innen mit wenigen wissenschaftlichen Prognosen ihre gut situierten und saturierten Gesprächspartner schachmatt setzen. Auch die Forderung, die Jungen mögen doch zur Problembeschreibung auch noch die Lösung mitliefern, ist nichts anderes als ein Versuch, sie auf das den Älteren gewohnte Spielfeld zu zwingen.

In verschärfter Form finden wir den Generationenkonflikt unter frommen Christen, in konservativ-christlichen Elternhäusern und in der evangelikalen Bewegung. Dort fühlt sich die jüngere Generation schon seit ein paar Jahren neu zu sozialen, gesellschaftlichen und politischen Fragen hingezogen, die für die Älteren keine Rolle spielen. Die Verwunderung darüber hält an, welche politischen Anliegen für die Kinder und Enkel plötzlich keine oder eine veränderte Rolle spielen (vor allem Homosexualität und Genderfragen). Zu den klassisch linken Zielen, die von (Post-)Evangelikalen der Generationen Y und Z adoptiert werden, gehört neben der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Anerkennung von Minderheiten und Verteidigung religiöser Toleranz nun auch das Drängen auf den Klimaschutz.

Brückenschlag nach Rechts

Was aber spricht inhaltlich dagegen, dass konservative Christen ein Wohlgefallen am Klimaschutz finden? Wieso gelingt es rechtsradikalen Agitatoren wie der AfD und einigen PredigerInnen, ähnlich wie mit den Themen Gender und Lebensschutz bei Christen mit der Ablehnung von Klimaschutz zu punkten?

Zwischen den Überzeugungen konservativer Christen und rechtsradikalen Umweltpolitik-Entwürfen gibt es Brücken, die zunehmend häufiger beschritten werden. Aufseiten konservativer Christen sind es vor allem ihr fatalistisches Weltverständnis und ihr Marktradikalismus, die jeweils mit einem der „antagonistischen Pole“ rechtsradikaler Umweltpolitik harmonisieren, wie sie Matthias Quent beschreibt, nämlich mit dem völkischen Ökonationalismus oder der Klimawandelleugnung (s. Abbildung).

Gott hat die Erde geschaffen, inklusive der Klimaerwärmung und endlicher Ressourcen, den Menschen kommt die Aufgabe zu, in diesem Rahmen zu leben und zu leiden, bis Gott die Welt „vollendet“ und zum Jüngsten Gericht ruft – diese radikale Formulierung des christlichen Schöpfungsglaubens, trifft man in der überwiegenden Zahl klimaschutzkritischer Kommentare in den Sozialen Netzwerken an. Der jedem Schöpfungsglauben innewohnende Fatalismus, demzufolge das Geschehen in Natur und Gesellschaft durch eine höhere Macht vorherbestimmt ist, wird in dieser Interpretation übersteigert. Die Handlungsfreiheit und -Möglichkeiten der Menschen werden kleingeredet, die Freiheit Gottes, mit seiner Welt zu verfahren „wie er es für richtig hält“, betont.

Zwei Motive evangelikaler Frömmigkeit sind hier besonders wirksam: Seit jeher gibt es einen Hang zum apokalyptischen Denken unter frommen Christen. Gott als Weltenrichter ist in der evangelikalen Theologie tief verwurzelt, die Vorstellung einer endzeitlichen Entrückung (engl. Rapture) ist in der evangelikalen Szene seit ihrer Entstehung präsent.

Selbst diejenigen, die sich von reichlich Ballast ihrer konservativ-evangelikalen Jugend in den vergangenen Jahren getrennt haben, können sich gelegentlich von der Motivik einer Abbruchs- und Umbruchszeit nicht freimachen. Statt als Weltenende wird die Apokalypse dann jedoch – näher am biblischen Befund – als Zeit der Enthüllung verstanden: Disruption statt Rapture. Die Apokalypse liegt nicht erst seit Corona im Zeitgeist. Hier ergeben sich für (post-)evangelikale Christen zahlreiche Übereinstimmungen mit „weltlichen“ Bewegungen, die statt reformistischen Politikangeboten revolutionäre und radikale Strategien bewerben.

Evangelikalen Christen steht zur Auskleidung der apokalyptischen Stimmung ein bildmächtiges Portfolio von biblischen und theologischen Überlieferungen zur Verfügung. Die biblizistische Auslegung der Heiligen Schrift liefert das Bildprogramm zum unmittelbar bevorstehenden Weltenende.

Fatalistischer Schöpfungsglaube und Ökonationalismus

Der völkische Ökonationalismus von Rechtsradikalen beruht auf „der Vorstellung einer Einheit von Volk, Natur und Nation“, erklärt Matthias Quent und erinnert an den alten NPD-Slogan „Umweltschutz ist Heimatschutz“. Dieser wird inzwischen auch von der AfD und Querdenken-Aktivist:innen genutzt. Wer beim Ökonationalismus nur an dessen radikalste Vertreter in der völkischen Siedlungsbewegung denkt, sieht nur das halbe Bild.

