Frau Doktor (15): Über den Nahostkonflikt forschen
Verena Mildner-Misz hat über protestantische Perspektiven auf den Nahostkonflikt geforscht. Über Geldsorgen, Archivrecherchen und ein Thema, das eine:n nicht am Schreibtisch hält:
Mein Promotionsthema gehört vermutlich zu den umstrittensten Themen der Gegenwart: der Nahostkonflikt. In meiner Dissertation habe ich untersucht, wie sich die Debatten über den Nahostkonflikt im westdeutschen Protestantismus entwickelt haben – und welche Rolle Theologie dabei spielte.
Die Idee zu meinem Forschungsthema entwickelte sich nach und nach, geprägt von meinen Erfahrungen während des Freiwilligen Friedensdienstes, den Interessenschwerpunkten meines Studiums und meiner wachsenden Begeisterung für die Kirchengeschichte.
In der schönen Universitätsstadt Münster habe ich Geschichte, Evangelische Religionslehre und Bildungswissenschaften studiert. Schon während meines Studiums beschäftigte ich mich intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus, Erinnerungskultur und den christlich-jüdischen Beziehungen nach der Shoah.
Gleichzeitig arbeitete ich als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Kirchengeschichte. Dort entdeckte ich meine Begeisterung für kirchengeschichtliche Fragestellungen.
Meine Abschlussarbeit schrieb ich über das Thema „Judenmission nach 1945“ in Deutschland. Dabei fiel mir auf, dass der Nahostkonflikt in kirchlichen Veröffentlichungen über das christlich-jüdische Verhältnis immer wieder eine Rolle spielte, eine umfassende kirchenhistorische Untersuchung dazu jedoch fehlte.
Aus dieser Beobachtung entwickelte sich nach und nach ein eigenes Forschungsinteresse. In der ersten Phase der Themenfindung half mir besonders der Austausch mit meinen Dozent:innen. Ich erzählte ihnen von meinen Überlegungen und meinem Interesse an diesem Themengebiet. Sie ermutigten mich, den Fragen weiter nachzugehen und daraus ein eigenes Forschungsprojekt zu entwickeln. So entstand schließlich die Idee zu meiner Dissertation.
Keine fertige Meinung
Mein Interesse für den Nahostkonflikt ist allerdings nicht nur durch Bücher und Quellen gewachsen. Mit 19 Jahren, direkt nach dem Abitur, bin ich nach Israel gezogen. Im Rahmen eines Freiwilligen Friedensdienstes arbeitete ich in Ra’anana, in der Nähe von Tel Aviv, in einem sozialen Projekt.
Die Vormittage habe ich mit palästinensischen Frauen verbracht, die für die Reinigung zuständig waren und Nachmittags habe ich zusammen mit Israelis Menschen in ihrem Alltag unterstützt. Damals wusste ich über den Nahostkonflikt nur sehr wenig. Heute denke ich manchmal: Was für ein Glück!
Ich hatte keine fertige Meinung und keine ausgearbeitete politische Position; keine Schubladen, in die ich Menschen einordnen konnte. Ich war neugierig und wollte viele Orte sehen und Menschen kennenlernen. So bin ich gereist: von Tel Aviv nach Betlehem, nach Petra oder auf den Sinai. Die verschiedenen Begegnungen und viele Gespräche haben mir gezeigt, wie viel Schmerz eine dauerhafte Konfliktsituation für Menschen bedeutet und wie komplex die Situation ist.
Als ich dann wieder in Deutschland war und mit dem Studium anfing, wurde mir immer wieder bewusst, wie kontrovers der Nahostkonflikt diskutiert wurde. Wenn ich von meinem Freiwilligendienst und meinen Reisen erzählte, begegneten mir häufig Menschen, die bereits eine klare Meinung zur Situation vor Ort hatten.
Gerade deshalb reizte mich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Debatten über den Nahostkonflikt. Ich wollte besser verstehen, wie Meinungen entstehen, welche Argumente Menschen verwenden und welche Überzeugungen ihre Positionen prägen.