Der Ökonationalismus ist ein Sammelbecken für Modernisierungsskeptiker unterschiedlicher Spielarten, Quent nennt „Anthroposophen, Esoteriker, Spirituelle und Impfkritiker“. Hier kann auch der fatalistische Schöpfungsglaube gut anknüpfen. Er teilt sich mit dem völkischen Ökonationalismus die Ablehnung gegen die Moderne. Naturnahe Landwirtschaft, emphatische Schöpfungszugewandtheit, traditionelle Lebens- und Familienformen gehören zu den geteilten Überzeugungen.

Ein Knackpunkt ist der im rechtsradikalen Ökonationalismus stets präsente Antisemitismus, „da im Rechtsextremismus stets die Juden als Verkörperung von Entgrenzung und Moderne gelten“. Antisemitische Chiffren – von „Globalisten“ bis „jüdische Weltfinanz“ – sind weit verbreitet. Auch hier zeigt sich die Apokalypse-Gläubigkeit evangelikaler Christen anknüpfungsfähig, ist doch von der endzeitlichen Errettung der rechtgläubigen Christen die Rede. Die Ersterwählung Israels tritt demgegenüber in den Hintergrund oder wird gänzlich geleugnet.

Neoliberalismus und Klimawandelleugnung

Mit dem zweiten Umweltpolitik-Entwurf des Rechtsradikalismus, der Klimawandelleugnung, korreliert der unter frommen Christen weitverbreitete Marktradikalismus. Er ist vor allem in der reformierten Tradition angelegt und gehört weltweit in Gestalt des „Wohlstandsevangeliums“ zu den wirkmächtigsten Botschaften evangelikal-pfingstlerischer Gruppen und Kirchen. Demnach kann als gottbegnadet und erlöst gelten, wem großer irdischer Reichtum zuteilwird. Leistung und Konkurrenz werden anstatt der biblischen Genügsamkeit und Barmherzigkeit zu Leitwerten erkoren.

Den Marktradikalismus unter Christen findet man jedoch auch in einer weniger offensiven Form in Gestalt des Neo- oder „Ordoliberalismus“. Als solcher ist er unter reichen Christen weitverbreitet, das Parteiprogramm der christlichen Kleinpartei „Bündnis C – Christen für Deutschland“ ist dafür ein beredtes Beispiel:

Die Partei, die 2015 durch Zusammenschluss der „Partei Bibeltreuer Christen“ (PBC) und von „AUF – Partei für Arbeit, Umwelt und Familie – Christen für Deutschland“ entstanden ist, verspricht „Politik nach christlichen Grundsätzen“. Was die Partei als Wirtschafts- und Umweltpolitik in ihrem Kurzprogramm vorschlägt, sieht auf den ersten Blick tatsächlich wie „verantwortliche Haushalterschaft“ (Genesis) aus. „Bündnis C“ gibt sich wachstumskritisch und ökologisch up to date. Doch wird beim aufmerksamen Lesen klar, dass sich Wettbewerbsgläubigkeit und Staatsskepsis durch das fröhlich-positive Programm ziehen.

Die Melange aus neoliberaler Wirtschaftspolitik und konservativer Gesellschaftspolitik findet sich gleichwohl nicht allein im Parteiprogramm der christlichen Kleinpartei, sondern ist im christdemokratischen Spektrum, insbesondere in Südwestdeutschland, weit verbreitet. Die vulgärste Form des „Wohlstandsevangeliums“ ist nach wie vor die Weigerung zu teilen: Den eigenen Reichtum habe man sich nun mal erarbeitet, heißt es dann, und „Leistung muss sich wieder lohnen“. Eine Lösung globaler Gerechtigkeitsfragen vor dem Hintergrund der Klimakrise ist so nicht möglich.

Zu diesem Wettbewerbs-Fetisch tritt eine unter frommen Christen weitverbreitete Skepsis gegenüber staatlichem Handeln, die sich der Selbstwahrnehmung als bedrohte Minderheit verdankt, die durch staatliche Vorgaben im Bildungs- und Kulturbetrieb benachteiligt und in ihren Rechten beschnitten wird (z.B. Homeschooling, Gewalt in der Erziehung, „Frühsexualisierung“).