Zwei Jahre intensiver Recherche
Bei meiner Dissertation war es mir besonders wichtig, ein möglichst breites Spektrum an Positionen abzubilden. Ich untersuchte deshalb nicht nur kirchliche Verlautbarungen, sondern auch Stimmen aus der akademischen Theologie, darunter den Theologen Helmut Gollwitzer, sowie Positionen linksprotestantischer Gruppen.
Weil es zu meinem Thema nur wenig Forschungsliteratur gab, begann meine Arbeit zunächst mit einer ausgedehnten Suche nach Quellen. Über zwei Jahre hinweg recherchierte ich in Bibliotheken und Archiven und sichtete Material in ganz Deutschland. Das war zeitaufwendig – nicht zuletzt, weil während der Corona-Pandemie zahlreiche Archive zeitweise geschlossen waren.
Ein Tipp anderer Promovierender erwies sich dabei als besonders wertvoll: Von Anfang an ein Literaturverwaltungsprogramm zu nutzen. Dieser Rat war Gold wert! Ohne eine sorgfältige digitale Ordnung hätte ich während der Schreibphase bei hunderten von Quellen vermutlich schnell den Überblick verloren.
Auch die Möglichkeit, meine Forschung bei Workshops und in Oberseminaren vorzustellen, nutzte ich regelmäßig. Die Diskussionen und kritischen Nachfragen halfen mir, meine Analysen zu überprüfen und neue Perspektiven einzunehmen. Darüber hinaus konnte ich mich in Lehrveranstaltungen gemeinsam mit Studierenden mit dem Themengebiet auseinandersetzen. Das Interesse und die Bereitschaft von vielen Menschen zum Mitdenken und Fragenstellen waren für mich eine große Bereicherung.
Eine wichtige Erkenntnis meiner Arbeit war, dass die protestantischen Debatten über den Nahostkonflikt keineswegs allein von den politischen Ereignissen des Konfliktes bestimmt wurden. Häufig spiegelten sich darin auch gesellschaftspolitische und theologische Auseinandersetzungen wider. Der Nahostkonflikt wurde häufig zur Projektionsfläche für theologische Deutungsstreitigkeiten über den Staat Israel und das christlich-jüdische Verhältnis. Gerade diese Verflechtungen machten das Thema für mich so spannend.
Belastungsprobe Promotion
So spannend die wissenschaftliche Arbeit war, so herausfordernd gestaltete sich ihre Finanzierung. Am Lehrstuhl für Kirchengeschichte meines Doktorvaters, Professor Albrecht Beutel, war keine Stelle frei, über die ich mein Promotionsprojekt hätte finanzieren können. Deshalb arbeitete ich am Exzellenzcluster „Religion und Politik – Dynamiken von Tradition und Innovation“ und später am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Ich war froh, auf diese Weise meinen Lebensunterhalt sichern und meine Dissertation weiterverfolgen zu können.
Eine wissenschaftliche Stelle bedeutet allerdings auch zusätzliche Aufgaben: Lehrveranstaltungen müssen vorbereitet und durchgeführt, Klausuren und Hausarbeiten korrigiert und Tagungen organisiert werden. Bei dieser Arbeitsbelastung bleibt manchmal wenig Zeit für die eigene Forschung – und trotz der Arbeit nicht unbedingt viel Geld zum Sparen. Denn Promotionsstellen sind häufig keine Vollzeitstellen. Gleichzeitig entstehen zusätzliche Kosten, etwa für Archivreisen, Fachliteratur und schließlich die Veröffentlichung der Dissertation. Gerade die Druckkosten können bei einer Publikation in einem renommierten Verlag mehrere tausend Euro betragen.
Mein Rat an alle, die eine Promotion planen, lautet deshalb: Wenn es irgendwie möglich ist, legt frühzeitig Geld für die Abschlussphase und die Veröffentlichung zurück. Es ist beruhigend, wenn am Ende nicht auch noch die Finanzierung zur Belastungsprobe wird.
Rückblickend bin ich vor allem den Menschen dankbar, die mich während meiner Promotionszeit begleitet und ermutigt haben. Es gab Phasen, in denen das Schreiben nicht voranging, Archivöffnungen auf sich warten ließen oder finanzielle Unsicherheiten belastend wurden. In solchen Momenten war es wichtig, Menschen an meiner Seite zu wissen, die mich wieder bestärkten und ermutigten weiterzuarbeiten. Besonders mein Ehemann hat sich intensiv für mein Thema interessiert, mich in vielerlei Hinsicht unterstützt und immer wieder ermutigt. Dafür bin ich sehr dankbar.
Aus Expertise erwächst Verantwortung
Eine Promotion bedeutet schließlich auch, viel Zeit allein am Schreibtisch zu verbringen. Man muss sich über längere Zeit mit einer Fragestellung auseinandersetzen, Rückschläge aushalten und immer wieder neue Kraft für die eigene Arbeit finden. Das Wichtigste ist deswegen, dass man wirklich hinter dem Thema steht, mit dem man sich beschäftigt.
Auch wenn mir das wissenschaftliche Arbeiten viel Freude macht, ist eine Universitätskarriere für mich angesichts der meist kurzen Vertragslaufzeiten und unsicheren Zukunftsaussichten keine auf Dauer tragfähige Option. Da mir die Lehre von Anfang an sehr am Herzen gelegen hat, habe ich mich entschieden, an die Schule zu wechseln. Seit Anfang des Jahres arbeite ich bereits als Vertretungslehrerin an einem Gymnasium und werde im November das Referendariat beginnen.
Doch mein Forschungsthema begleitet mich weiter. Auch nach dem Abschluss meiner Dissertation freue ich mich darauf, in Vorträgen und Lehrveranstaltungen mit Menschen über meine Arbeit zu diskutieren und neue Aspekte zu entdecken. Besonders gefreut hat mich, dass ich für meine Arbeit als erste Frau mit dem Hans-Ehrenberg-Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde.
Mir ist es wichtig, dass meine fachliche Expertise nicht nur in der Wissenschaft bleibt. Deshalb engagiere ich mich ehrenamtlich gegen Antisemitismus und Rassismus – in kirchlichen Ausschüssen, in den Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und in weiteren Netzwerken. Gerade angesichts des drastischen Anstiegs von Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 ist dieses Engagement für mich wichtiger denn je. In meinen Augen bringt wissenschaftliche Expertise auch eine Verantwortung für das gesellschaftliche Miteinander.
Verena Mildner-Misz hat beim Eule-Live-Abend am 6. Oktober 2026 zum Thema „Unser Streit? Protestantische Perspektiven auf den Nahostkonflikt“ vorgetragen. Eine themenfokussierte Zusammenfassung des Abends findest Du hier in der Eule.
„Frau Doktor“: 4. Staffel
In der Serie „Frau Doktor“ teilen promovierte und promovierende Theologinnen ihre Erfahrungen und wissenschaftlichen Themen mit uns Leser:innen. Evangelische und (alt-)katholische Wissenschaftlerinnen finden sich unter den Frau Doctores; Forscherinnen, Lehrerinnen, Pfarrerinnen, eine Priesterin und eine Bischöfin. Vielen Dank dafür!
Bisher erschienen:
Folge 1: Dr. Teresa Tenbergen – Can a song save your life?
Folge 2: Dr. Andrea Hofmann – Horizont in Sicht
Folge 3: Dr. des. Claudia Kühner-Graßmann – Frauensolidarität darf hier nicht aufhören!
Folge 4: Dr. Christiane Renner – Dr. theol. Christiane
Folge 5: Dr. Maike Maria Domsel – Zwischen den Welten
Folge 6: Dr. Annika Schreiter – Eine Zeit der Weichenstellungen
Folge 7: Julia Rath – Diversität in der Wissenschaft
Folge 8: Katharina Leniger – Versöhnung im Knast
Folge 9: Dr. Cordula Heupts – Auf den Spuren der Herrlichkeit Gottes
Folge 10: Dr. Margot Käßmann – „Wenn sich die Gelegenheit ergibt, wagt es!“
Folge 11: Dr. Angela Berlis – „Es begann mit einer Fußnote“
Folge 12: Dr. Stephanie Höllinger – Zwischen den Zeilen, zwischen den Welten
Folge 13: Dr. Kerstin Menzel – „Gemeinsam weiter als alleine“
Folge 14: Dr. Sarah Döbler – Von Vielfalt lernen
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