Wie schon Sexualkunde, „Gender-Ideologie“ und „linke Umverteilungspolitik“ werden nun Warnungen aus der Klimabewegung sowie staatliche und wissenschaftliche Handlungsempfehlungen in der Klimakrise als Übergriffe in den eigenen Gestaltungsraum wahrgenommen und als Ideologie gebrandmarkt. Die Übereinstimmung mit dem „antiökologischen Rechtsextremismus“, „der den Klimawandel beziehungsweise den menschengemachten Anteil daran aggressiv verharmlost, leugnet und gegen die ökologische Transformation zu Felde zieht“ (Quent), ist frappierend. Wie fromme Christen hinter dem gesellschaftlichen Wandel, vermuten rechtsradikale Klimawandel-Leugner hinter dem Umweltschutz andere, sinistre Ziele, einen „ideologisch motivierten Kulturkampf“.

Der Standpunkt der Christen

„Gewiss sind nicht alle rechtsextrem, die der ökologischen Transformation, ihren Auswirkungen und der entsprechenden Politik kritisch gegenüberstehen“, stellt Matthias Quent fest. Ein Blick auf das Ergebnis der Bundestagswahl bestätigt, dass die Furcht vor einer konsequenten Klimaschutzpolitik diejenige vor den Auswirkungen der Klimakrise hierzulande in vielen politischen Milieus noch deutlich überwiegt.

Die Rechte macht sich Unterschiede und gegenseitige Vorurteile zwischen ländlichen, eher konservativen und urbanen, eher progressiven und kosmopolitischen Milieus zunutze, „verstärkt und politisiert“ sie. Diese Spannung zwischen unterschiedlichen Milieus ist auch in den großen Kirchen spürbar. Ihnen kommt daher bei der Moderation des Interessenausgleichs von Land- und Stadtbevölkerung, progressiven und konservativen Menschen eine große Bedeutung zu. Die „Christians for Future“-Aktivistin Claudia Schwegmann hat darauf im Eule-Interview hingewiesen.

„Rechtsextreme nutzen wirtschaftliche und Existenz- und Zukunftsängste, die die ökologische Transformation mit sich bringt“, erklärt Rechtsextremismusforscher Matthias Quent, „entgegen dem Transformations- und Modernisierungsdruck versprechen die Rechten: Wir müssen nichts ändern und weder auf die Welt noch auf unsere Nachkommen Rücksicht nehmen!“ Ein solcher „radikalisierter Egoismus“ ist unter den Christen hierzulande nicht mehrheitsfähig. Sie leiten vielmehr aus Schöpfungsglauben und Liebesgebot eine umfassende Verantwortung für das gegenwärtige und zukünftige Leben auf der Erde ab.

Was tun?

Gegen die rechtsradikale Mobilisierung in der Klimakrise empfiehlt Quent „Resilienz durch Aufklärung, Bildung, klare Abgrenzung“. Es ist dringend notwendig, dass sich Theolog:innen in Kirche und Universität mit diesem neuen Kampfplatz rechter Christen auseinandersetzen und auch die eigene Tradition kritisch danach befragen, wo sie Anknüpfungspunkte für völkischen Ökonationalismus und/oder antiökologischen Rechtsextremismus bietet.

Die Christen im Lande, die frommen und/oder evangelikalen unter ihnen in besonderer Weise, sind herausgefordert, sich für eine gründliche „Unterscheidung der Geister“ zu rüsten. Antisemitismus, Nationalismus und ein fatalistischer Weltuntergangsglaube können als red flags zur Orientierung beitragen. Sie zu erkennen und kritisch einzuordnen, auch wenn sie „nur“ als Chiffren kommuniziert werden, muss als ein Ziel christlicher Bildungsarbeit stärker in den Vordergrund gestellt werden.

Und schließlich ist es an den Kirchen und auch an den kleineren Gemeinden und Verbänden der evangelikalen Bewegung gelegen, sich deutlich gegenüber rechtsradikalen Klimawandelleugnern und sektiererischen Gruppen, die Ökologie als Feigenblatt ihrer rechtsradikalen Überzeugungen gebrauchen, zu positionieren. Maßstab hierfür kann nicht allein die eigene religiöse Tradition sein, sondern ebenso das Beharren auf wissenschaftlicher Redlichkeit und das Festhalten an rechtsstaatlichen Prinzipien unserer liberalen Demokratie.

Die Klimadebatte ist in den Kirchen angekommen. Es ist Zeit, sie auch als eine Art des geistlichen Kampfes anzunehmen: „So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens.“ (Eph 6,14)


Alle Eule-Artikel zum Thema Klimakrise.

Alle Beiträge der Kolumne „Die rechte Ecke“.


Kolumne: Die rechte Ecke

In der Kolumne „Die rechte Ecke“ befasst sich Philipp Greifenstein (@rockToamna) mit rechten christlichen Netzwerken, Akteur:innen und Medien. Bisher operieren diese „neuen“ rechten Christ:innen an den Rändern der Kirchen, aber sie spinnen ihre Netze, je nach Thema und politischem Anliegen, bis weit in die Institutionen hinein. Diese Verstrickungen sichtbar zu machen, ist Sinn der Kolumne.